
Soundcheck September 2026# 22
Mystisch, ritualistisch und ziemlich unberechenbar: CH’AHOM gehen auf „Anthropic Rites Of Sublimation“ ihren eigenwilligen Weg konsequent weiter. Im Zentrum des Albums steht ein mystischer Cenote, um den sich vier Zivilisationen und deren religiöse Rituale entwickeln. Opfer, Selbstaufgabe und die Auseinandersetzung mit dem Tod prägen diese eigens erschaffene Welt. In der Atmosphäre erinnert das stellenweise an NECROS CHRISTOS, musikalisch sind CH’AHOM allerdings deutlich chaotischer und verspielter.
Zwischen Ritual und Kontrollverlust
Im Vergleich zum Debüt „Knots Of Abhorrence“ von 2023 wirkt das neue Material kompakter und fokussierter. Death und Black Metal treffen auf technische Passagen, reichlich Obertöne und Flageoletts. Ritualistische Percussion, dissonante Gitarren und immer wieder ziemlich weirde Parts sorgen für ein Klangbild, das sich kaum vorhersehen lässt. Riffs werden variiert, abrupt unterbrochen oder von völlig neuen Ideen abgelöst.
Auch der Gesang trägt zur eigenwilligen Atmosphäre bei. Neben tiefen Growls und harschem Gekreische tauchen mehrstimmige Passagen auf, die gelegentlich an BEHEMOTH erinnern. Dazu kommen tranceartige Momente und ungewöhnliche Gitarrenklänge, die das ohnehin schon schwer greifbare Material weiter verfremden.
Der Weg ins Zentrum
Besonders schlüssig ist die Position von „Insemination“. Die vier vorherigen Stücke stehen für die vier Himmelsrichtungen der Maya-Kosmologie, während der über zehnminütige letzte Track das Zentrum und damit den Cenote selbst repräsentiert. Entsprechend nimmt sich die Band hier mehr Zeit für ausgedehnte, mystische Passagen. Die ungewöhnliche Länge ist somit Teil des Konzepts und kein bloßer Selbstzweck.
Ganz ohne Kontrollverlust kommt das Album allerdings nicht aus. Manchmal wirken CH’AHOM, als hätten sie sich etwas zu sehr im eigenen Rausch verloren, und nicht jede Wendung erschließt sich unmittelbar. Gleichzeitig ist genau diese Unberechenbarkeit eine der großen Stärken der Platte. „Anthropic Rites Of Sublimation“ klingt trotz erkennbarer Einflüsse nach erstaunlich wenig anderem und entwickelt eine eigene musikalische Ausdrucksform.
Eine sperrige, ritualistische und ausgesprochen eigenständige Scheibe, die Death und Black Metal mit Mystik, technischen Experimenten und einem ungewöhnlich konsequenten Konzept verbindet. Mit nicht einmal einer halben Stunde Spielzeit bringt „Anthropic Rites Of Sublimation“ zudem seine Ideen in kompakter EP-Länge auf den Punkt und setzt damit einen willkommenen Kontrapunkt zu manch ausufernder Veröffentlichung dieses Jahres. Wer extremen Metal abseits ausgetretener Pfade sucht, sollte CH’AHOM definitiv eine Chance geben.

Oliver Schreyer































Kommentare
Sag Deine Meinung!