Lacrimas Profundere
"Ich war angepisst. So einfach ist das manchmal."
Interview
Wir hatten einen entspannten, redefreudigen und gut aufgelegten Oliver Nikolas Schmidt von LACRIMAS PROFUNDERE im Interview. Wir sprachen natürlich über das neue Album „Lay Me Down O Silent Fear“, aber auch über 30 Jahre Bandgeschichte, das Rockstarleben und aktuelle Entwicklungen in der Musikbranche.
Moin Olly, ich hoffe, dieses Mal erwische ich dich nicht mit kaputten Körperteilen. Letztes Mal hast du dir ja gerade selbst mit dem Roller deines Sohnes die Kauleiste neu gestaltet. Haha!
Hahaha! Das weißt du noch? Ja, das war in Italien im Urlaub. Meine Familie hatte dann die Pools komplett für sich alleine, weil ich wegen der Wunden nicht mehr rein durfte.
Kaputte Körperteile? Irgendwas ist doch immer! Ich bewege mich gerade auf ein Alter zu, in dem sich neue oder erschlaffende Körperteile nicht mehr von selbst regenerieren. Kennste? Ich hatte dazu letztes Jahr beim Castle Rock eine Diskussion mit Nico Elgstrand, jetzt bei KATATONIA, der meinen Befund absolut geteilt hat. Man wird eben im Alter nicht schöner.
Seit letzter Woche passen mir die BHs meiner Frau auch nicht mehr. Ach, das Leben ist schon hart!
Vier Jahre nach „How To Shroud Yourself With Night“ erscheint mit „Lay Me Down O Silent Fear“ euer neues Album. Was hat sich bei LACRIMAS PROFUNDERE in dieser Zeit musikalisch und persönlich verändert?
Ehrlicherweise kann ich mich gar nicht mehr so richtig daran erinnern, wo die vier Jahre geblieben sind. „How To Shroud Yourself With Night“ entstand schließlich noch in der schrecklichen Corona-Zeit.
Wir haben den Ehrgeiz, uns in einem Studio einzubuchen und die Instrumente tatsächlich einzuspielen, statt sie zu programmieren. Wir schicken die Songs als Demos herum und feilen wochenlang an einzelnen Teilen. Wenn im letzten Song des Albums Timbales fehlen, um dieses Sepultura-Gefühl zu erzeugen, besorgen wir uns welche oder stimmen zur Not die Snare Drums höher. Auf programmierte Elemente greifen wir aber NIEMALS zurück.
All das kostet Zeit und viel Geld. Wenn es nicht reicht, nehmen wir die Einnahmen aus dem Merchandising oder zahlen in Flaschenpfand. Klingt doof, gibt uns aber tatsächlich ein gutes Gefühl.
Außerdem waren wir viel auf Tour, weil wir nach wie vor glauben, dass wir die Leute live auf Festivals, als Support oder in Clubs am besten überzeugen können – und nicht über Social Media und Mausklicks. Ich bin da einfach noch sehr in den Achtzigern hängen geblieben.
Das klappt sogar ziemlich gut, weil wir eine wirklich tight eingespielte Liveband sind. Es ist aber auch anstrengend. Wir fahren alles in unserem eigenen Van, und als im November letzten Jahres noch die Europa-Tour mit PARADISE LOST dazukam, waren wir ziemlich platt.
Auf der anderen Seite sind wir als Band noch enger zusammengewachsen, haben uns besser kennengelernt, wissen mehr übereinander, als wir eigentlich wissen wollten, und verfolgen nach wie vor ein Ziel: verdammt berühmt zu werden, um endlich aus dem Van rauszukommen.

„Lay Me Down O Silent Fear“ klingt wie ein Titel, der viel Raum für Interpretationen lässt. Welche Bedeutung steckt für euch dahinter?
In alter Tradition kommt mein Bruder und Ex-Sänger Christopher mit den Albumtiteln um die Ecke. Ich wollte die Scheibe wirklich „GOTHCORE“ taufen, um zu zeigen: Hier sind wir, und wir meinen es ernst. Aber meine Jungs haben mich nicht gelassen.
Ich mochte schon immer Titel von Bands wie AT THE GATES, etwa „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ oder „The Red In The Sky Is Ours“. Das sind einfach geniale Titel. In diesem Fahrwasser bewegt sich Christopher.
An mir liegt es dann leider, das passende Cover dafür zu finden. Das ist nicht immer einfach.
Die Aussage ist aktueller denn je. Eine Krise jagt die nächste, und wo du hinsiehst, sitzt irgendein Trottel, der leider auch noch etwas zu sagen hat. Angst ist irgendwie zu einem ständigen Begleiter geworden.
Kriege, Krisen, Klimawandel, gesellschaftliche Spaltung und der Verlust von Sicherheit nähren das Gefühl, dass die Menschheit auf einen ungewissen Abgrund zusteuert. Doch diese Angst ist nicht immer laut oder offensichtlich. Oft ist sie leise und kaum wahrnehmbar – und gerade deshalb umso furchteinflößender.
Wie hat sich der Songwriting-Prozess für das neue Album gestaltet, und gab es dabei neue Ansätze, die ihr zuvor bei LACRIMAS PROFUNDERE noch nicht ausprobiert habt?
Bevor wir mit dem Schreiben begonnen haben, wollten wir genau beobachten, welche Songs und Songteile live funktionieren und welche nicht. Dieses Album sollte unser „In Your Face“-Album werden. Wir wollten keine Songs aufnehmen, die man zu Hause bei einem Glas Rotwein genießt, sondern den Rotwein verdammt noch mal vom Tisch fegen.
Außerdem haben wir Julian noch stärker ins Songwriting einbezogen. Erstmals habe ich gemeinsam mit Benny Richter (Keyboards, auch bei CALIBAN und EMIL BULLS) drei Songs geschrieben. Einen weiteren Song haben wir zusammen mit Dom R. Crey, ehemals bei EQUILIBRIUM und jetzt bei POWERWOLF, gemacht. Matthias Fickert, ein sehr guter Freund, war bei den ersten beiden Singles dabei.
Neu war auch, dass wir „Nevermore“ vor der Veröffentlichung mehrmals live getestet haben. Wir wollten herausfinden, ob sich der Song als Single eignet, wo er auf dem Album platziert werden sollte und ob er überhaupt darauf gehört.
Wir sind also viele neue Wege gegangen, und die Rückmeldungen, die gerade eintrudeln, geben uns recht. „Nevermore“ belegt aktuell Platz eins der Top 10 Rock Antenne Hörercharts. Der Skater und „Jackass“-Star Bam Margera macht Werbung für unseren Release, und die Klickzahlen auf YouTube steigen massiv.
Wenn ich dort Kommentare lese wie „CHARON meets INSOMNIUM“ oder „Der Song macht süchtig“ – und das aus so vielen Ländern –, freut mich das natürlich sehr.
Welche Themen und persönlichen Erfahrungen haben die Songs auf „Lay Me Down O Silent Fear“ besonders geprägt?
Sag mal, habe ich dir eigentlich schon von meinem Italienurlaub berichtet? Haha! Nein, dann wäre das Album zu gut geworden!
Weißt du, die Band gibt es schon eine ganze Weile, aber irgendwie haben wir nie das erreicht, was dem gerecht würde, was wir dafür aufgeben mussten.
Ich möchte mich hier gar nicht beschweren, aber in 33 Jahren opferst du im privaten Bereich schon einiges. Das sollte am Ende des Tages doch irgendwo auf der Habenseite verbucht werden.
Wie soll ich es beschreiben? Ich war angepisst. So einfach ist das manchmal.
Eure Musik bewegt sich seit Jahren zwischen Gothic Metal, Dark Rock, neuerdings auch Metalcore und weiteren Einflüssen. Wie wichtig ist es euch, diese Grenzen weiter auszuloten?
Weißt du, jeder Ton wurde bereits gespielt und jeder Schrei abgesondert. Mich langweilt es einfach nur noch, wenn Band XY zum nächsten Breakdown ausholt. Das alles interessiert mich nicht. Trends interessieren mich nicht.
Alles, was ich an LORNA SHORE mag, ist, dass ich meinen Stromanbieter anrufen und nach 18 Minuten in der Warteschleife endlich einen Menschen erreichen kann, dem ich dann das Ende von „To The Hellfire“ durchs Telefon präsentieren darf. Haha!
Was ich aber immer machen wollte, war, alte SEPULTURA- und MACHINE-HEAD-Einflüsse zuzulassen. Das war allerdings nie Gothic-kompatibel, und alle haben mir davon abgeraten. Jetzt war mir das einfach wurscht.
Wie würdet ihr die Entwicklung von „How To Shroud Yourself With Night“ zu „Lay Me Down O Silent Fear“ beschreiben?
Jedes Album ist nur durch das Album davor möglich. Bei „How To Shroud Yourself With Night“ wurden wir in manchen Reviews mit „HIM meets Metalcore“ verglichen. Das hat uns irgendwie angefixt, und wir wollten mehr davon. So entstand die Beschreibung Gothcore und es kamen einige Songs zustande, die es sonst vermutlich nie gegeben hätte.
Wir lesen die Reviews und nehmen uns die Kritik auch zu Herzen.
Apropos Reviews: „Nevermore“ sehe ich eher als Mischung aus TYPE O NEGATIVE und BON JOVI und nicht als MONO INC., wie du es in deinem Vergleich beschrieben hast! Haha!
Gab es einen Song auf dem neuen Album, der während der Entstehung eine besondere Bedeutung für euch bekommen hat oder euch selbst überrascht hat?
Das war ganz klar „Faceless“.
Musik ist Kunst. Kunst ist magisch, aber nur, wenn du dich selbst überraschst. Sonst ist es keine Kunst mehr, sondern ein Job. Mit „Faceless“ haben wir uns selbst überrascht, und dann kam eins zum anderen.
Wenn du als Jugendlicher wie ich die Videos zu SEPULTURAs „Territory“ – ihr werdet bei uns einige Szenen wiederfinden – oder SLAYERs „Season In The Abyss“ gesehen hast, wirst du das nicht wieder los. Irgendwann kommt der Tag, an dem du so etwas selbst machen möchtest.
Natürlich waren wir nicht in Ägypten, sondern im Sandwerk Oberbrunn. Aber wir sind ja auch nicht SLAYER. Du weißt, was ich meine. Haha!
Mir war durchaus klar, dass der Song nicht unbedingt das ist, was man auf einem LACRIMAS-PROFUNDERE-Album erwarten würde. Aber genau deshalb mussten wir ihn machen.
Als sich dann auch noch die Möglichkeit ergab, auf dem nächsten Metal-Hammer-CD-Sampler vertreten zu sein, haben wir erneut nicht mit dem Kopf, sondern mit Risiko entschieden und wieder „Faceless“ ausgewählt.
Wir mussten den Dreh zweimal verschieben. Als die Zeit knapp wurde, sind wir Trottel an einem der heißesten Tage des Jahres in ein Sandwerk eingefallen. Frag nicht!
Danke an dieser Stelle an Mick Figura, den krassesten One-Man-Kameramann, den ich kenne.
Der Clip kostet euch gerade einmal 4:12 Minuten eurer Lebenszeit – oder 8:24 Minuten, wenn ihr zweimal reinschaut. Bei dreimal zieht mein Argument allerdings nicht mehr! Egal, schaut ihn euch einfach an. Wir haben es verdammt noch mal verdient.
Der liebe Jannik wird den Clip hier sicher noch einmal verlinken. [Wird er, Anm. d. Interviewers]
Was möchtet ihr mit „Lay Me Down O Silent Fear“ live umsetzen, und worauf dürfen sich eure Fans bei den kommenden Konzerten freuen?
Zum Release gehen wir auf eine ganz besondere Konzertreise, die von euch präsentiert wird und uns nach Weinheim, Magdeburg, München und Wien führt.
Dort werden wir nicht wie sonst mit einem Intro die dunkle Bühne nacheinander betreten und direkt loslegen. Stattdessen beginnen wir den Abend auf Barhockern sitzend und diskutieren mit den Leuten über die Platte. Wir signieren alles und beantworten sämtliche Fragen. Erst wenn alle zufrieden sind, spielen wir die Show.
Es handelt sich also um ein Meet & Greet mit Fragerunde, Signing-Session und anschließendem Bonuskonzert – ohne zusätzliche Abzocke mit VIP-Tickets oder sonstigem Scheiß.
Also kommt vorbei. Mal sehen, was das gibt!
Die letzten Worte gehören dir!
Ich möchte euch Danke sagen und herzlich zu 30 Jahren metal.de gratulieren. Außerdem bedanke ich mich für all die Interviews und euren Support über die Jahre.
Liebe, Liebe, Liebe!
Galerie mit 23 Bildern: Lacrimas Profundere - Neues Album Tour 2026 in Stuttgart

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| Band | |
|---|---|
| Stile | Gothic Metal |
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