Back to normal oder alles anders?
Interview mit Pasqual vom SO36, Berlin

Interview

Einer der  Clubs der Republik, welche für Vielfalt und Subkultur steht, ist das SO 36 in Berlin-Kreuzberg. Seit Ende der 70er Jahre finden Konzerte in der Lokation, zunächst primär in der Richtung Punk und New Wave, statt. In der Gegenwart waren vor der Pandemie auch lateinamerikanische Klänge oder ein nächtliche Flohmarkt inklusive Beratungen zum Thema Hartz-IV auf der Eventliste. So ist das SO 36 vor allem ein Club, welche sozial schlechter gestellten Menschen die Möglichkeit gibt, am kulturellen Leben teilzuhaben. Pasqual stellte sich unseren Fragen und sieht in der kreativen D.I.Y.-Szene, wo nicht der Profit an erste Stelle steht, gute Ansätze.        

Werden Veranstalter von Livemusik-Events künftig gezwungen sein, die dauerhaft erhöhten Kosten für verschärfte Hygiene- und Sicherheitsvorgaben auf ihre Ticketpreise umzuschlagen?

Es ist absehbar, dass Produktionskosten für Konzerte in Zukunft ansteigen werden. Corona Tests, FFP2 Masken, Desinfektionsmittel aber auch zu erwartende höhere Flugpreise für Bands sind nur die offensichtlichsten Faktoren welche Mehrkosten verursachen. Dazu kommt noch, dass die Venues vermutlich zumindest zu Beginn nicht ihre volle Kapazität auslasten können. Am Ende muss dafür leider immer der/die Endverbraucher*in in die Tasche greifen.

Werden bestimmte Praktiken und Erfahrungen aus der Pandemie uns weiterhin im Veranstaltungskontext begleiten? Könnten beispielsweise Impfnachweise, Symptomfreiheit und Quarantäneauflagen ein normaler Bestandteil des Konzerterlebnisses werden?

Mittlerweile kommen uns ja alle möglichen Corona Maßnahmen durch das alltägliche Erleben bereits ganz normal vor. So wird das künftig auch bei dem Besuch eines Konzertes sein. Momentan würden wir fast alles in Kauf nehmen um nur endlich mal wieder eine tolle Band live erleben zu dürfen. Ob das dann ein für immer sein wird, bleibt offen.

Die Internationalität der Künstler wird durch die Richtlinien zum Reiseverkehr nur beschränkt verfügbar sein

Wird sich der internationale Reiseverkehr jemals wieder auf einem vor-pandemischen Niveau einpendeln und zu welchem Preis? Wird die Live-Kultur nationaler bzw. kontinentaler werden?

Zumindest in der ersten Zeit wird es nur sehr beschränkt möglich sein international zu touren. Das wird sich sehr wohl auf das Programm auswirken. Am Ende birgt das wie mit allem Vor- und Nachteile.

Werden wir die generelle Idee von Massenveranstaltungen mit 10.000 und mehr Menschen künftig gesellschaftlich in Frage stellen? Können mittelgroße Locations mit einer kleineren Auslastung jemals eine ökonomisch sinnvolle Alternative sein?

Eine Massenveranstaltung ist und wird nicht vergleichbar mit einer kleinen Club Show sein. Das eine soll nicht mit dem anderen konkurrieren. Es wird wohl noch einen Moment länger dauern bis sich mehr als 10000 Fans vor einer Bühne versammeln können.

Verantwortungsvoller Umgang mit dem Kulturgut Konzerterlebnis ist erforderlich

Wird die Live-Kultur zum Luxusgut? Oder können gerade kleinere und nicht-kommerzielle Künstler und Veranstalter die Pandemie besser überstehen als große Umsatz-Maschinen?

Es ist leider davon auszugehen, dass viele Kosten steigen werden bzw. ganz neue ungeahnte Kosten künftig entstehen werden. Das wird sich auf die Ticketpreise auswirken. Es wird sich zeigen wie verantwortungsvoll nachher alle damit umgehen, dass ein Konzert eben nicht zum Luxusgut wird, sondern Kulturgut bleibt. Einfach wird das nicht werden.
Gerade die D.I.Y. Szene war da schon immer sehr viel freier und kreativer, weil der Profit hier nie an oberster Stelle steht.

Wird sich die Publikumszusammensetzung bei Festivals und Konzerten verändern? Welche Klientel kann und will die erhöhten Preise noch zahlen?

Es liegt in unser aller Verantwortung, dass genau das nicht passiert. Die Diversität ist es ja gerade welche ein Konzertbesuch im Idealfall auszeichnet. Das da eine Band auf der Bühne steht welche die unterschiedlichsten Menschen wenigstens für einen Moment zusammen bringt. Das ist ein hohes Gut, meinen wir.

Geht der Trend zu mehr Open Air? Auch außerhalb der Sommersaison? Wäre es sinnvoll, den Betrieb in kleinen und schlecht durchlüfteten Venues entsprechend einzudämmen?

Wollen wir hoffen, dass es auch weiterhin Leute gibt die es lieben, wenn der Schweiß von der Decke tropft. Und hoffentlich ist es irgendwann nicht mehr verantwortungslos das zu feiern. Andernfalls können wir schon morgen den Laden zu machen. (Wobei unsere neue Lüftung echt mega ist!)

Gibt es eine realistische Chance, dass wir 2022-2023 einen Live-Kultur-Betrieb wie vor 2020 werden erleben können?

Unsere Glaskugel lässt uns aktuell nicht einmal bis zur Herbst / Winter Saison 2021 blicken. Wir wagen uns da keine Prognosen zu treffen.

Ist eine parallele Nutzung des Clubs oder der Bar (zum Beispiel als Tagesstätte für Obdachlose) dauerhaft denkbar, um die Lokation ökonomisch betreiben zu können?

Wir machen Kultur nicht um reich zu werden. Alle Ideen, um während der Krise noch irgendwie an Geld zu kommen, um die Kosten zu stemmen, sind Notfalllösungen. Das soll und kann kein dauerhafter Zustand sein.

Das SO 36 hat schon immer sehr genau hingesehen wer auf der Bühne steht

Es gibt Clubs und Musiker, welche während der Pandemie in Richtung “Querdenker” unterwegs sind (Eric Clapton, Nena, Wendler). Wird zukünftig ein Auswahlverfahren bei den Konzerten stattfinden? Würdest Du zum Beispiel einem Xavier Naidoo eine Bühne zur Verfügung stellen?

Wir haben schon immer sehr genau hingesehen wer auf unsere Bühne kommt und wer nicht. Viele andere Betreiber*innen sind da schmerzfreier. Es wäre sehr schön, wenn sich da etwas zum Positiven hin verändern würde.

Es ist zu vermuten, dass zunächst ein gewisser Mehraufwand entsteht bei ggf. geringerer Auslastung. Gibt es für derartige Szenarien bereits Konzepte? Wie sieht das mit dem Ticketing aus? Nur noch “named tickets” und wie erfolgt ggf. eine Rückabwicklung, wenn ein Besucher einen positiven Test erhält? Oder soll es nur noch Abendkasse geben?

Wir sind immer noch auf der Suche nach der besten Lösung. Sowohl für die Gäste, als auch für uns, da wir das nachher abwickeln müssen, darf es nicht zu bürokratisch werden. Die größte Herausforderung dabei ist es die Abendkasse aufrecht zu erhalten. Aber sicherlich werden wir zu einem tragbaren Ergebnis kommen.

Wahrscheinlich werden die ersten Konzerte nicht mit einer 100% Auslastung der Lokation starten. Ab welcher prozentualen Kapazität lohnt sich die Wiederbelebung des Konzertbetriebs?

Ein lohnenswerter Abend macht sich am Ende nicht nur am Kassenstand fest. Eine bespielte Bühne, die Crew die endlich mal wieder tätig werden darf, ein jubelndes Publikum und eine kaputt gespielte Band. Dann sprechen wir von einem Abend der sich reichlich gelohnt hat. Mit eingeschränkter Auslastung können wir nicht kostendeckend planen. Zum Glück gibt es da ganz tolle Förderprogramme, die es ermöglichen dennoch an den Start zu gehen.

Quelle: email Interview mit Pasqual vom SO36, Berlin am 28.05.2021
21.07.2021

Ein Leben ohne Musik ist möglich, jedoch sinnlos

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