Cameran
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Interview

Die Postcorler von CAMERAN kamen praktisch aus dem Nichts, spielten als Vorband für die Großen im Rockgeschäft, nahmen ihr Debüt in Schweden auf und fahren dafür gerade die ersten positiven Pressereaktionen ein. Höchste Zeit für ein paar Fragen in Richtung unserer Nachbarn…

CameranHallöchen, wie läuft es in Österreich? Oder lebt ihr inzwischen in England?

Aaron: Hallo. Es läuft ganz gut hier. Danke der Nachfrage. Das Album ist diese Woche endlich erschienen, und wir sind allesamt die meiste Zeit eigentlich hier in Österreich. Etwaige Abwanderungsgedanken in Richtung England gibt’s, soweit ich weiß, derzeit nicht.

Wieviel Idealismus ist notwendig, um dort eine so eigenständige Band auf die Beine zu stellen? Gibt es in Österreich einen lebendigen Underground?

Aaron: Den gibt es mit Sicherheit, obwohl sich aber auch hier nicht übertrieben viel tut, soweit ich das von meiner Warte aus einzuschätzen vermag. Es ist ganz ok, würde ich mal vorsichtig sagen. Idealismus? Ich weiß gar nicht inwiefern das in unserem Fall zutrifft. Ich würde eher von einer Notwendigkeit oder einem inneren Drang sprechen, der durch die Musik im Endeffekt Erleichterung erfährt und frei wird. Es ist vielleicht die Unfähigkeit sich andersartig zu artikulieren und Luft zu verschaffen. Idealismus ist mehr oberflächig. Das Kratzen bzw. der Klang geht tiefer.

Erzähle doch mal kurz, wie es von der Bandgründung bis zum ersten richtigen Album kam.

Aaron: Mit unserem Drummer und Bassisten bin ich verwandt. Beide sind meine Cousins. Markus (Gitarre) fanden wir über eine Anzeige in der Zeitung. Der Bandname hat eigentlich nicht eine besonders große Bedeutung. Er klingt relativ neutral und lässt viel Raum für alles Mögliche. Die Geschichte mit dem Album ist eine langwierige. Im Endeffekt waren wir seit dem Sommer 1999 aktiv, doch es dauerte eben seine Zeit, bis alles fertig war. Eine Odyssee.

Wie hat es euch für die Aufnahmen nach Schweden verschlagen? Gab es kein vernünftiges Studio in der Nähe? Und woher habt ihr den finanziellen Rückhalt genommen?

Aaron: Schweden ist ein schönes Land. Weit, einsam, verträumt. Von daher war es eine gute Entscheidung dort aufzunehmen. Zusätzlich kannten wir die Arbeit von Pelle, Eskil und Magnus und schätzten sie sehr. Als wir dann unser erstes Demo hier fertig hatten, fragten wir mal bei Tonteknik nach, ob sie nicht Interesse hätten, das Ganze zu mischen. Das geschah dann schließlich auch. Wir fuhren nach Schweden, sahen und redeten viel und beschlossen im Endeffekt das komplette Album dort aufzunehmen. Studios zu ähnlichen Tarifen hätte es auch hier gegeben, doch es kam eben anders, wie so oft.

Die Platte sollte erst „Japanisches Ja“ heißen. Ziemlich seltsamer Titel…

Aaron: Die ursprüngliche Idee für den Albumtitel war „The Japanese Way Of Saying Yes“, doch fanden wir „A Caesarean“ schließlich dann doch passender. Ersterer wäre eben verwirrender gewesen. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mir auch gar nicht sicher, welche Bewandtnis es damit haben sollte. Mir gefiel einfach die Art und Weise wie japanische Freundinnen von uns auf eine Frage affirmativ antworteten. Mehr nicht.

Wie kommt man als absolute Underground-Band zu Support-Gigs für SOULFLY und Co.? Gab es da auch mal negative Reaktionen von Seiten der Bands oder Fans?

Aaron: Das geschah vor allem durch Freunde, die jemanden kannten, etc. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Natürlich gab es auch negative. Ich kann mich vor allem an die SOULFLY-Tour erinnern, bei der wir jeden Abend vor nicht gerade wenigen eingefleischten Metalfans spielten. Und da passierte es dann auch schon mal, dass ein paar Becher Bier auf die Bühne flogen und die vordersten Reihen nach jedem Song „Soulfly“ schrieen. Das hatte aber auch was für sich. Diese ablehnende Energie. Da spielt es sicher anders. Insgesamt waren die Shows aber positiv.

Ihr macht ja relativ schwer greifbare Musik. Von wo kommt eigentlich das Interesse besonders stark oder wenig?

Aaron: Interesse gibt/gab es eigentlich von überall her. Vor allem aus den USA, wo das Album aber erst im kommenden Frühjahr rauskommt. Wir versuchen gerade auch etwas in England und Japan klarzumachen, damit wir dort auch auf Tour gehen können. Es dauert oft eben ein wenig, aber ich denke mir, dass unsere Musik territorial sehr offen ist und sich keinem der fünf Kontinenten von vornherein verschränkt.

Wie habt ihr den Kontakt nach Deutschland zu Nois-O-Lution geknüpft? Eure Platte erscheint auch noch fast zeitgleich in einigen anderen Ländern. Vervielfacht sich da also der Business-Kram?

Aaron: Arne kannte schon unser erstes Demo und fand es gut. Von daher ging das Ganze relativ einfach vonstatten, abgesehen einmal von Verzögerungen. Außer bei Nois-O-Lution erscheint das Album diese Woche eigentlich nur noch in Italien auf einem kleinen Label mit bescheidener Auflage. Den Businesskram versuchen wir, so gut es geht, so gering wie möglich zu halten. Mal sehen, wie sich das in nächster Zeit so entwickelt, aber bis jetzt ist alles noch überschaubar und überwiegend stressfrei.

Hört man „Pro-Grace“ auf eurer Homepage, so scheint ihr vor kurzer Zeit noch anders, vielleicht auch gewöhnlicher, geklungen zu haben. Warum der Schritt, den ihr auf der „The Zombie Walk“–EP vollzogen habt?

Aaron: Die Aufnahmen von „Pro-Grace“ stammen aus dem Jahr 1997 und wurden auch etwa zur gleichen Zeit auf einem kleinen amerikanischen Label als Split-EP releast, die jedoch nach ein paar Monaten vergriffen war. Da wir aber die beiden Songs noch immer sehr mögen, brachten wir das Ganze einfach noch mal raus. Dass die Musik von damals anders klingt, als „A Caesarean“ ist von daher kein Wunder. Ich bin mir sicher, dass auch das neue Material, das im Moment immer konkretere Formen annimmt, sich von dem letzteren unterscheiden wird und das gar nicht unwesentlich. Aber dadurch erhält man das Feuer am Leben, das ja bekanntlich frische Luft braucht.

Wie kamst du dabei zu dem teilweise recht radikalen Kreischgesang?

Aaron: Keine Ahnung. Im Ernst. Ich hab mich einfach vor das Mikrophon gestellt und versucht bestmöglich etwas zu fabrizieren, das mit der Musik zusammen Sinn macht, soweit man überhaupt davon sprechen kann. Was dabei rauskam, hat mich oft auch selbst überrascht.

Wollt ihr diesen eher alternativen Weg weiter beschreiten oder wird es auch wieder den einen oder anderen härteren Batzen geben?

Aaron: Das ist schwierig zu sagen. Ich habe keine fixe Idee, wo das Ganze hingehen soll. Dass es geht, genügt. Die Dinge verändern sich, Lebensumstände, Beweggründe, Motivationen, etc. Solange die Spannung aufrecht ist, wird der Antrieb da sein, denk ich mir. Ich sehe keinen Grund Musik zu machen, die mich selbst langweilt. Wir hatten vielleicht nur anfangs die Absicht einen alternativen Weg zu beschreiten, doch überwog mit der Zeit der vorhin erwähnte Drang, der Musik in ihrer ursprünglichen Nacktheit entstehen lässt. Für mich ist es, wie wenn man sich selbst gleichzeitig ausleert und anfüllt. Ich weiß auch nicht. Es wird sich vieles weisen.

Ihr habt euch mit eurer EP viel Mühe gegeben, um möglichst Sammlerstücke zu erzeugen (Transparentpapier, Cover-Unikate). Warum ist dagegen das Album-Booklet so spartanisch gehalten? Was bedeuten die drei Fotos? Und warum sind die Lyrics dermaßen hintereinander gequetscht?

Aaron: Die EP war anders konzipiert. Uns war bewusst, dass drei der vier Songs auf dem darauf folgenden Album auch drauf sein werden. Aber es machte trotzdem Sinn. Die Gestaltung, der Aufwand waren die Vorboten, quasi die Vorwehen von dem Kaiserschnitt. Es gab keine Reproduktion des Gleichen. Alles entstand unmittelbar. Das Album dagegen trägt einen minimalistischen, funktionalistischen Charakter. Die Seite mit den Lyrics erfüllt den einfachen Zweck, die Lyrics lesen und nachvollziehen zu können. Mehr nicht. Keine Schnörkel. Was die drei Fotos bedeuten, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Sie sind einfach abgedruckt. Drei Farbflecken, Momentaufnahme in ihrer Ungezwungenheit. Bedeutung haben sie in dem Sinne keine.

Auch die Spielzeit ist sehr kurz, wenn man bedenkt, dass einige vielleicht schon die EP-Songs besitzen.

Aaron: Eigentlich wollten wir zehn Songs auf das Album packen, doch eines der Stücke erschien schon exklusiv im Vorfeld auf einer Compilation. Wie gesagt, war die EP limitiert und nur als ein Lebenszeichen vorab zu verstehen. Das Album in seiner Gesamtheit ist angemessen. Es gibt sicher unterschiedliche Meinungen, ob das Ganze jetzt ein paar Minuten länger oder kürzer ausfallen hätte sollen. Es ist eben so passiert, wie es ist. Wie der Akt.

Wie entstehen Texte wie „The Zombie Walk“ („Over Paris I’ll fly again. I have seen you. Orange glowing sword. Burn out all the wounds.“)? Drogenimpressionen, Reiseeindrücke, Sozialbeobachtungen, Nonsens?

Aaron: Ich glaube, du hast das ganz gut zusammengefasst. Die Sache mit den Texten gestaltet sich oft nicht gerade einfach. An sich entstehen sie einerseits zwischendurch, skizzenhaft, zum Beispiel in der U-Bahn – man belauscht die Leute und schreibt etwas auf – oder eben erst während bzw. nach der Aufnahme. Größtenteils sind die Texte somit zusammengewürfelte Impressionen von allen möglichen Dingen und Aufzeichnungen, die in ihrer Beliebigkeit ein Bild malen, das erst – oder oft nicht einmal dann – am Ende des Malaktes erkennbar ist.

Was macht eigentlich das Elektronikgedudel mitten im Album? Wollt ihr es euren Hörern bewusst schwer machen – halt „Headphone Music“ fabrizieren?

Aaron: „Headphone Music Op 001“ ist eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album. Es gibt dem Ganzen einen anderen Zugang. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute damit nichts anfangen können und beim Hören des Albums den Song immer überspringen. Auf der anderen Seite kann es aber auch sein, dass Leute vielleicht auch gerade wegen dieses Stücks Interesse finden. Die Ruhe, die nach den ersten drei Stücken einkehrt, ist wunderbar. Die Leere, die Abwesenheit nach all der Dichte. In dem Stück passiert sehr viel. Die Stimmung durchstrahlt das ganze Album.

In den besten Momenten hat die Musik geradezu Trip-Charakter/Sogwirkung. Erzähl doch mal was zur Entstehung von einem Song wie „A Million Years Now“.

Aaron: Er entsteht meist nach längerem Probieren, aneinanderreihen, abermaligen auseinanderreißen, usw. Die Riffs entstammen unterschiedlichen Quellen. Das Anfangsriff ist zum Beispiel von unserem Drummer. Das Riff am Ende war ursprünglich eine Basslinie, die jedoch auch auf der Gitarre gut klang. Der Rest entsteht dann einfach mit der Zeit. Man arbeitet sich von einzelnen Ideen immer weiter, kreiert immer größere und stimmigere Klangbilder, die sich ständig beweisen müssen. Oft gibt es für den Song eine Projektion, eine Art freies Korsett, doch im Falle von „A Million Years Now“ überwiegt wohl die Verspieltheit bzw. die Lust des Spielens im ursprünglichen Sinne, die dann oft auch glücklicherweise ausufert.

Ist es eigentlich schwer als Band sein ganz eigenes Ding zu machen oder halten sich viele Gruppen deiner Meinung nach nur aus Bequemlichkeit an gängigen Genre-Schubladen fest?

Aaron: Ich weiß nicht, inwiefern man das allgemein sagen kann. Es gibt unterschiedliche Zugänge und Beweggründe, die die Leute motivieren Musik zu machen. Die Schubladen entstehen natürlich. Ob man will oder nicht, aber solange man sich bei dem was man tut wohl fühlt, ist das nicht weiter schlimm. Schließlich kann man sich ja jederzeit in neue Schubladen stecken bzw. stecken lassen. Ich denke, uns ist bewusst, dass wir, sobald wir in der Öffentlichkeit stehen, eine gewisse Wirkung auf Leute, Medien, etc. haben, deren Rezeption wieder auf uns zurückstrahlt. Unser eigenes Ding ist es immer, so und so. Von daher konzentrieren wir uns eher auf die Bewältigung des Alltäglichen, wozu auch die Musik gehört.

03.11.2005

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