Contradiction
Contradiction

Interview

Contradiction thrashen schon seit langem im deutschen Untergrund, doch finden sie noch nicht entscheidend Gehör. Dabei sind sehr vernünftige Outputs zustande gekommen – auch wenn so einige im Business ihnen Steine in den Weg gelegt haben. Ja, auch im Ehrenkodex behafteten Metal passiert so etwas, doch Sänger und Gitarrist Oliver „Koffer“ Lux gibt Tipps, worauf man achten sollte, wie er die Musikindustrie im Vergleich zu früher sieht und welche Rolle die dabei nicht immer gut wegkommenden Onlinemagazine spielen.

ContradictionDavid: Hallöchen. Alles klar bei euch?

Koffer: Ja, sicher, soweit alles i.O.!

David: Wie machen sich die Verkaufszahlen von eurem letzten Album „The Voice of Hatred“? Die Reaktionen der Medien waren durchweg positiv…

Koffer: Tja, leider liegen uns bisher keine Verkaufszahlen vor, da Armageddon halbjährlich mit den Bands abrechnet und die Zahlen bis Ende Juni, aufgrund der VÖ Anfang Mai noch nicht vorliegen. Aber unsere Verkäufe im Rahmen von z.B. Konzerten sind, gemessen an dem, was heutzutage überhaupt noch geht, schon recht gut.

David: Könntest du mir ein paar Dinge nennen, die man hätte rückblickend anders/besser machen können?

Koffer: Wenn ich jetzt anfange darüber nachzudenken, dann fallen mir wahrscheinlich Tausende ein. Aber im Grossen und Ganzen sind wir sehr zufrieden. Man hätte sicherlich in der Produktion, aus dem einen oder anderen Song noch mehr rausholen können, aber eigentlich ist es müßig darüber nachzudenken, weil das Teil nun mal so ist, wie es ist.

David: Wenn man sich eure Bandbiografie anschaut, fällt eines besonders auf: Ihr wurdet nicht nur einmal von irgendwelchen Leuten aus dem Business beschissen bzw. habt Rückschläge erleiden müssen. Was ist da im einzelnen vorgefallen und wichtig: Was könnt ihr Neueinsteigern empfehlen, damit denen nicht das selbe passierte?

Koffer: Es gab Mitte der Neunziger einen deal mit einem Label, welches Leute führten, mit denen wir uns freundschaftlich verbunden fühlten. Diese besaßen ein Studio, in welchem wir bis einschliesslich dem „All We Hate“ Album alles produziert hatten. Sie boten uns ein Vertrag an, bei dem wir die Hälfte der Produktionskosten übernehmen sollten. Die Produktion streckte sich dann auf Betreiben des Produzenten in die Länge und wurde immer teurer, so dass wir letzten Endes runde 20000 Mark Schulden beim Label hatten. Als es dann darum ging die CD auf den Markt zu bringen, gab es keinen Vertrieb. Somit habe ich über einen Kumpel den Deal mit Rough Trade eingestielt. Die Plattenfirma hat uns in keiner Weise unterstützt, wir hatten kaum Ahnung, wie man sich auf eine Tour bucht, wussten nichts von den Buy on- Gepflogenheiten in diesem Business usw. Letzten Endes haben wir einen Teil der Schulden über die CD Verkäufe abgetragen, den anderen Teil per Raten an die Kollegen bezahlt und uns dann 1998 per Gerichtsbeschluss von dem Label getrennt, die Rechte an den Songs zurückerhalten. Ausserdem hat uns das Gericht die Restsumme, wegen unsittlichem Geschäftsgebaren erlassen. Das waren ziemlich dunkle Zeiten für die Band. Nichtsdestotrotz haben wir in unseren „Dark Ages“ eine Demo aufgenommen und soviel wir konnten live gespielt, einen neuen Drummer eingearbeitet und Sideprojekte geführt.

Als Empfehlung: Lest den Vertrag ganz genau, am besten mit einem Anwalt! Haltet die Kosten gering, produziert selber. Auf keinen Fall einen deal machen, in dem irgendwas von Produktionskostenbeteiligung steht. Es sein denn ihr bekommt 80% der Einnahmen.
Am besten aber: spielt Schach oder macht einen kalten Entzug, bevor es, wie bei uns damals, zu spät ist.

David: Siehst du noch andere Gründe, dass es euch schon seit einer halben Ewigkeit gibt, ihr es aber bis jetzt nicht wirklich „geschafft“ habt? Und: Wie siehst du die Stellung der Band momentan?

Koffer: Tja, Gründe gibt es wohl keine richtigen. Vielleicht mögen uns einfach nicht genug Leute. Oder wir hatten einfach Pech, die falschen Geschäftspartner. Keine Ahnung. Im Moment zähle ich Contradiction zur Spitze des deutschen Underground. Ohne vermessen sein zu wollen, sagen wir lieber, ich bin selbstbewusst: Contradiction ist mit Sicherheit eine der besten deutschen Livebands, wenn der Sound und das Licht stimmig sind und die Leute vor der Bühne wohlwollend, walzen wir (fast) jeden nieder! So!

David: Wie hat sich die Musikindustrie aus eurer Sicht im Vergleich zu damals entwickelt? Was spielt das Internet dabei für eine Rolle?

Koffer: Damals gab es kaum Internet. MP3 hörte sich an wie ein hinterasiatischer Geheimdienst, CDs wurden noch gekauft, weil kaum jemand einen Brenner hatte und Rohlinge noch richtig teuer waren. Es gab auch damals schon jede Menge Bands, aber heut gibt es noch viel mehr. Manchmal habe ich den Einruck, dass fast jeder, mit dem ich irgendwo in Deutschland nach einem Konzert rede, auch eine Band hat. Das ist einerseits sehr gut, andererseits verteilt sich der Kuchen auf eine immer grösser werdende Masse an Bands. Die Firmen gehen da eher auf Nummer sicher und hauen massenhaft Produkte/Bands raus und hoffen, dass davon ein paar starten, dann wird dieser Act progressiv aufgebaut, bei Regression wird er dann gedropt. Ausserdem gab es damals so was wie diese echt miesen Castingshows noch nicht.
Ich meine solche Lutscher, wie dieser Martin Kesici, oder wie der heisst, sind doch echt das Vorletzte. Das Letzte sind die Pisser, die das ganze aus reiner Geldgier veranstalten und das Allerletzte sind diejenigen, die diesen Dreck auch noch sehen/kaufen und damit unterstützen. Da wird mir ganz schlecht, wenn ich daran nur denke!!

David: Wieso ist euer Album das „Sprachrohr für Hass“?

Koffer: Na, weil es doch genug Dinge gibt, die man hassen kann. Der überwiegende Teil des Albums handelt von genau diesen Dingen. Diese sind von mir in Worte gefasst worden, die wir dann mittels meiner Stimme und entsprechender Instrumentierung kund geben. Ausserdem klingt der Titel sehr gut und lässt bezüglich des Stils von Contradiction keine Fragen offen, oder?

David: Bitte nenne mir fünf Gründe, warum man sich euer Album kaufen sollte:

1. Es ist gut produziert, klingt fett
2. Es sind gute Songs auf diesem Album
3. Wer Eier (im übertragen Sinne) hat, sollte dieses Album besitzen
4. Es ist immer gut ein Contradiction – Album in seiner Sammlung zu haben, ich selbst besitze davon 4 Stück und mir liegen die Frauen zu Füssen, wenn ich ihnen meine CD-Sammlung zeige.
5. Es gibt nicht einen gottverdammten Grund, sich unsere Alben nicht zu kaufen

David: Das schwere „Crimes“ schielt in einem sonst durchweg thrashigen Album schon ein wenig in Richtung TYPE O NEGATIVE. Wie und wieweit sind eure Einflüsse gestreut?

Koffer: Unsere Einflüsse reichen ziemlich weit. Type O Negative würde ich nicht zwingend dazu zählen. Es war eher so, dass ich den Song instrumental hatte und mir für den Chorus dieser tiefe Gesang im Kopf herumschwirrte und somit habe ich versucht, ob ich das auch kann. Es hat funktioniert und wir fanden die Idee gut. Uns war schon klar, dass wir damit eine Pete Steele ähnliche Nummer an den Start geschoben haben, aber das war kein Problem: Zudem lockert der Song die Scheibe auf und macht sie somit abwechslungsreicher.
So, die Bands die uns beeinflussen: Kreator, Sepultura (bis zur Arise), Bay Area Thrash Bands, aber auch modernere Bands aus dem Metalcorelager und wie wir selber gar nicht empfinden, aber viele die uns kennen: Pro Pain.

David: Kommt irgendwann der Punkt, an dem man zweifelt, ob es wirklich sinnvoll ist wesentlich mehr Zeit in die Band zu investieren um weiterzukommen, weil der momentane Fortschritt einen nicht mehr befriedigt?

Koffer: Wir befinden uns, bedingt durch unsere Berufstätigkeit und der Familien, die Oliver Kämper und ich haben, am Limit des zeitlich Machbaren. Den Sinn, überhaupt Zeit in die Musik zu investieren, würde ich aber niemals anzweifeln.

David: Wie muss Thrash heutzutage klingen, um bei einer breiteren Hörerschaft anzukommen, ohne seine Wurzeln zu leugnen? An welche Bands denkst du da?

Koffer: Die letzten Platten von Testament, Exodus, Hatesphere, The Haunted, Kreator usw. halte ich alle für gut bis sehr gut, aber Thrash kann auch genauso klingen wie auf der Master Of Puppets, oder Rust In Peace. Letzten Endes sind die Produktionen ausgefeilter und besser, fetter, schneller, lauter und tighter geworden. Es gibt selbst innerhalb einer Sparte wie Thrash Metal noch Sparten, innerhalb derer sich die einzelnen Bands aufteilen.

David: Für mich bedeutet Metal…

Koffer: Harte Musik! Aber im Gegensatz zum Punk, strukturierter, besser klingend. Metal sollte noch Ansätze von Melodie haben und handwerklich einigermassen gut gemacht sein.
Ausserdem: Bier trinken mit Freunden, Konzerte spielen, 1000 km zu einem Gig fahren – für ein paar belegte Brötchen, Freibier und Spritgeld. Jugendkultur (ich mache das nicht am Alter fest!) Für mich ist Metal auch politisch wichtig, schließlich gibt er mir ein Sprachrohr, um meine Ansichten loszuwerden.

David: Dieser Teil aus eurem Tourtagebuch hat mich etwas zum schmunzeln gebracht: „Scheisse, der Zeltplatz ist beinahe überfüllt, da offensichtlich jedes Minimag einen Zugang zum VIP Bereich erhält und dann auch noch mit mindestens 5 Redakteuren anreist.“. Wie seht ihr hier die Entwicklung auch im Hinblick auf die Entwicklung für die Metal Szene?

Koffer: Auch da, genau wie bei den Bands, inflationär. Ist doch klar, oder? Es gibt einige sehr gute Onlinemags, aber leider auch einige richtig miese Mags, die die Scheisse nur machen um freien Eintritt, Gratis CDs usw. abzugreifen. Das Internet macht die Verbreitung solchen Unfugs einfach und bequem. Für die „All We Hate“ gab es 1996 in Deutschland ca. 10 Reviews in Printmedien. Von der „The Voice Of Hatred“ ein Vielfaches davon, die meisten in Online Mags. Und ich glaube, dass dieses nur ein Bruchteil der Magazine sind, die es so gibt.

David: Welche Onlinemags zählst du warum zu den einigen sehr guten und welche warum zu den richtig miesen? Schluss mit der allgemeinen Kritik. Ich will Namen hören! 🙂

Koffer: Zum Beispiel zähle ich Metal.de, Powermetal.de, Metalius, Metalspheres, Metalstorm usw. um ein paar der guten zu nennen, weil diese meiner Meinung nach gut recherchieren, eine vernünftige Aufmachung haben und offensichtlich sehr interessiert sind, gute Berichterstattung zu machen. In der Regel sind das diese mit einer eigenen Domain. Ich meine vor allem die Mags die mit einer url à la http://www.geocities.com/members/germany/metalfurz.html aufwarten. Man kann das sicher an der Professionalität festmachen, mit der dieses Hobby verfolgt wird. Letzten Endes können auch diese machen was sie wollen. Die Frage ist nur, ob man als Label oder Veranstalter alle diese Mags unterstützen muss, ohne den Sinn dieser Sache zu hinterfragen. Als ich in Wacken auf dem Zeltplatz ankam dachte ich erst mal: So viel Bands sind doch hier gar nicht untergebracht, was sind das alles für Leute? Und dann gab es da noch eine Pressekonferenz von Armageddon auf der keiner der Berichterstatter es schaffte auch nur ein einzig adäquate Frage zum Thema Labelphilosophie etc. zu stellen.

Oli: Nun, persönlich runtermachen werde ich an dieser Stelle niemanden, dafür aber gerne die wenigen deutschsprachigen online-Mags nennen, auf die ich was zähle bzw. die zu meinen Anlaufstationen in puncto Metal gehören: natürlich das gar großartige metal.de, allein schon, weil man es sich unter der Königin aller zur Wahl stehenden www-Domains sicher nicht leisten könnte, ein Scheiß-Magazin mit 3 Reviews und 1 Konzertbericht zu betreiben. Dazu zähle ich aber auch Kollegen oder Konkurrenten (je nachdem) wie vampster, powermetal, metalius, metal-inside, metalglory, um nur einige zu nennen. Natürlich gibt es auch noch viele mehr, die einen adäquaten, inhaltlich vollständigen Job machen. Nerven tun mich halt die unzähligen www.geocities.com/irgendwer/irgendwas/metalmagazin2345121945.html-Seiten. Sowas kann doch nicht ernst gemeint sein. Und diese Sites bieten weder Nutzen noch sonst irgendwelchen Informationsgehalt. Und Konzertreviews der Marke “die ersten 4 Bands nicht gesehen, die letzten 3 auch nicht, weil zu besoffen”, braucht auch kein Mensch. Und von solchen Typen rannten in Wacken z.B. Hunderte rum.

David: Ganz nach dem Motto „Du bist Deutschland…“, warum bist DU Deutschland? Und: Wie siehst du die politische Situation in unserem Land momentan?

Koffer: Erster Teil: Ich liebe mein Land und lebe gerne hier. Ich glaube an die deutsche Kultur und will diese auch im positiven Sinne gewahrt wissen, damit meine ich nicht irgendeinen Nazidreck. Ich habe ein ziemlich konkretes Weltbild und eine klare Wertevorstellung, die ich auch meinen Kindern vermitteln möchte.

Zweiter Teil: AHHHHH! Ich finde die Situation katastrophal. Egal welche Partei der bürgerlichen Fraktion, von CDU bis Grüne, die blasen doch alle ins selbe Horn. Die grosse Koalition wird weiter für Politik im Sinne der Unternehmen sorgen und damit weitere Arbeitsplätze gefährden. Es müssen klare Regeln geschaffen werden, in denen definiert ist, was die Wirtschaft/Industrie machen darf und was nicht. Welche Produkte, wo, zu welchen Konditionen produziert werden dürfen. Z.B. ist Kinderarbeit z.Z. in Deutschland verboten, es gibt Rechte für Arbeitnehmer, dennoch dürfen Produkte verkauft werden, die von Kindern und nahezu rechtlosen Arbeitern produziert werden. China importiert nach Europa, obwohl die Menschenrechte dort mit Füssen getreten werden, ebenso denkt man über den EU Beitritt der Türkei nach, obwohl dort auch Menschenrechte verletzt werden. Alles im Namen von (wirtschaftlicher) Freiheit und den Gesetzen des Marktes untergeordnet. Frei nach Michael Moore: Warum sollte eine Firma Stahl verkaufen müssen, für ein Tonne Kokain kann sie doch viel mehr Geld verlangen und es ist viel einfacher zu produzieren.

David: Ihr seid, soviel ich weiß, alle neben der Band noch berufstätig. Womit können Fans in nächster Zeit rechnen? Wie wird sich die Band in Zukunft weiterentwickeln?

Koffer: Die neue Scheibe ist schon in der Mache, wir haben über die Hälfte der Songs schon fertig und werden um die Jahreswende herum aufnehmen. Stilistisch werden wir in unseren Gefilden bleiben.

David: Warum ist gerade Contradiction-Mucke gut für LIVE Auftritte geeignet? Wie sieht es diesbezüglich in nächster Zeit aus?

Koffer: Es groovt und knallt, wir sind gut eingespielt und unsere Musik ist gut nachvollziehbar! Wir sind eigentlich jedes zweite Wochenende „on the road“. Tour? Hoffentlich mit der nächsten CD.

David: So, das war es von mir. Hat doch gar nicht weh getan, oder? Wenn dir noch etwas auf dem Herzen liegt, bitte:

Koffer: Nö, ich glaube ich habe schon genug gelabert, Danke Dir für das Interview!

19.10.2005

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