Entwine
Entwine

Interview

Ihr erster Auftritt in Deutschland – in Hamburg – und sie hatten nicht einmal Zeit, auf die Reeperbahn zu gehen. Die erste Europatour von Entwine zusammen mit Theatre of Tragedy begann hart. Die Finnen kamen früh morgens in Hamburg an, hatten kaum Zeit zum Ausspannen vor ihrem Auftritt in der Markthalle. Mit ihrer neuen und damit dritten CD "Time of Despair" im Gepäck, soll nun das nichtfinnische Europa mitbekommen, wer Entwine sind. Gute Kritiken gab es jede Menge und wer melodischen, oft melancholischen Gothic Rock mag, der kommt voll auf seine Kosten. Im Gegensatz zum letzten Album "Gone" ist die neue Scheibe elektronischer, der Gesang ist rockiger – das Album ist experimenteller. Es ist Gothic Rock mit schönen Melodien zum Träumen. Manchmal wagt sich die Band fast in Wave-Gefilde vor. Die Stimme von Mika Tauriainen wird dabei immer mehr zum Markenzeichen der Band. Der Sänger nahm sich einige Stunden vor dem Auftritt in Hamburg noch jede Menge Zeit, um über das neue Album, die Tour und die Band zu sprechen.

EntwineEs ist heute Euer erster Auftritt in Deutschland, Ihr seid auf Eurer ersten Europatour. Nervös?

Ich kann im Moment gar nicht verstehen, was geschieht, weil ich heute so viel getan habe. Es war ein sehr harter Tag. Ich hatte noch gar keine Zeit, nervös zu werden. Eigentlich sollte ich ins Bett gehen und schlafen… ich bin ziemlich müde. Vor einem Jahr hatten wir die Möglichkeit, Paradise Lost zu supporten. Aber die Anfrage kam erst drei Wochen vor Tourbeginn – das war zu spät. Die Auftritte in Deutschland haben „The 69Eyes“ gemacht, wir wären woanders gewesen. Aber gerade Deutschland ist der beste Platz für so eine Promotiontour.

Ist es ein normaler Auftritt heute oder doch etwas Besonderes?

Nein, es ist kein gewöhnliches Konzert. Wenn man in Finnland auf Englisch singt, ist man wie ein Eindringling. Es ist in dem Sinne dann nicht dein Heimatland. Aber wenn du in Deutschland oder Schweden bist und Englisch singst, bist Du wie alle anderen auch. Ich denke, dass jeder, der auf Englisch singt, woanders sein möchte. Es gibt Bands in Finnland, die in ihrer Muttersprache singen, ihre Musik seit 20 Jahren machen und immer wieder in den gleichen Orten waren. Das möchte ich nicht.

Bist Du nervöser als in Finnland? Hier musst Du das Publikum davon überzeugen, dass Ihr gut seid. In Finnland wissen das die Fans, die zu den Konzerten kommen.

Genau das ist es, was ich mag. Wenn man zum Beispiel in seiner Heimatstadt ist und seine Freunde da sind, dann heißt es: Oh ja, ich mime den Rockstar für meine Freunde – aber das ist nicht möglich. Hier kann ich sein, was ich sein möchte. Ich kann machen, was auch immer ich will. Es ist anders. Ich mag es, vor einem Publikum zu performen, das ich nicht kenne und das mich nicht kennt. Meine Freunde wissen, wer ich bin. Vor denen muss ich mich nicht beweisen.

Wie schwer ist es, vor einer Band wie Theatre of Tragedy zu spielen, die hier gut bekannt ist? Der Großteil der Zuschauer wartet auf die Norweger.

Es ist der gleiche Auftritt, egal ob ich Headliner bin, in der Mitte spiele oder als erste Band. Ich möchte einfach meine Musik machen. Es ist kein Wettbewerb – es ist Musik pur.

Werdet Ihr gleich beim Konzert eine Mischung aus „Gone“ und „Time of Despair“ spielen?

Ja, denn wir waren mit „Gone“ ja hier nicht auf Tour. Wir lieben es, diese Songs zu spielen. Es wäre nicht gut, sie wegzulassen. ToD ist gerade erst draußen, viele kennen die Songs noch nicht. „Closer“ werden wir auf jeden Fall spielen. Viele denken, es ist eine Liebesgeschicht, aber es ist eine Story über meinen Großvater. Ich hatte eine Vision von ihm. Dazu muss man wissen, dass meine Großmutter gestorben ist. Ich habe mir vorgestellt, was er in den letzten Minuten vor ihrem Tod gedacht hat. Das ist die wahre Geschichte zu dem Lied.

Auf einer Tour hast Du jeden Tag wieder die gleichen Gesichter vor Dir, wenn Du aufstehst. Keine Angst, dass es innerhalb der Band Probleme gibt?

Klar, es kann Probleme geben. In Finnland hatten wir einmal einen heftigen Streit, aber das haben wir wieder hinbekommen und sind wieder zusammen glücklich. Mal sehen, was hier passiert. Wir sind allesamt sechs Dickköpfe. Vielleicht kommen wir ja mit blauen Augen zurück nach Finnland. Nein, im Ernst: Wenn man nicht streitet, ist es nicht normal. Es ist wie in einer Familie: Wenn man sich wirklich liebt, streitet man auch manchmal. Ähnlich ist es in der Band. Eigentlich ist es ganz nett, wenn es wie auf einer Tour hektisch zugeht. Man bekommt dadurch Power, denkt nicht so viel.

Was inspiriert Dich? Die langen finnischen Nächte?

Alles. Manchmal kommt es, wenn ich gehe, manchmal einfach so. Dann nehme ich mir einen Stift und schreibe los. Wenn ich Gitarre spiele, kommt manchmal eine Melodie dabei heraus. Aber wenn ich nicht gut drauf bin, kann ich nichts aufschreiben. Ich muss zur Ruhe kommen. Ich brauche einen zeitlosen Moment für mich selbst. Dann strömt vieles in meinen Kopf und man kann es wie ein Puzzle zusammensetzen. Tom Mikkola, unser Gitarrist, und unser Produzent Anssi Kippo schreiben auch Texte. Wenn man selbst nicht zufrieden ist, kommt ein anderer und sagt: „Lass es uns so machen.“ Das ist eine gute Sache.

Lass uns über „Time of Despair“ reden. Was sollte nach „Gone“ anders werden?

Wir wollten es spaciger, kraftvoller und aggressiver haben, mit mehr Power. Mein Lieblingssong ist „Time of Despair“. Text und Melodie gehen hier Hand in Hand. The feeling speaks the word (Anm.: jede Übersetzung wäre hier fehl am Platz!). Ich habe die meisten Vocals bei dem Song morgens eingesungen. Ich bin aufgewacht, habe Kaffee getrunken, meine Augen waren müde… Ich war total relaxt bei der Aufnahme, es war irgendwie so natürlich. Ich habe da einen bestimmtem Sound wiedergefunden, den ich verloren hatte. Das geschah unbewusst. Der Song verschafft mir eine Gänsehaut.

Wie lange seid Ihr im Studio gewesen?

Ungefähr 45 Tage. Es war die Hölle. Wir dachten, es wäre einfacher, die dritte Platte aufzunehmen. Aber man kämpft gegen sich selbst, gegen das größte Monster. Man ist hart zu sich selbst, vielleicht zu hart. Manchmal war es wirklich „Time of Despair“. An zwei Tagen habe ich gedacht, dass ich nie wieder ins Studio zurückkomme. Ich war total entnervt.

Das neue Album hat fast ausschließlich gute Kritiken bekommen. 9/10 oder 8/10 Punkten zum Beispiel. Überrascht von der guten Kritik?

Ja, das bin ich wirklich. Ich weiß nämlich nicht, wie Century Media uns hier in Europa promotet. Ich weiß nicht, was hier los ist. …cool… alle mögen mich. Ich bin also gar nicht so schlecht. In Finnland wurde die Single „The Pit“ veröffentlicht. Aber das ist kein Song, der von den Radiostationen gespielt wird – zu hart. Das lief alles nicht so wie wir wollten. Wir hätten lieber „Nothing left to say“ veröffentlicht.

In den Reviews gab es immer wieder Komplimente über Deine Stimme, sie habe sich verbessert, klinge rockiger. Denkst Du auch, dass Du Dich verbessert hast?

Ja. Ich habe diesbezüglich mein altes Ich wiedergefunden. Es ist der neue alte Mika. Ich war zu whimpy. Bei „Gone“ ist der Sound klarer. Jetzt haben wir uns darauf konzentriert, den wirklichen Sound zu finden, mein wahres Ich. Es gibt den Leuten ein besseres Feeling.

Thank you for the interview!

Well, thank you. See you at the concert.

Ein wirklich netter und interessanter Typ, der sich viel Zeit nahm, viel erzählte, mir nebenbei sein Bier anbot, dem manchmal vor Müdigkeit die richtigen Wörter nicht einfielen und mir dann auch nicht – aber wir wussten ja, was wir meinten – und der fast ohne Unterbrechung den Glimmstengel in der Hand hielt.

01.05.2002

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