Eventide
Eventide

Interview

Auf den Spuren von DARK TRANQUILLITY, SACRILEGE und IN FLAMES wandeln die Schweden EVENTIDE, wobei sie einen eigenständigen melancholisch-dunklen Weg gehen und dabei auch vor dem Einsatz von Violine, einschmeichelnden Keyboards oder Dark-Metalelementen nicht zurückschrecken. Grund genug, Jacob Magnusson, seines Zeichens Band-Vocalist, -Gitarrist und zuständig für elektronische Spielereien ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern zu lassen.

EventideHi Jacob, wann habt ihr euch eigentlich entschlossen, EVENTIDE zu gründen? Und erzählt doch bitte etwas über die ersten Jahre der Band, denn ihr seid ja schon länger aktiv. Gab es die obligatorischen Besetzungswechsel oder eine andere musikalische Ausrichtung?

EVENTIDE wurden 1998 gegründet. In einem DARK TRANQUILLITY-Text, ich glaube von der „Skydancer“, aber ganz sicher bin ich mir da jetzt nicht mehr, stolperte ich seinerzeit regelrecht über das Wort „Eventide“. Ich dachte sofort, was für ein lyrischer Klang und sah in einem Lexikon nach, was genau es bedeutete. „Eventide“ ist die altenglische Bedeutung für „Abendzeit“ und da war mir sofort klar, das ist der passende Name für unsere Band, denn schließlich entstanden die meisten unserer Songs in den dunklen Abendstunden oder des Nachts.
Wir haben ja eine Menge melancholischer Atmosphäre in unseren Songs, die wirken nun mal am überzeugendsten, wenn sie nachts gehört werden.
Anfangs hatten wir keinen Vocalist und ich hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte, Growls einzusetzen. Da fragten wir Michael Niklasson, seines Zeichens Bassist von DARK TRANQUILLITY, ob er uns bei unserem ersten Demo aushelfen könnte, was er glücklicherweise auch tat. Er hatte nicht allzuviel Zeit, die Texte zu lernen und aufzunehmen. Für einige Teile der Songs reichte die Zeit nicht mehr und wir mußten den Rest der Aufnahmen auf den nächsten Tag verschieben. Ich versuchte mich an den Vocals und es sprudelte nur so aus mir heraus; ich merkte, das ist mein Ding, ich habe es in mir…
In den folgenden Jahren hatten wir eine Menge Line-Up-Wechsel und außerdem schlugen wir musikalisch eine deutlich andere Richtung ein. Irgendwie waren wir alle nicht mehr so recht zufrieden mit der eingeschlagenen Entwicklung und beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Im Frühjahr 2005 einigten sich unser Drummer Max und ich, aus den Resten unseres Songmaterials ein neues Demo aufzunehmen, eigentlich mehr aus Spaß und in Erinnerung an die guten alten Zeiten.
Wir schrieben „No Place Darker“ in nicht mehr als einer Woche und die Resonance war riesig! Mein kleiner Bruder Thomas übernahm den Bass. Kurz nachdem wir einen Deal mit Cartel Media ausgehandelt hatten, erhielten wir Verstärkung von Gitarist Sebastian Olsson.

Eure neuestes Output nennt sich „Diaries Fron The Gallows“. Worin seht ihr den Unterschied zu den Demos?

Was die Musik angeht so ist sie offener und beinhaltet einfach mehr Feinheiten wie beispielsweise den Einsatz einer Violine; die Kompositionen geben auch den Keyboards mehr Raum. Es sind einfach andere, tiefere, vielfältigere Emotionen darin, denke ich. Die Texte sind direkter an den Hörer gerichtet und erheblich leichter zu interpretieren.
Ich würde nicht behaupten wollen, dass das Album sozusagen „more evil“ klingt als früher, eher könnte man sagen, es hat mehr düstere Atmosphäre, ist eigenwilliger.

Eure musikalische Nähe zu IN FLAMES, was die Gitarren betrifft und DARK TRANQUILLITY, was dramatischen Songaufbau, Vocals und Refrains angeht, ist unüberhörbar. Zudem scheinen auch MOONSPELL euren Gefallen zu finden. Da habe ich doch recht?

MOONSPELL? Ein interessanter Aspekt, den du da ansprichst, denn niemand von uns hört derzeit MOONSPELL. Ich kenne ein paar Songs von denen, habe mich aber nie wirklich mit der Band beschäftigt.

Bisweilen ertönt eine Violine in euren Songs. Recht ungewöhnlich im Melodic Death Metal, aber gut, wie ich finde. Wie kamt ihr auf diese Idee? Hört ihr gerne Klassik?

Ich hatte schon immer viel für schwedische Folk-Musik übrig. Vor einigen Jahren gabs zusammen mit einem Freund ein Zwei-Mann-Folkprojekt, jedoch sind wir damit nie übers Anfangsstadium hinausgekommen. Nun ist dieser Freund, Magnus Ryden, ein profilierter Folk-Musiker geworden und da dachten wir, es wäre doch ganz nett, einige Folk-Elemente in unsere Musik zu integrieren. Er hat seine Arbeit sehr gut gemacht, wie ich finde und du darfst in der Tat mehr davon erwarten auf zukünftigen Veröffentlichungen!

Welche musikalischen und textlichen Einflüsse werden in Euren Songs verarbeitet und wodurch werdet ihr inspiriert, spielen da eher eigene Erfahrungen und Emotionen eine Rolle oder lasst ihr euch auch von phantastischen Themen leiten?

Bands, die uns über die Jahre am meisten beeinflußt haben, sind vor allem DARK TRANQUILLITY, IN FLAMES, HYPOCRISY, SACRILEGE, DIMMU BORGIR, OPETH und SOILWORK.
Einige Lyrics sind inspiriert von eigenen Erlebnissen und Gefühlen, während andere wie zum Beispiel
„Standards Of Rebellion“, „This Curse“ oder
„Confinement“ mehr auf Imagination und Phantasie basieren.

Wie komponiert ihr eure Songs? Laßt ihr euch von eurer Vorliebe für älteren schwedischen Death Metal leiten? Oder werden wir demnächst auch noch mehr moderne Einflüsse bei euch heraushören dürfen?

Am Anfang wurden wir direkt von der Musik, die wir hörten und den dazugehörigen Texten inspiriert, nun jedoch läuft der kreative Prozess natürlicher ab, die Vorbilder sind nicht mehr so wichtig dafür. Wenn du dich inspiriert fühlst, etwas zu schreiben, kommt das im Idealfalle von selbst. Natürlich geht das nicht immer, das ist klar. Manchmal muß man diesen Prozeß auch beinahe zwingen, in Gang zu kommen.
Nicht dass es notwendigerweise etwas Schlechtes wäre, aber ich glaube nicht, dass wir unsere Musik drastisch verändern, nur um mehr Platten zu verkaufen und kommerzieller zu werden. Eher denke ich, wir werden immer die Musik schreiben, die uns gerade einfällt, wenn wir unsere Zeit miteinander verbringen und Gitarre, Keyboard oder was auch immer zusammen spielen.

Die lässige Dynamik und der mitreißende Drive in den Songs verlangen geradezu danach, den Regler voll aufzudrehen. Für mich muß sowas sehr laut gehört werden. Manch eine Passage ist sogar nahezu radiotauglich. Gibt es eigentlich Pläne für ein Video, z.B. für „Killing What Can’t Be Handled“? Das ist ein richtiger Hit, wie ich finde.

Es gibt ein paar Ideen hinsichtlich der Produktion eines professionellen Videos, sie sind jedoch über die embryonale Phase bisher nicht hinausgekommen. Da wir nicht über das verfügen, was ihr ein richtiges „Budget“ nennen würdet, um so etwas einigermaßen professionell umsetzen zu können, muß alles, d.h. Finanzierung und Produktion von uns selbst und unseren nicht gerade übervollen Gelbeuteln kommen. Generell wäre es schon genial, so etwas zu machen! Wir werden sehen, was die Zukunft bringt…

Eure instrumentalen Fähigkeiten stellt ihr ja (nicht nur) in dem netten Instrumental „Vargavidderna“ aufs trefflichste unter Beweis. Was ich mich dabei immer schon gefragt habe: wie kommt es eigentlich, dass Schweden, Finnen und Norweger über solch herausragende musikalische Fähigkeiten verfügen, was die Beherrschung von Instrumenten und das Komponieren von Songs angeht?

Die letzte Frage haben wir schon sehr häufig gestellt bekommen und ich kann dir wie all denen, die diese Frage schon vor dir stellten, nur versichern, dass auch ich keine treffende Antwort darauf geben kann. Vielleicht liegt es daran, dass wir hier einfach nichts besseres zu tun haben, wer weiß?

Eure Art, Cleanvocals in die Songs zu integrieren, gefällt mir wesentlich besser als bei der Konkurrenz, da sie bei euch die melancholische Grundstimmung der Tracks unterstreichen. Auch die Quantität überzeugt, ihr macht nicht den Fehler, sie schwelgerisch-führend einzusetzen. Werdet ihr das so beibehalten?

Erst mal danke! Ich glaube, ich weiß, was du meinst, es gibt derzeit viele Bands, die Cleanvocals immer in der exakt gleichen Weise einsetzen und das wird natürlich allmählich langweilig, wie ich finde. Nicht dass wir nun so besonders originell wären aber wir versuchen schon den Hörer von Zeit zu Zeit mit klarem Gesang und anderen musikalischen Facetten zu überraschen und möchten dem Hörer insgesamt eher variabler arrangierte differenziertere Songs anbieten.

Im Song „The Skeleton Who Sold Its Skin“ habt ihr einen ungewöhnlich swingenden Gitarrenpart eingebaut, und zwar von Minute 2:32 bis 2:50, unglaublich einfach, aber ergreifend. Da stelle ich so manches Mal auf Repeat… Dürfen wir mit weiteren derartigen Highlights rechnen?

Sicher… Dieser Teil, den wir übrigens als „The Strange Melody Appearing From Nowhere“ bezeichnen, gehört zu den aus meiner Sicht für uns typischen musikalischen Zwischenspielen; diese Facette werden wir definitiv in Zukunft noch ausbauen, das ist doch klar.

Noch ein Pluspunkt, die barock eingesetzten elektronischen Farbtupfer… Auch hier haltet ihr Maß. Hat es euch nicht da schon mal gereizt, ein wenig zu übertreiben und einen Song komplett mit ausufernden Keyboards zu verzieren? Quasi DIMMU BORGIR auf Death Metal?

Ha ha! Mit Sicherheit spielen wir bisweilen damit, aber die Musik muß immer ausbalanciert sein, immer. Wenn es uns zu ausufernd und schwelgerisch klingt, wird es aufs Nötigste, sozusagen den Kern reduziert.

Andy LaRocque hat eurer Scheibe kräftig Druck verpaßt. Irgendwie habe ich schon lange keine Scheibe gehört, an der nun für mich rein gar nichts auszusetzen ist. Denn auch die Produktion ist einerseits transparent, andererseits wild genug, dynamisch, voller Power. Könnt ihr versprechen, diesen Mix auf eurer nächsten Scheibe beizubehalten?

Andy wäre glücklich, wenn er hören würde, dass du die Produktion schätzt!
Traurigerweise können wir in der Hinsicht keine Versprechungen machen. Dieses Album haben wir selbst finanziert, über 7000 Euros haben wir dazu beigesteuert, wirklich! Sicher, in Zukunft wird Cartel Media uns unterstützen, jedoch kann ich für das nächste Album leider nicht versprechen, dass wir wieder soviel Geld beisteuern können wie wir es für „Diaries From The Gallows“ getan haben. Aber das ist ja glücklicherweise noch nicht aktuell, wir werden später sehen, was da noch so alles kommt…

Niklas von DARK TRANQUILLITY hat euch ein ziemlich düsteres, ein wenig gemeines Cover verpaßt, ich denke, das Thema hat er wie gehabt sehr professionell umgesetzt. Ich finde, auch textlich erinnert ihr stark an DARK TRANQUILLITY. Der Titel „I, Enemy“ sowie die dazugehörigen Lyrics klingen stark nach den großen Vorbildern. Seid ihr Brüder im Geiste? Und gibt es eine Verbindung zwischen eurem Cover und den Lyrics?

Ja, Niklas hat wirklich Klassearbeit geleistet! Ich würde zwar nicht soweit gehen, zu sagen, dass DARK TRANQUILLITY und wir Brüder im Geiste sind, aber Niklas hat uns sehr geholfen mit dem Artwork und darüber hinaus unterstützte er uns mit seiner außerordentlichen Erfahrung, was das Musikbusiness angeht. Michael Nicklasson hat uns seinerzeit sehr bei den Aufnahmen zu „Caress The Abstract“ geholfen. Wir hatten vorher bei Daniel Svensson von IN FLAMES und SACRILEGE nachgefragt, ob er die Vocals übernehmen könnte, er war jedoch damals auf Tournee in den Vereinigten Staaten; so kam Michael zu seinem schon oben erwähnten Kurzeinsatz als EVENTIDE-Sänger.

„Diaries From The Gallows“ hat ja in den einschlägigen Medien bisher durchweg gute Kritiken bekommen. Wie ist eigentlich die Resonanz der Fans auf euer neues Album?

Bisher haben wir erfreulicherweise überhaupt keine negativen Kritiken seitens der Fans oder von Freunden erhalten. Das Album wurde überall mit offenen Armen aufgenommen und wir freuen uns natürlich sehr über die Unterstützung von allen Seiten!

Gibt es schon Pläne für die Zukunft und habt Ihr etwa schon Ideen für die nächste CD?

Priorität hat im Moment das Spielen von Konzerten und das Promoten der Band in jeder möglichen Weise. Wir haben aber auch schon einige Ideen und Riffs fürs nächste Album und wir sind selbst sehr gespannt darauf, wie es sich entwickeln wird und wie es wächst!

Könnt Ihr darüberhinaus schon etwas zu Touraktivitäten sagen? Gibt es demnächst Konzerte von Euch, wenn ja, mit welchen anderen Bands? Hoffentlich doch auch in Deutschland? Könntet ihr oder Cartel Media in dem Zusammenhang nicht die schon bestehenden Kontakte zu DARK TRANQUILLITY nutzen und diese Band auf Tour begleiten, wenn die im Mai ihr neues Opus veröffentlichen? Das wäre doch sehr fein…

Das wäre natürlich eine treffliche Idee! Es gibt wohl nichts was wir lieber täten als sofort auf Tour zu gehen, aber momentan existieren noch keine speziellen Pläne. Wir haben Promo-CD’s an verschiedene Festivals und Clubs geschickt und hoffentlich in nicht allzuferner Zukunft werden wir auch mal außerhalb Schwedens auf Tour gehen, um unsere europäische Gefolgschaft mit unserer Musik zu malträtieren…
Zudem haben wir uns mit unseren Landsleuten von CONSTRUCDEAD unterhalten, um hier in Schweden einige Gigs zusammen zu spielen.

Und zum krönenden Abschluß: was bedeutet es Dir Musiker zu sein? Was genau Metal? Was hörst du sonst noch, auch im Nichtmetalbereich?

Musik ist alles für mich, sie ist in meinem Blut, steckt in meinen Knochen und ist mir quasi in die Wiege gelegt… Metal hat mir mit den Jahren immer mehr bedeutet; es ist wie eine Energiequelle für mich. Neben Metal höre ich auch gerne POCUPINE TREE, MARILLION, MUSE, CROMA KEY, TORI AMOS, PLACEBO, A PERFECT CIRCLE, LIVE und noch viele andere…

Ich danke dir für deine Antworten! Und euch natürlich viel Glück mit Tournee, Video-Plänen und weiteren Veröffentlichungen! Vielleicht kann ich euch ja demnächst mal live hören…

Danke dir für das Interview!

22.01.2007

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