NCOR
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Interview

2001 gewannen sie den "Battle of the Bands" vom Sonic Seducer – jetzt kommt ihr Debütalbum auf den Markt: "Tiefenrausch", das erste Werk von NCOR, steht seit dem 10. Februar in den Läden. Veröffentlicht wird das Elektro-Pop-Album von Strange Ways. Auch ohne eine Platte im Gepäck haben Micha (Synthi) Sebastian (Synthi) und Kevin (Vocals) ihre erste größere Tour als Supportband in Angriff genommen. Am 11. Januar fiel der Startschuss in der Hamburger Markthalle – zusammen mit Funker Vogt. Grund genug, sich einmal ausgiebig mit Sänger Kevin zu unterhalten.

NCORTourauftakt in Hamburg: Du wirkst ein bisschen nervös…. Woran liegt es? Alleine am Tourauftakt oder auch am Ort Hamburg?

Ich glaube an beidem. Wenn man nicht nervös ist, ist man auch nicht ehrlich… glaube ich. Ein bisschen nervös ist denke ich jeder und ich glaube schon, dass man an der Nervosität messen kann, wie ernst man die Sache nimmt, die man macht – ein bisschen jedenfalls. So abgebrüht kann niemand sein, dass er nicht nervös ist.

Und was hältst Du von Hamburg als Tourauftakt?

Anstrengend, schwierig, weil der Hanseat ja doch etwas trocken ist – der Klassische. Er verbringt den Abend vor der Bühne, steht da und denkst sich: Okay, das ist neu, irgendwie neu. Hab ich noch nie gehört.

Ist das die eigene Erfahrung oder dass, was Du von anderen Bands gehört hast?

Einerseits, haben es viele Leute erzählt und andererseits weiß ich, wie gut oder nicht gut unsere DJ Promo im Gegensatz zum Rest-Deutschland in Hamburg ankommt.

Du hättest also den Tourauftakt lieber zum Beispiel in Krefeld gehabt, oder?

Ja, irgendwo im Ruhrpott. Denn dort gehen die Leute auf jeden Fall bei jedem Konzert heftig ab. Obwohl das nicht einmal unsere Heimat ist, da wir aus Ost-Westfalen kommen.

Was für Erwartungen hast Du für die Tour?

Spaß haben… und natürlich neue Leute für unsere Musik begeistern… irgendjemand muss diese Platte ja schließlich kaufen, aber abgesehen davon: Ich halte nichts von dieser Trennung zwischen Musiker und den Leuten, die im Publikum stehen. Es wäre vermessen zu glauben, mit NCOR Geld zu verdienen, also wirklich Plus zu machen. Der Antrieb ist eher, Leute zu finden, die das verstehen, was da gesagt wird.

Aber ein Traum ist es doch sicher, mit der Musik Geld zu verdienen…

Ja sicher, ein Traum schon. Wenn Du damit Geld verdienen kannst, kannst Du Dich ganz und gar der Musik widmen und musst nichts anderes mehr tun. Das ist natürlich super.

Das ist bis jetzt Eure größte Tour – vielleicht nicht vom Umfang, aber von den Locations. Was habt Ihr an Tour- und Festivalerfahrung schon hinter Euch?

Wir haben unseren aller ersten Auftritt auf dem Wave Gotik Treffen 1999 absolviert und waren erstaunlich erfolgreich. Der Saal war voller Menschen… da hatten wir wirklich ein bisschen Angst. Die Leute dachten sich anscheinend: Interessant, was die da machen. …und sind echt abgegangen. Die Erfahrungen insgesamt waren relativ gut. Wir haben sogar das PC69 in Bielefeld halb voll bekommen. Etwa 2000 Leute passen dort hinein. Wenn Dir so viel Feedback entgegenkommt, gibt das das Auftrieb – das war damals auch der Antrieb, überhaupt weiter zu machen, das ganze ein wenig professioneller zu betreiben. Denn zuerst war es einfach nur als Spaß-Projekt und reine Selbstverwirklichung ohne Label, ohne Markt und ohne Druck geplant.

Was sind denn die Ziele für dieses Jahr und auch für die weitere Zukunft?

Wir hoffen, dass es mit dem WGT wieder klappt. Geplant ist vielleicht auch das M’era Luna – je nachdem… Es ist nicht schön, relativ früh im Hangar zu spielen, weil da wirklich wenig Leute vor der Bühne stehen. Wenn es dieses Jahr mit „etwas später“ nicht klappt, dann machen wir es wahrscheinlich nicht, sondern lieber nächstes Mal. Das ist ein bisschen zwiespältig, weil es einige Leute gibt, die uns sehen wollen es andererseits aber nicht schön ist, so sehr früh zu spielen – es bringt nicht so viel Spaß, wenn da Leute vor der Bühne stehen, denen das so früh am Morgen einfach noch zu laut ist.

Wie kam es überhaupt zur Bandgründung?

1998 nach dem Zivildienst kam die Idee, wieder Musik zu machen. Vorher hatte ich bereits in zwei Bands gespielt.

Und in welche Richtung ging die Musik in den ersten beiden Bands?

Power Metal! Power Metal mit Dauerwelle und hohem Gesang. Das war eine Leidenschaft damals als Schulband. Wir waren sogar relativ erfolgreich, hatten immerhin einen Sponsor: Einen kleinen Gitarrenhersteller. Wir haben uns wie große Rockstars gefühlt und uns die Glocke vor jedem Auftritt zugesoffen. Michael war als Bassist dabei.

Wie kam es zu dem kompletten Stilwechsel? Eure Musik ist ja nicht wirklich mit Power Metal vergleichbar.

Einerseits ändern sich natürlich Vorlieben. Klar höre ich immer noch gerne Metal und Punk und Rock, aber es gibt auch richtig geile Bands wie The Prodigy, Chemical Brothers usw., die uns maßgeblich beeinflusst haben. Hinzu kommt der Versuch, sich wirklich hinzustellen und etwas zu vermitteln. Es ist dann eine Mischung aus grooviger Elektronik und deutschem Gesang geworden.

Hat sich Eure Musik seit der Bandgründung 1998 verändert?

Oh ja, massiv. Wir haben zum Teil erst englisch gesungen. Wobei ich nichts gegen eine andere Sprache habe, aber ich habe festgestellt, dass die Leute oft aufmerksamer zuhören, wenn sie deutsche Texte hören. Deutsch kann natürlich auch ein Nachteil sein. Einige denken, weil sie vielleicht nicht hinter die Oberfläche gucken: ‚Oh Gott, was singt der da?‘ Die sind dann vielleicht eher – nichts, aber auch gar nichts gegen Goethes Erben – deren Lyrik gewohnt, wo jemand viel in sehr heftigen Worten aussagt. Das andere wird ja oft – ähnlich wie bei Rammstein oder auch Oomph! – als Pathos beschuldigt. Mit Oomph! Einmal zusammenzuarbeiten – das wäre toll. Okay, das ist jetzt etwas hochgegriffen.

Wovon lasst Ihr Euch bei Eurer Musik beeinflussen?

Groove, ein bisschen Aggressivität und vor allem Melodie. Wenn ich eines nicht mag, dann ist es Musik, bei der Du die ganze denkst: ‚Wann kommt jetzt der Refrain? Ist da vielleicht eine Melodie drin?‘ Wenn Du auf Bands anspielst: Zum Beispiel Chemical Brothers und natürlich unvermeidbar für uns V-Lenz, weil er unser Produzent und ein Freund ist. Er ist einfach mit der beste Mann für Grooves und Elektro. Bei unserem vierten oder fünften Auftritt haben wir uns kennengelernt und waren erst einfach befreundet. Dann hat er angeboten, etwas für uns zu machen und wir dachten uns nur: ‚Wie geil ist das?‘ Er hat einfach zehn Jahre Wissensvorsprung was elektronische Musik angeht, hat uns viel gezeigt, wobei er aber nicht arrogant war oder uns seine Meinung aufgedrückt hat. Er fand unsere Songs gut, wollte sie nur „unten herum“ etwas besser machen. Und das hat er auch immer geschafft, sehr gut sogar.


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Du bist bei Euch für die Texte verantwortlich. Wie ist der Rest aufgeteilt?

Micha macht live das Schlagzeug, ist aber nicht am Songwriting beteiligt, weil er einfach nicht genug Zeit hat, um sich damit zu beschäftigen. Sebastian sitzt wirklich den ganzen Tag im Studio und ist kreativ, schreibt Songs. Wir setzen uns irgendwann zusammen und er stellt dann fest: Okay, das, was Du da und da in dem und dem Gedicht geschrieben hast, passt total gut zu dem, was ich da musikalisch geschrieben habe – da hab ich das gleiche gedacht.

Bei Deinen Texten sollte man zwischen den Zeilen lesen können. Man muss sich auf die Musik einlassen, wenn man sie verstehen und nicht nur an der Oberfläche kratzen will. Siehst Du das auch so oder hab ich da etwas falsch verstanden?

Ne, das ist schon richtig. Ich steh auf Hermann Hesse und kann es überhaupt nicht leiden, wenn jemand sich hinstellt und total verschachtelte, heftig anmutende, bedrückende Lyrik vor sich herschiebt. Ich geh in die Disco oder auf ein Konzert und möchte mich begeistern lassen und begeistern lassen kann man sich, wenn man Dinge leicht versteht. Und Pathos gehört zu den Dingen, die man leicht verstehen kann. Und ein Lyriker, der das geschafft hat, ist aus meiner Sicht Hermann Hesse. Ich mag es nicht, wenn sich der Lyriker hinstellt und hinter wortgewaltigen Wänden irgendetwas versteckt. Ich finde, man muss es klar verstehen. Und wenn man dann die Oberfläche klar verstanden hat – weil wir uns auch ganz gerne hinter der Maske der scheinbaren Belanglosigkeit verstecken, sehr bewusst auch – und nur einen Tacken weiterdenkt, kann man auch die Botschaft unter der Oberfläche erkennen… wenn man das will.

Gibt es etwas Zentrales, was Du mit den Texten vermitteln willst?

Hmmm, ja. Die Spaßgesellschaft der letzten Jahre hat schon so ein bisschen dazu geführt, dass viele Menschen weniger über ihre Mitmenschen, deren Gefühle, deren Seele usw. nachdenken, sondern sich einfach denken: ‚Oh Gott, der hat Probleme, schnell weg.‘ Wenn nicht alles jung, schön und total hübsch und „groß“ ist, wird man ausgestoßen. Auch, wenn man einfach nicht dazugehören will. Das ist schade. Und genau das versuche ich zu vermitteln: Man sollte einfach mal einen Schritt weiter denken. Und dass man, nur weil jemand sich vielleicht falsch verhält – ein Freund, ein Bekannter oder wer auch immer -, nicht sofort sagen sollte: ‚Ich kann mit Dir nichts mehr anfangen.‘ Einfach nachdenken, welche anderen Schritte es gibt.

Auf Eurer Homepage hast Du zwei Essays zum besten gegeben. Fließt da philosophisches Blut in Dir? Wann kommt das erste Buch oder die erste Gedichtsammlung?

Ich denk wirklich darüber nach. Ist echt wahr. Es gibt eine Belletristikautorin, die ich durch Zufall kennen gelernt habe. Sie schreibt Ägyptenromane, was jetzt nicht ganz mein Thema ist, aber sie hat mir Gedichte geschickt, bei denen ich dachte: Ja, genau! Ich habe dann Kontakt zu ihr aufgenommen und wir haben angefangen, einfach Sachen von mir in ihre Worte zu fassen. Also nicht „lyrische Worte“, sondern „Romanworte“. Das haben wir nur aus Spaß gemacht und denken wirklich darüber nach, das auszuweiten.

Setzt Du Dich hin und denkst daran, einen Songtext zu schreiben oder verfasst Du Gedichte und schaust später, was wie als Songtext verwendet werden kann?

Ich schreibe super viele Gedichte, habe zu Hause alleine seit dem letzten Album schon wieder 150/200 DIN A4-Seiten an Lyrik angesammelt. Ich geh in die Disco und mir fällt irgendetwas ein, sitze dann am Tresen und denk mir: Was für eine Scheißmusik und auf einmal fällt mir dann irgendeine Lyrik ein und die schreib ich dann auf und trage das später alles auf großen Zetteln zusammen und irgendwann fügt sich alles zusammen. Nachdem sich alles zusammen gefügt hat, Sebastian einen Song am Start hat, passt das öfter mal.

Wenn Du noch Zeit für eine andere Band hättest, was würde die für Musik machen?

Rock! Ernstzunehmender, dunkler Rock, vielleicht dann auch englischsprachig. Aber dafür bleibt leider keine Zeit.

So lange bist Du ja noch nicht im Musikbusiness – wie ist Dein Eindruck?

Schräg, aber sonst okay. Es gibt andere Bereiche, in denen die Leute viel bekloppter sind, ob es jetzt um Kneipen oder sonst was geht. Es gibt einfach überall selbstüberschätzte Spacken. Das Musikbusiness ist eigentlich ganz lustig. Ich glaube, viele Leute feiern sich seit Jahren einfach nur furchtbar oft selbst und es gibt viele Gruppierungen und ein bisschen Vetternwirtschaft, aber im Großen und Ganzen ist es recht warmherzig und sehr schön.


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Was macht Ihr drei neben der Musik?

Sebastian und ich haben zusammen eine kleine Werbeagentur, die wir betreiben. Webdesign ist ein großer Bereich – für diverse Puffs sogar. Wir entwerfen auch Logos für neuere Unternehmen‘ Wir sind in einem Verband junger Unternehmer, die sich untereinander helfen.

Du Warst in Mailand und Paris: Wann wieso und was hast Du da gemacht?

Ich hatte relativ schnell nach der Schule eine Kneipe und eine Disco in Bielefeld, weil ich keine Lust auf normale Lebensart hatte. Und bin dann von einer Frau, die ich extrem geliebt hatte, beschissen worden, einfach verarscht worden und hab mir gedacht: ‚Du musst jetzt irgendwo hingehen.‘ Dann bin ich einfach abgehauen. Ein Kumpel von mir hatte ein halbes Jahr vorher, davon wusste ich jedoch nichts, Bilder von mir an eine Model-Agentur in Paris geschickt. Ich war dann in Paris und dort kam irgendein Scout auf mich zu und meinte: ‚Dich kenn ich!‘ Ich hab mir nur gedacht: Das kann nicht sein. Wen meinst Du, mich? So bin ich dann da reingerutscht.

Modelst Du auch jetzt ab und zu noch oder ist das Thema Vergangenheit?

Eigentlich nicht mehr. Ich habe jetzt aber gerade wieder etwas für eine gute Freundin von mir gemacht, würde das in dem Sinne, wie ich es damals beruflich gemacht habe, nie wieder machen. Weil eben genau das – also der schöne Schein – eine Rolle spielt und die Person, die dahinter steckt, einfach nur als der letzte Dreck gesehen wird, als das Objekt derer, die dort das Geld verteilen.

In Mailand hast Du mit einer Schauspielausbildung begonnen…

Ja, aber nur ein Jahr lang. Und zwar bei einer doch recht alten Frau, die in Mailand wohnte. Sie hat angefangen, mir ein bisschen Schauspielunterricht zu geben. Gesang eher weniger, deswegen bin ich heute noch nicht wirklich gut. Ich arbeite daran – genauso wie am Schauspielern. Das würde ich gerne machen, weiß aber, dass ich noch nicht an dem Punkt bin, an dem ich das machen sollte.

Also hast Du das bisher Angeeignete noch nie eingesetzt?

Doch, ich habe mal zwei Folgen bei den „Wagenfelds“ mitgespielt. Das war aber mehr Zufall. Ich wollte nicht zum Zivildienst und habe deswegen dort einen Job angenommen, weil ich dachte, wenn ich den Job habe, dann können die mich nicht einberufen. Ich würde irgendwann gerne etwas Ernsthaftes in dem Bereich machen.

Möchtest Du noch einmal zurück nach Mailand oder Paris?

Nein! Diesen Horror dort möchte ich nicht wiederholen. Du bist der letzte Dreck, das letzte Objekt derer, die dir das Geld in die Tasche spielen, indem du auf dem Laufsteg bist. Die großen Designer sehen es schon so, dass Du deren Besitz bist und nahezu alles machen musst, was sie glauben, was du machen musst. Ich habe mich da immer geweigert und ich werde da glaube ich auch keinen Fuß mehr fassen. Es gab kaum Momente, in denen der Job Spaß gebracht hat. Ich habe einmal durch Zufall Bruce Willis in Paris kennen gelernt. Das war der einzige Moment, der wirklich cool war.

Zum Abschluss muss noch gesagt werden, dass die leichte Panik vor dem Auftritt in Hamburg umsonst war und einige aus dem Publikum nicht nur bei den Funkern ihre tänzerischen Fähigkeiten unter Beweis stellten. Nach dem Konzert also Erleichterung und Freude pur – das wird nicht der letzte Auftritt in Hamburg gewesen sein.

11.02.2003

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