Pripjat
"Musik ist etwas Metaphysisches"

Interview

Ganze vier Jahre haben PRIPJAT gebraucht, um ihrem Debütalbum „Sons Of Tschernobyl“ einen Nachfolger hinterher zu schieben. Faul war das Quartett in der Zwischenzeit aber keineswegs, sondern hat sich in den Clubs dieser Welt den Arsch abgespielt. Die gesammelte Erfahrung haben PRIPJAT auf „Chain Reaction“ zu einem eindrucksvollen Thrash-Monster gebündelt. Im Gespräch entpuppen sich Gitarrist/Sänger Kirill Gromada und Gitarrist Eugen Lyubavskyy zudem als intelligente Zeitgenossen, die gerne mal über den musikalischen Tellerrand blicken.

Moin Jungs, PRIPJAT haben ja einen ganzen schönen Sprung von der Eigenproduktion zum NoiseArt-Deal hingelegt. Wie fühlt sich das an?

Kirill: Grüß Dich! Ja es fühlt sich klasse an, wenn die Arbeit Früchte trägt. Wir sind so glücklich wie man nur sein kann.

Eugen: Hey Dude. Auch ich bin sehr happy mit allem. Man sollte aber nicht vergessen, dass wir seit „Sons Of Tschernobyl“ wirklich fleißig waren uns einen ziemlich guten Ruf erspielt haben. Und zwar Gig für Gig. Daher ist ein Label wie NoiseArt einfach der passende Partner, der uns dabei hilft aus dem neuen Release das Maximum herauszuholen. Und bisher läuft die Zusammenarbeit perfekt.

PRIPJAT haben in den letzten Jahren bereits eine ganze Menge in Eigenregie erreicht. Warum habt ihr für euer neues Album „Chain Reaction“ einen Teil der Kontrolle abgegeben?

Eugen: Das haben wir nicht. Das Album wurde von Kirill komplett aufgenommen, gemischt und gemastert. Unser Video wurde von Freunden gedreht. Booking und Management mache ich komplett. Unser Merch stellen wir selbst her und vertreiben es auch selbst. Wir sind also eine voll autonome Band. Das Label hilft uns nun bei der Promo, aber auch da wird keine Kontrolle abgegeben. Wir arbeiten sehr eng zusammen und haben den Einblick in alle relevanten Entscheidungen.

Kirill: Hätten wir die Kontrolle abgegeben, so würde das Album nicht so klingen, wie es klingt, hehe!

„Chain Reaction“ hat im Gegensatz zur ersten Platte deutlich mehr Melodieanteil und sogar ein paar langsamere Songs. War es eine bewusste Entscheidung von euch, musikalisch etwas vielseitiger zu werden?

Kirill: Es ist etwas von beidem. Wir wussten, dass wir nach „Sons Of Tschernobyl“ einen deutlich eigenständigeren Stil entwickeln mussten. „Sons Of Tschernobyl“ war ein Resümee unserer Eindrücke im Thrash. Dieses Album ist das Ergebnis dessen, was wir gelernt haben. Wir haben aber bewusst an Songs gearbeitet, die mehr musikalische Tiefe und Abwechslung bieten. Dabei sollte der „Auf die Fresse“-Kurs beibehalten werden.

Eugen: Das neue Material fühlt sich für uns sehr logisch an. Da gab es keinen bewussten Plan, konkrete Fahrziele. Wir haben auf dem Debüt vieles ausprobiert und sind diesmal fokussierter zur Sache gegangen. Obwohl „Chain Reaction“, wie du schon sagst, recht melodisch klingt, ist es unter dem Strich deutlich aggressiver und böser als „Sons Of Tschernobyl“. Aber wir haben ja keinen krassen Stilwechsel gemacht. Nur wussten wir einfach besser was uns genau ausmacht und konnten so eigenständiger arbeiten.

Die Produktion der Platte wirkt auf mich ein wenig aufgeräumter als bei „Sons Of Tschernobyl“. Seid ihr den Aufnahmeprozess diesmal anders angegangen?

Kirill: Wir haben alle Ganztagsjobs. Entsprechend mussten wir die Aufnahmen und alles drum herum in der zur Verfügung stehenden Freizeit machen. Gleichzeitig habe ich noch das Album meiner anderen Band AYAHUASCA produziert, was noch etwas aufwendiger war, als die „Chain Reaction“. Man braucht da natürlich eine faire Zeitaufteilung, daher war das Zeitmanagement etwas schwierig. Entsprechend dauerte die Aufnahme so lange. Ich denke der größte Unterschied zum Debüt war, dass wir nicht wirklich in dieses „wir sind jetzt im Studio“-Gefühl gekommen sind. Das hatte Vorteile, denn man hatte keine Sekunde lang Druck während der Aufnahme verspürt. Wenn man einen scheiß Tag hatte, war es halt so und man musste sich nicht darüber Gedanken machen, dass man jetzt einen Studiotag für 400 Euro vergeudet hat. Der Nachteil daran war, dass das Album nach vier, anstatt nach drei Jahren rausgekommen ist.

Welche Kettenreaktion meint der Albumtitel eigentlich?

Eugen: Jede. Wir sind davon umgeben und jede Aktion bringt eine Reaktion. Die moderne Gesellschaft vergisst das schon mal, da wir den kompletten Bezug zur Produktionskette verloren haben. Ja, es sind indische Kinder, die unsere Klamotten nähen. Ja, es waren lebende Tiere, die in unseren Burgern landen. Ja, wenn man einer Nation mit nuklearer Vernichtung droht, wird diese Nation reagieren. Und wenn man jemanden bei Facebook beleidigt, kann es auch durchaus physische Konsequenzen geben. In diesem Sinne steht unsere „Chain Reaction“ in erster Linie für Reflexion. Es gibt aber auch andere Deutungsweisen, die unmittelbar mit uns als Band zu tun haben – da dürft ihr euch gerne kreativ austoben.

Unter dem Motto „No Bookers, No Rivals, No Bullshit“ haben PRIPJAT 2015 gemeinsam mit DUST BOLT, BLIZZEN und SPACE CHASER eine Reihe von Konzerten organisiert. Ich persönlich fand die Sause in Köln verdammt cool und warte seitdem auf eine Fortsetzung des Konzepts. Kommt da noch was?

Eugen: Ja, das war eine coole Geschichte. Im Prinzip machen wir ja ständig irgendwas in diese Richtung, denn ich veranstalte immer wieder mal Konzerte in Köln und ansonsten werden wir irgendwohin eingeladen. Das läuft alles ohne Booker. Was nicht heißt, dass wir Booker nicht mögen, nur waren wir bislang einfach zu klein und haben diese Arbeit daher selbst gemacht. Und dass es sehr gut funktionieren kann, wenn alle Beteiligten fair sind und mit anpacken, hat man ja gesehen. Ausverkauftes Haus, geile Stimmung – das war herrlich. Leider gibt es das Underground nicht mehr. Es wird immer schwieriger mit den Locations in den Großstädten. Eine Fortsetzung unter diesem Titel wird es eher nicht geben und auch das Line Up ist nicht mehr so einfach zu bekommen, wie noch vor drei Jahren. Unsere Freunde von DUST BOLT gehen gerade völlig verdient steil und touren ständig, teils in den USA. Da sind solche Einzelgigs für sie einfach schwierig umzusetzen. Aber klar – für solche Aktionen sind wir nach wie vor absolut zu haben und werden in irgendeiner Form auch aktiv werden. Die Szene ist halt das was man selbst draus macht.

Eure Bühnenpräsenz ist verdammt mächtig. Pflegt ihr bestimmte Rituale vor einem Gig, um in die richtige Stimmung zu kommen?

Kirill: Jeder von uns hat so seine kleinen Rituale. Aber generell sitzen wir alle da und wärmen uns auf. Manchmal spielen wir auch zusammen ein paar Songs trocken um das Feeling aufkommen zu lassen. Aber manchmal tut es auch einfach gut mal vor die Tür zu gehen und etwas frische Luft schnappen, bevor man auf die Bühne geht und alles vernichtet, was in seinem Weg ist, haha!

Eugen: Hehe, also Ritual klingt für mich nach Räucherstäbchen und Pentagrammen. Räuchern ist vielleicht gar nicht so falsch. Ich selbst brauche einfach eine Stunde vor Stagetime meine Ruhe. Ich bin nicht aufgeregt, aber sehr fokussiert und kann mich auf keine Gespräche mehr konzentrieren. Also suche ich mir eine ruhige Ecke, wärme mich auf der Gitarre auf und mache ein Paar Dehnübungen. Der Nacken dankt es mir auch, denn auf der Bühne geht es ja von 0 auf 1.000. Wenn man das oft macht, muss man aufpassen und sportlich bleiben.

Vom Old School Thrash der 80er mal abgesehen: Was inspiriert euch beim Schreiben eurer Musik und Texte?

Eugen: Was die Texte angeht, so inspiriert mich das Weltgeschehen eigentlich genug. Es ist auch meine Art bestimmte Dinge zu verarbeiten. In „Kiew Burns“ geht es zum Beispiel um die gescheiterte Revolution in der Ukraine, ein Thema, das uns beiden sehr nahe geht. Ich habe mich aber auch an stärkeren Tobak getraut wie das Thema der Vergewaltigung, religiöser Diskriminierung von Frauen oder Selbstjustiz. Der einzige Song, der die Tschernobyl-Thematik nochmal aufgreift, ist diesmal der Stampfer „Returnless“ geworden. Dort geht es um die aus Pripjat Vertriebenen, die sich nie wieder erholt haben und in den meisten Fällen ihr Leben lang Flüchtlinge im eigenen Land bleiben mussten.

Kirill: Für mich ist Musik etwas Metaphysisches. Es ist nicht greifbar, aber es berührt dich. Du kannst Dinge sagen, die du mit Worten nicht ausdrücken könntest. Ich war nie wirklich gut mit Worten, ich konnte meine Gedanken immer besser durch Musik ausdrücken. Emotionen und Erlebnisse die mich prägten, haben demnach Theme-Songs bekommen, wenn man es so sehen möchte. Ein gutes Beispiel dafür, ist zum Beispiel „Returnless“. Der Arbeitstitel für den Song hieß einfach „Satanic“ und genau das sollte der Song musikalisch auffassen. Viel Material entsteht auch durch Jammen, wenn z.B. Bobo (gemeint ist Schlagzeuger Yannik ‚Bobo‘ Bremerich – Anm. d. Verf.) und ich uns für Stunden in den Proberaum verkriechen und spielen. Wir sind beide in mehrere Projekte involviert, daher können wir den Musikalischen Output, der nicht zu PRIPJAT passt, in anderen Projekten verarbeiten. Und man unterschätze nie den Inhalt deines MP3 Players, denn du bist nur so gut, wie die Bands die du hörst!

Galerie mit 10 Bildern: Pripjat - Skate Metal Fest 2016
27.04.2018

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