Pro-Pain
Pro-Pain

Interview

Wenn auf eine Band der Titel Urgestein zutrifft, dann wohl auf PRO-PAIN. Mit "Prophets Of Doom" erscheint dieser Tage ihr mittlerweile zehntes Studioalbum. Beachtlich für eine Band, die die ersten Stunden des Hardcore miterlebt und geprägt hat. Müdigkeit ist weit und breit nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Frontmann/Bassist Gary Meskil verspürt auch 13 Jahre nach dem Debüt "Foul Taste Of Freedom" immer noch dieselbe Wut, hat immer noch den gleich hellen Blick für das Anzuprangernde in der Welt und ist trotz aller Erfolge seiner Truppe angenehm bescheiden geblieben.

Pro-PainWie kam es, daß das neue Album so schnell geschrieben war?

Wir haben einfach die Möglichkeit gesehen, wieder eine neue Platte zu veröffentlichen. Aber der Zeitrahmen war schon lächerlich knapp, das stimmt. „Prophets Of Doom“ ist jedoch nicht das erste Album, an das wir so herangegangen sind. Wir haben uns schon öfters unter Zeitdruck gesetzt. Das hat alles mit der eigenen Motivation zu tun. Das Resultat dieser Arbeitsweise ist jedoch immer große Freude und Zufriedenheit, zumindest für unsere Ohren. Ab und an brauchen wir diesen Druck. Zu oft sollte man dies jedoch nicht machen, denn sonst wird man verrückt.

Wie geht es euch gerade im Moment? Wartet ihr gespannt auf die ersten Reaktionen zur neuen Platte oder hat sich da nach all den Jahren Routine eingeschlichen?

Bei uns ist es immer so, daß wir, sobald das neue Album komplett eingetütet ist, unsere volle Aufmerksamkeit auf das Touren lenken. Diesmal war es sogar ganz extrem. Wir haben gerade eine US-Tour hinter uns. Deren erstes Konzert ging genau sechs Stunden, nachdem wir das Studio verlassen hatten, über die Bühne. Im Prinzip hatte ich noch gar keine Zeit, mich näher mit der Platte zu beschäftigen. Und jetzt sitze ich hier und gebe Interviews, hehe. Natürlich hoffen wir immer, daß die Reaktionen gut ausfallen. Aber darüber haben wir keine Kontrolle. Als tun wir uns allen einen Gefallen und machen uns deswegen keine Sorgen.

Als ich „Prophets Of Doom“ das erste Mal gehört habe, war ich etwas enttäuscht. Jetzt nach mehreren Durchläufen haben die Songs aber ihren Weg in mein Gehör gefunden. War es geplant, daß diese Platte sperriger und nicht mehr ganz so catchy ausfallen sollte?

Ja, war es. Früher haben wir immer darauf geachtet, den Gesang möglichst schnell beginnen und kurz nach der ersten Strophe schon den Chorus folgen zu lassen, quasi kommerziell arrangiert. Diesmal haben wir uns mehr an unseren Anfängen orientiert, als die Songs noch Einführungen hatten. Es ist notwendig, daß wir die Sache für uns selbst auch interessant halten.

Die neue Platte bietet mehr zum Entdecken.

Ja, das stimmt. Es ist nicht alles so offensichtlich. Die Songs brauchen eine Weile. Es ist schwerer, vorherzusagen, was als nächstes kommt. Bisher war es eigentlich immer ein wenig unser Markenzeichen, daß wir zu einem gewissen Grad vorhersehbar waren. Das haben wir abgestellt, in dem wir mehr Wendungen eingebaut haben.

Davon mal abgesehen, läuft die Platte aber vor Wut fast über.

Ja, hehe! Es gibt viele Sachen, die uns wütend machen. Gerade hier in den Staaten mußt du sehr auf deine politische Umgebung achten und vor ihr auf der Hut sein. Wenn man sich ein wenig in der Politik unseres Landes ein wenig auskennt und den Status sieht, den unser Land einnimmt oder einnehmen will, kann man schon sauer werden. Neben diesen Themen verarbeiten wir aber auch viel Persönliches in unseren Texten. Im Prinzip hat der komplette Status Quo um uns herum diese Wut geschürt.

Gerade der politische Background ist offensichtlich, denn viele der Songs tragen Titel, die direkt auf Bushs Taten abzielen.

Als, wir anfingen, die Songs zu schreiben, hatten wir eigentlich nur politische Themen im Kopf. Im Laufe des Songwritingprozesses haben wir das jedoch etwas herunter gefahren, da wir keine Band werden wollten, die sich nur durch Politik definiert. Das ist eine gefährliche Sache. Wir haben uns und unsere Meinung immer als unsere eigene präsentiert. Aber vor einen Karren spannen lassen würden wir uns nie. Trotzdem hoffen wir, mit unseren Texten ein paar Leute wachrütteln zu können. Auf einer Mission, deren Ziel es ist, jemanden zu bekehren, befinden wir uns aber keinesfalls.

Wie sehr glaubt ihr daran, daß ihr mit eurem Texten etwas bewegen könnt und die Leute dazu bringt, über die amerikanische Politik nachzudenken?

Das ist eine schwierige Frage. Bei den meisten ist es eh schon zu spät. Und die andere Hälfte ist von vornherein uninteressiert. Natürlich wäre es cool, wenn wir von unseren Platten behaupten könnten, daß sie das Denken der Leute beeinflußt oder geändert haben. Aber daß das wirklich passiert, wage ich zu bezweifeln. Am Ende des Tages sind und bleiben wir eine Band, die die Leute einfach nur unterhält. Unser Hauptziel ist es, unseren Fans eine gute Zeit zu verschaffen. Sei es im Auto, wenn sie unsere CD hören, oder auf einem unserer Konzerte. Sollten sie dennoch etwas aus unserer Message für sich selbst herausziehen können, dann wäre das ein Bonus oben drauf.

Warum seit ihr die Propheten des Untergangs, wie es der Plattentitel aussagt?

Weil wir mit offenen Augen durch die Welt gehen. Wir verfolgen alles, was um uns rum passiert, genau. Leider machen das heutzutage zu wenige. Propheten haben in der Vergangenheit auch stets negative Entwicklungen vorausgesagt, weil sie tief genug in den Geschehnissen ihrer jeweiligen Zeit gesteckt haben. Die meisten Leute wollen so etwas aber nicht hören. Sie wollen viel lieber zufrieden und glücklich sein. Das ist im Prinzip auch nichts Falsches. Aber dennoch sollte man wissen, was um einen rum passiert. Denn nur so kann man auch gewährleisten, daß man längerfristig glücklich bleibt.

Habt ihr diesmal auch wieder irgendwelche Gäste auf dem Album, nachdem auf dem Vorgänger „Fistful Of Hate“ Stephan Weidner von den Böhsen Onkelz als Gastsänger zu hören war?

Nein, diesmal sind keine Gastauftritte dabei. Die Platte ist so schnell entstanden, daß dieser Gedanke nicht mal die Zeit hatte, überhaupt zu entstehen.

Ihr seid gut mit den Onkelz befreundet, richtig?

Es war eine große Erfahrung und Ehre für Pro-Pain, Konzerte dieser Band und das Phänomen, das sie darstellt, erleben zu dürfen. Über die Jahre hat sich wirklich eine Freundschaft zu ihnen entwickelt. Wir empfinden den höchsten Respekt für das, was sie in ihrer Karriere erreicht haben. Aber genauso fühlen wir, daß sie uns für unser Tun auch Respekt entgegenbringen. Einen solchen Charakterzug erlebt man selten bei Bands einer solchen Größenordnung.

Freut ihr euch schon auf eure Teilnahme an deren Abschieds-Open-Air am Lausitzring Mitte Juni?

Auf jeden Fall! Eigentlich hasse ich solche Farewell-Veranstaltungen, vor allem, weil ich das Kapitel Onkelz nicht als beendet sehen will, aber es ist eine riesengroße Ehre für uns, daß sie uns gefragt haben, dort aufzutreten. Ich kann es kaum erwarten.

Die 100.000 anwesenden Fans werden bestimmt eine unglaubliche Atmosphäre verbreiten.

Hoffen wir, daß es nicht einem gigantischen Massenselbstmord endet, haha! Aber wir haben ihre Fans in guter Erinnerung.

Das glaube ich. Ich habe euch 1998 als Vorgruppe der Onkelz gesehen. Im Vergleich zu allen anderen Touren, auf denen ich war, wart ihr die Vorgruppe, die die besten Reaktionen abbekommen hat.

Anfangs hat uns wirklich jeder davor gewarnt, die Onkelz zu supporten. Wir haben gehört, daß die Onkelz-Fans niemand anders außer ihren Helden auf der Bühne dulden. So hatten wir zu Beginn schon ein wenig Schiß gehabt. Aber wir sind an diese Herausforderung herangegangen wie an jede andere auch. Wir sind einfach auf die Bühne, haben unser Ding durchgezogen und uns gedacht: „Wenn sie es mögen, cool! Wenn nicht, sollen sie an den Bierstand gehen.“ Am ersten Abend war es dann auch gar nicht so schlimm. Leute, die einen Bierbecher nach Dir schmeißen, gibt es immer. Uns war es wichtiger, daß wir vor Zehntausenden von Leuten spielen konnten. Nach dem dritten oder vierten Tourtag kam dann auf einmal das Management der Onkelz auf uns zu, um uns mitzuteilen, wie überrascht sie seien, weil wir so verdammt gute Reaktionen einfahren konnten. Das hat uns natürlich viel bedeutet und uns stolz gemacht.

Werdet ihr am Lausitzring euer Onkelz-Cover „Terpentin“ spielen?

Hehe, ich denke schon. Wahrscheinlich werden wir sonst gar nicht von der Bühne gelassen. Als wir 2003 die Festivals auf der Loreley und in Ferropolis gespielt haben, hatten wir nicht die Absicht den Song in unsere Setlist einzubauen. Wir hielten es für unangemessen, den Headliner des Abends zu covern und haben uns dementsprechend auch nicht darauf vorbereitet. Allerdings haben die Fans vor Ort regelrecht darauf bestanden. Dasselbe würde ich für Juni auch erwarten. Vielleicht kommen die Onkelz ja sogar mit auf die Bühne und wir spielen den Track zusammen.

Lass uns ein wenig über eure Karriere reden: Über zehn Jahre reiht ihr jetzt schon Album an Tour an Album. Wann kommt die Erschöpfung?

Hoffentlich nie! Wir sind der Sache auch bei weitem nicht überdrüssig. Allerdings mußten wir vor ein paar Jahren unseren Tourplan ein wenig kürzen. Früher haben wir im Schnitt 300 Konzerte pro Jahr gespielt. Das ging an die Substanz, weil wir es fünf Jahre am Stück so durchgezogen haben. Im Jahre 2000 kamen wir dann zu der Einsicht, daß wir uns auf diese Weise nur selbst kaputt machen. Außerdem wollten wir auch ein wenig mehr Zeit für unsere Familien haben. Trotzdem spielen wir immer noch mehr Shows als viele andere Bands. Wir haben bis jetzt noch nichts gefunden, worüber wir uns beschweren könnten. Wir gehen auf Tour, feiern gute Parties und bekommen Aufmerksamkeit von vielen Leuten. Ich kann mir kein besseres Leben vorstellen.

Zieht ihr daraus auch eure Motivation, jeden Abend wieder auf die Bühne zu gehen und deftig Arsch zu treten?

Natürlich! Und vor allem macht es eine Menge Spaß. Ich wüßte gar nicht mehr, was ich ohne die regelmäßigen Konzerte tun sollte. Sie sind einfach ein Teil von uns geworden.

Hast du eigentlich schon mal einen Gedanken an die Zeit nach Pro-Pain verschwendet? Ich meine, es ist immer cool, wenn Bands lange dabei sind. Aber ich kann mir ehrlich gesagt keine 60-jährigen Pro-Pain auf der Bühne vorstellen.

Hehe, ein ganz klein wenig könnte ich das schon. Denn hättest Du mich 1992 gefragt, was ich 2005 mache, hätte ich wohl bezweifelt, daß wir immer noch dabei sind. Aber im Ernst: Ich glaube nicht, daß wir mit 60 noch auf der Bühne stehen. Obwohl: Mal abwarten, was die Wissenschaft noch für Wundermittel entwickelt, haha. Wir werden unseren Stiefel so lange durchziehen, solange er Spaß macht, profitabel ist und die Leute uns noch sehen wollen.

Was war euer größter Moment auf der Bühne?

Oh mann, da gab es verdammt viele. Spontan würde ich unseren ersten Auftritt auf dem Dynamo nennen. Der Abend vorher in Amsterdam war unglaublich. Sex, Drugs & Rock n’ Roll, Verfolgungsjagden mit der Polizei. Und am nächsten Tag standen wir vor über 100.000 Leuten auf der Bühne. Wir fühlten, daß auf der Bühne und danach etwas ganz Spezielles passiert war.

Was können wir von der Tour im September erwarten?

Natürlich einige Tracks vom neuen Album und repräsentative Songs von allen anderen Werken. Unsere Supportbands stehen noch nicht fest. Unsere letzte Tour war mit Entombed. Deswegen kamen wir auf die Idee, vielleicht eine Co-Headliner-Tour zu fahren. Aber das ist alles noch in der Schwebe. Falls das nicht klappt, nehmen wir wieder unbekanntere Bands mit auf Tour, um sie den Leuten vorzustellen.

Ein letztes Thema ist noch unumgänglich: MetalCore. Glaubst du, es handelt sich um einen Hype?

Ich bin mir nicht sicher, wie ich das differenziert beurteilen soll. In Amerika dominiert immer noch der sogenannte Corporate Rock. In Europa ist die Szene angenehmer. Generell ist es immer gut, harte, alternative Musikstile zu haben, die Aufmerksamkeit erregen. Ich bevorzuge es aber immer, wenn Musik eine Aussage hat, wenn sie ein Ziel hat. Das fehlt mir hier ein wenig. Worum geht es diesem Stil genau? Ist die Einstellung des Fans wirklich ehrlich? Beides fehlt aber jedoch fast jeder Musik heutzutage. Leider.

Aber eigentlich haben MetalCore-Bands doch meist gehaltvolle Texte.

Ja, einige. Ich stelle lediglich in Frage, ob sie sich bei ihren Themen wirklich auskennen. Diese Musiker sind alle sehr jung, was natürlich auch wieder von Vorteil ist. Trotzdem wirkt das, was ich sehe, auf mich nicht ansteckend. Es hat eher etwas von einem zwanglosen Zusammenkommen, bei dem zwar über Ernstes geredet, aber nicht tief in die Materie eingedrungen wird.

Glaubst du, der MetalCore wäre ohne euch überhaupt möglich gewesen?

Hehe! (kleine Pause) Yeah, ich glaube schon, daß Pro-Pain ihren Platz in der Geschichte haben. Wir hatten aber nie den Anspruch, als Pioniere gehandelt zu werden und sehen uns auch nicht so. Im Prinzip sind wir ein Fels in der Brandung, denn es scheint, als waren wir immer da und werden dies auch immer sein. Wir sind der Nordpol des Hardcore! Absolut beständig. Die Leute können sich auf uns verlassen.

Profitiert ihr von dieser MetalCore-Welle? Zieht sie euch nicht auch ein wenig mit?

Ich weiß nicht. Eigentlich waren wir schon immer immun gegen das, was um uns rum passiert ist. Das ist sowohl gut als auch schlecht. Als der Hardcore ganz groß war, haben wir natürlich von profitiert. Aber als er verschwand, blieben wir weiterhin oben und hielten unseren Kopf über Wasser. Pro-Pain scheinen von Trends unabhängig zu sein. Vielleicht, weil man uns schwer kategorisieren kann.

Jetzt hast du im Prinzip meine Frage, was eure Fans so loyal macht, in den letzten beiden Antworten schon geklärt.

Ja, daran liegt das auch. Dazu haben wir es aber auch geschafft, zu vielen unserer Anhänger eine Freundschaft aufzubauen, die tiefer geht, als das in unserem Business normalerweise üblich ist.

Letzte Frage: Gib mir ein Wort, das Pro-Pain perfekt beschreibt.

Uuuh! (lange Denkpause) Beständigkeit!

Exakt das hatte ich erwartet! Ich bedanke mich.

Kein Problem! Übrigens: Meine Zweitwahl wäre „Ehrlichkeit“ gewesen!

Galerie mit 17 Bildern: Pro-Pain - Summer Breeze Open Air 2018
12.04.2005

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