Simon Hawemann
Enemy Of The Music Business

Interview

Simon und ich haben schon ein halbes Dutzend Interviews geführt. Das erste war schon 45 Minuten lang und WAR FROM A HARLOTS MOUTH hatten noch nicht mal ihr Debüt veröffentlicht. Über die Zeit wurde der gebürtige Berliner zu einem gern gesehenen Gesprächspartner, der mehr zu sagen hat als die Standard-Floskeln über das neue Album. Am Pfingstmontag war es dann mal wieder Zeit zu einem Videointerview mit Simon, der mittlerweile in Florida wohnt.

Sitzt du noch gar nicht in deinem Bunker wie dein Präsident? Auch wenn es eigentlich nicht dein Präsident ist.

Leider waren die Bunker ausverkauft.

Gehört doch aber zu so einer Kalter-Krieg-Ausstattung dazu.

Das ist richtig, aber leider waren die Bunker im Frühlingsschlußverkauf so schnell weg.

Da kann man doch eigentlich nur noch Witze machen, oder?

Leider nicht. Mir fehlt die ironische Distanz dazu mittlerweile. Es ist nur noch belastend hier zu sein.

Ist es denn in Deutschland so viel besser? Stichwort AfD, Stichwort Hanau. Es gibt auch genug Beispiele, dass es hier nicht unbedingt besser läuft.

In so global beschissenen Zuständen ist es schwierig, qualitative Unterschiede zu machen. Der Punkt für mich ist aber, das ich hier Migrant bin und nicht viel Einfluss darauf habe, was um mich herum passiert. Auch sind im Vergleich zu Deutschland weder die Wahlrechte noch die Arbeitnehmerrechte gesichert. Die Krankenversicherung ist nicht auf dem gleichen Niveau und die AfD ist in Deutschland auch noch nicht vier Jahre an der Regierung. Die Spaltung, die die AfD in Deutschland verursacht, wirkt hier in den Staaten schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Ich muss in dieser Zeit immer BODY COUNT hören, vor allem das album „Bloodlust“ mit dem Song „No Lives Matter“ und der Zeile „When it comes to the poor, no lives matter.“ Es gibt ja nicht nur die Spaltung zwischen Weiß und Schwarz, sondern auch zwischen Arm und Reich. BODY COUNT haben das in dem Song so beschrieben, dass es den Reichen sowieso egal ist welche Hautfarbe ihr habt, Hauptsache sie können auf euch rumtrampeln.

Das ist auf jeden Fall Teil des Problems, denn man hat so eine Art Klassenkrieg. Eigentlich sollte die Demokratie den Kapitalismus regulieren, aber der Kapitalismus reguliert leider die Demokratie. Unbegrenztes Wachstum geht mit dem Blick auf den eigenen Vorteil zusammen und so ist „Black Lives Matter“ genauso richtig, wenn man auf die Situation der Afro-Amerikaner schaut, wie „No Lives Matter“, wenn man auf das große Ganze schaut. Weder das eine noch das andere ist die ultimative Wahrheit. Es gibt da die verschiedenen Ebene, wie ein verschissener Burger aus Unrecht.

Für mich hört sich die „Bloodlust“ wie 90% Kapitalismuskritik an ohne eine Schlussfolgerung zu ziehen. Man kritisiert und kritisiert, kommt aber nicht zu der Idee, dass das Wirtschaftssystem daran Schuld sein könnte. Haben diesen Schritt im Denken in den USA bisher wenige Leute gemacht oder ist das jetzt gerade geschehen, wenn man zum Beispiel an die Vorwahlen und Bernie Sanders denkt. Ist das bei den jungen Leuten anders oder wie nimmst du das wahr?

Die Leute, mit denen ich mich so abgebe und eher links von der Mitte geprägt sind, sind eher sehr progressiv und haben ein großes Bewusstsein dafür entwickelt, dass wirtschaftliche Ungleichheit eines der größten Probleme ist. Davon entspringen viele Probleme und Rassismus wird dadurch noch gefördert. Das bedingt sich und der Rassismus in den USA hat natürlich auch ökonomische Hintergründe.

Kommen wir mal auf das Hauptthema zu sprechen, denn wir sind nicht bei politik.de, sondern bei metal.de. Über zwei Bands haben wir zu reden, aber fangen wir mal damit an, was dich nach dem Ende von WAR FROM A HARLOTS MOUTH in die USA verschlagen hat.

Der Punkt, dass ich meine Frau kennengelernt habe und wir geheiratet haben. Sie ist aus den USA, geboren in Los Angeles, und lebt seitdem ich sie kenne in Florida. Das hat mich hierher verschlagen und nicht irgendwelche Illusionen, dass es besonders spannende Dinge zu holen geben würde. Das ist ja eher das Denken der Amerikaner, dass ihr „Way Of Life“ so attraktiv wäre, dass man unbedingt hierher ziehen müsste. Das war nicht mein Motiv. Es ergab nur mehr Sinn hierher zu ziehen, da meine Frau bis Covid eine gute Karriere hatte und es weniger Sinn gegeben hätte zu dem Zeitpunkt nach Deutschland zu gehen.

Du selbst hast dort ein kleines Studio.

Ich betreibe nach wie vor ein Studio und mache weiterhin mein Mastering-Zeug. Ich schreibe außerdem für die „Gitarre & Bass“ eine monatliche Kolumne über so Metal-Gitarren-Zeug, wo ich relativ viel Freiraum habe und machen kann, was ich will. Und dann bin ich gerade dabei ein Label zu gründen, aber da kommen wir dann später noch drauf, wenn es um die Bands geht. Außerdem bin ich sehr aktiv in der Gitarrenindustrie und habe gerade mit ESP Guitars, für die seit dem letzten Jahr offiziell Artist bin, mit dem Händler hier in den USA ein limitiertes Modell herausgebracht. Das sind 18 Exemplare von einer Gitarre, wo ich die ganzen Spezifikationen und das Design ausgewählt habe. Letztes Jahr gab es die Vorbestellungen und jetzt ist sie erschienen. Da soll dann zukünftig auch noch mehr kommen. Also ich mache alles in der Peripherie von Musik, in verschiedenen Richtungen.

Beim Mastering hast du dich jetzt in der Corona-Pause deiner ehemaligen eigenen Band WAR FROM A HARLOTS MOUTH angenommen. Ich hab jetzt ein Interview von dir gesehen, wo es ein wenig durchkam, dass du dich mehr als nur dem ersten Album angenommen hast.

Das ist richtig. Wir haben die Rechte der ersten drei Alben von Lifeforce Records erstanden beziehungsweise Übergeben bekommen. „Transmetropolitan“ habe ich zuerst remastered und die haben wir jetzt wieder herausgebracht. Die Vorbestellungen liefen Anfang Mai und das Album ist jetzt im Presswerk. In den kommenden Monaten wird noch die „In Shoals“ und wahrscheinlich auch die „MMX“ kommen. Da müssen wir noch schauen wie es mit Timing und Nachfrage ist, aber mindestens eine Vinyl-Auflage wird wohl kommen. Ich bin ja selbst Sammler und habe hohe Ansprüche und es ist eine gute Gelegenheit für uns, die Sachen nochmal rauszubringen, da wir die volle Kontrolle darüber haben. Die „Transmetropolitan“ ist vor 13 Jahren erschienen und auch bei den anderen Alben ist beim Sound noch einiges rauszuholen. Von meinem Verständnis kommen damit die ultimativen Versionen der ersten drei Alben und wir hoffen auch von der „Voyeur“ von Season Of Mist die Rechte erstehen zu können.

Kamen die ersten drei Alben damals eigentlich als Vinyl heraus?

Ja. Von der „Transmetropolitan“ gab es eine Pressung, von der „In Shoals“ so anderthalb. Es gab eine Pressung für Europa und eine Doppel-LP-Pressung für die USA mit der „In Shoals“ und „Transmetropolitan“ zusammen. Eine Doppel-LP-Pressung rauszuhauen, war die Idee von Lifeforce Records USA, um dort bekannter zu werden und den Ableger des Labels aufzubauen. Und die „MMX“ kam in einer Farbe wie dann später auch die „Voyeur“, wobei es die ersten beiden Alben auch in mehreren Farben gab.

Die Nachfrage für die „Transmetropolitan“ war ja sehr hoch, innerhalb von Stunden war die weg.

Der erste Rutsch mit 600 Stück war in sieben Stunden weg. Das war unnormal, ich hab in meinem Leben noch nie so eine Pre-Order erlebt. Aufgrund alter Erfahrungen und Connections, auch wenn ich persönlich mittlerweile mehr im Black und Death Metal unterwegs bin, hab ich schon immer ein Auge darauf, was in der WFAHM-relevanten Szene so abgeht und es erschien uns schon so, dass dieses Jahr ein gutes Timing wäre, um die Sachen neu rauszubringen. Aber das es so gut laufen würde, haben wir nicht erwartet und haben nochmal 450 Stück nachgeschoben und davon sind nur noch 100 übrig. Das ist ja auch vollkommen ok. Man geht ja nicht davon aus, dass man eine Pre-Order launcht und die sofort ausverkauft ist. Von daher sind wir natürlich extrem zufrieden.

War From A Harlots Mouth – Transmetropolitan

WFAHM-relevante Szene hast du angesprochen. Was war damals eure Szene? Das konntest du mir damals in irgendeinem Interview nämlich auch nicht erklären, was so für Leute zu euren Konzerten kommen.

Das kann ich auch rückwirkend schlecht sagen, da wir als Band immer zwischen den Stühlen gesessen haben. Besonders auf den ersten beiden Alben traf das zu, da gab es Grindcore, Hardcore und diese Jazz-Parts, die ich eigentlich gar nicht so bezeichnen will. Breakdowns gab es auch und das hat irgendwie von allem etwas aktiviert. Das hat zu einem gewissen Punkt polarisiert und wir haben aber trotzdem eine breite Masse angesprochen von Leuten, die zu diesem Zeitpunkt keinen Bock mehr hatten auf normalen Metalcore. Das hatte sich zu dem Punkt dann auch schon erschöpft und aus der Szene gab es viele Leute, für die der Sound etwas Neues war. Für uns waren das Einflüsse von Bands, die in den USA schon etwas früher gestartet waren. Angefangen mit BOTCH, CONVERGE und THE DILLINGER ESCAPE PLAN bis hin zu CEPHALIC CARNAGE und frühen BETWEEN THE BURIED AND ME. Die hatten bis dahin in Deutschland noch kaum stattgefunden, wir haben sie uns als Fans aber reingezogen. Dafür gab es in Deutschland keine spezifische Szene und daher kam ein Ausschnitt aus der Hardcore- und Metalcore-Szene. Konkretisieren konnte man das aber nicht. Mit der „MMX“ und der „Voyeur“ wurde es dann noch schwieriger, da es sich zu der Extrem-Metal-Szene geöffnet hat und da wurde es noch schwieriger zu definieren, wer eigentlich unsere Band gehört hat.

Mit NIGHTMARER hast du auch wieder eine neue Band am Start. Dabei ist auch wieder Paul Seidel am Schlagzeug, der auch bei WAR FROM A HARLOTS MOUTH dabei war, und jetzt bei THE OCEAN trommelt und den ich letztes Jahr im Interview mit der Band hatte. Ihr plant auch ein neues Album oder habt es sogar schon geschrieben, oder?

Paul war im Januar hier in Florida und wir haben ungefähr zwei Drittel der Songs geschrieben. Danach bin ich nach Portland zu unserem anderen Gitarristen Keith Merrow geflogen und wir haben noch das restliche Drittel geschrieben. Paul ist dann direkt zurück nach Berlin geflogen, hat die Drums eingespielt und dann kam halt Covid. Unser Sänger John Collett lebt halt in New York und kann momentan nicht so einfach den Gesang aufnehmen. Der Plan war eigentlich, dass er Anfang April zu mir kommt und wir den Gesang hier im Studio bei mir aufnehmen, so wie wir es schon beim letzten Album gemacht haben. Das lag jetzt eine ganze Weile auf Eis und ich habe es vorhin ja auch schon angesprochen, dass wir bei einer Labelgründung dabei sind. Außerdem haben wir uns jetzt freiwillig vorzeitig von Season Of Mist getrennt. In Zukunft wollen wir alles alleine machen und das stand schon vor Covid fest. Jetzt haben wir mehr Freiheiten und hängen nicht in dem ganzen Schlamassel fest, mit dem in der Musikindustrie nicht offen umgegangen wird. Viele Bands haben gar nichts mehr, um ihre finanzielle Existenz zu sichern, jetzt, wo das Touren weggebrochen ist. Wir hängen da jetzt aber nicht fest, müssen kein Album abgeben und dann fünf Monate warten bis es das Label veröffentlicht. Wir hängen auch nicht in dem Schlamassel fest, dass das Label beschließt das Album nicht jetzt oder gar nicht physisch herauszubringen. Dann hängt man auf einer Warteliste der Prioritäten ganz unten. Wir sind jetzt in einer glücklichen Position machen zu können, was wir wollen und wie wir es wollen. Momentan sieht es wohl so aus, dass wir das Album noch etwas warten lassen und eine EP dazwischen schieben. Ich denke, wir haben jetzt eine Zeit, wo man ein Album zwar herausbringen kann, es aber nicht durch Konzerte promoten kann. Da wäre es vielleicht ein wenig Verschwendung und bei einer EP kann man einen Ausschnitt zeigen was bandmäßig musikalisch gerade abgeht und die Leute bei der Stange halten ohne alles zu verbrennen.

Das Album mit einer Tour promoten – wo hättet ihr das denn vorgehabt? Was ist euer Hauptmarkt? Was ist euer Heimatmarkt? Seht ihr euch als deutsche oder als amerikanische Band?

Bisher waren mit NIGHTMARER nur in den USA unterwegs, wir sind mit BELPHEGOR und DARK FUNERAL getourt und das war unsere erste Tour und ganz cool. Ich hab total Bock in Europa zu touren, wir sehen uns aber als amerikanische Band, da der überwiegende Teil hier lebt und Paul war als Schlagzeuger auf unserer Tour leider wegen Terminen nicht dabei. Für uns ist es also einfacher hier zu touren und wir werden von der Szene eher hier auch mehr wahrgenommen als in Europa. Aber wir hatten auch gerade an Terminen für Europa im Oktober gearbeitet. Wie realistisch das ist, dass da irgendwas stattfindet, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Grundsätzlich gibt es Dates und wir sind uns der Situation natürlich bewusst, wollten es aber von uns aus nicht alles absagen. Wir sollten aber zum Beispiel auf dem Euroblast spielen, das jetzt komplett verschoben worden ist und das wird wahrscheinlich auch nicht die einzige Veranstaltung sein.

Du hattest das Thema Streaming-Konzerte schon erwähnt. Denkst du, das könnte eine Zukunft haben? Facebook bastelt zum Beispiel an einer Plattform für bezahlte Streaming-Konzerte.

Ich glaube da nicht dran. Ich glaube da nicht dran, dass es eine Zukunft hat für Bands, um ihre Existenz zu sichern. Aus dem einfachen Grund, dass wir davon leben, das gleiche zu machen und das mehrfach zu reproduzieren. Wenn man in Berlin spielt und dann in Stuttgart, kann man das gleiche performen und wird beide Male dafür bezahlt, weil du vor verschiedenen Leuten spielst. Online schrumpft eine Tour auf ein Konzert zusammen, weil jeder die eine Streaming-Performance gucken kann. Nehmen wir mal die Zahlen unserer Tour aus dem letzten Jahr. Da waren im Schnitt 500 Leute da und es wird schwer 30 mal 500 Leute auf eine Streaming-Show zu bekommen, die das dann auch bezahlen wollen, es sei denn, du bist eine sehr große Band.

Bezahlwillig für den Eintritt, den du auch für das Konzert nimmst. Zwei oder drei Euro kann man sich ja noch vorstellen, dann hört es aber auch schon auf.

Aber welche Band kann denn dann davon leben? Gerade diese Mittelschicht der Bands, die eigentlich sonst nur vom Touren überleben, kann nicht vom Streaming überleben. Das sieht für mich nach einem vollkommen aussichtslosen Unterfangen aus. Es ist ja nicht endlos reproduzierbar, du machst eine Show und alle kennen deine Performance. Wenn du jetzt eine Band mit zehn Alben bist, kannst du noch alle Alben einzeln performen, aber auch dann ist es begrenzt und du kannst nicht erwarten, dann jeden Abend hunderte oder tausende Leute vor den Computer zu ziehen. Das ist vollkommen illusorisch.

Ich muss aber persönlich auch sagen, dass ich das nicht sehr spannend finde. Als klar war, dass durch Covid das Touren weg fällt, war klar, dass jeder jetzt die erste Idee haben würde zu streamen. Das liegt nahe, kann gemacht werden und man kann bis zu einem gewissen Grad damit auch kreativ sein, aber ich sehe jetzt gerade auch nicht so viele kreative Ansätze dabei. Momentan ist das alles sehr vorhersehbar und die Vorfreude auf und die Energie bei einem Konzert ist eh schwer zu übertragen. Ich sehe das überhaupt nicht als Ersatz, weder für die Fans, noch für die Bands.

Man muss auch über die finanzielle Seite reden und für eine Band, die bisher Peanuts für ihre Verkäufe bekommt, also 10 der 20 Cent pro verkaufte Einheit, weil sie so einen Vertrag unterschrieben hat, für die ist es vollkommen illusorisch davon leben zu können. Vorher musste sie 200 Konzerte im Jahr spielen um über die Runde zu kommen.

Ich denke gerade viel darüber nach ob durch Covid-19 die Musikindustrie umgekrempelt wird oder auch die Verlogenheit der Industrie gezeigt wird. HEAVEN SHALL BURN sind mit „Of Truth & Sacrifice“ auf Platz 1 der Charts eingestiegen, ohne dass ein Fan das Album in der Hand gehabt hat. Das waren alles Streams, MP3s und Vorbestellungen, die nicht pünktlich angekommen sind. Niemand hatte zum Release das Album in der Hand. Wie du schon sagtest, die Industrie macht sich gerade echt was vor.

Das ist auch mein Eindruck. Durch Covid werden gerade die Schwächen des Kapitalismus ganz klar aufgezeigt. Gerade hier in den USA ist alles zusammengebrochen und was den Kapitalismus ausmacht, sieht man sehr genau in der Musikindustrie. Vom monetären her ist ein Bruchteil bei den Bands und das Geld landet zum großen Teil bei den Labels. Das ist ja nicht neu. Doch jetzt fallen alle anderen Möglichkeiten weg, Geld zu verdienen und damit auch die Existenzgrundlage für Bands. Wenn es keinen Paradigmenwechsel gibt und Bands nicht anfangen ihre eigenen Strukturen aufzubauen, dann sehe ich für viele Bands keine Überlebenschancen.

Ich kann nur über meine Erfahrungen sprechen und ich habe in meinem Leben für kein Album, das ich über ein Label veröffentlicht habe, einen Paycheck bekommen. Und das waren immerhin fünf Alben. Du bekommst ein paar Tausend Euro Produktionsbudget und damit gehst du ins Studio, nimmst dein Album auf und bezahlst das Artwork. Das musst du dann in Cent-Beträgen wieder reinspielen bis du zum Break-Even kommst und dann wird dieser Anteil auch nicht angepasst und bekommst weiterhin nur Cents. Sagen wir mal, du bekommst 10.000 Euro Budget und wenn du das in 15 oder 20 Cent Schritten wieder reingeholt hast, weil du so viele Alben verkaufst, bekommst du ab dem Punkt weiterhin 20 Cent pro verkauftem physischen Tonträger. Bei einem digitalen Verkauf sind es meistens so 40 Prozent pro Digitalverkauf. Eigentlich bekommst du nur Almosen zugesteckt. Die Hoffnung von Bands ist es, dass sie durch ihre Verkäufe und ihren Plattenvertrag genügend Leute erreichen, um auf Tour gehen zu können und volle Läden zu haben, damit da dann etwas Geld in die Kasse kommt, um die Existenz zu rechtfertigen. Aber ohne das gibt es die Existenzrechtfertigung für viele Bands des Mittelstands der Metalbands nicht.

Ich wunder mich gerade, dass so wenige Bands gerade während Covid das Maul aufmachen und sagen, was Sache ist. Wir können ja so ein Patreon an den Start bringen wo wir 300 Euro im Monat durch fünf Bandmitglieder teilen können, wo wir uns dafür im Chat mit unseren Fans nackig machen müssen. Das ist doch aber auch keine Zukunft. Wie weit soll man damit kommen, wenn man nicht mal in der Lage ist, von dem Verkauf von Musik eine gewisse Basis zu erwirtschaften, um zu existieren. Ich hab auch noch keine Band gesehen, die mit einer Idee um die Ecke kam, wo man sich klar war, dass die Bands damit jetzt ihre Existenz sichern kann. Das geht nur bei den großen Bands, die fanatische Fans haben, die bereit sind für jeden Scheiß Geld auszugeben. Der Mittelstand an Bands wird leiden, ganz einfach.

Und warum wird sich dann weiterhin so über Spotify und Konsorten beschwert, wenn auch vorher mit dem Verkauf von CDs nicht viel eingenommen hat?

Man kann immer darüber streiten, was fair ist und was nicht. Finde ich die Ausschüttung von Spotify fair? Nein. Aber wenn ich sowieso schon nur Kleinstbruchteile von den Einnahmen von meiner Musik bekomme und das auch noch auf die Spotify-Streams angewandt wird, dann bekomme ich ja wieder fast nichts. Ich weiß jetzt nicht, was Spotify gerade den Labels für einen Stream auszahlt, aber wenn ich davon auch nur 40 Prozent bekommen von den Bruchteilen von einem Cent, dann ist es ja weiterhin unfair. Wenn man wenigstens seine Musik besitzen würde, wäre es ja etwas anderes. Ich besitze jetzt meine Musik und ich pack sie weiterhin auf Spotify und beklage mich auch nicht.

Bei WFAHM haben wir jetzt die LP herausgebracht und einen Preis festgelegt, aber auch bei dem Download haben wir den Fans überlassen einen Preis festzulegen. Und nicht, weil ich meine, dass meine Musik nichts wert ist. Ich hab ja Einblicke darin, wie sich das NIGHTMARER-Album digital verkauft hat und Season Of Mist berechnen 9,99 US-Dollar pro Download, wo man es sich aber auch mit einem Spotify-Abo für einen Monat für den selben Preis und somit auch Millionen anderer Alben holen kann. Oder du gehst auf Season Of Mists Youtube-Kanal und hörst es dir kostenlos an. Ich verstehe dann auch nicht die Preisstruktur, dass man dann noch einen Zehner für eine digitale Kopie hinlegen muss. Das ist ein mehrschichtiges System, wo man als Musiker ganz unten in der Hackordnung ist und die Industrie sich noch nicht mitentwickelt hat.

Aber das hat sie ja seit 30 Jahren nicht. Mein Onkel liest immer New Musical Express und da war Ende der Achtziger oder Anfang der Neunziger zur Einführung der CD ein Interview mit den Bossen von verschiedenen Plattenfirmen und die sagte, sie wollen die CD jetzt starten mit umgerechnet 30 DM pro Exemplar. Es wäre noch ein Nischenprodukt und wenn sie dann Massenware wäre, könnte man mit dem Preis runtergehen. Jetzt gehst du in den Läden deiner Wahl und ein Album kostet jetzt 18€. Der Preis ist innerhalb der letzten 30 Jahre nur gestiegen und nicht wie versprochen gefallen.

Ich sehe mich in erster Linie als Fan von Musik und weil ich so ein großer Fan bin, bin ich Musiker geworden. Ich bin auch bereit, für Musik Geld auszugeben. Ich weiß aber auch, dass ich die Realität wie Musikfans ihre Musik konsumieren, nicht abbilde. Das ist ja okay. Ich weiß aber auch nicht, ob es noch was bringt, sauer zu sein, weil manche Leute glauben, dass Musik keinen Wert hat. Unterm Strich hat man ja auch vorher nicht viel von dem Kuchen abbekommen. Ob ich jetzt nichts bekomme, weil es mein Plattenvertrag nicht zulässt oder weil sich jemand das Album kostenlos runterlädt, ist völlig egal, wenn man selber die Musik sowieso nicht besitzt. Wenn wir ehrlich sind, schaden illegale Downloads oder Uploads bei Youtube eher dem Label als der Band. Für die Band ist es eine Verbreitung der Musik, für das Label ist es ein Ausfall von Einkommen. Irgendwie besteht immer noch das Gefühl, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Ich bezweifel aber, dass es so ist.

Das hat ja spätestens da aufgehört als die Labels aufgehört haben Toursupport zu zahlen. Ich kann mich noch erinnern, dass bis Mitte oder Ende der Neunziger die kleinen Bands von den Labels auf Tour geschickt worden sind. Die Labels haben für die Bands zum Beispiel die Kosten am Bus getragen.

Ich habe nie einen Toursupport bekommen. Ich habe aber auch nie gefragt. Wir waren mit allen unseren Bands immer darum bemüht, alles selbst auf die Kette zu kriegen. Mir fällt da aber gerade ein, dass wir von Lifeforce Records für die US-Tour 2008 mit WAR FROM A HARLOTS MOUTH einen Karton mit 100 CDs bekommen haben, der uns nicht berechnet worden ist. Da kannst du dann in den USA 1000 bis 1500 US-Dollar von machen, haben aber gleichzeitig auf der Tour 10.000 Euro verloren. Das steht dann natürlich in keinerlei Verhältnis. Vorher hatten wir uns in Deutschland den Arsch abgespielt, um uns leisten zu können auf Tour zu gehen. Ich will mich darüber auch nicht beklagen, denn wir haben es gerne gemacht und haben uns selber dazu entschieden. Bei aller Beschwerde, niemand zwingt dich einen Plattenvertrag zu unterschreiben und niemand zwingt dich, auf Tour zu gehen. Ich hoffe, dass es jetzt durch Covid ein gewisses Umdenken bei den Bands gibt, zu verstehen, dass man mehr von den Aufgaben übernehmen muss, wenn man möchte, dass mehr Kohle bei einem hängen bleibt. Dann wird es allerdings auch immer mehr zu einem Job, Musiker zu sein und auf Tour zu gehen. Je mehr Aufgaben du übernimmst, desto weniger kann behauptet werden, es sei kein Job.

Du hast in den USA viele Bands, die saujung anfangen nichts als Musik zu machen, die auf Tour gehen und das College abbrechen, um Zeit dafür zu haben. Die können jetzt nicht touren und die haben meistens auch keine Plattenverträge, wo was hängenbleibt. Die können nur noch bei McDonalds arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Das ist doch aber bei den alten Bands nicht anders. Irgendwer sagte mal im Interview zu mir „What else is Vinnie Stigma supposed to do?“ Der hat doch auch mit 15 Jahren angefangen Gitarre zu spielen und was soll er jetzt denn anders machen? Wie alt ist er? Der ist doch auch über 60, oder?

Gerade die Generation, die noch vom Musik machen in den Achtzigern und Neunzigern mehr Geld verdient hat. Auch für die ist es eine schwierige Situation und es wird nicht darüber gesprochen, dass für Musiker gar nichts mehr bleibt, wenn sie nicht touren können. Natürlich ist es auch selber verschuldet, denn ich erinnere mich auch daran als bei uns mit WFAHM der erste Plattenvertrag am Horizont auftauchte, wollten wir es unbedingt, denn wir wollten unbedingt touren. Das war der Lifestyle, auf den man Bock hatte und ich kann den Tatendrang auch verstehen, aber 15 Jahre später gibt es viele Sachen, die ich nicht mehr bereit bin zu tun. Dazu gehört es, einen Plattenvertrag zu unterschreiben, bei dem mir „18 Prozent des Nettoeinkommens pro verkaufter Einheit“ als Profitanteil abgegeben wird. Was soll ich mit diesen Cents? Fuck Off!

Ich will auch nicht alles schwarz malen, denn ich hab daran viele Jahre Spaß gehabt und mache weiterhin aktiv Musik. Man muss sich als Band überlegen, ob ich möglichst viele Leute erreichen will. Dafür gebe ich die Rechte an meiner Musik und an potentiellen Einnahmen ab. Dann erreiche ich halt viele Leute, mach aber gleichzeitig wenig Kohle. Oder ist es wertvoller zu sagen, dass ich davon nur einen Bruchteil erreiche, der aber Geld ausgibt, das direkt in meiner Tasche landet, wovon ich für die Band eine finanzielle Basis bilden kann, um zu existieren. Ich nehme lieber alles selber in die Hand ohne mich von anderen abhängig zu machen. Dafür erreiche ich weniger Leute, bekomme aber jeden Dollar selber und habe mehr Arbeit und setze mich tage- und wochenlang hin, um alles auf die Beine zu stellen. Lieber als alles abzugeben und darauf zu hoffen, dass ich genug Leute erreiche, um irgendwann mit dem Touren über die Runden zu kommen. Und es wird ja nicht einfacher.

Andererseits sind aber gerade in den letzten Jahren viele Metalbands groß durchgestartet und spielen hier in Deutschland vor hohen vierstelligen Besucherzahlen wie AMON AMARTH und HAMMERFALL, die beide so 7.000 Zuschauer in Ludwigsburg hatten. Und dann sind von den ganz großen Bands ja immer wieder Stadiontourneen angekündigt. Ist das auch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden oder rennen die Leute nur noch zu den großen Bands?

Der Underground hat es schon schwerer und ich erinnere mich noch an die Anfänge von WFAHM. Da konntest du mit lokalen Bands und einem halbwegs namhaften Headliner 300 Leute an einem Freitag Abend in Castrop-Rauxel an den Start bringen.

Das war aber zu euren Hype-Zeiten, ihr habt den Hype-Train aber auch richtig geritten. Zu euch ist ja jeder hingerannt.

Es existierte und ist dann bis zu einem gewissen Punkt eingebrochen. Es gibt immer Ausnahmen wie PARKWAY DRIVE, mit denen wir getourt sind und die ich musikalisch schrecklich finde. Das ist eine Band, die es noch geschafft hat viele Leute zu erreichen als das alles schon abgeebbt war und sich eine Fanschar aufgebaut hat, die groß genug ist, um auf einem Niveau zu touren, wo es egal ist, ob man Einnahmen durch die Musikverkäufe bekommt. Ich bin mir auch ziemlich sicher, wenn du an diesem Punkt angelangt bist, dass du Arenen füllst, dann diktieren auch nicht mehr die Plattenfirmen die Konditionen des Vertrages.

Bei der Größe sind dann ja Plattenverkäufe sowieso egal, das Geld kommt über die Tickets und die T-Shirts.

Würde ich nicht unbedingt sagen, dass das egal ist.

Ich hab mich gerade mit der Diskografie der RED HOT CHILI PEPPERS beschäftigt und die sind von 16,4 Millionen Verkäufe der „Californication“ 1999 auf 600.000 Verkäufe von „The Getaway“ im Jahr 2016 gefallen. Und das ist eine große Band und wenn die auf Tour gehen, spielen die jede Show vor 10.000 Zuschauern oder mehr.

Jetzt überleg dir mal wenn du 600.000 Alben verkaufst und dein Anteil sind 18 Prozent am Nettogewinn.

Natürlich haben die einen besseren Vertrag und die bekommen bestimmt 50 Cent oder einen Euro pro Album.

Ja klar, wenn du in der Größenlage angekommen bist, ist deine Verhandlungsposition besser. Ich kann mir immer nicht vorstellen, dass RAMMSTEIN mit dem gleichen Plattenvertrag abgefertigt werden wie WAR FROM A HARLOTS MOUTH und da machen die Plattenverkäufe doch einen Unterschied. Eine Band von der ich auch kein Fan bin, aber PERIPHERY haben auch ihr eigenes Label gestartet und haben auch noch tausend andere Sachen am Laufen wie Signature-Gitarren, -Pedale oder Software-Plugins. Die waren schlau sich zu diversifizieren und ihre Fans auf mehreren Ebenen an sich zu ketten und ich weiß nicht wie viele Alben die verkaufen, aber der Gitarrist fährt halt Lamborghini. Die Band wird nicht entschieden haben, ein eigenes Label zu gründen, wenn sich das nicht lohnen würde.

Eine Zwischenstufe, die Geld verdienen will, fällt weg. Nur musst du dann aber deren Arbeit mitmachen. Und wenn heutzutage die meisten Alben digital verkauft und vertrieben werden, da brauchst du dann keinen großen Aufwand im Vergleich dazu wenn du deine CD weltweit in die Läden bekommen willst.

PERIPHERY brauchen nicht Century Media, um viele Leute zu erreichen, PARKWAY DRIVE brauchen auch Epitaph Records nicht, um ihre Hörerschaft zu erreichen. Für solche Bands macht es auf jeden Fall Sinn, ihre eigene Infrastruktur aufzubauen und ich sehe das auch im kleinen Rahmen so. Bei uns sprechen wir über ganz andere Zahlen und nichtsdestotrotz sind die Einnahmen wenn man an zwei Wochenenden 1.000 LPs und ein paar Downloads verkauft sehr hilfreich, um die eigene Musik zu finanzieren. Und überleg mal, wir haben jetzt von der Reissue 900 Platten verkauft. Das ist eigentlich nichts, aber die Einnahmen sind ja nicht nichts. Da hängt zwar eine ganze Menge Arbeit dran, das schafft aber auch eine Grundlage, mit der man weiterarbeiten kann und uns in die Lage versetzt, auch die anderen Alben neu aufzulegen. Hätten wir das jetzt aber wieder an ein Label abgegeben, hätten wir wieder nur Cent-Beträge abbekommen. Da wäre dann ja wieder die einzige Möglichkeit etwas einzunehmen eine Tour gewesen. Der Plan existiert übrigens nicht mit WFAHM zu touren.

Aber um das nochmal klarzustellen, das war ja bisher nur ein Pre-Order. Die Leute haben bestellt, bezahlt und jetzt lasst ihr nur die bestellte Anzahl an Scheiben pressen. Oder habt ihr den Auftrag schon vorher rausgeben?

Nein, der Auftrag ging nicht vorher raus.

Und das ist ja das Risiko, dass die Plattenfirmen tragen, Platten zu pressen ohne zu wissen, wieviele dann wirklich verkauft werden. Das hattet ihr nicht, ihr habt 900 vorbestellen lassen, das Geld kam rein und dann habt ihr pressen lassen. Das wäre ja eine gute Zukunftsidee für Bands.

Das wäre eine gute Zukunftsidee. Ich will ja auch nicht sagen, dass es bei Labels gar kein Risiko gibt. Ich will es mal so sagen, es ist abzusehen, dass der Profit von diesen 900 Platten höher ist als das Produktionsbudget, dass ich jemals für irgendein Album bekommen habe. In der Realität ist es so, dass locker die Hälfte der Einnahmen für Kosten drauf gehen. Nichtsdestotrotz bleibt was übrig, was wir dann unter den beteiligten Musikern aufteilen können. Ich sehe jetzt, dass der Beak Even relativ schnell erreicht ist und natürlich kosten viele andere Sachen wie Distributionsstrukturen viel Geld, aber es bleibt dann ja nicht auch nur bei der Anzahl dieser verkauften Platten. Ich glaube, wir haben von der „Transmetropolitan“ damals ca. 8 bis 10.000 Einheiten abgesetzt. Irgendwo in dem Dreh waren alle verkauften Formate zusammen, denn vor allem in den USA ging sie gut weg. Und wenn du nur 3 oder 4.000 rausholst, ist der Break Even für das Label locker erreicht und es ist vielleicht noch ein Gehalt bezahlt. Das Label geht ein höheres Risiko ein, profitiert dann am Ende aber auch mehr. Ich meine nur, dass das Verhältnis am Ende nur nicht fair ist. Ich bin der Überzeugung, dass das Verhältnis korrigiert werden könnte zu einer Zahl, wo Bands existieren und Labels immer noch ihren großen Teil vom Kuchen bekommen können. Ich denke, da ist eine Menge Spielraum. Ich hab aber keinen Bock mehr und mache lieber mein eigenes Ding. Es macht ja auch Spaß, die Kontrolle über alles zu haben und wenn ich jetzt sage, dass es nicht die Zeit ist, um ein Album zu veröffentlichen, dann machen wir halt jetzt erst eine EP dazwischen. Die Freiheit habe ich jetzt, muss niemanden um Erlaubnis bitten und hänge in keiner Infrastruktur fest, die mir diktiert wie und wann ich das zu tun hätte. Wenn ich also morgen etwas veröffentlichen möchte, dann könnte ich das auch so tun. Und ich könnte direkt ab morgen damit Geld verdienen, auch wenn es keine Unsummen wären. Diese gewisse Freiheit macht auf jeden Fall Spaß.

Jetzt haben wir fast 45 Minuten über Business geredet und damit einen Punkt, der mich in den letzten Jahren an der Musik immer mehr angekotzt hat.

Dito.

Und da guck ich jetzt relativ positiv gestimmt in die Zukunft und hoffe, dass die Szene sich mal wieder etwas gesundschrumpft. Ihr wart zum Beispiel mit WFAHM eine Band, die ich mir gerne angehört und angeschaut habe, wo ich mir auch mal ein Shirt gekauft habe, aber wo man sich bei den Konzerten gedacht hat, dass man mit den anderen Leuten im Publikum nichts zu tun haben möchte. Und das geht mir in anderen Stilrichtungen vom Metal ähnlich. Da schaue ich mit einem positiv pessimistischem Blick in die Zukunft und hoffe, dass nur noch die Leute dabei bleiben, die auch mit Herzblut dabei sind.

Ich neige dazu ähnlich zu denken, aber bin ich wirklich der Gradmesser des guten Geschmacks, der darüber zu entscheiden hat, welches Gesundschrumpfen wirklich gesund ist? Das hat natürlich auch immer viel mit subjektiven Geschmack zu tun.

Bands, die jetzt einfallsreich sind und sich überlegen, was man mit der Musik machen kann ohne immer die übliche Laufbahn zu gehen, die werden überleben und es für die Leute spannend machen. Und dann wird es Bands geben, die einfach nur rum sitzen und hoffen, dass alles so wird wie vorher. Die werden es eventuell nicht überleben. Wenn dieser Einfallsreichtum diese Zeit zu überstehen nicht da ist, ist die Frage, ob diese Band es dann verdient hat, diese Zeit zu überstehen. Ich kenne ein paar Bands, die ich jetzt nicht beim Namen nennen möchte, bei denen ich sehe, wie sie versuchen diese Zeit zu überbrücken und es ist einfach nur peinlich. Schauen wir auf Patreon, was diese Bands dort als Perks anbieten. Wie läuft das ab, wie kommen diese Bands darauf, dass das eine gute Idee ist? Wie kommen die auf die Ideen, dass man Geld dafür verlangen kann, der Band im übertragenen Sinne beim Popeln zugucken zu dürfen? Patreon eröffnet ja auch ganz gute Möglichkeiten. Es ist ein monatliches Abo deiner Lieblingsband und warum sollte man dann nicht etwas Greifbares anbieten.

Auf 50 Stück limitierte Shirts.

T-Shirts machen einige Bands und das ist auch ok. Aber wenn du jemand in der Band hast, der gut Artworks machen kann, warum dann nicht jeden Monat ein exklusives Artwork als Kunstdruck im Postkartenformat. Handnumeriert, liebevoll gemacht und du verschickst es an deine Abonnenten. Vielleicht wäre ich dann auch bereit 30$ im Monat auszugeben, damit die Band die schwere Zeit übersteht und hätte dann noch ein Sammlerstück von der Band in der Hand. Ich hätte etwas greifbares in der Hand und wäre mir sicher, dass es davon jeden Monat nur 40 Stück gibt. Mein Eindruck von Patreon ist, dass die Ideen darauf beschränkt sind, was man von seinem Computer aus machen kann. Ich würde da gerne mehr Einfallsreichtum sehen und bin als Fan immer gerne bereit für sowas Geld auszugeben. Es muss zwar nichts heißen, aber ich habe noch kein Patreon entdeckt, wo ich mir gedacht hätte, dass das jetzt wirklich cool wäre. Da ist soviel Bullshit dabei, zum Beispiel dass man 20 US-Dollar im Monat zahlen muss, um ein Band-Shoutout auf Instagram von dem Bandmitglied deiner Wahl zu bekommen.

Ja, so sinnlose Sachen wie sich eine Probe per Webcam anschauen zu dürfen.

Natürlich gibt es Die-Hard-Fans, für die soetwas wertvoll ist und denen will ich sowas auch nicht absprechen. Aber ich glaube auch, dass es nicht ausreichend ist, um als Band durch diese Phase zu kommen, als Band zu überleben und dabei auch ein gutes Bild abzugeben. Aber die Leute werden auch älter und ein Shoutout von einem Bandmitglied bei Instagram zu kriegen, das zieht vielleicht mit 16, aber nicht bei einem 30jährigen Fan der Band. Bands sollten da auch kritischer sein, wenn sie sich nicht in ein paar Monaten anhören wollen, dass sie sich zum Affen gemacht haben. Wenn man nichts hat außer Touren, ist es schwierig, jetzt irgendwas zu finden, um das Überleben der Band zu garantieren. Ich versteh die Verzweiflung, bin nicht schadenfroh, wünsch mir da aber auch mehr Einfallsreichtum. Es ist doch eine kreative Branche und ich will dann auch mehr Kreativität sehen.

Aber das gab es ja alles schon vor Covid. Die Situation hat sich jetzt ja nur noch verschärft.

Ich fand Patreon auch vorher schwierig. Nichts gegen die Plattform, denn man könnte viele coole Sachen machen. Nur problematisch war es bis zu einem gewissen Punkt schon immer und jetzt durch Covid bleibt für viele Bands nichts anderes mehr übrig. Ich bin in so einer Facebook-Gruppe, wo viele junge Musiker sind, deren Bands das Level erreicht haben international touren zu können. Sie sind also weit davon entfernt Rockstars zu sein, wollen jetzt einen Patreon starten und kommen dann mit der Frage was man da anbieten könnte. Wenn man das fragen muss, ist es schon Problem Nummer Eins und ist es wirklich die Lösung auf den Stapel von unnötigen Ideen noch etwas draufzulegen. Gerade wenn du eine jüngere Band mit jüngeren Fans bist, sollte es dir klar sein, dass die Fans nicht jeden Monat 50€ bei zehn verschiedenen Bands für Perks hinlegen können. Du hattest ja gesagt, dass wir viel über Business geredet haben und das es sehr nervt. Und das nervt aber, wenn man als Musiker immer in die Röhre guckt.

Aber als Fan doch genauso.

Als Fan interessiert mich die Business-Seite von Bands überhaupt nicht.

Mich interessiert die Business-Seite in dem Zusammenhang, dass jedes Jahr die Konzerte teurer werden. T-Shirts werden teurer und kosten doch manchmal auf Konzerten schon 30 Euro, wobei die Herstellungskosten maximal bei 5 Euro liegen. Und am nächsten Tag im gleichen Club kostet dann das Shirt mit der gleichen Qualität von einer anderen Band 15 Euro. Diese Business-Scheiße geht mir als Fan aber auch auf den Sack.

Ich bin da recht pragmatisch und wenn ich so ein teures Shirt auf einem Konzert sehe, dann zuck ich mit den Schultern und denke mir, dann eben nicht. Vielleicht kann ich da auch nicht richtig mitreden, denn Bands, die mich komplett abholen, auf Tour zu sehen, ist sowieso verschwindend gering. Ich stehe eher auf weirden Underground-Shit und da läuft dann auch viel über Vinyl. Da hast du dann Kleinstlabels, die einen enormen Aufwand in die Vinyl-Veröffentlichungen stecken, aber ob du dann die Bands irgendwann mal live siehst, steht auf einem ganz anderen Blatt. Da wirst du dann wenigstens nicht auf Konzerten abgezockt und kannst die Bands dann wirklich nur mit dem Kauf des Albums oder Merchandise direkt bei ihnen unterstützen. Aber dann hoffe ich, dass die Bands vom dem Kuchen etwas abbekommen und nicht alles abgegeben haben und 150 Shows im Jahr spielen müssen.

Aber du trägst gerade ein Shirt von CROWBAR und die sind das beste Beispiel. Als sie hier mit OVERKILL in Stuttgart waren stand Kirk Windsteins Frau am Merchandise und hat sich entschuldigt, dass sie die Shirts für 25 Euro verkaufen, weil sie sich an den Preisen vom Headliner anpassen müssen. Ein Jahr vorher waren sie hier vor 200 Leuten und da hat das Shirt 15 Euro gekostet. Das ist auch der Business-Krams, der einen so ankotzt.

Auf jeden Fall.

Oder bei den großen Hallen. Hier in Stuttgart in der Schleyerhalle haben jetzt einige Bands angefangen kein Merch mehr zu verkaufen, weil die Halle jetzt mit einer gewissen Prozentzahl an den Verkäufen beteiligt werden will. Dann stehen die teilweise auf dem Parkplatz und verkaufen aus dem Bus heraus offizielles Merchandise. Sowas kotzt mich an.

Natürlich kotzt es dich an, weil du auch den Einblick hast, dass es für die Musiker nicht sonderlich fair ist. Wenn man es aber auf die oberflächigsten Fakten runterbricht, dann gibt es den Merch noch und ob der nun draußen oder drinnen ist, kann dem Fan ja egal sein. Es schadet mir als Fan ja nun aber nicht, ob ich die Scheiße drinnen oder draußen kaufen kann. Das ist ja aber auch nicht neu, denn ich hab als Band schon öfter Merch-Cuts an Clubs abgeben müssen auf Tour. Das ist natürlich ätzend und was macht man als Band? Man gibt falsche Zahlen raus und bescheißt. Das ist ätzend, weil man immer über jeden Dollar oder Euro kämpfen muss, aber desto mehr man sich autonom aufstellt, desto besser. Wir können jetzt als Band alles alleine aufnehmen und müssen in kein Studio gehen. Das hat man sich über die Jahre alles alleine beigebracht und aus der Not eine Tugend gemacht. Die einzigen Schulden, die entstehen, sind die, wenn man externe Leute engagiert. Ich will auch nicht von DIY-Klischees labern, aber einiges kann man sich da schon abschauen. Das ist auch für größere Bands nützlich darüber nachzudenken, denn braucht man zum Beispiel wirklich ein Management. Wenn man ein Management hat, muss ja gleich auch wieder mehr Geld reinkommen und jedes Mal, wenn ich den Versuch mit einem Management unternommen hatte, hatte ich danach weniger Geld. Und unsere Verträge mit Managements waren auch nicht unfair, denn die Leute haben schon richtig versucht zu arbeiten und das war greifbar. Nur hat es nicht dazu geführt, dass mehr Kohle am Start war. Wie viel ist man bereit als Band abzugeben, um mehr Leute zu erreichen und heißt mehr Leute zu erreichen auch mehr Einnahmen zu erzielen?

Zum Abschluss des Interviews, kannst du zu den jetzigen Zeiten irgendwas musikalisch empfehlen? Zu der Situation in den USA oder der Corona-Pandemie? Ich fang einfach mal an mit der „Bloodlust“ von BODY COUNT zu der Situation in den USA und „Death Atlas“ von CATTLE DECAPITATION zu Corona. Hast du Empfehlungen oder was hörst du gerade, dass dich an diese Zeit erinnern wird?

Ich neige oft dazu Industrial Metal zu hören, GODFLESH hab ich jetzt in den letzten Wochen oft gehört. Ganz einfach, weil Industrial Metal immer dazu tendiert hat dystopische Szenarien zu skizzieren und heraufzubeschwören. Ich hab das Gefühl, dass die frühen GODFLESH-Alben aus den Neunzigern in den heutigen Zeitgeist vielleicht besser passen, weil sie jetzt weniger Fantasy als mehr Realität geworden sind. Was ich auch viel höre, ist die Band KHANATE. Die gibt es schon seit langer Zeit nicht mehr, mit Mitgliedern von SUNN O))) und das ist Drone mit so einer komplett abgedrehten Stimme. Die Musik klingt wie Foltermusik und trifft dementsprechend auch den Zeitgeist. Den Sänger Alan Dubin hatten wir auf unserem NIGHTMARER-Debüt „Cacaphony Of Terror“ auf dem letzten Song als Gast und dieser ganze Musikerkreis um SUNN O))) ist ja immer so undurchdringbar. Anfang 2017 hab ich den einfach mal auf Facebook angehauen und der Typ war zum Glück ganz cool und nicht unnahbar und hab ihm das Konzept des Songs und der Band nahe gebracht und er hatte da Lust etwas zu machen. KHANATE ist für mich eine Band, wenn alles katastrophal erscheint, dann kram ich die raus und eigentlich geht es mir nach dem Hören noch beschissener, es hat aber auch etwas kathartisches.

Was für die Leser mit Spotify noch interessant ist, ich mach monatlich eine Playlist, die „Total Dissonance Worship“ heißt. Auf diese Playlist packe ich immer dissonanten Death und Black Metal aus dem Underground rauf, jedenfalls was man davon auf Spotify findet. Einmal im Monat oder alle zwei oder drei Woche gibt es ein Update. Das sind dann so zwei Stunden dissonanter Underground-Extrem-Metal-Kram. Da findet man viel von dem Kram, den ich aktiv höre und ganz spannend finde. Das wäre vielleicht auch eine gute Empfehlung.

Dann danke ich dir für das Interview.

Quelle: Interview mit Simon Hawemann am 01.06.2020
11.08.2020
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