Vintersorg
Interview mit Vintersorg zu "Cosmic Genesis"

Interview

Seit Anbeginn seiner Tage hat der nächtlich funkelnde Sternenhimmel den Menschen in seinen Bann gezogen. Auf dem neuen Album „Cosmic Genesis“ hat auch der Schwede Vintersorg seine Faszination für die unvorstellbaren Weiten des Universums gezeigt.

Vintersorg

Vintersorg war bislang ein Solo Projekt von Dir. Auf dem neuen Album „Cosmic Genesis“ wirst Du von Mattias Marklund unterstützt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit ?

Mattias und ich sind schon seit etwa fünfzehn Jahren wirklich gute Freunde. Seit ungefähr zehn Jahren machen wir nun schon in verschiedenen Bands zusammen Musik, wie zum Beispiel in meiner anderen Folk-Rock-Metal Band Otyg, in der er Gitarre spielt. Ich habe die ganze Musik komponiert und die Lyrics geschrieben und da er ein wirklich guter Gitarrist ist, wollte ich anfangs, dass er die Gitarrenleads einspielt. Aber je mehr ich darüber nachdachte,
um so besser fand ich den Gedanken, dass er Mitglied der Band werden sollte, denn es ist immer schön, wenn man jemanden hat, mit dem man zusammen jammen und neue Ideen ausprobieren kann und sieht, ob es klappt. Für mich war es eher ein natürlicher Prozess, da wir schon so lange zusammen arbeiten.

Die Texte schienen bisher immer von Mutter Natur zu handeln. Auf „Cosmic Genesis“ hat sich die Thematik von der Natur auf den Kosmos verschoben.

Ich habe das Konzept diesmal ein wenig weiter gefasst, denn die Natur ist nur ein Teil des ganzen Kosmos. Die Texte behandeln auch naturromantische Themen, aber eher hinsichtlich des Zusammenwirkens der Kräfte auf Erden und des Universums. Ich kann nicht sagen, dass die Themen total unterschiedlich sind, ich bin das Thema eher von einer anderen Seite aus angegangen. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, der immer neue Sachen erforschen möchte. Ein weiterer Grund war sicherlich auch, dass ich mich mit vielen wissenschaftlichen Autoren auseinandergesetzt habe. Ich habe mich ein wenig gefangen gefühlt, denn „Till fjälls“ und „Ödemarkens son“ ähnelten sich musikalisch und textlich sehr. Ich wollte etwas Neues, Frisches ausprobieren. Ich denke nicht nur für mich, sondern auch für den Zuhörer ist es großartig einen Fortschritt erkennen zu können. Die Texte sind diesmal eher abstrakt ausgefallen und werfen mehr Fragen auf. Antworten habe ich in den Texten keine gegeben, denn es liegt am Zuhörer, ob er diese Welt erkunden will und sich auf die Suche nach Antworten macht.

Du hast Eingangs bereits von den Pre-Recordings des nächsten Albums gesprochen. Gibt es dafür schon ein textliches Konzept ?

Es wird nicht genau das gleiche Thema sein, wie auf „Cosmic Genesis“. Ich glaube ich bin noch einen Schritt weiter gegangen und es wird textlich noch ein wenig abstrakter ausfallen, eher philosophisch. Die wahren Gesetzte der Natur und des Kosmos werden betrachtet. Mathematisch kann man immer etwas in Höhe, Breite und Tiefe darstellen, aber ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was das magische in diesen Formeln ist. Es ist wirklich schwer in ein paar Worten zu beschreiben. Aber auch eine eher spirituelle Seite wird vertreten sein, die eine Art Parallel-Universum betrachtet. Es wird nicht total wissenschaftlich sein, sondern mit einem romantischen Zwinkern versehen sein.

Neuerdings finden sich auch englische Texte auf dem Album. Was waren die Beweggründe, nicht mehr nur in Schwedisch zu singen ?

Das war etwas, dass ich mir schon beim Schreiben der Texte vorgenommen hatte. Ich habe zuerst alles in Schwedisch geschrieben und sie waren in Ordnung, aber ich habe mich wiederum ein wenig in meinem eigenen Konzept gefangen gefühlt. Ich habe mir gesagt, warum soll ich denn nicht mal versuchen Texte in Englisch zu schreiben. Das war wirklich eine große Herausforderung für mich und ich war wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Sie hätten vielleicht besser sein können, aber für mich war ist es so in Ordnung. Ich liebe es in Schwedisch zu singen und deshalb sind auch zwei Stücke in Schwedisch enthalten. Auf dem nächsten Album werden nur sieben Stücke enthalten sein, denn ein Stück wird ein langer Opus werden, von denen wahrscheinlich vier in Englisch und drei in Schwedisch sein werden. Auch in Zukunft werde ich es beibehalten, beide Sprachen zu verwenden. Ich kann aber noch nichts versprechen, denn in vielen Interviews habe ich gesagt, dass ich immer in Schwedisch singen werde…

Das Stück „Ars Memortiva“ handelt von Giordano Bruno ( 1548 – 1600 ), ein Mann der für sein Weltbild starb ( ein heliozentrisches, das auf den Grundlagen von Kopernikus basierte ), welches in der damaligen Zeit gegen die allgemeinen, religiösen Vorstellung verstieß. Bewunderst Du Menschen, wie ihn, die lieber sterben, als ihren Glauben zu verleugnen ?

In mancher Hinsicht sind solche Menschen wirklich zu bewundern, dass sie so einen festen Charakter haben und auch zu ihren Überzeugungen stehen, obwohl sie die Gesellschaft gegen sich haben. Meine Überzeugungen sind wohl noch gesellschaftsverträglich, so dass ich mich nicht direkt in einer solchen Position sehen würde. Sie sind nicht so provozierend, obwohl ich viele Dinge in der heutigen Gesellschaft nicht mag. Heutzutage ist man humaner, man tötet sich nicht gleich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten. Die meisten können heutzutage akzeptieren, dass die Menschen unterschiedliche Ansichten haben können, aber zu der
damaligen Zeit war die Kirche sehr stark.

Ich denke es war eine Machtfrage, denn wenn er beweisen könnte, dass seine Thesen, die auch davon ausgingen, dass Gott in allen Dingen ist und nicht in einem Himmel, richtig waren, hätte er der Kirche sehr schaden können.

Ja, die Kirche musste ihre Macht demonstrieren und deshalb haben sie ihn umgebracht. Was ich auch sehr an ihm mag, sind generell seine Ansichten über das Leben, die ebenso wie seine wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut sind.

Welcher Gedanke wäre Deiner Ansicht nach in der heutigen Zeit ebenso revolutionär wie die Thesen des Giordano Bruno oder eines Kopernikus in der damaligen Zeit ?

Aus meiner Sicht ist es schwer heutzutage mit einer These so zu provozieren wie zu der damaligen Zeit, als man dachte die Erde wäre flach. Heutzutage ist es den Menschen viel bewusster, wie die Dinge auf Erden und im Universum funktionieren. Es kommen immer wieder befremdliche und obskure Ideen, das Universum betreffend, auf, wie zum Beispiel schwarze Löcher, aber dies ist nicht provozierend für die Menschen. Es würde wohl eher darüber diskutiert werden, aber niemand müsste mehr dafür sterben.

Ich denke aber, dass man sich über ein schwarzes Loch nicht wirklich viele Gedanken macht, denn dies ist weit entfernt und hat keine Auswirkungen auf das Leben auf der Erde. Die Thesen von Giordano Bruno haben das Leben auf der Erde doch stärker betroffen.

Das ist sicherlich eine Sache, warum seine Thesen damals so provozierend waren. Wenn man von schwarzen Löchern redet haben wenigsten Leute auch einen echten Bezug dazu, man kümmert sich deshalb auch nicht großartig darum.

Wie stellst Du Dir denn das Universum vor ?

Ich bin bei diesen Thema ein bisschen gespalten. Wir wissen zwar viel über das Universum, aber wie es aufgebaut ist, wo es beginnt und wie es endet wissen wir nicht. Manchmal stelle ich es mir als ein Universum in einem Multiversum vor – wie eine russische Puppe. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch die Vorstellung haben, dass es endlich ist. Es ist wirklich alles schwer vorstellbar – eine Kugel in einer Kugel in die Unendlichkeit. Für den menschlichen Verstand ist es wirklich schwer in solchen Begriffen zu denken. Darüber nachzudenken ist wirklich faszinierend.

Im Booklet der CD dankst Du vielen Wissenschaftlern für die große Inspiration – unter anderem Stephen Hawking. Ist Stephen Hawking nicht das beste Beispiel dafür, dass eine körperliche Behinderung das geistige Leistungsvermögen eines Menschen nicht einschränken muss ?

Er zeigt wirklich, dass der körperliche Zustand nichts mit dem Intellekt zu tun hat. Im Moment arbeitet er wohl an einer wirklich umfassenden und schweren Analyse der schwarzen Löcher und wird in einigen Jahren wohl ein Buch über schwarze Löcher veröffentlichen. Er scheint wohl einen guten Anhaltspunkt zu haben, was schwarze Löcher sind, aber bevor das Buch erscheint wollte er wohl noch nichts verraten. Ich bewundere ihn wirklich und habe auch schon viel von ihm gelesen – einer meiner Lieblingswissenschaftler.

Seine große Stärke liegt vor allem darin, dass er komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge sehr anschaulich beschreiben kann, so dass sie auch für einen Laien gut nachvollziehbar sind.

Ein übernatürliches Talent, sowohl als Autor und als auch als Wissenschaftler. Es gibt viele Wissenschaftler, die einige Jahre geforscht haben und sich anschließen als Autoren versuchen – die aber oft nicht das Talent dazu besitzen.

Du sprichst von einem symmetrischen Universum. Was verstehst Du in diesem Zusammenhang unter symmetrisch ? Eine Übereinstimmung von Mirko- und Makrokosmos ?

Unter anderem auch das. Aus unerfindlichen Gründen bleibt das Universum symmetrisch, obwohl es durch chaotische Prozesse hervorgerufen wurde. Die Symmetrie ist vorherrschend im Universum, wie zum Beispiel die perfekte Gravitation zwischen den Himmelskörpern.
Alles im Universum hat eine gewisse Konstanz und Harmonie. Die Mathematik ist auch so verdammt logisch, aber trotzdem versteht man nicht warum es logisch ist. Auf dem neuen Album wird es ein schwedisches Stück namens „Vem styr symmetrin ?“ geben, dessen Titel übersetzt ungefähr „Wer leitet die Symmetrie“ lautet. Die Frage werde ich darin natürlich nicht beantworten, aber einige Hinweise werden darin zu finden sein. Es wird am Zuhörer liegen, ob er sich weiter damit auseinandersetzt, denn die endgültige Antwort kenne ich auch nicht.

Der Text für das Stück „Algol“ ist auf einen schwedischen Dichter Karl-Erik Forrslund ( 1872 – 1941 ) zurückzuführen. Mehr als das Geburts- und Todesjahr habe ich allerdings nicht über ihn herausfinden können.

Er ist wirklich ein obskurer schwedischer Schriftsteller. Er hat einige Bücher mit einem romantischen Touch geschrieben, aber hauptsächlich Gedichte. Auch in Schweden ist es nicht leicht etwas von ihm zu bekommen. Selbst wenn man in Büchereinen nach ihm fragt, kennen viele noch nicht mal den Namen. Es ist ja eigentlich ein schwedischer Text, den ich ins Englische übersetzt habe, denn als das Album noch am entstehen war hatte ich geplant alle, dass alle Texte in Englisch sind. Aber während des Entstehungsprozesses habe ich mich entschieden den ein oder anderen Song in Schwedisch zu singen, aber diesen Texte hatte ich schon übersetzt und ich habe es dabei belassen. Es geht in dem Text um Algol, einen Zwillingsstern. Er wird auch der Dämonen Stern genannt, da er die ganze Zeit flackert. Die Menschen dachten es ist irgendein Dämon ist dafür verantwortlich.

Du sagtest Karl-Erik Forrslund sei selbst in Schweden nicht sehr bekannt. Wie bist Du auf ihn gestoßen ?

Ich bin durch Zufall auf ein Buch von ihm in einem Antiquariat gestoßen und habe es einfach gekauft, ohne dass ich etwas über den Autor wusste. Ich war dann ziemlich begeistert von diesem Buch und habe mich auf die Suche nach weiteren Büchern in Antiquariaten gemacht – ich habe alles von ihm gekauft, was ich zu fassen bekam.

Du scheinst also viel Zeit in Antiquariaten und Büchereien zu verbringen ?

Auf jeden Fall – ich bin immer auf der Suche nach obskuren und alten Büchern. Im Bereich der Wissenschaft möchte ich nicht nur die alten Bücher gelesen haben sondern auch die neuen Veröffentlichungen, denn die Wissenschaft entwickelt sich ständig weiter. Ich möchte ebenso die Gedanken eines Kopernikus kennen gelernt haben, wie auch die heutigen Überlegungen.

Gerüchte, dass Du der neue Sänger von Borknagar sein wirst, wurden nun bestätigt. Welche Erwartungen verbindest Du mit diesem Posten ?

Im Moment arbeiten wir am neuen Album. Ich habe die Pre-Recordings bereits erhalten, die die Grundstrukturen der neuen Lieder enthalten, so dass ich mir schon eine Vorstellung davon machen kann. Im Moment arrangiere ich dazu die Gesangslinien – drei Stücke habe ich bereits fertig. Meiner Meinung nach, wird es das bislang beste Borknagar Album werden. Jeder, der die alten Alben mochte, wird begeistert sein – das ist auf jeden Fall meine Meinung. Wir werden das Album im Mai oder Juni aufnehmen, denn im Moment habe ich noch eine Menge zu tun. Im Februar werde ich mit Vintersorg auf Tour sein.

Freust Du Dich bereits auf die Tour ?

Auf jeden Fall. Ich kenne die anderen Bands zwar nicht allzu gut, aber ich freue mich auf jeden Fall auf die Tour. Wir werden wohl größtenteils in Deutschlang auftreten, nur ein Konzert in den Niederlanden und in Österreich. Es wird in der nächsten Zeit ein wenig hektisch für mich, denn drei oder vier Tage nach der Tour mit Vintersorg, gehe ich mit Borknagar auf Tour durch die skandinavischen Länder, gleich im Anschluss daran werden die Aufnahmen für das neue Otyg Album beginnen, die ich dann kurz für ein Festival in Oslo mit Borknagar unterbrechen werde, und danach die Aufnahmen für das nächste Vintersorg Album, das nächste Havayoth Album und vielleicht wieder ein bisschen Touren.

Viel Freizeit wirst Du also für die nächste Zeit nicht haben.

Nun ja, ich beschäftige mich täglich in meinem Heim Studio mit Musik – kein großartiges Studio, aber dort kann ich wenigstens immer ein wenig an Songs arbeiten, die nicht unbedingt einen großartigen Sound haben, aber ich kann wenigstens schon sehen, wohin sich die Songs entwickeln.

„Das kurze Leben, die schwachen Sinne, der Stumpfsinn der Nachlässigkeit und sinnlose Beschäftigungen sind schuld, dass wir armselig wenig wissen. Und was wir schon gewusst haben, schwindet uns oft nach weniger Zeit aus dem Sinn durch die unaufhaltsame Vergesslichkeit, die betrügerische Feindin der Wissenschaft und des Wissens.“ Kopernikus ( 1473 – 1543 )

24.03.2002

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