Znich
Nach meiner Kandidatur wurde ich verfolgt von Geheimdienstlern

Interview

Belarus, auch Weißrussland genannt, hat 9 Millionen Einwohner und befindet sich zwischen Polen, Litauen, Lettland, Ukraine und Russland. Seit 1994 wird die ehemalige Sowjetrepublik von Diktator Aleksandr Lukaschenko mit harter Hand regiert. Am 9. August 2020 wurde er laut eigener Angabe zum 6. Mal mit großer Mehrheit in seinem Amt als Präsident bestätigt. Die einzig zugelassene Kandidatin der demokratischen Opposition musste nach Litauen fliehen. Seitdem gehen an jedem Wochenende Hunderttausende Weißrussen auf die Straßen um für Neuwahlen und ein Ende der Polizeigewalt zu demonstrieren.

Die Pagan Folk Metal Band ZNICH kommt aus der Hauptstadt Minsk und wurde 1996 gegründet. Die Band hat mittlerweile neun Alben veröffentlicht und bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen Korpiklaani, Arkona und Heidevolk. 2019 erschien das Album „Ruch Sontsa“, eine Zusammenarbeit mit den Sängerinnen von Rutvica. Ich sprach mit Sänger/Growler Ales Tabolic über Politik, Musik und Tattoos.

Das Interview führte Ardy Beld und wurde freundlicherweise als Gastbeitrag für metal.de zur Verfügung gestellt.

Ales, du hattest für die Präsidentschaftswahlen am 9. August kandidiert. Was ist schiefgegangen?

Nichts ist schiefgegangen. Um teilnehmen zu dürfen, sollte jeder Kandidat mindestens 100 000 Unterschriften sammeln. Dazu sind wir durch das ganze Land gereist. Wir haben Meetings und Konzerte organisiert. Nach den Verhaftungen der wichtigsten Oppositionsführer habe ich gemerkt in welche Richtung es geht und meine Kandidatur zurückgezogen. Ich habe die Unterschriften auch nicht an die Wahlkommission ausgehändigt um die Leute die unterschrieben hatten, nicht bloßzustellen, Leute aus der alternativen Szene; Rocker, Metaller, Punks.

Hast du selber deine Wahlkampagne finanziert?

Ja, teilweise hat auch Aleksandr Pomidorov, ein sehr bekannter Rockmusiker, Konzertorganisator und Radiomoderator, unterstützt. Er hat vor kurzem wegen Teilnahme an den Protesten acht Tage im Knast gesessen. Wir haben die Kampagne zusammen durchgezogen und da wir Musiker sind, gaben wir fast überall Konzerte.

Hast du dich nach der Wahl noch irgendwie politisch engagieren können?

Komischerweise wurde ich im Herbst zu einem Gespräch eingeladen. Dazu hatte eine Initiativgruppe der Obrigkeit ehemalige Kandidaten der Opposition zu einem Runden Tisch eingeladen. Das war eine wunderbare kommunistische Veranstaltung. Ich durfte sogar eine Minute lang reden! Zum Abschluss wurden wir als Faschisten beschimpft. Wir erwiderten, dass Pomidorov Jude ist und mein Großvater ein sowjetischer Partisanenheld war. Ich lehne jede Form von Faschismus ab. Auch innerhalb unserer Subkultur und als Musiker habe ich nichts mit Rechten zu schaffen. Das hat denen dann sogar kurz die Sprache verschlagen. Trotzdem sagten die natürlich, dass wir von den Amerikanern bezahlt wurden. Von den Amerikanern habe ich aber nie Geld gesehen (lacht). Ich gehe mit meiner Familie zu den Protesten, ich fordere neue, ehrliche Wahlen und ein Ende der Polizeigewalt. Dabei stehe ich zu unserer traditionellen weiß-rot-weißen Fahne, zu unserer weißrussischen Sprache. Ich war auch der Einzige der Kandidaten der gesagt hat, dass die Krim widerrechtlich von den Russen besetzt wurde und zur Ukraine gehört.

Werden die Proteste in seiner Gesamtheit durch die alternative Szene mitgetragen?

Alle Musiker die ich kenne, gehen zu den Protesten. Aber sehr viele sind auch weggezogen aus Belarus, in die Ukraine, nach Kiew. Viele sitzen auch. Im Prinzip gibt es bei uns keine einzige Familie die in den vergangenen vier Monaten nicht mit der Polizei in Berührung ist gekommen. Mehr als 30 000 Leute haben seit August gesessen oder sitzen noch immer im Knast. Die Brutalität mit der die Ordnungstruppen auftreten ist erschreckend, alte Leute, Frauen, Schüler alle werden gnadenlos zusammengeschlagen. Die Bullen haben richtig Spaß daran.

Wurdest du schon mal verhaftet?

Nein, ich hatte bisher Glück. Nach meiner Kandidatur wurde ich aber ständig verfolgt von Geheimdienstlern oder Polizei oder wer auch immer das war. In Kneipen werde ich angesprochen von Unbekannten: Pass auf was du sagst, denk an deine Familie.

Hat die Protestbewegung eine Zukunft?

Das Problem ist unsere Mentalität, wir sind keine Ukrainer oder Westeuropäer. Der letzte politische Kampf gegen den Diktator stammt von 2010. Danach war es zehn Jahre lang ruhig.
Das Ultimatum im Herbst war ein Fehler. Da sagte Svetlana Tichanovskaja, die einzig zugelassene Kandidatin der demokratischen Opposition, Lukaschenko müsse weg, es müssen Neuwahlen her und alle politischen Gefangenen sollen freigelassen werden, sonst gäbe es einen Generalstreik. Da haben im Endeffekt sowohl die Arbeiter, als auch das Militär, kaum mitgemacht. Und was für eine Revolution soll das bitte werden, ohne Arbeiter und Soldaten?

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Quelle: Ardy Beld
02.01.2021

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1 Kommentar zu Znich - Nach meiner Kandidatur wurde ich verfolgt von Geheimdienstlern

  1. Headfloccer sagt:

    ZNICH & RUTVICA klingt richtig gut. Gibt’s diese Scheibe auch irgendwo als CD? Ich finde die Scheibe nur als ganz unromantischen Download. 😉