Speed Invasion Tour 2026
White Line Fever - Ein Tourtagebuch

Special

Tag 2: 30. März – Stadt: Bamberg – Location: Live-Club

Der Blick in den Spiegel lässt mich erschrocken rückwärts gegen einen Schrank taumeln. Einen Augenblick zuvor hatte mich eine zerknirschte Fratze aus dunklen Augenhöhlen heraus angestarrt. Tiefe Furchen um die Mundwinkel herum und aufgedunsene Tränensäcke haben mich vermuten lassen, ein blinder Passagier hätte im Camper übernachtet und sei genauso überrascht gewesen mich zu sehen, wie ich das mir unbekannte Gesicht. Stunden später komme ich im regnerischen Bamberg an. „Schon wieder Oberfranken“ denke ich, während ich veganen Leberkäs in einer Pfanne brate und mir den vierten Kaffee des Tages reinschraube. Man soll auf Tour ja schließlich auf gesunde Ernährung achten. Topfit laufe ich später in der Oberen Sandstraße ein. Dort befindet sich das klassische Weggehviertel der Stadt und während ich am „Schlenkerla“ vorbeischlendere, überkommt mich ein eiskalter Schauer. Hier wird das sagenumwobene, wie Brechreiz hervorrufende Rauchbier ausgeschenkt. Schnellen Fußes komme ich wenige Augenblicke später vor dem Live-Club an, der heutigen Austragungsstätte der „Speed Invasion Tour 2026“.

Vor dem Eingang parken zwei Transporter und gutgelaunte Musiker und Crew-Mitglieder bringen gerade das Equipment in die Location. Von früher kenne ich den Live-Club noch sehr gut, als ich oft übers Wochenende nach Bamberg gereist bin. Die dunkle Holzvertäfelung, ja sogar der Techniker sind mir in wohliger Erinnerung geblieben und ich fühle schlagartig ein „Nachhausekommen“. Mein Blick schweift einmal vom hinteren Bereich, der praktisch komplett von der langgezogenen Bar flankiert wird über den vorderen Teil bis hin zur Bühne, die noch kahl ist und dadurch riesig wirkt. Davor drücken sich die verschiedenen Bandmitglieder herum, die teilweise amüsiert grinsen und die Köpfe dabei schütteln, aber auch mit zornig verkniffenen Gesichtern, die nichts anderes als Unverständnis ausdrücken, heftig miteinander diskutieren. Marius zupft im Vorbeigehen die Kopfhörer aus seinen Ohren und flüstert kaum hörbar: „Sowas habe ich ja noch nie erlebt“. Noch während der Tontechniker einen „gemischten Kasten“ vor die Bühne stellt, erfahre ich den Grund für dieses Wechselbad der Gefühle, in das ich unvermittelt reingehechtet bin.

Knife & Warrant Tour 2026

„Stagetime für die erste Band ist um 20:30“, erklärt Vince und fährt ungerührt fort: „Und um 22:00 ist Feierabend. Das bedeutet, dass jede Band 30 Minuten inklusive Changeover zur Verfügung hat. Wie soll das denn funktionieren?“ Schluck. Ich leide mit, obwohl mich als Berichterstatter diese Anormalität eigentlich in Verzückung versetzen sollte. Innerlich male ich mir natürlich Überschriften wie „Speed Invasion Tour stellt den Geschwindigkeitsrekord in der Umbaupause auf!“ oder „Bühne wird zur Rennstrecke!“ aus. Nachdem der Konzertbeginn auf 20:00 Uhr zurückverhandelt und alle drei Setlisten beschnitten wurden, kühlen die Gemüter bei einem Bierchen und einer Pizza schnell wieder ab.

Der Live-Club füllt sich spät, aber schnell und TASKFORCE TOXICATOR fangen dann doch nicht um 20:00 Uhr an. Der Sound ist klasse, die Musiker nutzen die Bühne ordentlich aus und während im „Infield“ Bewegung aufkommt, ist an der Bar schon ordentlich Betrieb. Immerhin findet der Konzertabend kostenlos statt, während man für die anschließende Club-Nacht im Saal einen Zehner Eintritt zahlen muss. Das ist eigentlich ein cleverer Gedanke, denn so wird aus einem Montagabend-Lückenfüller-Termin ein dickes Ding mit voller Halle und (auch nach dem Aufbau immer noch) großer Bühne. Ich freue mich für die Bands, während mich ein Konzertgänger mehrmals um ein Plektrum bittet. Noch zelebrieren TASKFORCE TOXICATOR ihren Lichtschwerter-Schaukampf, aber später drücke ich ihm ein Plektrum von Fabian in die Hand, der ja eigentlich singt und nicht Gitarre spielt, aber jetzt ist es auch schon egal. Der Abend ist nämlich euphorisierend und das Bier schmeckt auch wieder. Und es wird einige Höhepunkte geben.

Einer davon ist der Gastauftritt von Gypsy Danger als der Enforcer, während des WARRANT-Sets. Der Original-Darsteller ist für diese Tour leider verhindert, weshalb es heute zu diesem Stelldichein kommt. Gypsy streift kurzerhand sein T-Shirt ab, zieht dafür die Henkers-Mütze über den Kopf und tänzelt axtschwingend über die Bühne. Das Schlächter-Werkzeug funktioniert er abwechselnd zur Gitarre, dann wieder zum Zepter um und schindet ordentlich Eindruck bei der Band, den Fans und der anwesenden Presse. Groß-Ar-Tig! Marius drischt wie wild und tight as fuck auf das Schlagzeug ein und ist mittlerweile auch ganz beseelt von der überraschenden Wende, die der Abend genommen hat.

Während KNIFE ordentlich das Gaspedal durchdrücken, wird der Live-Club immer voller und es entsteht die Illusion einer mit Metalheads überfüllten Halle. Und während ich im Bereich vor der Bühne Menschen beim Slamdance, Headbangen und Circle-Pit-Rundlauf beobachte, kleben sich weiter hinten aufgebrezelte Mädels falsche Wimpern auf und bestellen adoleszierende Jungs, die zu enge T-Shirts tragen, ihre ersten harten Getränke. Sprechen wir mal von einem bunt gemischten Publikum. Vince Nihil kränkelt heute bereits den zweiten Tag herum, lässt sich das auf der Bühne aber kaum anmerken. Nur, wenn er besonders harsche Vocal-Parts an die Fans übergibt, merken Kenner, dass er nicht in Topform angetreten ist. Tour-Drummer Thanatos (und mittlerweile festes Bandmitglied) bringt dafür Höchstleistungen und immer, wenn der Song „K.N.I.F.E:“ mit seinem donnernden Schlagzeug-Intro bedrohlich anschwillt, bekomme ich eine Gänsehaut. Vielleicht ist es das Bier, vielleicht aber auch, weil ich die Band wirklich ins Herz geschlossen habe. Bei den Gangshouts während des Refrains steige mit geschlossenen Augen ein: „You Obey The Knife – KÄI ENN AI EFF IEEH!“. Und bei der Wiederholung: „KÄI ENN AI EFF IEVÄÄÄL!“.

Konzertfoto von Knife - Deutschland Into Dust Tour 2024

Knife – Deutschland Into Dust Tour 2024

 

Als die Band nach ihrem Gig brav für ein Bild posiert hat, geht alles auf einmal ganz schnell. Kaum sind die größten Equipment-Brocken von der Bühne verschwunden, wird diese von unzähligen, tanzwilligen Jugendlichen in Beschlag genommen. In der hinteren linken Ecke war Michael (Tour-Videograph von TASKFORCE TOXICATOR) Sekunden zuvor noch damit beschäftigt gewesen, all seine Stative, unzähligen Kameras, Objektive, Kabel und das Laptop für den Weitertransport vorzubereiten, als wir sehen, wie er hinter einer Woge von Menschen verschwindet. Die Dramatik lässt sich kaum in Worte fassen und von anfänglichen Plänen für eine Befreiungsaktion sehen wir bald ab. Immerhin stecken uns all die Partyhymnen und gereichten Getränke an und obwohl ich eigentlich schon auf dem Weg zum Camper bin, schließe ich mich der verbliebenen Entourage gerne an. Dabei begeistert Marius mit seiner Fachkenntnis und Textsicherheit bei fast allen aufgelegten Songs, verschmilzt Gypsy Danger schnell mit den Partypeople zu einer homogenen Masse, ist Thanatos wohlgesonnen und schenkt mir Laz seine Ohren und lauscht meinen ältesten Geschichten. Derweil tauchen auch TASKFORCE ins Bamberger Nachtleben ein, das allerdings ein abruptes Ende nimmt: Der Zapfenstreich wurde im Vorfeld für 2 Uhr morgens angekündigt, aber schon um 1 Uhr werden keine Getränke mehr ausgeschenkt und wir werden bald freundlich vor die Tür geschoben.

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Galerie mit 25 Bildern: Knife - Deutschland Into Dust Tour 2024 in StuttgartGalerie mit 19 Bildern: Warrant - Ruhrpott Metal Meeting 2022Galerie mit 6 Bildern: Taskforce Toxicator - Revolt! 2022 in Hamburg

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15.05.2026

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