Slaughterday
Freigeschwommen von alten Klischees

Interview

SLAUGHTERDAY stehen mit ihrem Death Metal schon lange nicht mehr im Schatten von gewissen US-Bands. Immerhin haben die Ostfriesen sich vom klassischen HM2-Sound, zum rumpelnden OSDM entwickelt, um jetzt ihre eigene DNA selbstbewusst in die Musik einfließen zu lassen. Ob das ein bewusster Prozess war, wieviel Kontrolle Sänger/Schlagzeuger Bernd Reiners und Gitarrist Jens Finger behalten wollen und vieles mehr, haben die beiden uns in einem super angenehmen Gespräch erzählt.

Hey Jungs, wie geht es euch?

Jens: Ja, eigentlich ganz gut. Du, ich hab heute frei gehabt, also mehr oder weniger frei.

Glückwunsch zu „Dread Emperor“. Die Platte räumt gerade ziemlich ab. Höchstwertungen bei den Kolleg:innen und bei uns seid ihr auf dem zweiten Platz im Soundcheck gelandet. Was bedeutet es euch, wenn ihr in der Presse gut wegkommt? Immerhin lässt sich „Erfolg“ heutzutage ja nicht  mehr an Verkaufszahlen alleine messen…

Bernd: Ne, absolut nicht. Also das bedeutet uns unheimlich viel. Also wenn ich sehe, dass man ein paar Plätze hinter KREATOR landet oder wie bei euch hinter MAYHEM… Das sind ja legendäre Bands.

Als Teenager hätte ich mir damals nie träumen lassen, dass ich selber mal die Möglichkeit habe mit diesen Musikern zum Teil die Bühne zu teilen und sie kennenzulernen oder eben mit meiner eigenen Band in so einem Ranking zu landen. Das bedeutet mir immer noch unheimlich viel und ich bin jedes Mal baff, wenn ich sowas sehe.

Jens: Ich teile das nicht so ganz, obwohl ich mich natürlich auch darüber freue. Der Zuspruch der Fans ist mir aber eigentlich viel wichtiger. Ich meine, was nützt einem das, wenn man in Magazinen super Bewertungen bekommt und im Soundcheck weit oben landet, aber die Leute kaufen die Platte nicht oder keiner kommt zu den Konzerten?

Gleichzeitig könnte man auch der These folgen, dass gerade im Bereich Metal, eine journalistische Wertung einer Fan-Meinung gleichkommt…

Bernd: Kleine Magazine gehen manchmal vielleicht sogar mit mehr Herzblut an die Sache heran, als die großen und tauchen noch mehr in die Musik ein und man hat schon das Gefühl, dass die sich das Album auch wirklich komplett angehört haben. Bei anderen kann man meinen, dass es sich um eine Chat-GPT-generierte oder vom Promoblatt abgeschriebene Rezension handelt.

Künstliche Intelligenz ist jetzt tatsächlich ein gutes Stichwort. Eure Platten klingen immer super organisch und gerade auf „Dread Emperor“, hört man, dass echte Menschen die Instrumente bedienen oder das Schlagzeug nicht totgetriggert ist.

Jens: Da kenne ich jemanden, der sich darüber freuen wird, das zu lesen…

Bernd: Oh ja, also unser Produzent Jörg Uken, der freut sich über sowas auf jeden Fall.

Könnt ihr euch trotzdem vorstellen, euch künftig mal von künstlicher Intelligenz – sagen wir mal – unterstützen zu lassen?

Jens: Also das ist ein schmaler Grat. Natürlich wollen wir so viel wie möglich handwerklich machen. Beispielsweise haben wir bei all unseren Platten niemals einen Klick benutzt. Wir spielen das tatsächlich live im Studio ein und das wollen wir auch eigentlich so beibehalten. Alleine das verhindert natürlich schon, dass wir viel herumexperimentieren können. Da kann man nicht einfach eben Part A nach B verschieben und so weiter.

Dieses Mal haben wir zum ersten Mal einen Kemper benutzt. Das ist zwar kein Plugin, aber immerhin ein Verstärker mit Modulation. Der Gitarrensound auf der Platte ist genau so, wie ich ihn eingespielt habe. Für „Dread Emperor“ habe ich zwei Gitarrenspuren zu Hause über den Kemper eingespielt und die Rhythmusparts durch ein Mesa Boogie Topteil gejagt. Das gleiche gilt für die Soli und Overdubs. Insgesamt sind wir aber keine Band, die viel experimentiert, weil wir einfach wie im Proberaum klingen wollen.

Ihr wurdet in der Vergangenheit immer wieder als die deutschen AUTOPSY ausgerufen. Mit „Dread Emperor“ scheint ihr euch aber final davon gelöst zu haben. Ich höre auch immer wieder Einflüsse vom schwedischen Death Metal. Ist das ein natürlicher Prozess gewesen oder wolltet ihr dieses Klischee bewusst abwerfen?

Bernd: Wir haben nie bewusst versucht, wie AUTOPSY zu klingen. Exakt so klingen ist unmöglich, aber ihr Sound hat uns schon beeinflusst und wir haben uns auch nicht ohne Grund nach einem Songtitel von AUTOPSY benannt.

Als wir dann losgelegt haben, haben wir ganz schnell gemerkt, dass wir natürlich auch noch andere Sachen machen wollen. AUTOPSY setzen zum Beispiel kaum auf diese melodischen Soli und Overdubs. Ich sehe das durchaus als Kompliment, wenn du sagst, dass wir unseren eigenen Sound jetzt gefunden haben und wir sind jetzt auch ein bisschen entspannter als in der Vergangenheit. Früher steckten wir noch in einem engen Korsett und haben uns einige Dinge vielleicht nicht getraut, weil wir dachten, dass es nicht zum Sound passen würde. Aber jetzt sind wir ein bisschen experimentierfreudiger, wie zum Beispiel auch der Song „Dethroned“ zeigt, wo wir mal die punkigere Seite auspacken.  Wenn die Vocals und der Basissound drumherum dazukommen, dann klingt das letztendlich trotzdem nach SLAUGHTERDAY.

Und ich finde schon, dass wir recht früh eine eigene Nische gefunden haben. Natürlich im Oldschool Death Metal, da haben wir das Rad natürlich nicht neu erfunden. Schwedeneinfluss haben wir eigentlich nie gehabt. Aber ich weiß, was du meinst. Ich glaube, das sind die Melodien, die man oft auch bei DISMEMBER findet. Die Band ist ja sehr stark von IRON MAIDEN beeinflusst. Was das angeht, gibt es schon Überschneidungen. Und deswegen werden wir oft auch mit DISMEMBER verglichen.

Jens: Am Anfang hat einer irgendwann mal geschrieben, wir seien eine DISMEMBER-Kopie. Keine Ahnung, woher das kommt.

Bernd: Wir hatten ja früher auch den HM2-Sound auf dem Demo.

Jens: Ja, aber nur auf dem Demo.

Unser Plan war ursprünglich, Death Metal im AUTOPSY-Style mit dem schwedischen HM2-Sound zu machen. Nach dem Demo haben uns dann viele mit DISMEMBER verglichen und ich habe auf dem Party.San mit Mati Kärki darüber gesprochen. Der meinte nur: „Naja, ist ja auch kein Wunder, weil wir sind ja eigentlich auch AUTOPSY mit HM2-Sound.“

Deshalb haben wir dann auch gesagt: „Komm, das wollen wir nicht.“ Zu der Zeit als wir angefangen haben, gab es eine ganze Bandbreite von HM2-Bands aus Deutschland, sodass wir das nicht auch noch machen wollten.

Bernd: Das würde unserem Sound auch gar nicht gerecht werden, weil da steckt ganz viel Doom wie CANDLEMASS oder TROUBLE drin. Oder klassischer Metal natürlich, auch viel US-Metal und überwiegend US-Death-Metal. Aber sobald man den HM2 anwirft, ist man sofort in der Schwedenecke und alle hören nur noch diesen Sound und achten gar nicht mehr auf das, was eigentlich in der Musik passiert. Und das wollten wir auf keinen Fall, dass wir nur auf diesen einen Sound reduziert werden.

Anfangs waren wir noch ein bisschen orientierungslos, wussten aber, dass alles oldschool werden sollte. Letztlich haben wir uns mit jedem Album entwickelt, bis zu dem Punkt, wo wir jetzt stehen.

Vieles war auch anders geplant, als es dann letztendlich gekommen ist. Wir wollten viel primitiver und räudiger klingen, was sich dann ganz schnell änderte. Wir planen immer viel fürs neue Album, so in der Art: „Wir wollen dreckiger klingen. Wir wollen ein bisschen psychedelischer klingen“. Aber am Ende kommt etwas ganz anderes dabei heraus, manchmal das genaue Gegenteil. Dann ist das auf einmal total catchy und überhaupt nicht psychedelisch und abgefahren.

„Dread Emperor“ beginnt mit „Enthroned“ und endet – das PROTECTOR-Cover „Golem“ ausgenommen – mit „Dethroned“. Alleine beim Lesen der Tracklist könnte man bei diesem klassischen Aufbau von einem Konzeptalbum ausgehen. Was passiert denn zwischen diesen beiden Tracks?

Bernd: „Dread Emperor“ ist eigentlich kein geplantes Konzeptalbum, obwohl sich so einige Themen wie ein roter Faden durchhangeln.

Wenn wir mit dem Songwriting anfangen, liegt vor uns normaler Weise ein riesiger Haufen Puzzleteile und man weiß gar nicht, was wo hingehört. Je länger wir dann an der Platte arbeiten, desto mehr fügt sich alles zusammen. Anfangs wussten wir noch gar nicht, dass der Song „Dethroned“ heißen wird.

Wir schreiben erstmal die Songs und konzipieren sie danach, wo der Refrain, der Mittelteil, die Strophen sein könnten und so weiter. Dabei habe ich meistens schon im Hinterkopf, wie die Gesangslinie sein soll. Dann haben wir Songtitel, die cool klingen und die wir in einen Topf schmeißen, um die Lyrics dazu zu schreiben.

Es ist also nicht so, dass wir mit einem starren Konzept an die Sache rangehen, das wir dann abarbeiten.

Wieso habt ihr euch für den Cover-Song ausgerechnet für „Golem“ von PROTECTOR entschieden?

 Jens: Weil ich den Song schon als Jugendlicher geil fand. Ganz simpel. Also wir haben ja auf jeder Veröffentlichung mindestens einen Cover-Song. Das ist natürlich immer eine Hommage an diese Bands, die uns entweder beeinflusst haben oder uns irgendwas im Leben gegeben haben.

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16.02.2026

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