
EMP - 4 Decades Of Passion Teil 2
Special
„Ich will lieber gehasst werden für das, was ich bin, als geliebt zu werden für etwas, das ich nicht bin.“ – Kurt Cobain (1967 – 1994)
Wie es weiterging…
In der Schule hatte Michael in der letzten Reihe gesessen. Sein Sitznachbar war gleichzeitig sein bester Freund: Simon. Die beiden waren wie besessen an jedem ersten Schultag jedes neuen Schuljahres in das Klassenzimmer gestürmt, um sich diesen Platz zu sichern. Ganz hinten am Fenster. Von dort aus hatte man praktisch den gesamten Raum im Blick und was noch viel wichtiger war – man konnte die besten Streiche spielen und dabei weitestgehend anonym bleiben.
Während Michael damals schon in hautengen Stretchhosen und Bandshirts zum Unterricht kam, streunte Simon orientierungslos auf der Suche nach seinem eigenen Stil umher und trug stattdessen die alten Klamotten seiner älteren Geschwister auf. Nicht etwa, weil seine Familie arm gewesen wäre. Simon fühlte sich nur nicht dazu berufen, einem Trend nachzueifern und seine Schulkolleg:innen in irgendeiner Art zu kopieren.
Was aus Simon im Erwachsenenalter geworden ist, weiß Michael nicht. Nach dem Abitur sind die beiden getrennte Wege gegangen und haben sich vielleicht noch ein paar Mal halbherzig im Park getroffen. In der Schule war Simon aber eines Tages, nach den langen Ferien in einem verstörenden Zustand aufgekreuzt. Den Haaransatz an den Schläfen und bis zum Nacken hatte er sich ausrasiert, darüber hingen verfilzte Locken. Simons Körper steckte in einem, bis zum Kragen zugeknöpften, schwarz und rot gemusterten Flanellhemd (Holzfäller-Stil), die Beinbekleidung setzte sich aus einer langen Unterhose und darüber gezogenen, viel zu weiten Shorts zusammen. Außerdem hatte Simon seine Kniestrümpfe so weit wie es ging, nach oben gezogen. Abgerundet wurde sein Auftritt mit einem Paar ausgelatschter Doc Martens.

Michael erinnert sich, wie Simon sich souverän den entsetzten, amüsierten und vernichtenden Blicken seiner Mitschüler:innen gestellt hatte und wie er beschlossen hatte, ihn – Simon – nach dem Unterricht zur Rede zu stellen. Irgendetwas musste im Sommer 1991 mit ihm passiert sein. Später im Park hatten sich die beiden verabredet und erst jetzt fiel es Michael auf: Unzählige Jugendliche bildeten dort Sitzkreise oder spazierten mit wippendem Gang über die Wiesen. Optisch waren sie allesamt eine Raubkopie von Simon. Nonverbal formten sie den Schlachtruf von 1991: „Grunge ist da – Metal ist tot!“
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Oliver Di Iorio




























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