Atrocity
Das "Hurenregiment" im dunklen Zeitalter des Vatikans

Interview

Nachdem vor fünf Jahren mit „Okkult“ der erste Teil einer als Trilogie angelegten Serie erschienen ist, veröffentlichten ATROCITY kürzlich den zweiten Teil „Okkult II“. Erneut besinnen sich die stilistisch immer sehr wandlungsfähigen Schwaben auf diesem Album wieder auf ihre musikalischen Stärken der Vergangenheit, die Wurzeln der Band lagen ja mal im klassischen Death Metal. Das neue Werk zeigt ATROCITY von ihrer harschen, sehr dunklen Seite, wobei das bombastische Element beibehalten wurde. Wir sprachen mit Sänger Alex Krull und Gitarrist Thorsten (Tosso) Bauer.

ATROCITY – dem Okkultismus auf der Spur

Mit „Okkult II“ habt ihr nun den zweiten Teil eurer mit „Okkult“ angefangenen Trilogie veröffentlicht. Wie sind die beiden Alben miteinander verbunden?

Alex: Musikalisch und thematisch haben wir uns für die „Okkult“-Trilogie vorgenommen, die Brutalität von Death Metal mit atmosphärischen Elementen wie den Horrorfilm-artigen Chören und den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte zu vereinen. Der zweite Teil von „Okkult“ setzt das Konzept konsequent fort, vielleicht heftiger als zuvor, gespickt mit Killerriffs und tödlichen Stories!

Vorab gab es ja die „Masters Of Darkness“ EP. Jetzt befinden sich aber alle vier Songs der EP auch auf dem Album, was der EP den Sammler-Reiz des Exklusiven beraubt und die Fans für dieselben Songs quasi doppelt bezahlen. Inwiefern passt die EP zur Trilogie und warum hattet ihr euch entschieden, alle Songs nochmal auf das Album zu packen?

Alex: Die “Masters Of Darkness”-EP war der dunkle und brachiale Vorbote und erste Vorgeschmack auf unser brandneues Album “Okkult II”, das jetzt gerade am 6. Juli erschienen ist. Unser Label Massacre Records hatte die Idee, eine 7-Inch-Scheibe zu veröffentlichen, was wir extrem geil fanden. Die zweite 7-Inch-Scheibe in unserer Karriere, nach der „Blue Blood“-Single von 1989, haha. Alle vier Songs sind Teil der „Okkult II“-Schaffensperiode unserer Band und gehören deshalb auch zum Album. Zudem gibt es bei zwei Songs Gastgesänge auf dem Album, die es so auf der EP nicht gibt: Wir haben für das Album zwei langjährige Freunde und Wegbegleiter für das Album gewinnen können. Nämlich Marc Grewe (Ex-MORGOTH), der „Gates To Oblivion“ eine besondere Note verpasst hat, sowie LG Petrov (ENTOMBED A.D.), der bei „Devils Covenant“ mit seiner Reibeisenstimme brilliert.

Tosso: Von dem her gibt es für Fans gute Gründe, sich sowohl die EP „Masters Of Darkness“ als auch das neue Album „Okkult II“ zuzulegen.

Was hat euch zur „Okkult“-Trilogie inspiriert?

Alex: Die Idee, ein derartiges Konzept umzusetzen, liegt schon ein wenig zurück. Mit ATROCITY haben wir ja von jeher den Hang zu sehr düsteren Texten und Konzepten. Schon beim Album „Blut“(1994) mit seinem dunklen Vampirkonzept war es faszinierend, Recherchen in Transsilvanien, Heimat meines Großvaters, anzustellen und tief in eine Thematik einzutauchen. Dann bei den sehr umfangreichen Arbeiten zum „Atlantis“-Konzept (2004) gab es eine unglaubliche Bandbreite von verschiedenen Quellen und Berührungspunkten zu diesem Thema. Das ging von wissenschaftlicher, archäologischer Arbeit, mythologischen Sichtweisen über esoterisch angehauchte Theorien, obskuren Auslegungen von Okkultisten im 3. Reich bis hin in die abgespacte Welt der Ufologie. Dann lag es quasi auf der Hand, dass das nächste Konzept über die Mysterien der Weltgeschichte und die dunkle Seite der Menschheit sein könnte. Und ein Album wäre dafür nicht genug, deshalb die „Okkult“-Trilogie.

„Okkult II“ erfreut sicherlich die alten Fans von euch. Glaubt ihr, dass sich auch Leute, die Ende der Neunziger, Anfang der 2000er, auf euch gestoßen sind, viel darin für sich finden? Worin siehst du Gemeinsamkeiten zwischen dem aktuellen Album und eurer Vergangenheit? Fühlt es sich für euch wie eine Art Rückkehr zu alter Härte oder schätzt ihr die Sache als Beteiligte anders ein?

Tosso: ATROCITY-Fans, die unsere Album-Klassiker wie „Todessehnsucht“, „Willenskraft“ oder auch „Atlantis“ verehren, werden sicher auch beim neuen Album auf ihre Kosten kommen. Wir haben nach wie vor auch ältere Songs in unserem Live-Set mit an Bord. Andererseits sind wir keine Retro-Band und schon gar nicht eine Band, die sich wiederholt. Wir hatten diesmal einfach richtig Bock, Musik mit kraftvoller Urgewalt und bedrohlicher Stimmung zu schreiben. Mit dem Ergebnis sind wir sehr glücklich. Die Produktion knallt überragend und entgegen der Genre-Entwicklung gibt es auf unserem Album Riffs und Refrains, die man sofort wiedererkennt bzw. „mitshouten“ kann.

Zwischen den beiden Alben lagen jetzt knapp fünf Jahre, in welchen einiges passiert ist – erzähl mal!

Tosso: Wir haben nach der Veröffentlichung von „Okkult“ allerlei Konzerte und Touren rund um den Globus gespielt. Europa, USA und Kanada, Lateinamerika, Asien, Russland sowie die 70.000 Tons Of Metal Cruise standen auf dem Programm. Bevor wir uns ins Studio für die finalen Aufnahmen begeben haben, waren wir im letzten Sommer auch noch das erste Mal in Weißrussland.  Zudem haben wir auch noch Platten und Touren mit unserer zweiten Band LEAVES‘ EYES gemacht. Die vielen Live-Shows waren hilfreich, um eine genaue Idee zu haben, in welche Richtung wir mit dem neuen Song-Material gehen wollen.

Wie sieht eure Planung zum Abschluss der Trilogie aus? Sind zwischendurch noch andere Veröffentlichungen geplant?

Alex: Geplant ist, dass wir 2019 ausgedehnt und weltweit auf Konzertreisen gehen, sowohl mit ATROCITY als auch mit LEAVES‘ EYES. Daher liegt nun erst einmal der Schwerpunkt auf Live-Aktivitäten, bevor wir zum dritten okkulten Schlag ausholen.

ATROCITY sind eine sehr wandlungsfähige Band, die sich nie auf einen bestimmten Stil hat festlegen lassen. Wenn ihr euch mit dem Songwriting auf ein neues Album beschäftigt, folgt ihr da einer vorherigen Planung, in welche Richtung ihr gehen wollt? Und inwiefern hat sich in eurer Band der Songwriting Prozess im Laufe der Jahre gewandelt? 

Tosso: Wir waren schon immer eine Band, die versucht hat, musikalische Extreme auszuloten. Auf „Hallucinations“ und „Todessehnsucht“ war für die Zeit Anfang der 90er unglaublich technischer Death Metal zu hören, der viele andere Bands und Musiker inspiriert hat. Mitte und Ende der 90er haben wir Grenzen zwischen Metalmusik und Gothic, Electro und Ethno deutlich kleiner gemacht oder sogar eingerissen. Im Grunde sind wir einfach Musikliebhaber und folgen da unserer Freude und Neugier auf Musik und Neues. Beim Schreiben des neuen Albums „Okkult II“ war es natürlich für mich persönlich sehr schön und herausfordernd, möglichst viele brachiale und geile Riffs zu schreiben. Es freut mich, wie herrlich der Gitarrensound und generell die Produktion geworden ist. Auch die Vocals sind meiner Meinung nach sehr kraftvoll und abwechslungsreich geworden. Da hat Alex wieder mal ein einen Mega-Job als Produzent und Frontmann gemacht.

Wie kam der Kontakt mit Sounddesignerin Katie Halliday zustande?

Tosso: Katie Halliday hatte uns bei mehreren Shows von ATROCITY und LEAVES‘ EYES in Kanada auf Konzerten besucht. So kam man ins Gespräch und als sie von der Idee unserer „Okkult“-Trilogie hörte, war sie sofort begeistert und hat schon bei der ersten „Okkult“-Scheibe jede Menge scary, gruselige Soundeffekte beigesteuert.

Atrocity - Okkult II (Coverartwork)

Atrocity – Okkult II (Coverartwork)

Das Cover von „Okkult II“ als auch der Song „Masters Of Darkness“ verweisen auf das Dritte Reich. Welche Intention steckt dahinter?

Alex: Bei „Masters Of Darkness” geht es in der Tat um den Wahnsinn und den Okkultismus im Dritten Reich: Die menschenverachtenden Ideologien, eine absurde Weltanschauung und Deutung der Weltgeschichte vereint als “Schwarzer Orden” der “Religion des Blutes” und dem Schwur auf die “Blutfahne”.

„Menschenschlachthaus“ ist der einzige deutsche Titel auf „Okkult II“, welches sich inhaltlich auf den 1. Weltkrieg bezieht. Bitte erzähle uns die Geschichte hinter dem Song!

Alex: „Menschenschlachthaus“ umschreibt den realen Horror des 1. Weltkriegs auf Grundlage einer wahren Geschichte. Der deutsche Lehrer Wilhelm Lamszus hatte schon im Jahre 1912 über einen maschinellen Vernichtungskrieg bis ins Detail berichtet. Eine dunkle Prophezeiung, die grausame Realität werden sollte. Zwei Jahre später musste er selbst als Soldat in den 1. Weltkrieg und wurde Zeuge seiner dunklen Visionen. Initiiert von den Mächtigen der Welt und ihrer Hetze wurden Hunderttausende im Schlamm der Schützengräben durch die moderne Kriegsmaschinerie dahingerafft. Schon seit der “Todessehnsucht”-Platte (1992) haben wir deutsche Texte bei ATROCITY dabei. Ich finde die deutsche Sprache auch absolut passend für unsere Songs, gerade wenn es so heftig ist wie bei einem Song wie “Menschenschlachthaus” und die Erste Weltkrieg Thematik. Gedichte aus dieser Zeit und dem Expressionismus finde ich sehr inspirierend, da sie das Gräuel der Soldaten authentisch widergespiegelt und viele Künstler dieser Zeit so ihr Kriegstrauma verarbeiten haben.

Die Songtexte unterscheiden sich aber schon ziemlich untereinander, klar geht es immer um okkulte Themen, aber die Lieder folgen nicht stringent einem Handlungsstrang. Was war euch bei den Texten wichtig, welche Schwerpunkte wolltet ihr setzen und was habt ihr da für den letzten Teil geplant?

Alex: Wir als Künstler sehen uns innerhalb des „Okkult“–Konzepts als eine Art von Zeitreisenden, die wie in einem Notizbuch die obskursten Geschehnisse der Menschheitsgeschichte niederschreiben. So ist auch die Idee für unsere Artworks der „Okkult“-Trilogie. Als Künstler sollte man seine Kunst ja nicht immer vollständig erklären müssen, denn sonst nimmt man vielleicht etwas zu viel vorneweg, und der Zuhörer kann sich nicht völlig unvorbelastet auf die verschiedenen Stimmungen der Songs einlassen und in die Geschichten eintauchen. Vielleicht aber soviel, thematisch geht es in den Lyrics um okkulte Magie wie beim Song „Spell Of Blood“; mysteriöse Orte und Begebenheiten wie bei „Infernal Sabbath“ und der Höhlenwelt der „Kathedrale des Teufels“ im mittlealterlichen Baskenland; Verschwörungstheorien – in „Gates To Oblivion“ geht es um das „Hurenregiment“ im dunkeln Zeitalter des Vatikans; und bis dato ungelöste Mysterien wie bei den Geisterbeschwörungen im Zuge der okkultistischen Bewegung der Moderne Ende des 19. Jahrhunderts im Song „Phantom Ghost“. Für mich selbst ist das auch immer wieder ein großes Entdeckungsabenteuer, denn bei jeder dieser Geschichten muss ich auch voll in die Materie eintauchen. Und obwohl man schon verdammt viel darüber weiß und viel recherchiert hat, stößt man immer wieder auf neue faszinierende Dinge, die unfassbar sind. Für „Okkult III“ gibt es daher schon einige Ideen und neues Futter!

Wie kam es zur Rückkehr zu Massacre Records?

Alex: Massacre Records haben uns damals viele Ideen ermöglicht, sowas wie „Werk 80“ zum Beispiel. Ich habe ja früher selbst Mitte der 90er bei Massacre Records und zusammen mit Thomas als meinem Kollegen gearbeitet. Als Soulfood Music Massacre Records kürzlich übernommen haben, war quasi mit Jochen Richert und seinem Soulfood Team die Sache perfekt! Jochen kenne ich seit meiner Jugend, und er war damals schon in meiner Zeit bei Massacre Records erfolgreicher Vertriebspartner.

Tosso: Es fühlt sich sehr gut und richtig an wieder bei Massacre zu sein und mit Thomas Hertler und Massacre zu arbeiten. Wir kennen uns seit vielen Jahren und haben von der „Blut“-Platte bis zur „Werk 80“-Scheibe dort unter Vertrag gestanden. In gewissem Sinne schließt sich so der Kreis für uns und Massacre Records“. Alte Liebe rostet nicht!

Was habt ihr in nächster Zukunft sowohl mit ATROCITY als auch LEAVES‘ EYES geplant?

Tosso: Mit ATROCITY haben wir erst vor ein paar Tagen unsere Album-Release-Show auf dem Sunstorm-Open-Air gespielt. Das Feedback vor allem auf die neuen Album-Kracher war extrem gut. Es gibt nun einige weltweite Konzertangebote, die wir checken und dann auf unseren Homepages vermelden. Der Hauptschwerpunkt des Tourings mit ATROCITY wird aber 2019 sein. Mit LEAVES‘ EYES sind wir im August in Wacken und danach im September und Oktober auf Europatour zusammen mit KAMELOT zu sehen. Es wird auf jeden Fall nicht langweilig, haha.

Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören euch!

Alex: Vielen Dank für dieses Interview und die Unterstützung! Vielen Dank an alle unsere Fans, die uns so lange und zahlreich supporten! Wir sehen uns auf Tour!

18.07.2018

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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