Dark Millennium
Aus dem Nebel ins neue dunkle Jahrtausend

Interview

Als sich 1994 DARK MILLENNIUM nach gerade mal vier Jahren und zwei Alben bereits wieder auflösten, hörte man doch so manchen Seufzer in der deutschen Death-Metal-Gemeinde. Denn es gab nicht wenige, die den Jungs damals eine große Karriere zugetraut hatten. Doch da das jetzige Millennium bekanntlich auch nicht heller als das letzte ist, eher im Gegenteil, entschloss sich die Band zum Comeback und kehrte in diesem Jahr völlig überraschend zurück. Was waren die Gründe für den Split? Warum jetzt die Reunion? Und was kann man vom neuen Album „Midnight In The Void“ erwarten? Sänger Christian Mertens und Gitarrist Hilton Theissen standen uns ausführlich Rede und Antwort.

Hi Leute! Ich muss gleich mal ganz direkt werden: Wie konntet ihr uns das eigentlich antun und uns geschlagene 23 Jahre auf die neue Scheibe warten lassen? Ich erwarte eine angemessene Entschuldigung.

Hilton: Tut uns echt leid, aber die Wiedervereinigung war selbst für uns jahrelang eine schiere Utopie.

Christian: Wir haben uns in der langen Zeit dazwischen ja auch anderweitig ausgetobt. Und jetzt hatten wir halt wieder das Gefühl, dass wir noch etwas zu sagen haben.

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Ihr galtet ja damals als einer der Hoffnungsträger der deutschen Schwermetall-Szene. Wie genau kam es eigentlich dann trotzdem 1994 zur Auflösung der Band?

C: Nach „Diana Read Peace“ haben wir einfach festgestellt, dass die Meinungen der einzelnen Bandmitglieder über die weitere musikalische Richtung doch stark auseinander gingen. Es hätte zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn gemacht, ein weiteres Album aufzunehmen, das möglicherweise nur ein schaler Kompromiss geworden wäre. Nichtsdestotrotz bereue ich die lange Zeit, in der wir nicht mehr zusammengearbeitet haben.

Könnt ihr da bitte etwas näher drauf eingehen? Welche musikalischen Richtungen wurden denn damals innerhalb der Band angedacht und diskutiert? Das dürfte so manchen alten Fan sicher brennend interessieren.

C: Es gab verschiedene Tendenzen. Ein Teil der Band konnte sich vorstellen, mehr in Richtung Rock bzw. Grunge zu schwenken, ein anderer Teil wollte wieder härter zu Werke gehen. „Diana“ war ja insgesamt sehr experimentell und ausufernd, und nach so einem Album war es nicht einfach, sich neu zu definieren.

Keine schalen Kompromisse, dann lieber ein Split

Das mit dem Grunge ist uns ja zum Glück von euch wenigstens erspart geblieben. Aber was habt ihr eigentlich all die Jahre über so getrieben, vor allem in musikalischer Hinsicht, gab es andere Projekte?

H: Christoph (Hesse,Schlagzeuger, Anm.d.Verf.) und ich haben uns noch einige Zeit in Alternative- und Industrial-Gefilden umher getrieben, ohne jedoch große Spuren zu hinterlassen. Und ich habe mich irgendwann noch in einige andere stilistische Bereiche verabschiedet, um Erfahrungen zu sammeln und diesen Wahnsinn zu meinem Beruf zu machen.

C: Ich habe noch in anderen Bands versucht, mein Glück zu finden. Allerdings hat es nie wieder so gut funktioniert bzw. war so zufriedenstellend wie die Arbeit mit DARK MILLENNIUM.

Also ist da eher nichts dabei, was beinharte Anhänger von euch unbedingt wissen bzw.mal anchecken sollten?

C: Ich habe noch längere Zeit mit Torsten (Gilsbach, Ex-Sänger, Anm.d.Verf.) und später mit Jörg (Dinstühler, Ex-Bassist, Anm.d.Verf.) zusammengearbeitet, zwischenzeitlich auch mal mit Harry (Busse, Anm.d.Verf.) von MORGOTH gejammt. Dabei sind meiner Meinung nach auch recht interessante Songs entstanden, aber letztendlich haben wir aus verschiedenen Gründen diese Projekte nicht weiter verfolgt. Ich denke aber, dass dieses Material für die DM-Fans nur bedingt interessant sein könnte.

Was gab den Ausschlag dafür, DARK MILLENNIUM wieder an den Start zu bringen? Schildert doch bitte mal den Ablauf.

H: Wir hatten anfangs Anfragen mehrerer Labels hinsichtlich der Veröffentlichung von Neuauflagen unseres Gesamtwerkes, die wir jedoch zunächst höflich zurückgewiesen haben. Als dann aber Century Media mit ihrer sorgfältigen und wertigen Reissue-Tradition anklopften, wurden wir einfach schwach. Christian und ich trafen uns in unserer alter alten Kneipe nach Jahren wieder, um über alles zu reden. Und dann nahm die Sache ihren Lauf…

War für euch sofort klar, dass ein Comeback nur in Verbindung mit einer neuen Scheibe in Frage kommt?

C: Ja, definitiv. Wie schon gesagt haben wir schnell festgestellt, dass sich da eine Menge an Ideen angesammelt hatte, die eindeutig nach DARK MILLENNIUM klangen und in keiner anderen Band Verwendung hätten finden können. Und wir waren einfach unglaublich neugierig darauf, wie diese Band zum jetzigen Zeitpunkt klingen würde, nach so vielen Jahren. Es fühlte sich auch beim ersten Songwriting-Treffen sofort gut und interessant an, sonst hätten wir es auch nicht durchgezogen.

Kommen wir nun mal zu „Midnight in the Void“. Ich bin auch nach mehreren Durchläufen ehrlich gesagt immer noch ziemlich geplättet von dem Album, und genau das hatte ich erhofft und heimlich erwartet. Könnt ihr dieses Gefühl nachvollziehen?

H: Wir selbst sind sehr glücklich darüber, wie reibungslos und energetisch der Entwicklungsprozess des Albums verlief, zumal wir diesmal der Verlockung erliegen durften, den Gesamtablauf gänzlich in unserer Hand zu wissen.

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Ihr habt die neue Scheibe ja in Eigenregie aufgenommen und veröffentlicht. Wie wichtig ist genau dieser Punkt „Selbstständigkeit und absolute künstlerische Kontrolle“ für eure Arbeit? Oder anders gefragt, wäre es überhaupt möglich gewesen, ein Label von euren komplexen musikalischen Visionen zu überzeugen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen?

C: Das wäre sicher schon schwierig geworden. Um die unkonventionelle Arbeitsweise und die völlige künstlerische Freiheit zu gewährleisten, ist diese Autonomie sicherlich sehr hilfreich. Das soll aber nun nicht unbedingt ausschließen, dass wir in Zukunft auch mal wieder mit einem Label zusammenarbeiten werden. Wir müssen uns halt in grundlegenden Aspekten einig sein.

H: Es gibt natürlich auch einige alte Bekannte, die in der Musikbranche tätig sind und sehr viel Verständnis für unser Schaffen signalisieren, was bei potentiellen Kooperationen ein enormer Gewinn sein könnte.

„Das können wir nicht bringen“ gibt’s bei uns nicht

Ihr hattet mir ja im Vorfeld bereits verraten, dass die Scheibe Elemente sowohl von „Ashore The Celestial Burden“ als auch von „Diana Read Peace“ enthalten werde. Und ihr habt Wort gehalten. Seid ihr mit dieser Vorgabe ans Songwriting heran gegangen, oder was das alles eher ein natürlicher Prozess?

H: Irgendwelche Vorgaben gab es ganz und gar nicht. Die Arbeitsweise glich zwar in der Konzeptionsphase dem früheren Vorgehen, aber wir haben uns einfach gemeinsam entfesselt und wie üblich keinerlei Vorgaben akzeptiert.

C: Der Satz „Das können wir nicht bringen“ ist jedenfalls niemals gefallen.

Wie entstehen bei euch generell Songs? Eure Musik ist ja schon ziemlich komplex und facettenreich. So etwas schreibt man doch sicher nicht nebenbei beim Rasen mähen oder gemütlich bei einem gemeinsamen Bierchen im Proberaum, oder?

C: Unser Songwriting ist von Song zu Song sehr unterschiedlich, wir spielen dabei mit verschiedenen Herangehensweisen. Manchmal beginnen wir mit den Lyrics und fügen die Musik hinzu, manchmal konzipieren wir einfach um ein cooles Riff herum. Und auf dieser Scheibe haben wir sogar einen Song geschrieben, bei dem zunächst das Ende stand und der Anfang später hinzukam („From A Thousand Years Of Yore“). Grundsätzlich gilt auch beim Songschreiben: Es gibt keine Grenzen, alles ist möglich.

Eure Scheibe ist für mich genau das Gegenteil von einem halbherzig oder gar lieblos eingespieltem Comeback. Galt für euch von Anfang die Devise, entweder richtig und mit allem Herzblut, oder besser gar nicht?

H: Exakt so ist es! Wir waren uns sofort einig, wenn das Album steht und wir dann der Meinung sind, dass wir uns etwas vormachen oder das Ganze zu einer Art Schlussverkauf oder Lauer-Aufguss-Scheisse verkommt, dann hätte es nur einen Konsequenz gegeben: Alles löschen.

Lauer Aufguss schmeckt einfach nicht

Songtitel wie „Dressed For Suicide“, „Something To Die For“, „Looking Good Dead“ oder „Love Sucks“ lassen jetzt nicht unbedingt auf ein Konzeptalbum über das schöne Wetter im Hochsauerland schließen. Erzählt doch mal ein bisschen was über die Texte bzw. über das Konzept der Scheibe.

C: Der rote Faden des Albums ist die menschliche Psyche und vor allem das menschliche Unterbewusstsein, welches auch auf dem Cover als Landschaft dargestellt ist. Die Texte handeln im Großen und Ganzen von den merkwürdigen Dingen, die sich dort bisweilen abspielen, also von der (oftmals zerstörerischen) Macht unseres Geistes auf unser Handeln. Diese dunkle Seite hat uns und mich als Texter schon immer besonders interessiert und war somit eine große Inspiration für das Album. Sowohl mit dem Cover als auch natürlich mit der Musik haben wir versucht, diesem Thema Ausdruck zu verleihen.

Ihr wart schon damals eine Band, die ihre ganz eigene Nische im deutschen Death Metal inne hatte, und daran hat sich bis heute nichts geändert. War das schon immer eine Prämisse von DARK MILLENNIUM, einfach anders als die anderen zu sein?

C: Das war nie ein konkreter Plan, sondern hat sich wohl einfach so ergeben. Wir machen eigentlich nur das, was wir selber auch als Zuhörer interessant finden würden. Und dabei gibt es für uns weder irgendwelche Grenzen noch Limitierungen.

Gab und gibt es dennoch musikalische Vorbilder, die euch besonders beeindrucken oder gar inspirieren?

C: Natürlich gibt es bestimmte Vorlieben innerhalb der Band. Allerdings haben wir nie versucht, uns an konkreten Vorbildern zu orientieren. Inspirierend finde ich persönlich alle Bands, die sich radikal über Grenzen hinwegsetzen und sich künstlerisch frei entfalten. Oftmals verlangen sie dabei den Zuhörern einiges ab, aber gerade das finde ich spannend und langfristig interessant.

Wie hat sich speziell für euch als Band die Musikszene bzw. -industrie in diesem knappen Vierteljahrhundert verändert?

H: Es hat sich ganz sicher vieles hinsichtlich der Musikmedien, der stilistischen Ausrichtungen und auch des nennen wir es mal Konsumverhaltens der Musikhörer verändert. Aber das ist bis auf einige Details bei der Veröffentlichung der Scheibe nicht weiter von Belang für uns gewesen. Denn zum einen wollen wir nicht in einen Wettbewerb treten, da unser Neu-aufleben einzig von unseren Idealen bestimmt wird. Und zum anderen gibt es in der Metalszene genau wie früher immer noch diese totale Hingabe bei den Fans, was einfach völlig groß- und einzigartig ist.

Kunst sollte stets interessant bleiben und etwas Neues bieten

Was waren eure Ziele mit DARK MILLENNIUM damals, und wie schaut dies jetzt aus?

C: Unsere Ziele haben sich im Grunde nicht verändert. Wir möchten einfach weiterhin interessante und ungewöhnliche Alben aufnehmen und veröffentlichen, bei denen wir unsere Kreativität frei ausleben können und die den Fans und Zuhörern etwas bedeuten. Für mich muss Musik den Hörer vor allem emotional erreichen und im besten Fall etwas bei ihm auslösen. Und wenn wir genau das schaffen, sind wir sehr zufrieden. Ein weiteres Ziel ist ebenfalls, eine Kunst zu kreieren, die auch nach mehrmaligem Genuss interessant bleibt und bei der es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt.

Was dürfen wir in nächster Zeit von euch alles erwarten, Tour, Festivalsgigs usw?

H: Natürlich werden wir auf dem ein oder anderen Festival spielen und auf dem Weg dorthin eine Menge Untergrund-Luft atmen und Dreck fressen. Schließlich waren wir ja lange weg vom Fenster und spielen uns gerade wieder warm. Aber wie sich eine Tour konkret gestaltet, können wir derzeit noch nicht sagen, da wir schließlich erstmal alle unsere Termine unter einen Hut kriegen müssen.

Zum Abschluss noch eine besonders wichtige Frage: Wie lange wird es bis zur vierten DARK MILLENNIUM-Scheibe dauern?

H: Die Ideenküche brodelt stetig und die Motivation ist hoch, aber die Umsetzung duldet keine Hetze.

Ok, dann warten wir es einfach mal ab und genießen derweil ausgiebig „Midnight In The Void“, da gibt’s schließlich mehr als genug zu entdecken.

Danke für das Gespräch!

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14.10.2016

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