Dark Millennium - Acid River

Review

Soundcheck Januar 2022# 10

Progressivität und Technik gehen im Death Metal gerne Hand in Hand. Man muss dafür ja gar nicht mal über den Teich fahren. Es reicht, nur mal kurz nach Landshut herüber zu schielen, um sich das wieder mal in Erinnerung zu rufen (sollte es aus irgendeinem Grunde mal in Vergessenheit geraten sein). Manchmal reicht aber auch ein geschicktes Händchen für Atmosphäre, um Death Metal der alten Schule mit hinreichend Frische zu versehen. DARK MILLENNIUM praktizieren diese Kunst seit ihrer Gründung zu Beginn der Neunziger und haben ihr Können auch über ihre schlappe 22 Jahre andauernde Schaffenspause gerettet, etwas, was meinen geschätzten Vorredner ihnen zu den jeweiligen Reunions-Alben „Midnight In The Void“ und „Where Oceans Collide“ hoch anrechnete.

DARK MILLENNIUM blicken nach vorne und zurück

Nun, beim verflixten dritten Album nach der Wiedervereinigung, noch groß von einem Comeback zu sprechen, ist vermutlich eher albern. Die Jungs um Christian Mertens sind definitiv längst wieder back in Business, Business ist as usual und so haben sie lt. Presseinfo für ihr neues Album „Acid River“ alles schön auf Anfang gedreht, weil Nostalgie ja ohnehin ein unschlagbarer Kassenschlager im Metal ist. So sei das alte Equipment – Instrumentarium wie auch Aufnahmegerätschaften – aus dem Ruhestand geholt, entstaubt und mal wieder schön beansprucht worden. Ob das nun eine Glorifikation der guten alten Zeiten zu Promotionszwecken ist, sei mal dahin gestellt. Denn „Acid River“ holt seine Hörer jedenfalls mit seinem charmant aus der Zeit gefallenen Sound direkt ab.

Auch wenn sich die Westfalen zwischenzeitlich in „Essence“ von ihrer besten VOIVOD-Schokoladenseite zeigen, legen es DARK MILLENNIUM generell weniger auf zerebrale Reizüberflutung an, sondern liefern eher angenehm angestaubt klingenden Death Metal, der meist im niedrigen bis mittleren Drehzahlbereich unterwegs ist. Auf dem Weg über die Zielgerade schlagen die Songs allerdings jeweils ein paar interessante, songschreiberische Haken. Hook-orientiertes Liedgut sucht man hier praktisch vergeblich, auch wenn die mit Mertens‘ Krächzgesang veredelte Klimax von „Lunacy“ einen ordentlichen Ersteindruck hinterlässt und ihre – nun ja – klimaktische Klasse auch mit wiederholten Hördurchgängen nicht einbüßt.

Die vielen Facetten des „Acid River“

Leicht machen es die Herren einem auf „Acid River“ wahrhaftig nicht. Dafür spricht die praktisch durchgehend auf den Punkt getroffene Durchschnittsdauer der Tracks von sieben Minuten, ein Indikator für das vielschichtige Songwriting hinter dem fünften Langeisen der Herren. Dafür fahren DARK MILLENNIUM aber eine ganze Reihe von interessanten Ideen auf, die aufhorchen lassen. Dazu gehören Standards wie das CANDLEMASS’sche Doom-Motiv in „Godforgotten“ oder die hallende Akustische, die perlend, klar, gar elegisch „Vessel“ zum Ende kommen lässt, aber auch etwas ungewöhnlichere Elemente wie der tribale Ethno-Einschub im gleichen Track, der genau zur rechten Zeit etwas Hypnotisches, ja: etwas seltsam Spirituelles in den Song rein bringt.

Es hat keine Tentakel und beschwört keine unaussprechlichen, Lovecraft’schen Schrecken hervor wie DODECAHEDRON. Es dringt nicht wie etwa ORANSSI PAZUZU durch hypnotische Effekthascherei ins Unterbewusstsein ein oder wühlt die Magengrube auf wie die neueren DEATHRITE, ganz zu schweigen davon, dass hier keine Köpfe eingeschlagen, keine Knochen zertrümmert und keine Gedärme zersäbelt werden. Was DARK MILLENNIUM stattdessen mit „Acid River“ heraufbeschwören, sind bizarre, sich stets windende Klanglandschaften, die eine gewisse, kauzige Natur nicht verleugnen können. Das hat sicher auch mit dem Sound zu tun, wie gesagt: Die Herren klingen wie aus der Zeit gefallen, im besten Sinne der Worte.

Bizarre Klangwelten warten auf mutige Entdecker …

Trotzdem verträgt sich das mit den zum Teil recht modern klingenden, elektronischen Arrangements wunderbar, vor allem weil die Band selbst die Regler bedient und alles klanglich schön aufeinander abgestimmt hat. Als solches lässt man „Acid River“ am besten in Ruhe über sich ergehen. Das fordert einiges an Geduld auf Empfängerseite ein, gerade wenn man sich leicht durch Mertens‘ akzentuierte Darbietung ablenken lässt, die wie in „Threshold“ gelegentlich gefährlich nah an Andreas „Gerre“ Geremias denglisch vorbeischrammt. Doch das darüber hinaus so souveräne Händchen für die richtige Stimmung bügelt diese Falte wieder glatt. Und spätestens der nächste Magic Moment, sei es ein erhabener Melodiebogen oder ein kurioses Synth-Motiv, holt den Hörer dann wieder in dieses wundersame Gespinst zurück …

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07.01.2022

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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