Firtan
"Wir sind keine Hit-Band"

Interview

Hat sich deine Sicht auf die Themen irgendwie geändert, während du geschrieben hast?

Eigentlich nicht. Ein ganz großer Einfluss ist die Philosophie, die zum Beispiel Nietzsche vertreten hat. Es geht darum, über sich selbst hinauszuschreiten, aus sich selber heraus etwas Neues zu schaffen, das größer ist als man selbst. Ist ja auch mit Musik ein bisschen so.

Natürlich schafft es nicht jeder, aber bei manchen großen Bands ist das Ganze drumherum größer als die einzelnen Personen, die dahinter stehen. Das ist so wahnsinnig, wie viele Leute die erreichen können.

Selbst wenn es um eine Einzelperson geht oder einen großen Herrscher oder so, ist der dann trotzdem als diese Person angesehen, aber nicht als die private Person, die wirklich dahinter steht. Das ist was Größeres. Das kann man auch gar nicht wirklich beschreiben.

Das ist vielleicht eine Energie oder eine kosmische Entität, wenn man es esoterisch betrachten möchte.

Also siehst du auch eine ethisch-moralische Verantwortung, die ihr habt?

Ich weiß nicht, ob wir da eine Verantwortung haben. Jeder hat eine Verantwortung, vor allem aber auch für sich selbst und für die Leute um sich herum.

Ich sage nicht, dass ich die Verantwortung habe, um irgendwelche Leute, die unsere Musik hören, zu bespaßen. Sie mögen es entweder oder sie mögen es nicht. Sie nehmen was von der Message mit oder nicht, das kann ich nicht beeinflussen.

Aber ich möchte Verantwortung für mich selbst tragen und für die Leute, die mir wichtig sind – und damit ist schon vielen geholfen. Wenn das jeder machen würde, wäre die Welt schon ein besserer Ort. Aber was machen wir denn? Es gibt Leute, die schlagen ihre Frau oder was weiß ich. Das wäre so einfach, lasst es doch einfach sein.

Firtan-Helios Cover

Hast du jemals irgendeine Idee oder irgendein Konzept verworfen, weil es nicht zu FIRTAN passt?

Ja, Pagan, aber erst im Nachhinein. Das wäre vielleicht eine bessere Frage für David, weil er viele Texte für die vorherigen Alben geschrieben hat. Ich denke, er hat einige Sachen ausprobiert, er liest auch gerne ältere Literatur.

Thomas Mann zum Beispiel war ein Einfluss, gerade bei „Amor Fati“. Vom Titel her ist das ein Nietzsche-Konzept, aber eigentlich ist das lyrische Thema von Thomas Mann inspiriert.

Davon habt ihr euch mit der englischen Sprache jetzt natürlich ein bisschen entfernt.

Aber die Philosophie ist immer noch sehr deutsch.

Ich habe überlegt, ob ich den Sprachwechsel jetzt eigentlich schlecht finde oder nicht. Das ist natürlich sehr dramatisch dafür, dass eigentlich nichts passiert ist. Die Welt hat sich nicht deswegen verändert.

Das Einzige, das ich schade finde, ist, dass das jetzt der deutschsprachigen Musiklandschaft verloren geht, die generell eher ein bisschen dünn gesät ist, was intellektuellen Anspruch angeht.

Ja, das stimmt. Aber das heißt nicht, dass wir aufhören, deutsche Texte zu machen. Vielleicht machen wir das auch wieder und das war jetzt einfach mal was Neues. Wir probieren gerne neue Sachen aus. Das wird immer Leute stören oder vielleicht auch nicht.

Aber vielleicht kannst du dich ja noch daran gewöhnen.

Gibt es denn eine lustigste oder kreativste Kritik, die ihr mal bekommen habt an die du dich gerne zurückerinnerst?

Ja, aber das hat nichts mit der Musik zu tun. Ich wurde mal für die Gitarre, die ich spiele, kritisiert. Das war auch in Hamburg, im Bambi Galore, und da kam so ein Typ zu mir. Der hat gemeint: „Also die Gitarre, die du da spielst, das ist ja gar nichts. Du brauchst eine richtige Jackson, so wie der andere Gitarrist.“

Erstens ist es keine Jackson, sondern eine Ibanez und das ist einfach nur eine persönliche Präferenz. Der ist später auch noch zu allen anderen in der Band gegangen und hat kommentiert, dass das so wichtig wäre und dass man sowas nicht spielen darf als Band.

Das ist Elitismus, den ich nicht akzeptieren kann. Gitarrismus ist bei uns nicht erwünscht. Eigentlich nicht so lustig, aber das ist mir spontan eingefallen, weil wir in Hamburg sind.

Dreh dich halt um, dann musst du die Gitarre nicht sehen – oder wie schlimm ist es? Das war ja keine pinke Hello-Kitty-Gitarre oder so. Und selbst wenn, das wäre eigentlich cool. Ich respektiere sowas immer sehr.

Galerie mit 22 Bildern: Firtan – Zerfall Tour 2026

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18.10.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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