Genepool
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Interview

„Ich hasse Berlin.“ Montagmorgen, 2:30 Uhr. Nach dem Interview ist vor dem Interview und Guido Lucas hat Hunger. Er heißt zwar White Trash Fast Food, aber mitten in der Nacht gibt es in dem Club offenbar keine warme Mahlzeit mehr. Mit Jens Küchenthal, einer Bekannten der Band und dem Merchandise-Mann halten wir Ausschau nach einem Imbiss, begegnen einer Horde Pommesfresser und kehren schließlich doch bei einem Türken ein, der keine Pommes führt und an dem wir erst vorbeigelaufen sind. Aber es gibt gute Sitzmöglichkeiten und als das Essen kommt, sind die Herren zufrieden. „Ich liebe Berlin doch.“ Zeit, diese Teile des Genpools mit einigen Aussagen zum Album “Sendung / Signale“ zu konfrontieren (alle Presse-Zitate direkt übernommen, inklusive Rechtschreibung).

GenepoolJens, auf dem Artwork für ‘Berlin By Night’ (“Vorabsingle“) sind zwei neue Mitglieder zu sehen. Einmal du, der neue Drummer…

Jens: Das ist das Büro! Also GENEPOOL haben nicht nur einen Schlagzeuger, sondern zwei. Spiro und ich haben uns das auf der Platte das Schlagzeugspiel geteilt. Er kommt mehr aus dem Punk-Rock-Umfeld und so können wir uns das ganz gut aufteilen, wenn es darum geht, bestimmte Vibes zu erzeugen. Das Lustige an der Sache ist, dass wir uns erst neulich auf dem Konzert in Köln kennen gelernt haben. Aber das funktioniert ganz gut.

Ihr habt verschiedene Wohnorte. Quartiert ihr euch für Aufnahmen immer bei Guido im Studio ein?

Jens: Genau, wer dran war, ist angereist und hat dann seinen Teil eingespielt.

Guido: Die meisten Sachen sind im Studio entstanden – zwei, drei Leute im Studio und dann haben wir andere eingeladen. Es standen also nie alle im Proberaum – alles sehr viel post production. Wir haben beispielsweise die Songs fertig gemacht, Letten zugeschickt, er hat sich Gedanken gemacht und ist dann für vier, fünf Tage ins Studio gekommen. Insgesamt haben wir vielleicht in vierzig, fünfzig Tagen die Platte aufgenommen.

Im Infozettel zur neuen Platte stand: „…immer vollere Clubs und eine Verkaufshistorie, die heutzutage äußerst ungewöhnlich ist, zeugen von dem Status der Band fernab von den üblichen Mechanismen.“ Habt ihr das auch so erlebt, dass inzwischen mehr verkauft wird und die Besucherzahlen prinzipiell gestiegen sind?

Guido: Totaler Schwachsinn. Das entbehrt jeder Grundlage und…

Jens: …wir müssen die doch lesen.

Eine andere Info…

Guido: Alles Quatsch, alles Quatsch! Alles gelogen!

…die zur Tour kam: „Denn wie eine Agave nur einmal erblühen kann, sind GENEPOOL pro Album nur einmal auf Tour…“

Guido: Alles Bullshit vom Arne (Label-Betreiber)!

Jens: Das ist wie beim Praktiker: Heute 25%, nur noch heute! Seit drei Jahren jeden Tag im Radio…

Guido: (verschluckt sich fast) Ganz genau! So ist das, ohne Scheiß … eins zu eins. Und Geiz ist geil.

Das Ende vom Infozettel: „Und mit SENDUNG / SIGNALE steht man erst am Anfang.“ Steht es also schon fest, dass ihr ein drittes (eigentlich viertes, wenn man das vergriffene Debüt der ursprünglichen Besetzung zählt), viertes und fünftes Album macht?

Guido: Totaler Schrott, was der Arne sich ausdenkt, wenn er irgendwie … nüchtern ist. Das ist eine reine Phrase.

Im Gegensatz zur „Everything…“ waren die Kritiken zur neuen Scheibe relativ durchmischt. CDstarts meint zum Beispiel: „Trotz allem verweist das Meiste auf Sendung/Signal zu verkrampft nach Ich-Will-In-Die-Indie-Charts-Attitüde.“

Guido: Also wenn schon Charts, dann keine Indie-Charts. Grundsätzlich ist die Platte gut angekommen, da waren nur drei, vier Kritiken, die waren komplett mies. Aber so auffällig unter der Gürtellinie, dass sich da wirklich jemand auf den Schlips getreten gefühlt hat. Mit der neuen Platte spielen wir in einer anderen Liga, bieten mehr Angriffsfläche, machen auf dicke Hose, werden deshalb auch kritischer gesehen und müssen natürlich einstecken. Das heißt, dass wir auch wirklich provozieren. Manchmal geht es halt schief und dann kommt so eine Reaktion. Zum Beispiel gab es im Spex einen total üblen Verriss, der eigentlich total dumm war – also richtig dumm, so dass man schon wieder neugierig werden konnte…

Moment, da habe ich auch das Fazit hier. „Letzte Frage: wie lange lässt es sich im Genepool planschen, ohne sich mit der entzückend heißenden, aber arm klingenden Inzuchtdepression zu infizieren? Vor dieser schleichenden Reduzierung von Vielfalt in zu eingegrenzten Lebensräumen sei hiermit in aller Form gewarnt.“

Guido: Die Typen, die da schreiben, haben damals, als ich diese Musik gehört habe, von der wir angeblich Epigonen sind, noch gar nicht gelebt. Die wissen gar nicht, wovon sie reden! Ich habe damals den Kram mit fünfzehn, sechzehn gehört, als er rausgekommen ist. Ich mache das nicht nach, sondern das ist die Musik, die ich gehört habe, die ich kenne.

„Trotzdem dürfte wohl kaum jemand der Band (…) ein Zweitwerk wie ‚Sendung/Signale‘ zugetraut haben.“ (Sally’s) Die neue Platte hat sich schon erstaunlich geöffnet. Zum düsteren Punk-Rock kommt jetzt viel mehr New Wave, Elektro, Pop…

Jens: GENEPOOL ist ja auch ein Ding, wo man gewisse Sachen ausprobieren kann und auch will. Aber was mich dabei so stört, ist, dass die Leute teilweise unterstellen, dass wir jetzt krampfhaft versucht haben könnten, irgendwo aufzusetzen oder irgendwelchen Trends zu folgen.

Ein Zitat vom Ox, mit dem ihr vermutlich besser leben könnt: „…detailbesessen konstruierte Popmusik.“

Guido: Detailbesessen auf jeden Fall, denn wir diskutieren wirklich über jeden Akkord, jeden Ton.

„Gerade am Ende des Werk ist immer wieder von Selbstmord die Rede und eigentlich jedem Track merkt man mindestens eine Spur Unzufriedenheit mit der Welt an.“ (Magagin) Sozialkritik?

Guido: Ne, da hat ein Rezensent seine eigenen Probleme in die Songs reingelegt.

Home Of Rock merkt an: „Dieses Album wird manche hartgesottenen Punkfans der ersten Stunde, die eine Fortsetzung der MISFITS-Hommage erwartet hatten, vor den Kopf stoßen.“ Habt ihr euch darüber überhaupt mal Gedanken gemacht, dass ihr euch vielleicht die Basis wegziehen könntet?

Guido: Diese Angst oder Befürchtung war nie da. Im Gegenteil: Eigentlich wollten wir versuchen, neue Leute zu erreichen. Definitiv. Allerdings nicht zu verwechseln damit, dass wir jetzt auf Kommerz machen.

Das ist beispielsweise die Kritik von Allschools: „Gehören EDITORS und INTERPOL allerdings noch zu den hochkarätigen Revivalisten des 80er Sounds, gibt es mit GENEPOOLs zweitem Album die Speerspitze der Epigonen der Epigonen.“

Guido: Die Kritik war gar nicht so schlecht gemeint. Es kam vielleicht doof rüber, war aber gar nicht so dumm geschrieben. Aber natürlich mache ich nicht EDITORS nach. Wahrscheinlich sind alle Jungs, die bei den EDITORS spielen, mindestens zehn, fünfzehn Jahre jünger als ich (Guido ist Anfang vierzig). Ich habe die Musik damals richtig miterlebt und die nicht. Also sind vielleicht die EDITORS Epigonen, aber nicht ich.

Die nächste Sache wäre was für Letten gewesen. „Schade, das Jack Letten nicht mal ansatzweise das Potential seiner Stimme ausschöpft. (…) Stattdessen aber klingt der Smoke-Blow-Kopf wie das akustische Äquivalent einer stark gegelten Frisur. Trendy. Brav. Und vor allem: vollkommen unauffällig.“ (Plattentests)

Guido: Unfassbarer Unsinn! Ich habe die ersten Demos von der neuen GENEPOOL-Platte dem neuen Label von SMOKE BLOW (PIAS) vorgespielt. Und die Leute haben mich ernsthaft gefragt: Wer ist dieser zweite Sänger?

Ein Freund und Tour-Begleiter der Band, der ebenfalls am Tisch sitzt, ergänzt, dass sich viele SMOKE-BLOW-Fans in Gesprächen positiv darüber geäußert hätten, dass Letten bei GENEPOOL seine Singstimme wesentlich mehr nutze. Gut vorstellbar – und wer ohne eine Portion Geschrei nicht kann, sollte einen Konzertbesuch erwägen.

Jens: Wann kommen denn die positiven Zitate, sag mal? Wir wollen doch Spaß haben.

Wie wäre es mit Triggerfish: „Passt das, oder ist hier einfach Karneval im Hochsommer? Ich tendiere zu Letztem, denn wer braucht das schon, heute 2007? (…) Ihr spielt hier den Sound, der schon in den 80ern Scheiße war!“

Jens: Wenn irgendein Heiopei mit der Musik sowieso nichts anfangen kann, wie anmaßend ist das dann, so einen Scheiß zu schreiben?

Guido: Das kann ich erklären, denn ich hab die Frau von dem Typen gefickt. (Gelächter)

Jens: Verstehe, dann ist natürlich alles klar.

Kurz und knackig: „…„Sendung / Signale“ hat etwas zu sagen.“ (Westzeit) Was denn?

Guido: Weiß ich gar nicht. Hat etwas zu sagen. Punkt. Wir haben keine präzise Botschaft, sondern etwas zu sagen, eine Meinung – und ich hol mal eben ein bisschen scharfe Soße.

Das Intro ist auch super drauf: „Der Knüppel, den sie der auch nicht mehr ganz so drahtigen Mähre Noiserock zwischen die Hufe schmeißen, ist vom Disco-Baum gebrochen und dürfte Tausende Ärsche auf dem Dancefloor zum Wackeln bringen.“

Guido: Das klingt doch gut, oder?

Tut es wohl – wer mehr dazu wissen mag, lese Review, Song-By-Song und höre die Platte. Nach dem Essen geht es zurück zu Letten. Der ist inzwischen leicht angesäuert, weil er eine Dreiviertelstunde alleine – der Rest hatte sich längst abgesetzt – auf das Gepäck aufpassen musste. Überhaupt ist der Western-Bar-Teil vom White Trash anscheinend nicht unbedingt Lieblingsort der GENEPOOLer. Bedienungen, die Bestellungen „in English, please“ aufnehmen und dann das Steak an den falschen Tisch liefern, ließen schon vorher nur bedingt Stimmung aufkommen. Immerhin gelang der Gig in der „Diamond Lounge“ (also im Keller) gut, auch wenn die Besucherzahl (erwartungsgemäß) nur zweistellig war und man den Auftritt erst halb zwölf begann.

Tom Schwoll (JINGO DE LUNCH, DIE SKEPTIKER, EXTRABREIT…), der auf Einladung Lettens (gemeinsame Auftritte, man kennt sich) vorbeigeschaut hatte, zeigte sich ebenfalls angetan. „Voll 80er, ey! Macht ja heute in der Form eigentlich niemand mehr. Die beiden von den BEATSTEAKS waren übrigens auch da. Du musst aber noch mehr für die Leute verfügbar sein … nicht diese Pausen entstehen lassen. Ich weiß, dass man nicht immer Lust hat, aber da musst du dir halt ein paar Standards zulegen. Mensch, ich hab dich damals vor zwanzig Leuten gesehen, die alle in der Ecke standen. Du hast angefangen, sie zu beschimpfen und am Ende hätte jeder von denen deinen Schwanz gelutscht.“

Die nächste Anekdote kam später von Guido Lucas: „Du hast mal bei EXTRABREIT gespielt? Ich hab am Anfang für die das Zeug geschleppt, während die Band hinten im Hof Fußball gespielt hat!“ Was war noch? Eine Erzählung über amerikanische Skins, die ihre Linien in Hakenkreuzform legten („Damals waren wir alle jung und hatten Blödsinn im Kopf…“), ein ziemlich direktes Angebot, vermutlich mit Trefferquote 1:10…

Klar, dass das eigentliche Interview unter diesen Umständen immer weiter nach hinten gerutscht war. Andererseits sind die Herrschaften zu abgeklärt, als dass die Stories in dem Moment, in dem sie beiläufig fallen gelassenen werden, wirklich spektakulär wirken würden. Als um vier die letzte Runde ausgerufen wird, meint Guido: „Das ganze Drum und Dran auf einer Tour ist eigentlich Abfall. Wichtig ist nur die Zeit auf der Bühne.“ Dann geht es mit dem Taxi in die Berliner Nacht und von dort nach Hause, wo Familie, Freundin und Job wieder in den Vordergrund rücken. Bis zum nächsten Auftritt.

23.10.2007

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