God Dethroned
God Dethroned

Interview

Nach I.N.R.I.-Sänger Henri Veltink vor ein paar Wochen ist es schon wieder an der Zeit, einen weiteren Verfechter holländischen Todesbleis nach allen Regeln der Kunst auszuquetschen. Anlässlich der Veröffentlichung ihres mittlerweile fünften Studioalbums "Into The Lungs Of Hell" hatte ich kürzlich God Dethroned-Klampfer Jens an der Strippe, um ihm ein paar Neuigkeiten zur neuen CD, zu den neuerdings etwas sozialkritischeren Texten und anderen Dingen rund um die niederländische Death Metal-Band Nr.1 zu entlocken.

God DethronedEure neuen Songs sind wesentlich langsamer und melodischer ausgefallen als die auf „Ravenous“. Ist das eine natürliche Entwicklung?

Ja, definitiv! Im Prinzip sind sie eine Reaktion auf die Schnelligkeit von „Ravenous“. Vergleicht man dieses mit den beiden Vorgängern, ist es um Längen schneller. Deswegen sind wir diesmal etwas langsamer, dafür aber heavier zu Werke gegangen. Die Melodien waren eigentlich schon auf „Ravenous“ enthalten, kamen aber aufgrund des chaotischen Sounds dieses Albums nicht voll zur Geltung. Dieses Mal haben wir alles auf B heruntergestimmt und bei der Produktion darauf geachtet, weswegen die Melodien gewichtiger sind.

In euren Texten befindet sich wesentlich mehr Sozialkritik als vorher. Auch eine natürlicher Entwicklungsprozess durch das Älterwerden?

Wir hatten in den letzten Jahren viel Zeit, innerhalb der Band darüber zu reden, wie wir die ganze Welt sehen. Wenn du eine Platte aufnimmst oder produzierst, bist du 90% der Zeit nur am Warten. Also unterhält man sich viel. Es war an der Zeit, dass unsere Frustration, unsere Angst davor, wohin die Welt sich bewegt, mal zum Ausdruck kommt. Gerade jetzt ist es doch extrem mit den ganzen Kriegen, dem Terrorismus. Als wir im Studio waren, passierte zeitgleich der Bombenanschlag auf Bali und man wurde überall damit konfrontiert. Wenn wir solche Texte schreiben, predigen wir aber nicht. Unsere Texte sind einfach persönlich und zeigen, worüber wir uns Sorgen machen.

Also ist ein Song wie „The Warcult“ direkt vom drohenden Krieg im Irak oder den Unruhen in israel beeinflusst?

Es gibt viele Songs, die von aktuellen Geschehnissen geprägt sind, „Gods Of Terror“ z.B. auch. Aber eigentlich waren diese Themen vorher auch schon in unseren Lyrics präsent. Leute haben immer wegen ihrer Religion Kriege angefangen, um Macht über andere zu bekommen. Auf so etwas beziehen sich „Gods Of Terror“ oder „The Warcult“. Aber eben spezieller als früher, wobei sich „The Warcult“ um den Krieg generell dreht, „Gods Of Terror“ sich aber wirklich nur auf die momentane politische Situatuion bezieht.

Warum seid ihr eigentlich so ausgesprochen stark gegen die Religion?

Wir sind nicht generell gegen Religion. Nur gegen organisierte Religion, weil wir das Dogmatische und Machtorientierte an ihr nicht mögen. Religion an sich ist eine gute Sache, da sie Menschen ein Halt in schweren Zeiten sein kann. Das Gute im Menschen und in der Welt zu sehen und sehen zu wollen, ist zwar etwas naiv, aber vom Grundgedanken her gut. Keiner sollte vom Glauben weggezogen werden, wenn es ein guter Glaube ist. Wenn aber z.B. eine Kirche, die ja durchaus mit guten Absichten ins Leben gerufen worden sein kann, versucht, Macht über die Menschen zu erlangen oder sie einzuschüchtern, dann ist das etwas, dem wir sehr skeptisch gegenüber stehen. Wir sind alle in Gebieten in Holland aufgewachsen, in denen die Kirche eine große Rolle spielt. Die von ihr ausgestrahlte Intoleranz gegen manche Dinge ist immer noch riesig.

Aber glaubst du nicht, dass mittlerweile auch andere, z.T. viel gefährlichere Dinge zu Religionen werden? Geld zum Beispiel.

Absolut! Wenn du mal das Thema Macht generell betrachtest, dreht es sich immer um Religion oder eben Geld. Geld beinhaltet viel Böses. Übrigens auch ein Grund, warum unsere Texte sich verändert haben. Schau dir mal die Bioindustrie an. Da geht es doch auch nur um Geld. Leben spielt da keine Rolle. Je mehr du produzierst, desto mehr Geld kannst du scheffeln.

Du hast eben die Bioindustrie angesprochen. Dazu passt ganz gut, dass ihr in dem Song „Slaughtering The Faithful“ den Missbrauch von Tieren anprangert. Inwieweit seid ihr in dieser Richtung aktiv?

Wir sind jetzt nicht in irgendwelchen Tierschutzorganisationen, falls du das meinst. Aber wir versuchen den Leuten ihre Verantwortung aufzuzeigen, die sie haben, wenn sie industrielle Produkte wie Fleisch, Kosmetik oder anderes konsumieren. Es gibt auch einen anderen, natürlicheren Weg der Industrie. Tiere werden in der Großindustrie einfach unmenschlich behandelt. Einige von uns essen z.B. nur Fleisch, das nicht aus der Großindustrie kommt, andere essen gar keines. In diesem Punkt sind wir aktiv. Das hier ist aber wieder nicht als Predigt gemeint. Wir sagen nur unsere Meinung zu dieser Sache.

Du hast eben schon wieder das Wort „predigen“ benutzt und einmal mehr darauf hingewiesen, dass ihr dies nicht tut. Findest du es schlecht oder verwerflich, wenn Bands durch ihre Texte oder Aktivitäten predigen?

Wir sind generell gegen Predigten aller Art. Jeder darf seine Meinung sagen. Aber wenn man predigt, versucht man arroganterweise die Leute, dieser zu berauben. Jeder soll denken dürfen, was er will, ohne sich in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt vorzukommen. Deswegen sagen wir nur unsere Meinung. Es mag sich manchmal nach einer Predigt anhören, ist aber nicht so gemeint. Nimm mal die Straight Edge-Bewegung als Beispiel. Im Prinzip ist es gut, dass sie u.a. auf die Gefahren von Drogen für den Körper hinweisen und davon erzählen. Aber sobald es eine extreme Bewegung wird, die andersartig Denkende ausschließt, geht das eine Nummer zu weit.

Bei so etwas schwebt aber auch immer eine gewisse Portion Inkonsequenz und Scheinheiligkeit mit. Ich war auch schon auf Konzerten, bei denen z.B. von einer Band vor Drogen, dem Rauchen, etc. gewarnt worden ist. Und was war? Am Ende standen alle mit der Kippe im Mundwinkel an der Bar.

Solche Leute nehmen sich selbst nicht ernst. Sie folgen nur einem Trend. Und genau das ist eben die Folge dieses Predigens. Viele Leute folgen ebendiesem Trend, meinen es aber gar nicht hundertprozentig ernst und verlieren so ihre eigene Identität, eben weil sie anderen blind folgen. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Religion, einen Kult oder einfach nur eine kleine Bewegung handelt. Der freie Wille wird eingedämmt.

Neben dem sozialkritischen Aspekt gibt es aber auch noch einen weiteren Themenkomplex auf „Into The Lungs Of Hell“. Der Titeltrack behandelt die Hölle, „The Tombstone“ beschreibt den Zustand des Todes. Das sind übernatürliche Dinge. Wie kommt ihr auf diese Sichtweisen?

Das sind eigentlich die typischen God Dethroned-Themen, über die wir schon von Anfang an geschrieben haben. Henri (Sattler, v & g – Anm. d. Verf.) denkt da oft drüber nach, wie es z.B. ist, wenn man tot ist. Also teilt er den Leuten seine eigenen Visionen darüber mit. Manche Geschichten davon sind wirklich ernst gemeint, manche nicht so. „The Tombstone“ ist sehr schnell entstanden und hat einige humoristische Aspekte. Wir verwenden z.B. einige Songtitel oder Albentitel anderer Bands in diesem Text. Das machen wir ganz gerne mal. Bei „Boiling Blood“ war „Purple Haze“ mit eingeflochten, jetzt ist es u.a. „South Of Heaven“. Aber Tracks wie „Enemy Of The State“ oder „Slaughtering The Faithful“ sind verdammt ernst und zeigen Realitäten auf, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben und die wir fürchten. Andere sind einfach unsere Interpretationen von Dingen, wie z.B. von der Hölle in „Into The Lungs Of Hell“.

Ihr hattet auf den letzten CDs immer ein paar Filmsamples mit in die Songs gepackt. Diesmal fehlen sie völlig. Habt ihr keine passenden gefunden?

(lacht) Das war eher ein praktisches Problem. Früher haben wir in einem Studio aufgenommen, das nahe unserer Heimat lag. Wir waren also zwischendurch immer mal wieder zu Hause, haben zusammen rumgehangen und Videos geschaut. Also konnten wir uns auch Gedanken über passende Samples machen, sie zu Hause auf Tape kopieren und mit ins Studio nehmen. Diesmal waren wir aber weiter weg und das einen ganzen Monat lang. Da hatten wir gar keine Chance dazu.

Ihr hattet auf den letzten CDs auch immer mal gerne eine Coverversion untergebracht. Arthur Brown’s „Fire“ war auf „The Grand Grimoire“, Death’s „Evil Dead“ auf „Ravenous“. Warum ist dieses mal das Possessed-Cover „Satan’s Curse“ nur auf der Bonus-CD der Limited Edition gelandet?

Weil wir es schon früher aufgenommen hatten. Bisher war es so, dass die Coverversionen immer während der Recording Sessions zum jeweiligen Album entstanden sind. Das Possessed-Cover war aber ursprünglich für eine Tribute-CD gedacht und stammt aus den „Bloody Blasphemy“-Sessions. Bei „into The Lungs Of Hell“ kam unser Label Metal Blade mit der Idee an, doch eine limitierte Doppel-CD-Edition rauszubringen. Das hat wohl bei Amon Amarth schon ganz gut geklappt. Wir hatten noch einige Liveaufnahmen und Videos, die kaum gezeigt worden sind, in der Hinterhand, weswegen sich es anbot, die da drauf zu packen. Und wir hatten noch eine Wiederaufnahme des Tracks „God Dethroned“ vom ersten Album und eben die Coverversion. Es gibt immer noch Pläne, das Possessed-Cover anderweitig zu veröffentlichen. Aber jetzt wollten wir nicht mehr warten. Wir finden die Version gelungen und wollen, dass die Leute sie endlich hören können.

Du hast schon die sechs Livetracks auf der Bonus-CD angesprochen. Ihr habt jetzt fünf Alben draußen. Wann gibt es das erste richtige God Dethroned-Livealbum? Andere Bands haben das schon schneller gemacht.

Vielleicht nach dem nächsten oder übernächsten Album. Jetzt wollen wir nur so schnell wie möglich das nächste Album einspielen und am Ball bleiben. Mit unserem neuen Drummer Arien haben wir endlich ein starkes Line-up, mit dem wir das verwirklichen können. Wenn wir dann genug Livesongs mitgeschnitten haben, kommt mit Sicherheit auch bald ein Livealbum raus. Wann, steht noch in den Sternen. Konkretere Pläne haben wir uns schon über eine DVD gemacht. Die Jungs, die unsere Videos gedreht haben, wollen eine Show von uns in Amsterdam effekttechnisch veredeln. Bis jetzt hatten wir leider noch nicht die Cahnce, das durchzuführen. Aber die Idee dazu ist da.

Auf eurer letzten Europatournee ging einiges daneben. Night In Gales sind abgesprungen oder gedroppt worden, die Tour ist vorzeitig beendet worden. Was genau ist da schief gelaufen?

Ich glaube, das mit Night In Gales lag an Kommunikationsproblemen zwischen ihnen und ihrem Label Massacre Records. Es hätte Night In Gales angeblich nie erlaubt, überhaupt auf diese Tour aufzuspringen, und so hat es keinen Toursupport gezahlt. Die Konzertagentur hat dann beschlossen, trotzdem weiter zu machen. Aber mit nur zwei verbliebenen Bands war das Billing einfach zu schwach. Vom eingenommenen Eintrittsgeld her hat es eigentlich gereicht. Aber durch den fehlenden Toursupport von NIG wurden an jedem Abend Miese gemacht. Nach dem Gig in Offenbach wurde die Tour dann abgebrochen, was uns irgendwie schon vorher klar war. Die danach folgenden Entfernungen wären riesig gewesen. Italien lag noch vor uns und auch ein paar Konzerte in Osteuropa. Aber es hat trotzdem Spass gemacht, die wenigen Gigs am Anfang zu spielen. Aber wenn ich mich recht erinnere, hatten in dieser Zeit mehrere Packages Probleme. Manche sind erst gar nicht aufgebrochen. Der Trend geht soweiso zu Touren mit immer mehr Bands. Kleinere Sachen haben kaum noch eine Chance. Leider haben wir dazugehört.

Hoffentlich klappt das in der Zukunft besser. Bei besagtem Gig in Offenbach war ich da und es war einfach ein geiler Abend. Was gibt es denn für kommende Tour- oder Festivalpläne?

Wir wollen so viele Festivals wie möglich spielen. Es wäre sehr cool, wenn wir in Wacken eine Chance bekommen würden. Das ist immer eine Riesenparty und in meinen Augen das coolste europäische Metalfestival, jetzt wo es das Dynamo nicht mehr wirklich gibt. Das Summer Breeze ist auch sehr cool. Da haben wir vor zwei Jahren gespielt und es war einfach nur gottverdammt heiß, das heißeste Wochenende des Jahres. Vielleicht spielen wir da, aber das ist nicht sicher. Freuen würde es mich. Was Tourpläne angeht, haben wir ein paar Gigs in Südeuropa und Slowenien am Start. Im April geht es dann nochmal auf eine größere Südeuropatour. Das ist aber noch nicht bestätigt. Danach kommen entweder die Staaten oder der Rest von Europa an die Reihe.

Welcher ist dein Lieblingssong von God Dethroned und welcher macht auf der Bühne am meisten Spass?

Puuh, das ist eine gute Frage. Im Moment würde ich sagen „Into The Lungs Of Hell“ wegen des Grooves und der Melodie. Der macht auch beim Spielen sehr viel Spass, denn er ist a) typisch für God Dethroned und b) wird er live ziemlich abräumen, denke ich. Aber hier eine Entscheidung zu treffen, ist schwer. „Boiling Blood“, „Villa Vampiria“ oder „Subliminal“ machen auch viel Laune. Es wird verdammt schwer werden, eine Setlist zusammenzustellen, die jeden zufrieden stellen wird. Es gibt so viele Songs, die wir spielen müssen und auch wollen.

Bitte vergesst „The Execution Protocol“ nicht, denn das ist mein Favorit! 🙂

Den Song werden wir definitiv spielen.

Das freut mich zu hören. Vielen Dank für dieses coole Interview. Die letzten Worte an eure Fans gehören dir.

Sobald wir können, werden wir nach Deutschland kommen. Wir hatten immer eine verdammt gute Zeit bei euch. Die deutschen Fans waren immer sehr freundlich zu uns. Vielleicht klappt es ja mit Wacken. Das war einfach unglaublich, als wir das letzte Mal da waren. Die Gigs in Essen waren auch immer sehr sehr erinnerungswürdig. Je schneller wir wieder bei euch sind, um mit euch zu feiern, desto besser ist das!

Galerie mit 22 Bildern: God Dethroned - Europe Under Black Death Metal Fire 2019
12.02.2003

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