Hidden In The Fog
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Interview

HIDDEN IN THE FOG veröffentlichten Mitte diesen Monats ihre neue Scheibe „Damokles“, die mich brachial von den Socken gehauen hat. Die vierköpfige Combo zeigt darauf, wie detailreich und intensiv man melodischen Black Metal gestalten kann. Sänger und Gitarrist Ghâsh nahm sich die Zeit, um meine Fragen ausführlich zu beantworten.

Hidden In The FogWie ist es für euch „Damokles“ nun in euren Händen zu halten? Seid ihr mit dem Gesamtergebnis zufrieden?

Ghâsh: Also selbstverständlich sind wir vor allem überglücklich und auch durchaus stolz, das fertige Album nun endlich in Händen zu halten! Wir haben all unsere Energie in die Entstehung von ‚Damokles‘ investiert und haben die Arbeiten erst dann abgeschlossen, als das Album genau so klang wie es klingen musste und jetzt auch klingt. Dementsprechend sind wir mit dem Gesamtergebnis mehr als nur zufrieden: Es ist genau das geworden, was uns von dem Moment an vorschwebte, als wir mit dem Schreiben der ersten Noten für ‚Damokles‘ begonnen haben.

Eure vorherigen Releases wurden ja von der Presse ziemlich abgefeiert. War dies für euch eher schwierig, da ihr natürlich etwas noch besseres abliefern wolltet oder hat sich das eher natürlich entwickelt?

Ghâsh: Hm, ja das stimmt – die vorigen Demo-Veröffentlichungen hatten bereits größtenteils geniale Rezensionen eingefahren. Trotzdem hat uns das nicht wirklich belastet, denn wir wussten von Anfang an, daß wir bei ‚Damokles‘ ein Vielfaches der Arbeit und Akribie in das Songwriting und den Aufnahmeprozess hineinstecken würden. Die positiven Resonanzen auf die Vorgängerscheiben haben uns also so gesehen nur in unserer Überzeugung bestärkt, etwas noch viel Größeres und Besseres erschaffen zu können.

Ich habe schon bei der Promo 2001 vermutet, dass ihr beim nächsten Album einen Partner an eurer Seite habt. Aber erst jetzt ist dies mit dem Twilight Vertrieb der Fall. Was sind die Gründe dafür?

Ghâsh: Nun, der Vertrag mit Twilight kam ja genau genommen schon mit der Vorgänger-EP „Abstract Maelstrom Paragon“ zustande. Diese Scheibe hatten wir erst selbst herausgebracht, bevor sie von Twilight weltweit neu veröffentlicht wurde – quasi als „Appetitmacher“ für das nun erschienene volle Album. Wir hatten außer Twilight noch eine Handvoll weiterer interessierter Firmen, doch letztendlich haben die Leute von Twilight auf uns den verlässlichsten Eindruck gemacht.

Twilight ist ja nun kein Label im eigentlichen Sinne, sonders halt „nur“ ein Vertrieb. Das Finanzielle, aber auch alle Entscheidungen bleiben bei euch. Wäre für euch ein Vertrag bei einer regulären Plattenfirma in Frage gekommen? Wie ist es unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich gewesen, dass ihr ein halbes Jahr im Studio ward?

Ghâsh: Prinzipiell hätten wir auch mit einem „normalen“ Plattenvertrag kein Problem gehabt, allerdings gilt es hier abzuwägen zwischen künstlerischer Freiheit / Eigenverantwortung und finanziellen Entlastungen. Der große Vorteil bei Twilight ist für uns offensichtlich der, daß wir das gesamte Album musikalisch sowie künstlerisch und grafisch in völliger Eigenverantwortung entwerfen und realisieren – da hat uns keiner irgendwas zu sagen! Twilight übernimmt aber auch normale Labeltätigkeiten für uns, wie Schalten von Werbung, Bemusterung der Medien, Promotion und was halt alles dazugehört. Natürlich haben wir uns mit dem langen Aufnahme- und Produktionsprozess an den Rand des finanziell Machbaren begeben, aber es war uns halt über die Maßen wichtig, das Optimum aus ‚Damokles‘ herauszuholen. Einen Großteil der reinen Gitarren- und Bassaufnahmen haben wir im übrigen in meinem eigenen Studio erledigt, ansonsten wäre dieses Album für uns trotz allem nicht finanzierbar gewesen.

Ich kenne nur das Damoklesschwert, hat damit euer Damokles auch etwas zu tun? Erzähl doch bitte auch, warum ihr diesen Namen für euer Album ausgesucht habt!

Ghâsh: Es geht auf dem Album grob gesagt um den Entwicklungs- und Reifeprozess des charakterlichen Wesens. Der Name ‚Damokles‘ weist auf das in der bekannten Sage dargestellte Bild von latent drohendem Unheil hin. Dieses Bild greift das Album auf und legt dar, wie durch eben solche Perioden von Leid, Schmerz, Zorn oder Enttäuschung ein vormals eher gedankenloser und dekadenter Charakter sich über sich selbst und sein Handeln bewusst wird. Es ist gewissermaßen eine Reise aus der (unreifen) Jugend hin zu einer gefestigteren Persönlichkeit. Währenddessen müssen eine Reihe festgefahrener Paradigmen und Gedankengebäude neu hinterfragt und auch durchaus verworfen werden.

Als Symbol habt ihr ja die Hand mit dem Auge. Was bedeutet dies für euch?

Ghâsh: Es ist an ein Symbol aus dem „Liber Kaos“, dem sogenannten Psychonomikon, angelehnt. Wie Du schon sagst, handelt es sich hierbei um ein hybrides Icon aus Hand und Auge. Symbolisiert werden damit grob gesagt die Wechselwirkungen von Handlung mit Erkenntnis als Folge oder Erkenntnis mit Handlung als Folge. Diese Wechselwirkungen der Ursachen und/oder Konsequenzen von Handlungsalternativen sind nicht bis ins Letzte ergründ- oder voraussagbar. Eine genaue Abhandlung der tieferen Zusammenhänge, welche eng mit Chaostheoretischen Überlegungen verknüpft sind, würde wohl entschieden zu weit gehen und den hiesigen Rahmen mehr als sprengen. Für das eher Fragen aufwerfende als Antworten gebende künstlerische Konzept von HITF erachte ich es als sehr passend. Außerdem besitzt es einen hohen Wiedererkennungswert, was natürlich nur von Vorteil für uns als Band sein kann.

Ihr legt ja auch ziemlich viel Wert auf die Lyrics, da diese, genau wie die Musik, sehr ausgefeilt sind. Gib den Lesern doch einen kurzen Überblick, welche Themen ihr bevorzugt behandelt!

Ghâsh: Die Texte kann man eigentlich nicht an speziellen Themen festmachen. Allgemein gesagt lege ich in ihnen meine Sicht der Welt in welcher ich mich befinde dar. Die Texte können hierbei anklagend sein (wie bei der Vorgänger-EP „Abstract Maelstrom Paragon“) oder eher beschreibend, wie beim aktuellen Album. Allerdings vermeide ich es, die Dinge plakativ darzustellen und arbeite eher mit sprachlichen Bildern, die Raum für eigene Gedanken zulassen. Interpretationsspielräume sind wichtig, denn es gibt von einem Text typischerweise genau soviel verschiedene Versionen wie Leser!

Eure Songs sind ja verhältnismäßig lang. Ist es da manchmal nicht schwierig diese Zeit zu füllen oder ist es für euch generell einfacher mehr Zeit zur Verfügung zu haben?

Ghâsh: Nun, es ist ja nicht so, daß wir uns am Anfang des Songwritings eine zeitliche „Hülle“ setzen, welche wir dann irgendwie auffüllen müssen. Wir gehen nicht hin und sagen: „So, dieser Song muss jetzt 9 Minuten lang werden und wir stopfen ihn solange mit irgendwelchen Riffs zu, bis die Zeitmarke erreicht ist.“ Die Dauer der Songs ergibt sich beim Komponieren, je nachdem wie sich die Musik entfaltet. Bei HITF ist es nun mal so, daß die Songs in den meisten Fällen eher groß und weitläufig angelegt sind, so daß sich dann oft relativ lange Spielzeiten von ganz allein ergeben.

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Hört man sich besonders eure neuen Songs an, so merkt man, dass ihr vom banalen Black Metal wirklich meilenweit entfernt seid, da durch die Detailverliebtheit viel mehr Einflüsse hörbar werden. Welche Aspekte sind für euch besonders wichtig, damit daraus ein typischer HITF-Song wird?

Ghâsh: Also zunächst einmal werfen wir jede Form von musikalischem Nischendenken konsequent über Bord. Dazu gehören ins Besondere solche Überlegungen wie „ist das jetzt Black Metal, Death Metal, Progressive oder wasweissich?“. Um uns mit solchem unterbelichteten Mist auseinanderzusetzen, sind wir definitiv nicht dämlich genug. Musik muss für uns Grenzen sprengen und nicht den Geist einengen! Es ist so, daß wir eine enorme Vielzahl von Einflüssen in unserer Musik verarbeiten. Wir alle mögen eigentlich genreübergreifend ausnahmslos eher anspruchs- und gehaltvolle Musik. Daher greifen wir auf einen, wie ich glaube, sehr reichhaltigen Fundus an Stilmitteln zurück. Ein beträchtlicher Teil unserer Einflüsse hat mit Metal übrigens auch rein gar nichts zu tun. Man kann hieraus aber nichtsdestotrotz oftmals sehr wohl Inspiration ziehen, auch wenn das vielen Leuten niemals auffallen wird. Es kommt immer darauf an, wie man instrumentiert und arrangiert. Aus einem einzigen Melodiefragment kann man (wenn man es denn kann) ein ganzes Sammelsurium der unterschiedlichsten Passagen entwickeln. Keiner von uns hat Lust auf den gängigen 08/15 Black Metal ohne einen Funken Kreativität oder Inspiration. Ich glaube, daß wir im Gegensatz dazu ein recht eigenes Klangbild haben, da unsere Herangehensweise an das Schreiben von Musik doch relativ unorthodox ist – zumindest im Metal-Sektor.

Ihr ward ja nun insgesamt 6 Monate im Studio. Wie sah da euer Zeitplan aus?

Ghâsh: Angefangen haben die Studioarbeiten Ende Dezember. Wir haben uns von Anfang an keine Studiodeadline gesetzt und wollten unseren eigenen Qualitätsanspruch als einziges Kriterium zulassen. In den ersten drei Wochen standen die gesamten Schlagzeugtakes an. Als die erledigt waren, wurden zunächst 14 Tage Pause eingelegt, bevor in den nächsten 4 – 5 Wochen die Rhythmus- und Leadgitarren sowie die Basstakes eingespielt wurden. Gleichzeitig wurden die Lyrics vervollständigt und an den letzten Synth-Arrangements gearbeitet. Als das erledigt war, kamen die Aufnahmen der Akustikgitarren an die Reihe, bevor mit den Gesängen begonnen werden konnte. Als dann schlussendlich auch die letzten Streicherpassagen erledigt waren, war bereits der Frühling angebrochen. Vor dem Mix haben wir uns dann aber noch mal drei Wochen frei genommen, um mit „frischen Ohren“ in den Endspurt zu gehen. Für den Pre- und Endmix ging dann noch einmal eine Menge Zeit drauf, denn wir wollten dem Album natürlich auch einen absolut würdigen Sound verpassen! Anfang Juni konnte das Master dann ans Presswerk gehen. Insgesamt betrachtet war es eine extrem anstrengende und arbeitsreiche Zeit, die einiges an Disziplin und Durchhaltevermögen abverlangt hat. Im Endeffekt hat sich jedoch jede Stunde ausgezahlt!

Im Promoflyer steht, dass Du und Botis eine klassische Komponier- und Tonsatzausbildung absolviert haben. Inwieweit konntet ihr diese Kenntnisse bei HITF einsetzen? Könntest Du Dir vorstellen auch abseits vom Metal Kompositionen zu schreiben oder machst Du das sogar?

Ghâsh: Ich habe aus früheren Jahren noch eine ganze Reihe von Kompositionen, welche mit Metal nichts zu tun haben. Ein Großteil davon ist für kleinere Orchesterensembles konzipiert, die einzelnen Sätze sind aber seinerzeit eher aus Experimentier- oder Übungszwecken heraus entstanden. Für das Schreiben der Musik bei HITF kommt mir dies natürlich auch zugute, denn erst durch das Erlernen formaler Regeln und Eigenheiten des Tonsatzes, der Harmonieprogression und der Melodieführung bin ich nun glücklicherweise in der Lage, die Musik wirklich haargenau so niederzuschreiben, wie sie in meiner Vorstellung entsteht.

Es ist ja auch erstaunlich mit welchem gesanglichen Spektrum Du aufwarten kannst. Hast Du da ebenfalls eine Ausbildung gemacht?

Ghâsh: Vielen Dank für das Kompliment! Im Laufe der Jahre lernt man natürlich, wie man seine Stimme gesanglich am Besten zur Geltung bringen kann. Die Vocals, insbesondere in Clean- und Chorpassagen sind daher eine Komponente unserer Musik geworden, welche von Release zu Release ausgereifter und einfach besser geworden ist. Mit der Vielfalt und Ausdruckskraft der Gesänge auf ‚Damokles‘ bin ich nun sehr zufrieden. Ich mache seit einer Weile etwas Stimmtraining, eine spezielle Ausbildung in speziellen Gesangstechniken habe ich jedoch nicht vorzuweisen.

Das Material lebt ja sehr von den Gitarren. Werden um dieses Instrument auch die Songs geschrieben oder wie entstehen diese bei euch?

Ghâsh: Es ist im Allgemeinen so, daß ich zunächst mit melodischen Motiven oder bloßen Harmoniefortschreitungen beginne, ohne zunächst eine konkrete Instrumentierung zuzuordnen. Erst nachdem der Bass als Grundgerüst festgelegt ist ergeben sich oft als logische Konsequenz die Linien der Mittel- und Oberstimmen, welche dann typischerweise auf Gitarren, Synths und Gesang aufgeteilt werden. Das dynamische und treibende Element der Musik wird dabei im Allgemeinen in die Gitarren gelegt, was ja ein Grundmerkmal von Metal im Allgemeinen ist. Wir scheuen uns aber auch nicht davor, harmonisch experimentell vorzugehen und teilweise unübliche Intervalle zu verwenden.

Welche Bedeutung haben generell Cover und Booklet für Dich?

Ghâsh: Die Aufmachung eines Albums sollte natürlich stimmig zu der Musik passen und die Atmosphäre der Songs und der Texte so gut wie möglich einfangen. Es ist ja auch einfach schöner, ein ästhetisches und detailreiches Booklet in Händen zu halten als irgend ein nichtssagendes zweifarbiges 08/15 Beiblatt aus dem Jewelcase zu ziehen.

Im Oktober geht es ja mit VITAL REMAINS auf Tour. Wie bereitet ihr euch jetzt darauf vor? Müsst ihr da eure Songs stellenweise noch etwas „live-tauglich“ machen oder wird es da bei der Umsetzung keine Schwierigkeiten geben?

Ghâsh: Momentan ist natürlich intensives Proben des neuen Live-Sets angesagt. Erschwerend für uns kommt hinzu, daß sowohl Gorbag (Gitarre) als auch Draug C. (Bass) für die Tour aufgrund zwischenzeitlicher Auslandsaufenthalte nicht zur Verfügung stehen, und wir dementsprechend zwei Sessionmusiker einarbeiten und anlernen müssen. Die beiden sind übrigens „hauptberuflich“ bei den Paranoia-Metal-Psychopathen von PSYKRA (www.psykra.de) aktiv. Da es sich hierbei glücklicherweise um hervorragende Instrumentalisten handelt, wird dieser Umstand jedoch kein Hindernis für uns sein, die angesprochene Europatour zu bestreiten.

Die Tour mit VITAL REMAINS führt euch ja leider nicht sehr oft nach Deutschland. Habt ihr hier noch weitere Konzerte in Planung?

Ghâsh: Wir wollen auf jeden Fall nach dem Ende der Tour noch eine Reihe von Gigs in ganz Deutschland absolvieren, um ‚Damokles‘ bestmöglich zu supporten! Wir sind momentan schon fleißig beim Organisieren weiterer Konzerte – Neuigkeiten hierzu wird es rechtzeitig auf unserer Webseite zu erfahren geben.

Gerade im Black-Metal-Bereich gibt es ja einige Bands, die keine Ahnung von Noten haben und einfach so nach Gehör etwas „zusammenzimmern“. Welche Meinung hast Du zu solchen Bands?

Ghâsh: Das kann man pauschal kaum beantworten. Ich glaube, die überwiegende Mehrzahl der Bands im Metal-Sektor arbeitet nach diesem Prinzip, und dabei kann selbstverständlich auch fantastische Musik entstehen. Gute Musik ist immer Emotion, welche in Töne umgewandelt wird. Dies kann auch ohne formale Kenntnis von Notenbildern geschehen! Das tatsächliche Verständnis von Harmonie-/Melodielehre und Tonsatz hilft mir lediglich dabei, Herr über meine Kreativität zu werden und nichts versanden zu lassen, denn andernfalls würde ich irgendwann an gewisse Grenzen der kompositorischen Ausgefeiltheit stoßen.

Hast Du noch letzte Worte oder eine Nachricht an unsere Leser?

Ghâsh: Vielen Dank für das Gespräch. Zunächst einmal gilt natürlich unser Dank allen Fans und Leuten, welche uns unterstützen! Die Leuten, welche unsere Musik noch nicht kennen sollten die neue Scheibe ‚Damokles‘ unbedingt anchecken, wenn sie Wert auf Gehalt und Anspruch innerhalb des extremen Metal-Bereichs legen. Und schaut bei Gelegenheit auf unseren Konzerten vorbei!

25.08.2005

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