Ikuinen Kaamos
Ikuinen Kaamos

Interview

Einleitung: IKUINEN KAAMOS haben mit "The Forlorn" ein grossartiges Debüt vorgelegt, dessen tief empfundene Melancholie selbst Steine rühren sollte. Im Interview berichtet Gitarrist Jarno Ruuskanen von seiner Leidenschaft für Musik und Bier, demonstriert, dass er nicht zum Gebrauchtwagenhändler taugen würde, offenbart einen Mangel an Patriotismus und erklärt, warum er nach der Veröffentlichung des Albums nicht in erster Linie stolz und zufrieden, sondern vor Allem erleichtert ist.

Ikuinen KaamosErzähle uns doch zum Auftakt einfach einmal, wie du dich jetzt fühlst, da nach ewiger Warterei das Album endlich erschienen ist.

Das passendste Wort, meine Gefühle zu beschreiben, ist wahrscheinlich Erleichterung. Die Veröffentlichung des Albums hat sich immerhin mehr als ein halbes Jahr verzögert. Allerdings hatte ich niemals Befürchtungen, dass das Album eventuell nie rauskommen würde. Und Descent Productions haben uns auch immer halbwegs auf dem Laufenden gehalten. Wir mussten einfach nur warten – und warten hasse ich über alles.

Eure Plattenfirma hast du bereits angesprochen, die Niederländer scheinen hauptsächlich für die ganze Bummelei verantwortlich zu sein. Bezahlen Descent euch zwecks Wiedergutmachung jetzt eine kleine Europa-Tour? Für unsere Leser wäre es wohl am interessantesten zu wissen, ob ihr plant, irgendwann die Bühnen in Deutschland unsicher zu machen. Mir dagegen würde es schon ausreichen, wenn ihr es wenigstens mal in den Süden Finnlands schaffen würdet. Habt ihr überhaupt eine komplette Live-Besetzung? Der Sänger auf dem Album war ja auch bloss ein Sessionmitglied.

Wir haben mit unserer Plattenfirma schon eine kleine Entschädigung ausgemacht, weil das Album so lange auf sich warten liess (Einzelheiten will ich aber nicht in der Öffentlichkeit breittreten). Auch von einer Tour war bereits die Rede, aber die momentane Situation in der Band macht dies leider unmöglich. Wir haben in der Tat Besetzungsprobleme (mittlerweile ist die Band sogar zum Duo geschrumpft -Ed.), versuchen aber, so schnell wie möglich die richtigen Leute für die Band zu finden. Hoffentlich können wir schon in nicht allzu ferner Zukunft unsere Musik live vorstellen.

Euer erstes Demo ist aus dem Jahre 1997. Warum hat das erste Album so lange auf sich warten lassen?

Nach den ersten beiden Demos lag die Band für fünf Jahre mehr oder weniger auf Eis. Es war einfach die Luft raus. Erst später begann ich, meinen eigenen Klang zu finden, und dadurch ist dann auch die Inspiration zurückgekehrt. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass das erste Album erst jetzt veröffentlicht wird. Ehrlich gesagt waren wir auch erst nach der „The Lands Of The Plague“-Promo bereit, ein komplettes Album aufzunehmen. Es verlangt schliesslich eine Menge Zeit und auch eine gewisse Reife, ein gutes Album hinzukriegen.

Obwohl ihr schon eine recht „alte“ Gruppe seid, scheint sich euer Stil noch nicht gefestigt zu haben, zumindest war die Promo aus dem Jahre 2004 stilistisch ziemlich weit von dem entfernt, was es heute auf „The Forlorn“ zu hören gibt. Dürfen wir annehmen, dass ihr jetzt euer Ding gefunden habt, oder müssen wir befürchten, auf dem nächsten Album weniger Melancholie und mehr Thrash zu hören?

Das Album vermittelt durchaus gute Anhaltspunkte, wie unsere Musik in Zukunft klingen wird. Natürlich ist es niemals empfehlenswert zu stagnieren und sich selbst zu wiederholen. Das heist allerdings noch lange nicht, dass das nächste Album eine Thrash-Platte wird. Ich denke, dass unsere Musik in Zukunft noch melancholischer ausfallen wird.

Ja… die Melancholie. Es ein ziemlich ausgelutschtes Klischee, dass alle Finnen melancholisch wären (und viel trinken). Aber „The Forlorn“ ist in der Tat so traurig, dass einem die Tränen kommen können. Braucht es bestimmte Gefühlslagen, um derlei Musik zu machen? Wie entstehen eure Lieder?

Das ist schwierig zu erklären. Wenn ich die Gitarre zur Hand nehme, weiss ich einfach sofort, ob an dem Tag neue Musik entsteht oder eben nicht. Das hängt ganz von der Situation ab. Ich würde sagen, die grösste Inspiration ist die Leidenschaft, etwas Neues schaffen zu wollen. Gleichzeitig ist das Ganze durchaus therapeutisch. Allen Hass, alle Ängste kann man in die Musik packen, sich alles von der Seele spielen.

Stört es dich, wenn ich sage, dass „The Forlorn“ auch wünderschön ist? Darf Black/Death Metal schön sein?

Das stört mich überhaupt nicht. Meiner Meinung nach sollte Musik keine Grenzen haben. Das Wichtigste ist, dass man Musik mit der richtigen Einstellung und voller Leidenschaft macht.

Die Lieder des Albums erzählen eine zusammengehörige (übrigens sehr finnische) Geschichte. Willst du etwas näher auf diese eingehen?

Eigentlich möchte ich die Bedeutung der Geschichte nicht weiter erläutern. Ich hoffe, die Hörer setzen sich mit den Texten auseinander und finden für sich selbst eine Interpretation.

Rein musikalisch passen IKUINEN KAAMOS eigentlich nicht nach Finnland. Ihr spielt keinen schwuchteligen Pseudo-Death-Metal und auch keinen überbewerteten 08/15-„True“-BM. Wo genau siehst du euer „Zielpublikum“?

Gute Frage. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie unser Zielpublikum aussieht. Vielleicht wissen wir mehr, wenn unser Album eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Recht hast du sicherlich damit, dass wir nicht so recht in die finnische Musiklandschaft passen. Das hiesige Metalvolk scheint sich nicht sonderlich um uns zu kümmern. Natürlich können wir niemanden dazu zwingen, unsere Musik zu hören, aber es wäre schön, wenn die Leute dem Album wenigstens eine Chance geben würden.

Wenn ich eure Musik schubladisieren sollte, würde ich sagen, dass es sich um grob gesagt schwedischen Black/Death handelt, der durch eine Menge finnischer Melancholie sein eigenes Gesicht erhält. Was sind deine Lieblingsbands, und welche Gruppen hatten einen hörbaren Einfluss auf eure Musik?

Ich kann wirklich nicht sagen, welche Bands man aus unserer Musik heraushören könnte. Selbst höre ich ein recht breitgefächertes Spektrum an Musik. Meine Lieblingsbands sind ANATHEMA, TENHI, ULVER, OPETH, ISIS, ENSLAVED, PAATOS, IQ, ANEKDOTEN… und diese Liste könnte man noch eine halbe Ewigkeit weiterführen.

Ha, erwischt! Wann immer es um „The Forlorn“ geht, fällt auch der Name OPETH (was meiner Meinung nach etwas zu einfach ist). Da du die Schweden jetzt selbst erwähnt hast, hätte ich eine kleine Aufgabe für dich: Stell dir vor, du wärest in einem Plattenladen. Du beobachtest, dass jemand „The Forlorn“ und irgendein OPETH-Album in den Händen hält. Aus Mimik und Gestik schliesst du, dass dieser Jemand jedoch nur ein Album kaufen will. Erkläre ihm, warum es besser wäre, euer Album zu kaufen und auf OPETH zu verzichten.

Verdammt, da hast du dir ja was einfallen lassen! Höchstwahrscheinlich würden meine Beeinflussungsversuche darauf hinauslaufen, dass dieser Jemand beide Alben zurück ins Regal stellt. Das Geld würde im nächstbesten Laden in Bier umgewandelt, und zu Hause würde er dann beide Alben aus dem Netz saugen, „umsonst“, versteht sich.

Für viele Deutsche und besonders deutsche Metaller ist Finnland gleichbedeutend mit LORDI, ELÄKELÄISET, Sauna und Wodka. Hole zum Gegenschlag gegen die Lapplandabbrenner aus!

Hier passt vielleicht am besten ein Spruch von Seppo Räty (finnische Speerwurflegende -Ed.), den er geprägt hat, nachdem er aus dem WM-Finale von Stuttgart ausgeschieden war: „Deutschland ist ein Scheissland.“ (im Original: „Saksa on paska maa.“ -Ed.)

Natürlich muss ich trotzdem ein paar Fragen stellen, die diesen Klischees entsprechen. Verrate mir zum Beispiel, welches die passende Temperatur in der Sauna ist. Und natürlich die Gretchenfrage: Strom oder Holz?

Schwierige Frage für jemanden, der es eigentlich nicht besonders mag, in der Sauna zu schwitzen. Nach dieser Antwort werde ich bestimmt für mangelnden Patriotismus aufgeknüpft.

Das kann durchaus passieren. Doch ich will dir die Möglichkeit geben, dich zu rehabilitieren: Was ist dein Lieblingsgetränk?

Bier ist die absolute Nummer 1. Dem Biertrinken widme ich mich hin und wieder mit der gleichen Leidenschaft wie der Musik.

Zwar kein Wodka, aber deinen Hals dürftest du gerettet haben, immerhin lässt du es nicht an Hingabe mangeln. Doch genug der „humorigen“ Schwachsinnsfragen, vielleicht fällt mir ja noch etwas Sinnvolles ein. Wie wär’s hiermit: Habt ihr schon Feedback zu „The Forlorn“ bekommen? Ist euch derlei generell überhaupt wichtig?

Die Kritiken waren bisher hauptsächlich positiv. Natürlich ist es wichtig, Rückmeldungen zu bekommen, das ermutigt einen zum Weitermachen. Beim Komponieren und Aufnehmen des Albums haben wir allerdings nicht darüber nachgedacht, wie die Scheibe wohl von der Aussenwelt aufgenommen werden würde. Für uns ist es das Wichtigste, Musik zu machen, auf die wir selbst
ehrlich stolz sein können.

Was ist die schlimmste Kritik, die ihr jemals bekommen habt?

Mich persönlich ärgern Hörer, die unserer Musik nicht mal eine richtige Chance geben wollen. Unsere Stücke sind sehr lang und dementsprechend etwas anspruchsvoller, so dass bei manchen die Geduld einfach nicht ausreicht. Ich würde mir wünschen, dass die Leute das Album in aller Ruhe ein paarmal durchhören, bevor sie voreilige Schlüsse ziehen.

Die Lieder auf der CD sind dank der Verzögerung bei der Veröffentlichung schon relativ alt. Habt ihr schon neues Material in den Startlöchern? Wie klingt es? Kommt das nächste Album wieder bei Descent raus, und wann?

Das neue Album ist vom Kompositorischen her schon fast fertig. Der Stil wird sich nicht radikal ändern, allerdings wollen wir auch nicht „The Forlorn II“ abliefern. Im Moment wage ich noch keine Voraussage, wann wir ins Studio gehen werden. Erstmal wollen wir die Veröffentlichung des Debüts und die damit verbundenen Dinge in aller Ruhe hinter uns bringen.
Für das nächste Album haben wir uns noch nicht an eine Plattenfirma gebunden.

Wenn das so ist, bietet sich dir hier und jetzt die Gelegenheit, IKUINEN KAAMOS den Plattenfirmen dieser Welt schmackhaft zu machen. Werbung!

Wir kommen aus Finnland. Wir spielen Metal. Unsere Musik ist melancholisch. Deshalb verkaufen sich unsere Alben verdammt gut.

Ein Glück, dass du nicht in die Werbebranche gegangen bist… Nun gut, jetzt fallen mir nicht mal mehr dumme Fragen ein, deshalb will ich es es für dieses Mal gut sein lassen. Du hast jetzt die Möglichkeit, alles das loszuwerden, was du unbedingt noch loswerden willst. Vielen Dank für deine Zeit und für die gute Musik.

Danke für das Interview. Man sieht sich hoffentlich bald auf Tour.

09.10.2006

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