Inhuman
Inhuman

Interview

"Inhuman" zählen sicherlich zu den wenigen New York Hardcore-Bands , die es geschafft haben einen eigenen Sound und Stil zu entwickeln, der sie aus der Masse der 08/15 Combos heraushebt. Ständige Besetzungswechsel und Probleme mit ihren Plattenfirmen sorgten für etliche Rückschläge in den letzten Jahren, die die "Brooklyn Bastards" immer wieder wegstecken mussten. Zum Start ihrer "Black Reign Over Europe" Tour in Mainz traf ich mich mit Bandleader Mike Scondotto, um ein paar Neuigkeiten aus ihm herauszuholen.

InhumanHi! Heute ist eure erste Show der Tour. Wie fühlt ihr euch so?

Ah, wir sind alle sehr müde und haben noch nicht mal unsere erste Show hinter uns. Wir sind gestern Abend New Yorker Zeit abgeflogen und heute um sechs Uhr morgens angekommen. Und ich konnte auf dem Flug nicht viel Schlafen, aber wir sind alle sehr hoffnungsvoll. Wir sind bis jetzt hier sehr herzlich aufgenommen worden. Wir waren etwas nervös vor dem Flug, da der Krieg gerade angefangen hat. Weißt du, das ist nicht gerade der schönste Moment, um im New Yorker Flughafen zu stehen. Alle unsere Freunde und Bekannten waren doch etwas nervös, dass wir gerade jetzt hier rüber fliegen, doch wir wollen uns nicht verrückt machen lassen. Wir haben das alles schon lange geplant und wollten unbedingt diese Tour machen.

Zur Zeit wird ja sehr viel in der Presse über die verschlechterten Beziehungen zwischen Deutschland und den USA geschrieben, hast du davon irgendetwas am eigenen Leib erfahren?

Nein, bis jetzt absolut nicht. Keiner hat uns böse Blicke gegeben oder uns schlecht behandelt. Alle Leute waren bisher sehr nett zu uns und ich denke das wird auch bis zum Ende der Tournee so bleiben.

Also, denkst du, dass das nur eine Sache zwischen den Regierungen ist?

Offensichtlich mögt ihr nicht unseren Präsidenten und wahrscheinlich auch nicht unsere Regierung, aber warum solltet ihr nicht eine New York Hardcore Band mögen? Wir sind hier, um den „Mosh“ zu bringen und nicht politische Verstimmungen.

Was sind deine Erwartungen an die Tour?

Nun, einige Shows werden wohl nicht so voll werden und andere dafür hoffentlich doch. Ich meine, morgen spielen wir die „European Hardcore Party“ in Holland, wo gut 2000 Leute auftauchen werden. Das wird eindeutig eine sehr gute Show und wir haben einen sehr guten Platz auf dem Billing. Andererseits ist das noch alles Neuland für uns. Wir sind zwar schon sehr lange eine Band [seit 1995], haben es aber vorher noch nie geschafft, nach Europa zu kommen. Glücklicherweise kennen uns ein paar Kids noch von unseren alten Platten, andere nicht und manche haben erst durch unsere neue EP von uns gehört. Wir warten einfach mal ab, was passiert und sind optimistisch.

Was können wir heute Abend von Inhuman erwarten?

Wir werden zehn Songs spielen. Vier von der aktuellen EP „Black Reign“ und der Rest wird sich auf die beiden Vorgängeralben verteilen. Wahrscheinlich klingen wir nicht wie die meisten europäischen Hardcore-Bands. Eigentlich klingen wir auch nicht wie die meisten New York Hardcore-Bands, also hoffentlich werden die Leute zu schätzen wissen, dass wir ein wenig anders sind.

Kennst du eigentlich europäische Hardcore-Bands?

Ja, klar! Aber die meisten, die ich kenne, sind sehr „Metal“. Ich habe noch nicht viele gehört die wirklich Hardcore spielen…

Du meinst jetzt mehr Old-School Hardcore?

Ja, zum Beispiel bei „Crucial Response“ [deutsches Hardcore-Label] sind einige, die ich gehört habe. Aber ich habe den Eindruck, dass die Mehrheit der Bands nicht Richtung Hardcore geht, sondern eher Metalcore macht.

Gerade hier in Deutschland haben wir eine sehr starke Metalcore-Szene.

Absolut. Bands wie „Caliban“ oder „HeavenShallBurn“ sind sehr beliebt in den USA. So, das ist das was ich kenne. Ich bin mir sicher, dass es da noch viel mehr gibt, nur hört man davon nicht viel in Amerika.

Bands in Richtung „Caliban“ oder „HeavenShallBurn“ sind z.Z. sehr stak vertreten in Deutschland.

Das ist Metal. Death Metal eigentlich schon. Was es zum Hardcore macht, ist die Tatsache, dass die Kids kurze Haare tragen.

Manche Bands bezeichnen sich daher auch als „DeathCore“ [s. Six Reasons To Kill].

Ja, das ist eine gute Bezeichnung. Es ist nur lustig wie der Begriff Hardcore für unterschiedliche Leute eine ganz andere Bedeutung hat. Für mich steht er für das eine und für jemand anderen ist es etwas komplett verschiedenes.

Lass uns mal über eure neue EP „Black Reign“ sprechen. Seit eurer letzten Veröffentlichungen „Rebellion“ ist es ja schon eine Weile her…

„Rebellion“ war 1999, kam aber erst 2001 in Europa heraus. Wir hatten einfach viel Pech mit den Plattenfirmen und etliche Besetzungswechsel. Nach dutzenden Drummern haben wir jetzt mit Steve [Gallo von „On The Rise“] eine wirklich tighte Einheit. Er ist jetzt seit zwei Jahren dabei, Hank, unser Bassist, seit drei Jahren und Joe, unser Gitarrist, ist schon seit 1997 mit an Bord.

Ihr seid also mittlerweile eine richtige Einheit geworden.

Auf jeden Fall. Wir nehmen uns Zeit für das Songwriting und schreiben nicht 200 Songs, von denen dann das Meiste Müll ist. Wir wissen was wir tun und was wir schreiben, kommt auf die Platte. Aber diesmal müsst ihr gar nicht mehr so lange warten, denn unsere neue Platte kommt schon im July über A-F Records [Label von der Band Anti-Flag] heraus.

Nur in Amerika, oder auch hier?

Im Moment nur in den Staaten, aber für suchen jemanden, der es auch hier veröffentlichen wird. Ihr werdet es schon irgendwie bekommen.

Was mir aufgefallen ist, ist das die Texte auf „Black Reign“ sehr düster und nachdenklich sind.

Ja, das ist noch ein Punkt, der uns von vielen Hardcore-Bands unterscheidet. Ich kann nicht über „Einheit“ und „Brüderschaft“ und „dir den Kopf aufhauen“ singen. Das bin ich nicht. Ich bin jetzt 29 Jahre alt und habe schon viel gesehen und erlebt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich noch jemanden was beweisen muss. Ich schreibe über das, was mich bewegt und interessiert, egal was die Szene da denken mag.

Mir haben deine Texte auch sehr gefallen.

Danke. Ich habe so das Gefühl, das gerade viele Metalcore-Bands versuchen besonders pseudo-intellektuell und smart zu klingen. Ich brauch‘ das nicht. Ich will, dass die Leute sich an meine Texte erinnern. Ich schreibe lieber einen einprägsamen Text, den die Leute verstehen, anstatt mit Wörtern um mich zu schmeißen, die man erst im Lexikon nachschlagen muss, um sie zu verstehen. Viele Texte sind zwar eher düster, aber wir sind keine negative Band. Das ist einfach wie ich die Welt wahrnehme. Auf dieser EP hingegen, gebe ich dir Recht, sind die düsteren Elemente in der Mehrzahl.

Ihr habt da einen Song „Uprising“ auf der EP, der sehr sozialkritisch ist und auch die Politik anprangert…

…ja, das ist wohl der einzige politische Song, den ich in einer sehr langen Zeit geschrieben habe. Meistens wirft mir Joe [Gitarre ] irgendein Thema oder eine Idee entgegen und ich baue dann darum die Lyrics auf. Er schreibt auch die meiste Musik, während ich mehr für die Texte zuständig bin. Viele Leute denken, der Song wäre über den 11. September, er ist in Wirklichkeit aber schon viel früher entstanden. Es geht einfach darum, dass du mit deiner Regierung oder Gesellschaft nicht einverstanden bist und etwas dagegen tust. Dass du nicht akzeptierst was andere dir aufzwängen wollen.

Zur Zeit kann man hierzulande viel über irgendwelche Gesetzesvorhaben der Bush Regierung lesen, z.B. „Patriot Act 2“. Ist das auch ein Thema in den USA.

[Schaut mich fragend an] Nein, habe ich nix von gehört.

Okay. Was hat sich vom gesellschaftlichen Klima her in New York seit den Anschlägen geändert?

New York ist nicht mehr so wie es mal vor zehn, fünfzehn Jahren war. Als ich Ende der 80er anfing zu Konzerten zu gehen, war New York ein sehr, sehr gewalttätiger Ort. Sehr schlimm. Lower East Side, CBGB. Kein guter Ort um sich aufzuhalten. Heute bist du so sicher wie in Mamas Schoß. Die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie noch nie. Überall Yuppies, Starbucks und Bars. Aber der 11. September hat alles verändert. Früher konnte ich immer von mir aus auf das World Trade Center schauen, und dann zwei Tage später gehst du über die Manhatten Bridge und da ist nichts mehr. Das ist einfach so traurig. Ich denke, die meisten Menschen sind über die extreme Depression und Angst hinweg. Es hat die Menschen schon sehr verändert. Viele sind jetzt freundlicher, aber auch sehr viel aufmerksamer. Wenn irgendwo jemand seltsame Scheiße baut, kümmern sich die Leute drum. Wenn ein merkwürdiger Charakter eine Tüte in der U-Bahn stehen lässt, rufen die Leute die Polizei. Sie wollen einfach nicht, das so etwas jemals wieder passiert. Es ist auch etwas positives dabei heraus gekommen. Es hat die Stadt viel näher zusammen gebracht.

Von hieraus ist das immer sehr schwierig einzuschätzen, wie die Situation in New York wirklich ist…

…ich meine, jetzt als der Krieg ausgebrochen ist, waren die New Yorker wieder sehr besorgt. Ich schätze mal, dass halb New York den Krieg nicht will. Tausende haben dagegen protestiert. New York ist nicht gerade eine republikanische Hochburg. Das sind sehr liberale, friedliebende Menschen. Ich persönlich sehe mich aber mehr in der Mitte. Ich glaube an Gesetz und Ordnung. Ich bin in keiner Weise ein Anarchist oder so was. Ich habe meine Werte. Ich glaube an Hart-arbeiten für dein Geld. Aber mag ich deshalb alles was in New York passiert? Was die Regierung oder unser Bürgermeister tut? Hell no! Bloomberg ist schrecklich. Er hat keine Ahnung, ist aber stinkreich. Er ist so reich, dass er nicht einmal für das Amt des Bürgermeisters bezahlt wird. Er wird nicht wieder gewählt werden. Die Leute merken, dass er keine Ahnung hat und mögen auch seine Politik nicht.

Ein anderes Stück ist „Killing Me“, das untypisch punkig daherkommt, fast etwas wie die „Misfits“ klingt.

Absolut. Wir alle lieben Punkrock. Einige unserer Lieblingsbands spielen Punkrock. „Social Distortion“, „Misfits“…Ganz offensichtlich bin ich ein großer Misfits-Fan [zeigt mir sein Misfits-Tattoo auf seinem linken Unterarm]. Anfangs hat der Song viele überrascht, aber mittlerweile haben wir schon sehr viele positive Reaktionen bekommen. In einem Review hieß es sogar „New York Hardcores Antwort auf Social Distortion“ oder „Cro-Mags treffen auf Misfits“ . Wir sind sehr zufrieden, da wir doch ein wenig Bedenken hatten als wir das Stück aufnahmen, da der Song recht untypisch für uns ist.

Ist der Song repräsentativ für die Richtung, in welche die neue Scheibe geht?

Überhaupt nicht. Das neue Album ist das heftigste, das wir je gemacht haben. Wir haben zwei Stücke drauf, die einfach nur brutal sind. „Killing Me“ ist zwar auch auf dem Album, allerdings in einer überarbeiteten Version, die tausendmal besser klingt. Ursprünglich sollte noch ein zweiter, ähnlicher Song auf der Platte erscheinen, aber unser Schlagzeuger mochte ihn nicht und deshalb hat er es nicht auf die Platte geschafft.

Das ist also einer der wenigen Songs, der bei euch nicht veröffentlicht wird.

Ja, das Stück heißt „The Loss“ und wir haben es sogar ein- oder zweimal live gespielt. Es ist etwas langsamer, fast ein Rocksong, vielleicht etwas wie „Danzig“. Aber Steve mochte ihn halt nicht. Das Album wird ein Mix aus Punk, Hardcore und Metal sein.

Richtung Metalcore?

Nein, ich mag diesen Begriff nicht. Mittlerweile nennen sich so viele schlechte Bands „Metalcore“, die aussehen als kämen sie geradewegs aus einem GAP-Werbespot und machen einen auf „At The Gates“ oder „At The Drive-In“, dass ich nicht in diese Schublade gesteckt werden möchte. Versteh mich nicht falsch. Es gibt gute Metalcore-Bands, aber dass es etwas völlig anderes, als das was wir machen.

Habt ihr das neue Album schon fertig gestellt?

Ja, es ist schon komplett aufgenommen und muss jetzt nur noch gemastered werden. Es heißt „The New Nightmare“.

Morgen spielt ihr das „European Hardcore Festival“. Wie viele Bands spielen dort und wen kennt ihr?

Ich glaube zwölf und wir sind, denke ich, die zehnte Band oder so die auftritt. Wir haben also einen ziemlich guten Slot. Es ist schon lustig. Wir spielen morgen mit „Blood for Blood“. Vor fünf Jahren haben wir mit „Blood for Blood“ und „All Out War“ mal eine kleine Tour gemacht.. und heute … Wow! So viel ist in den paar Jahren geschehen. Die beiden Bands sind jetzt ziemlich groß und wir, wir sind halt „Inhuman“. Aber die haben sich auch ihre Ärsche abgespielt und ich freue mich für sie, dass sie jetzt so beliebt sind. Um ehrlich zu sein, kenne ich nicht viele der anderen Bands. Ich werde mir einfach alle mal anschauen.

Ich glaube in zehn Tagen spielt ihr in Frankfurt, das nun nicht so weit weg von Mainz ist. Wie ist das denn gelaufen?

Frag lieber nicht. Ich habe keine Ahnung. Wir spielen einfach nur. Den Rest erledigt unsere Fahrerin. Ich vermute mal wir hatten noch einen Tag offen, den wir irgendwie füllen mussten und so ist das zustande gekommen. Wir sind ja nur begrenzte Zeit hier und müssen sehen, das wir so viele Shows wie möglich spielen. Nachher sehen wir denn, welche Städte wir das nächste Mal spielen und welche nicht. Aber für den Moment machen wir uns da keine Gedanken. Und weißt du was?

Ne, sag‘ schon.

Du kannst ja all deinen Freunden erzählen, dass wir nach Frankfurt kommen, und machst ein bisschen Werbung für uns, damit es schön voll wird [lacht].

Ich werde es versuchen, Irgendwelche Kommentare, die du noch loswerden möchtest?

Ich bin sehr froh, dass wir viele gute Reviews bekommen haben, und ich hoffe, dass das heißt, dass viele Kids kommen, um sich uns anzuschauen. Es tut mir leid, dass wir einige Regionen nicht spielen werden, aber wir haben leider nur einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung. Einige von uns sind sogar arbeitslos, nur um diese Tour zu spielen, und wir werden danach ziemlich pleite sein. Aber wir machen, was wir schon immer machen wollten. Wir haben immer die Geschichten von „Sick of it All“ oder befreundeten Bands gehört, wie geil ihre Tourneen in Europa waren. Das ist ein Traum, den ich mir schon lange erfüllen wollte. Und jetzt sitze ich hier und rede darüber und komme mir noch ganz komisch vor, als wäre das gar nicht real. Ich bin sehr dankbar für diese Tour und hoffe auf das Beste.

Dann bleibt mir nur, sich für das sehr ausführliche Interview zu bedanken. Ich wünsche euch noch viel Erfolg auf eurer Tour und hoffentlich viele Zuschauer.

Thanks, man!

27.03.2003

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