Lingua Mortis Orchestra
Interview mit Peavy und André zum Debütalbum des RAGE-Orchesterprojekts

Interview

Lingua Mortis Orchestra

Mit „LMO“ steht uns endlich das erste Album von RAGEs Orchester-Spin-Off-Truppe LINGUA MORTIS ORCHESTRA ins Haus – ein Album, dass völlig neue Einblicke in die bereits als ausgelutscht erscheinende Metal-meets-Orchester-Thematik erlaubt. Und während Gitarrist und Hauptkomponist Victor Smolski noch bis zur letzten Sekunde am finalen Mix arbeitet, schnappten wir uns das deutsche Metal-Urgestein Peavy Wagner und Drummer André Hilgers, um mit ihnen über die Entstehung des Albums, moderne Hexenverfolgungen und die Pläne für kommende Live-Shows zu quatschen. Ganz unverhofft nutzten die beiden darüber hinaus die Gelegenheit, uns ein beeindruckendes Statement zur aktuellen Lage der Musikindustrie ins Mikro zu diktieren – optimistische Zukunftsaussichten für die Metal-Szene inklusive!

Lingua Mortis Orchestra

Das erste LINGUA-MORTIS-ORCHESTRA-Album gefiel mir schon nach dem ersten Hördurchgang um Längen besser als die letzte RAGE-Scheibe.

André: Das ist natürlich immer Geschmackssache –

Peavy (unterbricht ihn): Ich nehm das aber trotzdem als Lob.

André: Ich finde das auch cool, weil es ja letztlich ein neues Baby für uns ist. Wenn dir das gut gefallen hat, ist das super!

Peavy: Ich muss auch sagen, dass du dieses Album, wenn du es ein paar Mal gehört hast, nicht mehr aus dem Kopf rauskriegst. Das sind wirklich die besten Stücke, die wir seit Menschengedenken gemacht haben, finde ich. Schon von der Komposition der Songs her sind das echte Hammerdinger!

 

Angekündigt habt ihr euer Orchesterprojekt schon vor rund drei Jahren, bis zur Veröffentlichung hat es dann aber doch noch eine Weile gedauert.

Peavy: Das LINGUA-MORTIS-Album sollte eigentlich nach der ursprünglichen Planung schon vor zwei Jahren aufgenommen werden. Es hat so lange gedauert, wir haben es immer wieder rausgeschoben…

André: …weil immer wieder was dazwischen kam. Als „Strings To A Web“ (vorletztes RAGE-Album – Anm. d. Red.) erschien, haben wir im selben Jahr die Tour gespielt und uns gesagt, dass wir im Jahr darauf eine Pause machen und uns auf die Orchester-Sache konzentrieren. Wir haben dann aber mehr Konzerte gespielt als im Release-Jahr. Und dann haben wir uns gesagt, jetzt müssen wir eigentlich wieder ein reguläres Album bringen, so dass wir erstmal „21“ (jüngstes RAGE-Album – Anm. d. Red.) gemacht haben. Dann kamen jetzt zum Glück diese Konzertanfragen vom „70000 Tons Of Metal“ und auch für Wacken und so weiter, so dass wir im Zugzwang waren. Das war eigentlich ganz geil, dann jetzt waren wir unter Druck und das hat wieder funktioniert.

Peavy: Stimmt, im Grunde war Wacken jetzt der „Muss-VÖ“, später durfte das Album nicht rauskommen und genau da erscheint die Scheibe jetzt. Die Bestätigung für Wacken haben wir im Herbst letzten Jahres gekriegt. Und da war eigentlich klar, dass wir das miteinander verbinden müssen.

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Obwohl auf dem Album einige Melodien sofort greifen und mich schon beim ersten Hören zum Mitsingen verleitet haben, ist das Material doch sehr komplex. Ich finde es gut, dass ihr da offensichtlich nicht den einfachen Weg gewählt habt, sondern vom Zuhörer auch ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit verlangt.

Peavy: Auf jeden Fall, es ist natürlich keine Easy-Listening-Musik. Trotzdem finde ich nicht nur die Melodien, sondern auch das Riffing teilweise wirklich begnadet. Das Riff von „Witches‘ Judge“ zum Beispiel, das aus lauter verminderten Akkorden besteht. Das ist so ein geile, eingängige Hookline, aber so ungehörig – ich hab noch nie so ein Riff gehört! Da hat er sich wirklich sowas von mit Glück beschissen, der Herr Smolski – ich glaube, das weiß der selber nicht, wie er das gemacht hat. Er sagt ja, das hätte er sich alles innerhalb von zwei Wochen irgendwie zusammengestoppelt, aber das kann ich irgendwie kaum glauben. Wie kann man in zwei Wochen nur so viele geile Ideen haben? Das gibt’s doch gar nicht!

André: Was wir schon sagen müssen, ist, dass dieses Album vom Produktionstechnischen her fast an Weltrekord grenzt. Für die ganze Session an sich hatten wir nur vier Wochen Zeit und man merkt wieder, dass die Band – ich sage jetzt bewusst „die Band“ – einfach unter Stress immer gut funktioniert. Und das ist eigentlich ganz gut, weil viele losen da irgendwie ab. Wir haben ja bei unseren Kumpels von BLIND GUARDIAN in den „Twilight Hall“-Studios aufgenommen und da hab ich vorhin schonmal die Anekdote erzählt, wie Peavy angefangen hat, einen Song zu singen, nach einer Stunde raus kam und in der Küche den Hansi (Kürsch, BLIND-GUARDIAN-Sänger – Anm. d. Red.) getroffen hat, der da auch gerade am Proben für seine Songs war. Der hat Peavy ganz ungläubig gefragt: „Wie, schon fertig?“ Da ist wirklich von uns allen richtig Gas gegeben worden.

Peavy: In der Zeit hätte sich der Hansi nicht mal warmgesungen! (lacht) Das war wirklich unglaublich, ich war selbst überrascht, wie das diesmal gefluppt hat. In allen Phasen, also auch beim Songschreiben und Arrangieren hat alles so dermaßen kreativ gefruchtet. Wir haben eine Pre-Production-Phase bei André zuhause gemacht, der hat ja so ein bisschen Recording-Zeug. Da haben die beiden oben gesessen und an Keyboard- und Drum-Geschichten rumgebastelt, während ich unten in der Küche saß und an den Texten geschrieben habe. Wir haben uns richtig die Bälle hin und her geworfen. Von oben kam dann irgendwann mal eine Stimme runter: „Wir haben jetzt hier grade so einen Chor, kannst du da nicht irgendwas lateinisches dazu machen?“ – „Spiel mal eben vor.“ Und eine halbe Stunde später kam ich dann mit dem Text hoch. Die ganze Zeit hat sich da eins zum anderen gefügt und man hat sich gegenseitig befruchtet, das hat einfach super geklappt. Es kam alles wie von selber und auf einmal stand es da, man musste es nur noch irgendwie einfangen.

 

Wenn man hört, dass eine Band mit einem Orchester arbeitet, ist der erste Gedanke eigentlich, dass die Band dadurch etwas softer klingen wird. Bei euch ist aber genau das Gegenteil passiert, ihr klingt zum Teil wesentlich härter als man euch sonst kennt.

André: Ja, der Plan ist aufgegangen. Du bist jetzt heute der sechste, der das anspricht. Victor hatte schon den Plan, irgendwas neues zu machen, etwas anderes zu machen als es andere Bands machen, die mit Orchester arbeiten. Wir wollten die Härte irgendwie behalten, gleichzeitig aber das Orchester auch mit einbetonieren. Das war eigentlich Victors Plan, zu Anfang konnten Peavy und ich uns noch nicht so richtig was drunter vorstellen. Er hatte irgendwie den Masterplan im Kopf, dann haben die Jungs ihre Ideen ausgetauscht, so dass Peavy dann auch songwritingtechnisch und mit den Gesangsmelodien involviert war.
Die haben viele Sachen ausgearbeitet und ich als Trommler stehe dann erstmal dumm vor dem Berg und habe überhaupt keine Ahnung. Ich spiele auf ein Gitarrenriff – gerne, sofort – aber ich kann mir irgendwie kein Orchester vorstellen. Ich hab da aber – oder vielmehr wir haben – Victor vollkommen vertraut. Ich war selber auch positiv überrascht, wie fett dann letztendlich doch alles geworden ist, weil das war der Plan und es hat einfach fantastisch funktioniert. Du bist heute der sechste von sechs, der es sagt, also müssen wir irgendwas richtig gemacht haben.

 

Ich dachte eigentlich auch, dass sich diese ganze Orchesterschiene inzwischen totgelaufen hätte und man im Grunde alles schonmal irgendwo gehört hat. Da war euer Album für mich nun gewissermaßen der Augenöffner und hat mir gezeigt, was in diesem Bereich doch noch möglich ist. Ihr habt da doch noch mehr zu sagen und seid manche Sachen wirklich neu angegangen.

Peavy: Ja, die Orchester-Sache scheint im Augenblick schon ein bisschen eine Mode zu sein, sehr viele Bands machen sowas. Wobei ich denke, dass wir da zwei große Vorteile haben: Zum einen haben wir über fünfzehn Jahre Erfahrung mit sowas, weil wir ja damals die ersten waren, die damit angefangen haben, und zum anderen haben wir Victor Smolski, der einfach so dermaßen Ahnung von Musik hat. Er hat das alles von der Pike auf studiert und so jemanden haben andere Bands halt nicht.

André: Er ist Gitarrist der Band, er arrangiert das ganze Orchester und produziert die Band auch noch. Das heißt letztendlich, wenn nicht er, wer soll dann wissen, was das beste für den Sound, den MACHBAREN Sound, auch für RAGE ist? Das hat sich über die letzten elf Jahre einfach so herauskristallisiert, auch die Zusammenarbeit mit Charlie Bauerfeind. Charlie nimmt mich schlagzeugmäßig echt vollkommen auseinander und verlangt alles, Victor hat auch alles verlangt und am Ende des Tages lassen sie mich dann noch besser aussehen. Die Jungs haben für das Final Product einen mordsmäßigen Job gemacht und das ist jetzt wirklich keine Eierleckerei oder Honig-um-den-Mund-Geschmiere oder sonst irgendwas.
Wenn Victor mit Charlie im Studio ist – ob das jetzt mit uns ist oder wie auch immer – ich hab’s erlebt, die funktionieren blind! Der Victor denkt was und der Charlie dreht schon an der richtigen Frequenz, ohne dass er was gesagt hat, und ändert das. Das hat mir teilweise während der Recording-Sessions echt Angst gemacht, weil ich nicht nur einen hatte, mit dem ich mich da irgendwie unterhalten musste, sondern es waren zwei. Quasi eins plus eins gleich eins. Das ist schon geil, diese Zusammenarbeit zwischen den beiden, die man schon bei „21“ gemerkt hat und auch vorher schon. Aber jetzt bei diesem Album, glaube ich, merkt man es richtig.

Peavy: Zumindest was meine Parts angeht, möchte ich mich da aber auch noch mit einschließen. Ich hab zum Beispiel mein Zeug größtenteils alleine mit Charlie aufgenommen, weil Victor uns da einfach blind vertraut hat. Er wusste genau, wir machen das genau so wie er es haben will. Er kam dann irgendwann, wo wir es mehr oder weniger drauf hatten, kurz rein, hat mal kurz reingehört, hat hier und da noch seinen Senf dazugegeben und dann stand das irgendwie. Das klappt einfach blind. Mit Charlie arbeiten wir seit über zehn Jahren zusammen, mit Victor sind es jetzt dreizehn Jahre, und da hat sich einfach ein wirklich gutes Team herausgebildet.

Lingua Mortis Orchestra

Wie du gerade schon erwähnt hattest, wart ihr natürlich absolute Vorreiter für alle Metal-meets-Orchester-Geschichten. Ich habe mich nun bei „LMO“ immer wieder an frühere RAGE-Orchester-Songs erinnert gefühlt, teilweise hatte ich sogar den Eindruck, dass ihr euch ein Stückweit selbst zitiert. Habt ihr da bewusst das eine oder andere Easter-Egg für eure langjährigen Fans versteckt oder sind die Parallelen eher unbewusst entstanden?

Peavy: Ich will jetzt nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, ob Victor da nicht doch bewusst das ein oder andere Zitat eingebaut hat, aber was meinen Part angeht, denke ich mal nicht. Das kam alles aus dem Bauch heraus und ich denke, wir haben wirklich nur geguckt, dass die Songs das kriegen, was sie brauchen.

André: Victor weiß halt wahrscheinlich auch am besten, was harmonisch zusammenpasst. Ich hab das auch bei „21“, „Strings To A Web“ oder „Carved In Stone“ (die letzten drei RAGE-Alben – Anm. d. Red.) mitgekriegt, wo jetzt kein Orchester mit dabei war, wie geil das einfach harmonisch schon alles zusammenpasst. Und das merkt man dann bei dieser Orchester-Sache umso deutlicher. Dass sich da bei zwölf Tönen, die es ja nur gibt, mal geringfügig ein bisschen was wiederholt, ist ganz normal. Ich könnte dir jetzt einen Haufen Songs und einen Haufen Bands nennen, die sich ständig selbst kopieren. Es mag bestimmt sein, dass der eine oder andere Part da Erinnerungen weckt, aber ich glaube nicht, dass das bewusst passiert ist, sondern einfach intuitiv, weil man weiß, dass es funktioniert.

Peavy: Es ist sicherlich nicht so, dass sich irgendwelche Themen wiederholen, sondern eher bestimmte Stimmungen. Victor hat natürlich auch einen sehr eigenen Stil, wenn er klassische Sachen komponiert. Ich kenne noch mehr klassische Sachen von ihm, die den meisten Metal-Fans gar nicht so geläufig sind. Er hat ja auch schon seine eigenen Symphonien geschrieben und er hat seine ganz eigene Ton-Sprache und da entstehen immer wieder ähnliche Bilder, weil er einfach so musikalisch denkt.

 

Ich habe das auch keineswegs als Vorwurf gemeint, da spiegelt sich wohl auch einfach eure musikalische Identität wieder. Ich habe quasi zu jeder Sekunde erkennen können, dass ich im Grunde ein neues RAGE-Album vor mir habe.

Peavy: Das ist es ja auch. (lacht) Ich war auch beim Entstehungsprozess manchmal wirklich baff, wie gut das zwischen uns harmoniert, wenn wir komponieren. Wir haben wirklich unsere Ideen völlig unabhängig voneinander gesammelt und ich hab dann im Grunde meinen Kram einfach nur bei Victor abgegeben. Von den musikalischen Ideen sind 90 Prozent auf seinem Mist gewachsen und die restlichen 10 Prozent von mir. In den Credits siehst du ja, dass bei zwei Songs („The Devil’s Bride“ und „Eye For An Eye“ – Anm. d. Red.) die Basis von mir stammt und Victor hat sie mit seinen Ideen ergänzt und hat das Ganze natürlich noch ausgearbeitet und orchestriert. Und das passt so homogen zusammen, dass man den Unterschied überhaupt nicht hört, ob das jetzt von mir oder von ihm ist, das klingt wie aus einem Guss. Man kann wirklich sagen, dass wir da unheimlich ähnlich denken, das hat sich im Laufe der Jahre einfach so entwickelt.

André: Unheimlich wichtig waren am Ende des Tages auch unsere Gast-Leute, die sich jetzt zum festen Line-Up etabliert haben. Wir waren bewusst auf der Suche nach Leute, die Bock haben, die richtig geil sind und den entsprechenden Background haben, aber auch dann mit uns auf Tour gehen können. Gleichzeitig wollten wir nicht dieses Namedropping betreiben.

Peavy: Das machte in der jetztigen Situation auch noch keinen Sinn.

André: Genau. Die Jeannette Marchewka war mit uns zum Beispiel beim „70000 Tons Of Metal“, da hat sie noch Geige gespielt. Wir wussten aber, dass sie auch Sängerin ist, und haben sie dann Demos einsingen lassen, wie viele andere Sängerinnen auch. Ich war jetzt auch sehr baff, wie geil das mit Peavys Stimme harmoniert. Victor hat da sehr lange irgendwelche Demos mit Peavy zusammen gecheckt und probiert, welche Stimmen da zusammenpassen. Hinzu kam dann noch die Dana Harnge, die eigentlich mal vor einiger Zeit eine Gitarrenschülerin von Victor war. Dabei hat sich dann herausgestellt, dass sie Sopran singt und eine richtig amtliche Ausbildung hat.
So kommt das eine zum anderen. Henning Basse war ein alter Kumpel von mir, mit dem ich schon immer mal was machen wollte. Den hab ich dann ins Spiel gebracht, den haben die Jungs auch gecheckt und er hat sich als die perfekte Wahl erwiesen. Ich war überrascht wie geil die beiden – aber auch die ganzen anderen Stimmen – miteinander harmonieren. Überhaupt, wie das ganze eingebettet ist, dieses Gegeneinander und Miteinander und so, da hat man schon ein ziemlich gutes Händchen dafür gehabt. Das zeigt auch wieder, dass zum Beispiel Victor genau wusste, welche Stimmen wichtig für welche Parts sind.

Peavy: Wir haben das von vorne herein für vier verschiedene Stimmen komponiert, das sollte schon so ein bisschen Musical- oder Opern-mäßig klingen. Nenn es meinetwegen „Metal-Oper“, so war das schon von der Komposition und vom Textkonzept her ausgerichtet. Insofern haben wir dann eigentlich nur noch die richtigen Stimmen gesucht, die dazu passen. Dass ich einer der Sänger sein werde, war klar, und die anderen mussten einfach alle dazu passen. Da standen wirklich eine ganze Menge Leute – gerade bei den Sängerinnen – zur Auswahl, die haben sich alle viel Arbeit gemacht und haben die Parts, die wir für sie ausgearbeitet hatten, als Demos für uns eingesungen. Da muss man sich an dieser Stelle auch nochmal bedanken, auch bei denen, die es jetzt letztendlich nicht geworden sind. Die haben sich da viel Mühe gemacht und ich denke, es hat in den meisten Fällen nicht am Können gelegen, sondern einfach an der passenden Stimme, die eben irgendwie zu meinem Organ passen musste. Und da fanden wir die jetztige Kombination eben am besten.

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In der Geschichte, die ihr auf dem Album erzählt, geht es um die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit. Die Handlung basiert dabei auf einer wahren historischen Begebenheit.

Peavy: Exakt. Wir haben das Thema auf einem von Victors Solo-Alben schon einmal angerissen, das war damals aber noch ohne Gesang, da haben wir nur Original-Texte zur klassischen Musik von Victor zitiert. Wir fanden immer, dass das Thema da nur unzureichend gewürdigt wurde, und dachten, da geht noch einiges mehr. Bevor wir überhaupt mit dem Komponieren angefangen haben, war uns also schon klar, dass wir diese Thematik als Textkonzept nehmen wollen. Mir fiel dann eine konkrete Geschichte ein, wo ich eine ganze Menge Literatur darüber gesammelt habe, als ich vor Jahren schon zufällig mal drauf gestoßen bin. Das ist eine Geschichte, die in Gelnhausen, einer kleineren Stadt in der Nähe von Frankfurt, spielt und speziell in den Stadtarchiven noch sehr detailliert aufgezeichnet ist.
Und zwar war damals, im Jahre 1599, der Schultheis von Gelnhausen, Johann Koch, für die Gerichtsbarkeit zuständig und als Hexenrichter dafür berüchtigt, dass er ziemlich viele Leute – über dreißig, glaube ich – auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Da gab es die Witwe eines evangelischen Pfarrers, Elisabeth Strupp mit Namen, die in der Gemeinde damals sehr hoch angesehen war, weil sie sehr viele wohltätige Sachen gemacht und sich beispielsweise um Arme und Kranke gekümmert hat. Aber dann wurde sie von Neidern angeschwärzt und als Hexe bezichtigt, obwohl es berechtigte Zweifel an ihrer Schuld gab. Zum Beispiel wurde ihr ein Kirchenraub zur Last gelegt, womit sie eigentlich –  was sich dann erst Jahre später herausstellte – nichts zu tun hatte.
Dieser Hexenrichter wollte jedenfalls an ihr ein Exempel statuieren, dass sein Gericht eben nicht parteiisch ist und reichere oder gesellschaftlich höher angesehene Leute nicht besser behandeln würde als Arme. Deswegen hat er sie dann auch zum Tode verurteilt und hinrichten lassen. Da waren ziemlich viele Leute geschockt, dass auch so eine angesehene Person wie sie auf dem Scheiterhaufen landen konnte. Ein paar Jahre später stellte sich heraus, dass alles falsch und gelogen war und es sich um einen Justizirrtum handelte. Johann Koch wurde daraufhin seines Amtes enthoben und ist dann innerhalb der nächsten drei, vier Jahre wahnsinnig geworden, hat sich von ihr verfolgt gefühlt und ist 1603 in wahnsinniger Umnachtung gestorben.
Das ist wie gesagt alles in Aufzeichnungen verbürgt und ich fand es sehr spannend, diese ganze Thematik an einer wahren Begebenheit zu schildern. Wenn man wirklich real existierende Personen anführt, kriegt das Ganze irgendwie ein Gesicht und das macht es noch interessanter und tiefschürfender.

 

Der Spannnungsbogen erstreckt sich über das ganze Album hinweg und erreicht seinen Höhepunkt in „Eye For An Eye“, das mir auf Anhieb eine dicke Gänsehaut verpasst hat. Daran schließt sich dann mit „Afterglow“ noch eine Art Epilog an, der gewissermaßen die Brücke in die Gegenwart schlägt. Wie weit haben wir uns in euren Augen von solchen Hexenjagden heutzutage entfernt?

Peavy: In unserer Gesellschaft heute würden wir natürlich keine Leute mehr verbrennen. Aber diese geistige Energie, die dahinter steckt, dass wir Menschen ausgrenzen, mobben und uns Sündenböcke für unsere Probleme suchen, die ist ja nach wie vor da. Das sieht nur ein wenig anders aus, heute wird dann halt Internet-Mobbing gemacht, was letztendlich auch schon zum Tode von vielen Leuten geführt hat. Man kriegt das ja mit, wie viele sich dann da umbringen, weil sie ständig gemobbt werden.
Aber es gibt tatsächlich noch Hexenverfolgungen in diesem alten Stil mit Verbrennungen und allem in Papua-Neuguinea. Da gab es vor wenigen Wochen erst mehrere Fälle, wo mehrere Frauen vom Mob wegen Hexerei gelyncht oder lebendig verbrannt wurden. Das wird zwar jetzt gerichtlich geahndet, aber bei den einfachen Leuten, die teilweise noch in Stammesverbänden leben, ist das nach wie vor da, da lebt das Mittelalter noch. Es ist also nach wie vor ein Thema, was noch nicht aus der Welt ist, man sollte es nicht glauben.

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Traurig aber wahr. Lass uns lieber wieder über die Musik sprechen: Ihr habt das Album mit dem „Orquestra Barcelona Filharmonia“ in Spanien aufgenommen.

Peavy: Wir haben mit zwei Orchestern gearbeitet. Die Credits in der Presse-Info sind unvollständig, da fehlt noch einiges.

André: Wir haben wegen der wesentlich besseren Räumlichkeiten in Spanien aufgenommen und in Belarus, in Minsk, haben wir nochmal Sektionen aufgenommen, also einzelne Streichersektionen als Overdub. In Spanien gab es einfach einen größeren Raum, da konnte man also auch ein größeres Orchester aufnehmen, und in Minsk hat Victor dann noch Feinheiten mit einzelnen Sektionen aufgenommen.

Peavy: Den Chor und die Bläsergruppen haben wir auch in Minsk gemacht.

André: Und das alles per Großmonitor und Skype. Wir müssen mal bei Skype anrufen, ob sie uns für die Werbung hier nicht einen Deal anbieten wollen… (lacht)

 

Nach Weißrussland hat Victor ja auch familiäre…

André: (unterbricht) Belarus! Weißrussland gibt es nur in Deutschland – das haben wir vorher noch gelernt. Weißrussen gibt es nur in Deutschland, hat er erzählt. Aber egal, wir wissen, wovon wir reden.

Peavy: Das ist aber nur interessant, wenn du Englisch sprichst.

André: Ah ok, „White Russian“ gibt es also nicht. Doch, als Getränk. (lacht)

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23.07.2013

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