Mortification
Mortification

Interview

Nachdem sich die christlichen Metaller der White-Metal-Institution MORTIFICATION mit ihrem aktuellen Album "Erasing The Goblin" wieder eindrucksvoll zurückgemeldet haben und an glanzvolle Tage anknüpfen konnten, wird es Zeit, Mastermind Steve Rowe zum Gespräch zu bitten. Der ist nicht nur musikalisch wieder erstarkt, sondern kann auch nach seiner schweren Krebserkrankung Mitte der 90er und nachfolgender Therapie weiterhin Vollgas geben. So schleudert er nicht nur in realiter Speere und den Diskus und hat dabei Goldmedaillen bei den australischen National Transplant Games gesammelt, sondern wirft auch in Richtung Musikklau und einer gewissen Death-Metal-Größe so manchen Wurfspieß!

MortificationZunächst möchte ich Dir zur Veröffentlichung von “Erasing The Goblin” gratulieren.
Meines Erachtens ist es ein starkes MORTIFICATION-Album geworden, das den Vorgänger „Brain Cleaner“ mühelos hinter sich lässt und eher in die Richtung der alten Heldentaten wie „Scrolls“ geht.
Wie denkst Du über die Qualitäten des „Goblins“?

Ich denke es ist großartig, gerade vor dem Hintergrund, dass wir “Erasing” ohne Budget ganz alleine aufgenommen haben. Wir haben über mehrere Monate hinweg sehr hart daran gearbeitet, die bestmögliche Thrash/Death Metal Veröffentlichung ohne finanzielle Unterstützung einer Plattenfirma zu schaffen. Wir sind erst nach der Fertigstellung des Albums bei unserem jetzigen Label MCM Music untergekommen.

Zweifellos sind jetzt wieder mehr Death- und Thrash-Metal-Einflüsse zu hören. Wer hatte die Idee, wieder extremeres Zeug zu spielen? War der Einstieg von Mick Jelinic (Gitarre) der Ausschlag dazu oder ist die Entscheidung, wieder zu thrashen schon früher gefallen?

Seit “Post Momentary Affliction” von ’93 ist MORTIFICATION eine Thrash/Death-Metal Band mit starken 80’er Jahren Power-Metal-Einflüssen. Eine Menge unterschiedlicher Mitglieder war in der Band und was man jetzt hört, ist eine gereifte Interpretation von MORT. Auf manchen Alben habe ich mit Kerlen zusammengearbeitet, die 20 Jahre jünger sind als ich, aber Mick und Damien sind älter und haben schon in den 80’ern Musik gemacht.
Dementsprechend ist die Musik dieses Mal etwas mehr Old School ausgefallen.
Ich wollte auch eine 80er Extrem-Metal-Platte aufnehmen, die richtig knallt.

Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit mit Mick und Damien Percy (Schlagzeug)?

Sie haben der Band richtige Präzision verliehen. Als ältere Kerle spielen sie so wie ich es tue.
Wesentlich präziser. Jüngere Musiker tendieren dazu, mehr offene Akkorde zu spielen und auf dem Schlagzeug herumzuhämmern. Immer noch tight, aber es klingt nicht so tight und schmissig.

Zudem hat die Abwechslung auch wieder einen höheren Stellenwert (z.B. „Humanitarian“, „Servants Of The Supreme Message“). Was hat Dich beim Schreiben dieser Songs beeinflusst?

Musikalisch ist “Humanitarian” ein Versuch, etwas Langsameres und Brutaleres zu machen. Etwa wie ein 80er METALLICA-Song oder etwas im Stile von CANDLEMASS. Textlich ist es der Blick auf die Gier der westlichen Welt und wie sehr es nötig ist, unseren Reichtum mit den ärmeren Ländern zu teilen. „Servants“ ist da etwas anders ausgefallen, zumal es stark von alten ANTHRAX aus den 80’ern und SODOM beeinflusst ist. Ich mag es, auf jedem Album hier und da „dumme“ oder „lustige“ Riffs zu verwenden, wie ich es mal nennen will. Ich bin eine glückliche Person, die ne Menge Scherze macht. Es macht mir ebenso sehr Freude, dies in meinen Songs zu reflektieren, als auch die Musik sauber zu zocken.
Wie man sieht, sind meine Metal-Einflüsse breit gefächert. Ich mag auch die US Thrasher SADUS oder BOLT THROWER und NAPALM DEATH aus Großbritannien.

Neben den unbestreitbaren Power-Metal-Einflüssen ist eben auch ne Menge BOLT THROWER-artiges Zeug im “Goblin”. Welchen Stellenwert hat die Band für Dich heute?

BOLT THROWER sind meiner Meinung nach einfach die beste “true” Death-Metal-Band der Welt! Das Interessante dabei ist, dass ihre Alben einfach immer besser werden. Sicher gibt es nicht viel Abwechslung bei dem, was sie tun, aber sie haben eine Formel entwickelt, die jedes Mal bestens funktioniert. Mir würde langweilig, wenn ich dieselbe Sache die ganze Zeit machen würde, aber bei manchen Bands klappt es einfach. Ich mochte es sehr, wie Chuck sich mit DEATH entwickelt hat, bevor er leider verstarb. Vergleiche das mal mit der langweiligen Monotonie von MORBID ANGEL. Ihre Alben sind zumeist alle gleich, aber sie schaffen es nicht, ihre ersten beiden zu übertreffen, also warum nicht mal was anderes versuchen. Wenn die Idee nicht mehr zündet, sollte man sie mal überarbeiten, denke ich.

Für was steht eigentlich der „Goblin“ … und aus welchem Grunde soll er ausgelöscht werden?

Der “Goblin” ist die Sünde. Die Sünde ist es, die den ewigen Tod bringt. Wir sündigen alle, aber wir können die Sünde mit Gottes Hilfe überwinden. Als Christ glaube ich, dass das Vertrauen auf Christus uns von der Sünde erlösen kann. Zumeist tun wir unser Bestes, das auszumerzen, was uns davon abhält, wie gute Menschen zu leben.

Bevor wir zu den musikalischen Themen zurückkehren, gestatte mir die Frage nach Deinem derzeitigen Gesundheitszustand (Steve erkrankte ’96 an lymphatischer Leukämie, überstand die schwere Krankheit und leidet seitdem an den mannigfaltigen Nachwirkungen – Anm. d. Verf.).

Ich bin wohlauf. Nach dem Krebs bin ich teilweise querschnittsgelähmt, aber ich kann gehen und auf der Bühne stehen und spielen. Die Lähmung ist ein Zustand auf Probe, aber ich verbringe viel Zeit damit, im Fitness Studio zu trainieren und mache eine Physiotherapie.
Ich nehme an Wettkämpfen im Rollstuhl-Diskus, Speerwurf und Kugelstoßen als F57-Querschnittsgelähmter teil (F57 ist eine Einordnung des Behinderungsgrades/der Bewegungsmöglichkeiten – Anm. d. Verf.). Also bin ich stärker als ich es je war. Ich gehe nur etwas komisch und kann nicht rennen. Zudem habe ich gerade drei Goldmedaillen bei den National Transplant Games hier in Australien gewonnen. Ich hoffe, dass ich an den World Transplant Games 2009 teilnehmen kann.

Wenn Dein Gesundheitszustand es zulässt und Du Dich stark genug fühlst, gibt es dann eine Chance, dass wir MORTIFICATION in Deutschland wieder auf Tour sehen?

Es ist schwierig, im Moment in Deutschland zu touren, weil wir zurzeit keinen Major Plattenvertrag mehr im Rücken haben. In den 90’ern hätte ich mir deswegen einfach Geld von Nuclear Blast geliehen und sie hätten mein Merchandising übernommen. Am Ende der Tour hätte ich NB dann alles zusammen zurückgezahlt. So liegt das einzig echte Problem darin, dass wir keine finanzielle Unterstützung haben.
Wir haben aber schon ’94 auf dem „With Full Force“ gespielt und ich würde sehr gerne einmal auf dem Wacken spielen.

Es gibt ja ne Unzahl antichristlicher Metal-Bands. Wie denkst Du über sie? Bist Du jemals ernsthaft von solchen Bands oder deren Fans angegriffen worden? Nichtsdestotrotz hat Dein Album “Scrolls“ ja einen guten Ruf in der Death-Metal-Szene.

Ich habe schon immer ein paar kleinere Drohungen aus dem Black-Metal-Lager bekommen, aber nichts davon war wirklich ernst. Bei einer Heaven & Hell Show, die wir ’94 zusammen mit HOBB’S ANGEL OF DEATH gespielt haben, sind ein paar Satanisten und Nazis aufgetaucht (Nebenbei denke ich, dass Peter Hobbs ein großartiger Thrash-Mucker ist und wir haben schon viele gute Gespräche über die Jahre geführt. Wir arbeiten mit derselben Vertriebsfirma wie Hobbs zusammen, die Modern Invasion heißt). Nun ja, diese Nazirübe war schon furchteinflößend, aber es ist zu keiner wirklich schlimmen Gewalt gegen uns gekommen. Es sind nur ein paar Flaschen auf die Bühne geworfen worden und ein paar Drohungen wurden gebrüllt. Ich denke zudem, dass sich die Black-Metal-Szene heute weniger um Drohungen als um ihre Musik kümmert. Aber ich mag den Stil auch gar nicht.

Wie denkst Du über die christliche Metal-Szene und welche Entwicklungen erachtest Du als gut, welche als schlecht?

Die christliche Metal-Szene war in den 80’ern aufrichtiger. Eine Menge Christen, die Bands haben, verstecken ihren Glauben. Das ist traurig. Aber es gibt immer noch großartige Christian-Metal-Bands, so wie NARNIA aus Schweden , DISCIPLE aus den USA oder SCOURGED FLESH, GRAVE FORSAKEN und REVELATIONS aus Australien. REVELATIONS spielen eine wahnsinnige Mischung aus NAPALM DEATH und VOIVOD.
Sehr einzigartig. Ihr werdet bald von ihnen hören. Ihre Lyrics drehen sich um die “Offenbarung des Johannes” und sie sind alle erst so um die 19 Jahre alt.

Welche Christian-Metal-Bands denkst Du, sollte man kennen? Welche sind Deine Favoriten?

Meine Lieblingsbands dieser Art sind eben NARNIA, REVELATIONS, DISCIPLE und auch SARDONYX und SCOURGED FLESH. Alte Bands aus der Vergangenheit : VENGEANCE RISING (das frühe Material), JERUSALEM, REZ BAND, BLOODGOOD, LEVITICUS und BRIDE. Letztere haben übrigens ein neues Album namens „Skin For Skin“ draußen.

Du plädierst ja dafür, Musik nicht illegal aus dem Netz zu laden. Wie stark belastet der Musikklau Dich und MORTIFICATION?

In den frühen ‘90ern haben wir so um die 50.000 Kopien verkauft. Heute sind es nur noch um die 4.000. Das rührt zum großen Teil daher, dass die Leute unsere Mucke aus dem Netz saugen. Ich denke, das ist eine traurige Angelegenheit für alle Musikschaffenden. Jeder verkauft weniger, weil die besonders die Kids generell keine Alben mehr kaufen.
Sie haben 4.000 Songs auf ihren iPods und sich dabei nie eine CD in ihrem Leben gekauft.
Das ist ein riesiger Diebstahl! Es sollte gegen das Gesetz sein, Musik downloaden zu können.
Wenn es nur darum geht, Samples anzuhören, die man nicht runterladen kann ist es in Ordnung, aber dann sollten die Leute auch hingehen und legale CDs kaufen.

Bist Du mit der Arbeit eures Labels MCM zufrieden?

Ja, denn sie machen einen großartigen Job für so ein kleines Unternehmen.

Gibt es Pläne zu größeren Labeln zurückzukehren, sobald sich die Möglichkeit ergibt?

Es wäre natürlich toll, wenn das möglich würde. Aber zunächst mache ich einfach weiter und sehe, was mir die Zukunft bringt.

Bist Du eigentlich noch in Kontakt mit den alten Bandmitgliedern wie Mick Carlisle und Jayson Sherlock?

Ich sehe Jayson (Schlagzeug) ziemlich regelmäßig. Er ist wieder bei PARAMAECIUM eingestiegen und hat letztes Wochenende in Oslo gezockt. Sie ändern ihren Namen in INEXORDIUM. Wenn das neue Album ansteht, wird es ein echter Killer. Ich sehe Lincoln Bowen (Gitarre) sehr oft. Er trainiert im gleichen Studio wie ich. Zudem bleibe ich in Kontakt mit Mick Carlisle (Gitarre) und Phil Gibson (Schlagzeug). Keith Bannister (Schlagzeug) lebt zurzeit mit seiner amerikanischen Frau in den USA, aber sie werden nächstes Jahr für ein paar Monate nach Australien zurückkommen. Dann werde ich Keith sehr oft sehen, zumal er nur fünf Minuten entfernt wohnen wird. Der MORT Familienbaum ist ein glücklicher. Die Leute bewegen sich aus berechtigten Gründen weiter.

Was möchtest Du mit MORT noch erreichen und wie sehen Deine persönlichen Ziele aus?

Die Menschen einfach dazu zu bringen, das Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und exzellenten und originellen Metal zu kreieren.

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen und den kurzen Fragenkatalog beantwortet hast. Am Ende des Interviews kannst Du gerne noch ein paar Worte an die Leserschaft richten …

Bleibt wahrhaftig!

13.11.2006

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