Novembre
Novembre

Interview

Den italienischen Düstermetallern NOVEMBRE ist mit ihrem siebten Opus "The Blue" erneut eine hochwertige Mixtur aus melodischem Dark-, Doom- und Gothic Metal, welcher teils eine progressive Schlagseite mit komplexeren Arrangements aufweist, gelungen. Leider blieb trotz toller Alben der große Erfolg auf breiterer Front bisher aus. Über die Gründe könnte man nun spekulieren, oder aber sich einfach zurücklehnen, in Ruhe "The Blue" lauschen und folgendes Interview mit Sänger/Gitarrist Carmelo Orlando lesen.

NovembreIch denke, euer neues Album „The Blue“ ist reifer, dynamischer und variabler, auch etwas härter als der Vorgänger „Materia“. Wo siehst du selbst die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den beiden Alben?

Lediglich von einer analytischen Perspektive aus gesprochen, litt „Materia“ unter 4 Jahren von schreiberischer Inaktivität. Es war de facto eine Art von Koma. Ein Zustand von wachem Schlaf. Der Geschmack von „Materia“ ist süsssauer, während „The Blue“ totale Bitterkeit, eingezogen in Harmonie, ausstrahlt. Es scheint so, als ob wir mit dem neuen Album zurück zur Realität gekehrt sind.

Wie waren denn die bisherigen Reaktionen auf „The Blue“?

Hervorragend ist das Wort! Wir bekamen hierfür die besten Reviews, verglichen mit den bisherigen Veröffentlichungen. Es scheint, als ob die Leute eine masochistische Liebe für den Schmerz haben. .

Das Artwork stammt von Travis Smith (KATATONIA, OPETH). Gabst du ihm die Songtexte, damit er etwas ausarbeiten kann, oder hattet ihr selbst schon eine Idee für das Cover in euren Köpfen? Hatte er totale Freiheit für seine Arbeit?

Ich gab ihm die Texte. Es war alles so einfach. Ich erzählte ihm, dass wir keinen Anhaltspunkt für das Cover hätten, und er kam mit diesem an. Und du solltest dir mal anschauen, was er mit dem Rest des Artworks gemacht hat! Wir überwachten lediglich einige wenige Details.

Im Stück „Nascence“ ist eine wirklich schöne weibliche Stimme zu hören. Wer ist denn die Dame und wie kam es zu dieser Idee?

Die Idee nahm Gestalt an, während ich den Song schrieb. Sein angeborener Charakterzug brachte mich dazu, über ein männliches/weibliches Duett nachzudenken. Da gab es dieses Mädchen namens Francesca Iacorossi, welche den Gesang für ihre Band OBLIVIO, für welche ich später auch einen Song für ihr Debütalbum einsang, in Outersound Studio meines Bruders aufnahm. Er erwähnte sie mir gegenüber, wir veranlassten schnell ein Vorsingen, und es passte einfach! Sie ist sehr talentiert. Ich beneide sie wirklich um ihr angeborenes Können. Sie singt immer in der perfekten Tonlage.

Was kommt eigentlich bei euch zuerst, die Musik oder die Texte? Worum geht es denn in euren Texten, steckt dahinter irgendein Konzept?

Die Texte werden als letztes geschrieben. Der Prozess für Texte als auch Musik war identisch wie bei den vorherigen Alben. Die Texte wurden genau eine Woche vor meinen Gesangsaufnahmen geschrieben, also 11 Texte innerhalb von einer Woche. Diese werden zusammen mit der Musik geboren in Form von Phonemen, sie entwickeln sich auf eigene Art und Weise weiter, während wir die Stücke proben und vervollständigen. In den letzten Tagen ersetze ich diese Phoneme mit richtigen Worten, und es ist wie Magie, Worte sind da und sie ergeben Sinn. Es gibt kein wirkliches Konzept.

Anfang 2007 trat euer neuer Bassist Luca Giovagnoli NOVEMBRE bei. Wie kam er mit euch in Kontakt? Spielt er auch in anderen Bands und hatte er auch noch Einfluss auf die Songs für „The Blue“?

Nun, wir haben eine wirklich lange Zeit nach einem Bassisten gesucht. Und dann war er plötzlich da, wie aus dem Nichts. So einfach war es! Ein großartiger Musiker mit der gleichen Attitüde, dem gleichen Musikgeschmack. Er brachte sich das Bassspielen selbst zu Hause bei. Er ist solch ein spontaner, offener und ehrlicher Typ, er sagt niemals etwas hinter unserem Rücken. Das ist wohl seine größte Qualität, er ist ein wenig wie unser Gewissen, wenn etwas falsch ist, sagt er es dir direkt und unverfroren, keine Kompromisse. Wir lernten, seinen Ratschlägen zu vertrauen. Jetzt sind wir endlich wieder ein Quartett.

Wir haben gemeinsame Freunde, und als er erfuhr, dass wir einen Bassisten suchen, sprach er mit meinem Bruder. Wir trafen uns, arrangierten eine Session, und das war es! Er spielt nur in NOVEMBRE!

Welche imaginären Bilder siehst du, wenn du deine eigene Musik anhörst und die Augen dabei geschlossen hälst?

Umfangreiche Szenarien sicherlich! Der Blickwinkel ändert sich von Zeit zu Zeit. Nun, ich schätze, ich sehe einfach auch genau das, was unsere Hörer sehen. Ich lasse zwischen mir und den Stücken eine Art Distanz entstehen, so dass es fast so ist, als ob jemand anderes die Songs geschrieben hätte. Daher denke ich, dass ich das gleiche fühle, wie jeder andere auch!

Mit eurem letzten Album „Materia“ habt ihr das Label von Century Media zu Peaceville Records gewechselt. Was waren die Gründe hierfür?

Sie haben zu viele Bands. Sie geben dir nicht das Gefühl, „geliebt“ zu werden, wenn du verstehst, was ich meine. Es ist jetzt nicht so, dass es uns wirklich wichtig ist, uns geliebt zu fühlen, aber sie scheinen eine der Plattenfirmen zu sein, welche alles wollen, jetzt und sofort. Und wenn sie es nicht bekommen, wirst du abgeschoben zur 2. Wahl Vorhölle, zusammen mit ihren anderen tausend Bands. „Das Label der tausend Bands“, hahaha, klingt wie ein finnischer Death-Metal-Titel!

Letztes Jahr sah ich euch zusammen mit euren Labelkollegen von KATATONIA in Karlsruhe. Wie war diese Tour für euch? Wie war es, zusammen mit KATATONIA zu spielen und zu touren, wie waren die Reaktionen der Fans? Hast du irgendwelche Annekdoten für uns?

Die Tour war einfach perfekt. Es war ein Package aus zwei Bands, was keinen Stress, keine größeren Debatten bedeutete, alles verlief in totaler Ruhe. Der Tourbus war erste Klasse, und wir hatten einen großartigen Tontechniker. Genauso, wie es sein sollte. Wir konnten viele CDs verkaufen, was bedeutet, dass diejenigen, welche uns vorher nicht kannten, von uns beindruckt waren und eine CD kauften.

Ich habe gelesen, dass eine neue Tour durch Europa geplant ist. Hast du schon irgendwelche Details für uns?

Wir werden in Großbritannien einige Shows mit PARADISE LOST spielen und wie du schon angemerkt hast, ist da noch weiteres in Planung. Es ist jetzt allerdings noch etwas zu früh, hierüber schon etwas zu sagen.

Euer musikalischer Anfang war 1990, damals noch unter dem Banner CATACOMB, 1993 hattet ihr dann euren Namen in NOVEMBRE geändert. Was waren damals die Gründe hierfür und was empfindest du, bereits seit so langer Zeit mit der Band in der Metalszene aktiv zu sein?

Der Grund war, dass der Name nicht mehr zur Musik passte. Was das andere anbelangt, nun, es fühlt sich ehrlich gesagt nicht so großartig an, so lange Zeit in dieser Szene zu sein. Die Szene ist ganz schön abgefuckt! Alles ist mittlerweile ziemlich Scheiße und ich könnte Stunden damit verbringen, mich über viele törichte Dinge zu beklagen. Ich erspare dir das aber an dieser Stelle. Ich kann nur sehen, wie die Kreativität der Leute gegen Null tendiert. Die Metalbands, welche ich mag, sind weniger an der Zahl als die Finger meiner Hände. Kreativität hängt von der Stabilität der Gesellschaft ab, und in einer Gesellschaft, in welcher die Angriffe des 11. Septembers „höchstwahrscheinlich“ ein Insiderjob waren… nun, der Mangel an Kreativität ist mehr als offensichtlich!

Was denkst du hat sich am meisten verändert in deinem Leben mit NOVEMBRE und in der Szene, wenn du zurückschaust auf die Zeit, als ihr anfingt?

Nehmen wir die Szene weg, so ist das Wichtigste wohl vielleicht das Selbstvertrauen, was sich bei mir verändert hat. Wir hatten damals zuviel Angst davor, Fehler zu begehen, weshalb wir es vorzogen, nicht alle Dinge zu machen, die wir wollten bzw. welche uns vorschwebten.

Du spielst nun seit 1990 zusammen mit deinem Bruder in einer Band. Gibt es irgendwelche mentalen Veränderungen zwischen euch?

Nun, wir sind mittlerweile zwei erwachsene Leute, welche es unterlassen, sich gegenseitig in den Arsch zu treten, das ist alles! Wir haben da eine sehr professionelle Einstellung dazul!

Es ist also nicht mehr allzu lange bis zu eurem 20jährigen Jubiläum! Hast du dir schon darüber Gedanken gemacht, wie ihr dieses Jubiläum feiern könntet? Was denkst du, wo die Band in diesen wenigen Jahren stehen wird?

Oh mein Gott, nein, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Wir sind immer noch im Jahr 2007 und unser erstes Album wurde Anfang 1995 veröffentlicht (im Gegensatz zu unserer Biografie, welche 1994 angibt), demnach wären es noch immer 8 Jahre bis zu unserem 20jährigen Jubiläum. Und wenn du die 5 Jahre zwischen „Novembrine Waltz“ und „Materia“ nimmst, fühlen wir uns eher wie eine 8 Jahre alte Band. Aber ich komme auf dich zurück, wenn wir näher an diesem Jubiläum sind!

Gerne! Wie ist euer Erfolg in Italien? Ist es hart für euch, Anerkennung zu bekommen? Wie ist das Interesse der Medien in Italien am Metal grundsätzlich und NOVEMBRE speziell?

Wir haben eine große Fanbasis hier in Italien. Die Leute hier sind stolz auf unsere Leistungen und das Interesse rund um Metal ist stark, was wir auch auf den Metalkonzerten sehen.

Wenn ich an italienischen Metal denke, kommen mir zuerst Power-Metal-Bands wie LABYRINTH und RHAPSODY in den Sinn. Oder ich denke an Gruppen wie LACUNA COIL, NECRODEATH und DEATH SS. Aber eure Musik unterscheidet sich von den genannten Bands doch sehr. Gefallen dir die genannten Gruppen?

Wie du weißt, bedeuten lange Haare und eine verzerrte Gitarre nicht, dass du zur gleichen Szene gehörst. So sehr ich auch die Jungs von LABYRINTH und RHAPSODY liebe, welche alle gute Freunde von uns sind, so wenig sind wir Teil derselben Szene. Wir haben den Metal in seiner konservativsten Form immer gehasst, all die Schwerter, Bier und picklige Kauze. Wir stammen von der „anarchistischen“ Seite, METALLICA bevor sie durchdrehten, NUCLEAR ASSAULT, NAPALM DEATH. Daher fühlen wir uns eher den Black-Thrash-Metal-Meistern NECRODEATH nahe.

Wo findet ihr euere größte Fanbasis?

In den USA vielleicht! Italien, Türkei, Großbritannien, Deutschland. Sie wächst gerade überall etwas an!

Ich weiß, dass ihr Fans von PARADISE LOST, ANATHEMA und OPETH seid. Wie gefallen dir jeweils deren letzte Alben?

Wir fingen gleichzeitig an wie die letzten beiden genannten Bands und sind große Fans von PARADISE LOST. Unserer Meinung nach haben sie die Szene entscheidend verändert. Ich liebe ihr letztes Album. Aber „Gothic“ und „Lost Paradise“ sind für uns immer noch die Besten!

Was sind die nächsten Schritte mit NOVEMBRE?

Im Augenblick konzentrieren wir uns lediglich auf die kommenden Shows. Danach werden wir uns ein wenig erholen und mit dem Songwriting für das nächste Album beginnen.

Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören dir!

Dir auch vielen Dank! Bitte besucht unsere Seiten:
www.novembre.co.uk
www.myspace.com/novembre1
www.peaceville.com/novembre

14.11.2007

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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