Psychonaut 75
Psychonaut 75

Interview

Wenn man etwas über die Musik von Psychonaut 75 mit großer Sicherheit sagen kann, dann dass sie Wirkung zeigt. Die überaus konsequente Rhythmik in Verbindung mit sprechenden Zungen, anhand derer die Amerikaner ihre spirituellen Erfahrungen musikalisch umsetzen, lässt keinerlei Gleichgültigkeit zu. Folgendes Interview mit Michael "Nachttoter" Ford ermöglicht vielleicht einen weiteren Zugang zu Psychonaut 75 und den eigenen Reaktionen.

Psychonaut 75Welche Bedeutung hat der Name Psychonaut 75 und warum hast Du ihn gewählt? Die ersten Veröffentlichungen erschienen unter dem Namen Psychonaut. Warum wurde die Zahl 75 hinzugefügt?

Ursprünglich war Psychonaut mein ganz persönliches Projekt, das zu konzeptionellen Aufnahmen von wechselnden Individuen unterstützt wurde. „Liber Al“ war das einzige Album, das ohne jegliche Unterstützung aufgenommen wurde. Zwischen 2000 und 2001 ist Davinca dazugestoßen und anschließend Dana und Tommie. Durch diesen Zusammenschluss und die thematische Konzentration auf die luziferianische Gnosis haben wir uns entschlossen die Zahl 75 als Zeichen des Neubeginns hinzuzufügen. Es ist ein auf Sigillen basierendes Konzept, das sich auf astrale Projektionen und Traum Kontrolle (Psychonaut) bezieht. 75 ist die Zahl der hebräischen Kabbala von Luzifer, dem Lichtbringer wie ihn Aleister Crowley durch die 777 dargestellt hat. Wir dachten diese Kombination sei für uns sehr treffend.

Die Musik von Psychonaut hat ihre Wurzeln in den luziferianischen Prinzipien. Welche Rolle spielen diese in Deinem täglichen Leben?

Ich persönlich bin ein Luziferianer. Ich beschreite den Left Hand Path. Ich achte und fühle mich verbunden mit dem Gleichgewichts-Aspekt von Luzifer, welcher Azazel der Djin ist und aus Feuer besteht, dem Pfad des Empyrean (Celestial) und dem Pfad des Infernalen, „Wie oben so unten, wie unten so oben“ (As above so below). Da der Luziferianer als Individuum erkennt, dass er oder sie eine isolierte Intelligenz ist, separiert ihn das von der natürlichen Ordnung. Man könnte sagen meine persönliche Initial-Erfahrung waren das Thelema, die Aufnahmen von „Liber AL vel Legis“ und das Konzept „Do What thou Wilt Shall be the Whole of the Law and Love is the Law, Love under Will from Liber Al vel Legis“. Als Band wollen wir den luziferianischen Weg im Licht der Sonne und des Mondes präsentieren, so dass wir sowohl einige sehr dunkle und verstörende als auch einige sehr schöne Aufnahmen gemacht haben. Ich schätze die Extreme des Klangs und wie dadurch die beschriebenen und angestrebten Bewusstseinszustände erreicht werden können. Musik ist in der Lage gute oder schlechte Stimmungen zu erzeugen, diese zu verstärken und zu besänftigen. Ich kann nur hoffen dass es unsere Musik nicht nur zu rituellen Orten schafft, in denen das Individuum die Nähe zur Gnosis aus Licht und Dunkelheit erreicht, sondern auch meditative Qualitäten zur Versenkung aufweist oder einfach grundlegend dunkle Musik für alle bietet, die quälende Klanglandschaften bevorzugen. Als Individuum befinde ich mich auf dem luziferianischen Pfad, den ich in einigen meiner Schriften detailliert beschrieben habe. Den Sabbathic Path habe ich auch einige Zeit praktiziert, aber ich versuche diesen eher als einen ausgewogenen Aspekt des Left Hand Path zu definieren. Der Erklärung halber sei hinzugefügt, dass der Left Hand Path der Weg der Nicht-Vereinigung (non-union) mit dem subjektiven Universum ist. Mit anderen Worten, dies ist die Selbst-Deifikation und die Trennung der Psyche von der natürlichen Ordnung. Dies ist die Liebe des Lebens, welche die Flamme erleuchtet – nenne es Wahrnehmung, die Black Flame of Set, Cunning Fire oder was Du als Gnosis des Wissens bezeichnest. Persönlich beschäftige ich mich sehr mit Magick, was auch für die anderen Mitglieder der Band gilt. Wir sind Teil einer Gruppe deren Ordnung sich ebenfalls nach der luziferianischen Gnosis (Phosphorous) richtet. Dies verkörpert einen großen Teil der Interessen. Des weiteren interessiere ich mich für Nekromantie, Kommunikation mit dem Toten durch EVP, Black Mirror und andere Gebiete. Ich habe den Vampirismus in historischer und mythologischer Hinsicht eingehend studiert und mich auch mit Magick und Hexerei beschäftigt. Mein persönlich eingeschlagener Weg ist der des Sabbat und der Verkörperung von Set the Adversary sowie der der Preisung der Black Flame. Außerdem beschäftigt mich das Studium alter Quellen wie der Kabbala und anderer mittel-östlicher Konzepte wie der Sufismus, Austin Osman Spare, Charles Pace, etc.

Welche weiteren Einflüsse fließen in Psychonaut 75 ein?

Da gibt es eine Vielzahl. Wir schätzen ganz unterschiedliche Musikrichtungen, welche uns eindeutig zu einem kleinen Teil beeinflussen. Mir gefällt so ziemlich alles von mitel-östlicher Musik über Klassik bis zu Industrial. Kraftvollen Klängen, die die Grenzen extremer Musik erweitern, kann ich ebenfalls viel abgewinnen.

Du hast mehrere Bücher und Artikel zu okkulten Themen verfasst. Wie kamst Du überhaupt mit diesen Gedanken in Berührung und was fasziniert Dich so sehr an diesem Thema?

Seit mehreren Jahren bin ich ein Magick-Student und meine persönliche Initiation ist dementsprechend fortgeschritten. Ich wollte einige, meiner Meinung nach, „verlorene“ Prinzipien der Magick in einem „sorcerous (encircled, ensorcelled) path“ wiederherstellen, der die Inspiration vorantreibt und die Sinne bündelt. Am Interessantesten ist die Erlangung von Wissen und die Entdeckung eines ganz speziellen Aspektes den unsere Gesellschaftsform unterdrückt – individuelles Denken. Denkst Du anders, so stehst Du außerhalb der Herde – dies kann für das Individuum sehr schockierend oder völlig verdrießlich sein. Das luziferianische Geschenk ist das Geschenk der Wahrnehmung, welches den Namen „black flame“ trägt. Es bedeutet Existenz und zu verstehen, dass man existiert und sich von der natürlichen und bewusstseins-vergewaltigenden Welt unterscheidet und separiert. In einer Gesellschaft, die von uns fordert, dass wir sie akzeptieren und uns ihr angleichen sollten, versuche ich mehr oder weniger leise mich über diese hinaus zu entwickeln und etwas besseres zu werden. Das Vorbild hierfür ist Luzifer, Lilith oder Set, die ägyptischen Götter von Chaos und Dunkelheit – mit deren Entedeckung Set zur Ordnung innerhalb des Selbst und zur Zerstörung von Täuschung und Schwäche wird. Meine Bücher basieren auf einem gefährlichen magischen Pfad, dem Luciferian Witchcraft oder Sabbat Path. Chaos stellt ein Mittel der Rebellion dar, ist aber nur Ausgangspunkt. Der achtstrahlige Stern ist ein Symbol unserer achtfachen konzeptuellen Essenz des Werdens und der Sabbatic Path steht für das Werden des Serpent-Angel und unserer Crimson Goddess Lilith – Hecate.

Der Titel des Albums lautet „Stealing the fire from heaven“. Welches Konzept liegt diesem Album zugute?

Das Album basiert auf der luziferianischen Gnosis als ein Mittel der Selbsttransformation Es ist schmerzhaft, schön und äußerst hässlich zugleich. Die Aufnahmen waren uns sehr wichtig, besonders in anbetracht der Tatsache, dass es das erste Album als Psychonaut 75 war. Ich bin immer noch sehr stolz darauf und ich betrachte es als ein Tor zu den dämonischen Kräften mit denen wir weiterhin arbeiten. Sie sind in der Musick, im Hintergrund verschiedener Klanglandlandschaften die verschiedene Stimmungen anrufen. Das gesamte Album repräsentiert die Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser die für Luzifer, Satan, Belial und Leviathan stehen. „Stealing the Fire from Heaven“ basiert auf einer Illustration von Austin Osman Spare. Als gesamtes Ritual ist dies sowohl die luziferianische Wahrnehmung von Unabhängigkeit und beginnender Rebellion als auch die Entdeckung des „Secret Fire“ oder der psyche-stärkenden „Black Flame“ des Azazel, oft auch Set-an, der Gegner, genannt.

Zur Erzeugung von Stimmungen und Atmosphären verwendet ihr PHI binaurale Rhythmen und bestimmte Frequenzen. In welchen Bewusstseinszustand wollt Ihr den Hörer versetzen?

Unterschiedliche Stimmungen, die ganz vom Willen des Hörer abhängen. Steht der Sinn nach Aggressivem so wird sich dies auch im Unterbewusstsein beschworen. Dies gilt entsprechend für inspirative Stimmungen und alle anderen. PHI binaurale Rhythmen können zur Stimulation des Geistes oder zur Erlangung meditativer Zustände eingesetzt werden. Sie fungieren als Werkzeug. Ich erachte diese als ein wichtiges Mittel des Zugangs zum magischen Aufstieg, der Entwicklung und vor allem zum Verständnis des Individuellen Geistes. So kann man dies Aufnahme zusammengefasst als ein Schlüssel zur Öffnung der Höllentore des Individuum bezeichnen. Man erinnere sich dabei daran, dass sich Hölle (hell) vom anglo-sächsischen Wortes „helan“ ableitet, welches geheimer Ort bedeutet.

Welche Ratschläge könnt ihr dem Hörer geben, um Eure Musik in ihrer vollen Wirkung zu erfahren?

Das hängt ab, wonach Du suchst. Wir kreieren Musik nicht nach der Vorstellung einer speziellen Situation, eher nachdem was wir erfahren möchten. Einige werden vielleicht erschreckende Ergebnisse an ihrem rituellen Platz machen, andere werden es interessant finden (oder einfach nur verstörend) dazu ein Buch zu lesen, diese in einem Club oder zu anderen Zusammenkünften zu hören. Begebt Euch mit Kopfhörern an einen einsamen Ort, entweder die Wälder oder einen wenig besuchten Friedhof, und versteht was wir mit diesen Aufnahmen umgesetzt haben – die rituellen Anrufungen sind für immer in diesen Aufnahmen gebannt – und öffnet Eure inneren Tore. Ich kann nur hoffen, dass „Stealing the Fire from Heaven“ zum individuellen Denken gegen den Herden-Gedanken beiträgt.

Menschliche Knochen werden im Booklet als Instrumente genannt. Welche Qualität besitzen diese als Instrument?

Sie erzeugen einen unheimlichen und heiligen Klang. Ich verwende ein „Kangling“, eine Trompete aus einem menschlichen Oberschenkelknochen. Sie erzeugt sehr quälende Klänge, wenn man die richtigen Effekte verwendet und wird in unseren Ritualen eingesetzt. Ich verwende zudem noch einen Schädel, der zusammen mit Rippenknochen ganz unterschiedliche Klänge erzeugt. Sie tragen zur Atmosphäre der Aufnahmen bei und haben eine ganz persönliche Bedeutung für uns.

Eure Musik ist sehr rhythmisch und hypnotisierend wodurch eine rituelle Atmosphäre erzeugt wird. Ist dies auch die Atmosphäre in denen ihr Eure Stücke schreibt und aufnehmt?

Dies trifft zu. Generell findet dieser Prozess zu bestimmten Momenten statt, zu denen ich sehr inspiriert bin. Zum Beispiel direkt nach einem ermächtigenden Ritus oder während ich etwas lese, das meine Gedanken trifft. Es ist ganz unterschiedlich. Kunst ist für mich ebenfalls eine Hauptinspirationsquelle. Zu nennen wären da Elda Ford (bekannt als Davcina), Austin Osman Spare, Charles Pace, Cameron Parsons, Dore und viele andere. Zudem sammele ich luziferianische Kunst: Bilder des verlorenen Paradieses, usw.

Wie wichtig ist Euch die Gestaltung eines Albums in Zusammenhang mit der Musik?

Wir arbeiten mit einem sehr guten Designer zusammen: Michael Riddick von Hexentanz (eine Band in der wir auch involviert sind) und The Soil Bleeds Black. Seine Entwürfe entsprechen gänzlich unseren Geschmack. Ich liefere bis auf die grundlegenden Formen so gut wie gar keinen Input bezüglich der künstlerischen Gestaltung – Ich erachte die Musick als das worauf es ankommt.

Valefor und Hexentanz sind Projekte an denen Du Dich auch beteiligst. In wie weit unterscheiden sich diese von Deiner Arbeit mit Psychonaut 75 und würdest Du sagen, jedes dieser Projekte spiegelt eine andere Seite Deiner Persönlichkeit wieder?

Hexentanz ist Ausdruck der Riten und Vorstellungen des Mittelalters – mittelalterliche Musick und rituelle Praktiken miteinander vereint. Auf dieses Projekt bin ich sehr stolz und ich hoffe es noch lange weiterführen zu können. Während sich Psychonaut 75 mit jedem Album ständig erweitert und verändert, so verstärkt sich Hexentanz zunehmend in seinem selbstdefinierten Stil. Valefor ist ein black ambient und dark industrial Projekt welches sich durch eine gewisse Stärke in seinen Soundscapes verkörpert. Es ist bekannt für seine schroffen Klangschichten. Psychonaut 75 hingegen kreiert ganz unterschiedliche Musick, vom eher rituellen „Liber Al vel Legis“ bis zum heftigen und dämonischen „Stealing the fire from heaven“. Wir folgen lediglich unseren Obsessionen.

Bevor Du unter Valfor Musik veröffentlichen hast, warst Du in einer Black Metal Band namens „Black Funeral“ tätig. Welche Gründe waren für den Wechsel vom Black Metal zum Industrial verantwortlich? Bist Du noch am Black Metal interessiert und was hältst Du von dessen Entwicklung?

Damals war ich ein Teenager und als ich älter wurde war dies für mich nicht länger eine passende Ausdrucksform. Ich verstand, dass es an der Zeit war weiterzugehen. Wahrnehmung stellt einen großen Teil der Selbst-Entwicklung dar.

Wie stellst Du Die einen idealen live Auftritt vor?

Eine Menschenmenge, die entweder total christlich oder dem Left Hand Path verschrieben ist. Unsere live Auftritte sind in der Tat dämonisch, vom Chaos inspiriert und rituelle Anrufungen. Unsere erste Performance fand am 14. Juni 2002 statt und war eine Blood Evocation und Goetic Rite – wir verwendeten einen Leinwand-Projektion aus verschiedenen Luzifer-Sigillen zu der wir unser Ritual mit Blut und menschlichen Knochen durchführten. Ich habe mich meiner Robe entledigt worauf Dana und ich uns mit Blut benetzten. Ich habe die Gnosis im Evokations-Kreis erreicht und mich ihr hingegeben. Es war wunderschön. Unser letzter Auftritt fand am 22. Dezember statt und war ein vampirischer und nekromantischer Ritus. Wir waren mit Asche bedeckt. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Auftritt, obwohl noch kein Termin feststeht.

Welche Pläne bestehen für die Zukunft?

Wir arbeiten zunehmend auf dem Gebiet der Soundtracks und haben bereits Material für den demnächst auf DVD erscheinenden Film „Cadaver Bay“ des „Cremains“ Regisseurs Steve Sessions fertiggestellt (- http://www.b-horror.com/cadaverbay/ ). Weiteres ist in Planung. Eine Split-CD mit AMF wird demnächst auf Old Europa Café erscheinen, ein Re-Issue von „Plyon of Daat“ erscheint auf dem italienischen Label AWF. Weiterhin stehen neue Aufnahmen und Auftritte an, solange es uns möglich ist!

06.03.2003

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