Sabaton & Eluveitie
Interview mit Joakim Brodén und Chrigel Glanzmann

Interview

Sabaton & Eluveitie

Musikalisch liegen Welten zwischen den melodischen Power-Metal-Hymnen von SABATON und dem harschen Folk-Metal von ELUVEITIE. Und auch das Auftreten des quirligen Joakim Brodén unterscheidet sich deutlich von dem des etwas ruhigeren Chrigel Glanzmann. Dabei schaffen es beide inzwischen mühelos, jedes Publikum auf ihre Seite zu ziehen und in Hallen jedweder Größenordnung beste Stimmung zu garantieren. Im Gespräch mit den beiden Frontmännern am Rande ihrer gemeinsamen Show im Stuttgarter LKA Longhorn stoßen wir rasch auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Sängern und ihren Bands und können uns von der guten Stimmung auf der laufenden Tour überzeugen.

Sabaton & Eluveitie

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Ihr seid schon seit einigen Wochen gemeinsam auf Tour.

Joakim: Ich glaube es sind jetzt fünf Wochen.

Chrigel: Ich weiß es schon gar nicht mehr.

 

Wie kommt ihr miteinander klar?

Joakim: Nun, wir leben alle noch, wir haben einander also noch nicht umgebracht. (lacht) Aber im Ernst, wir haben eine gute Zeit zusammen. Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass wir keine Arschlöcher auf der Tour dabei haben. Normalerweise gibt es immer ein oder zwei Leute, mit denen man nicht auskommt, aber bisher ist mir noch keiner davon begegnet. Das freut mich sehr.

Chrigel: Ja, das ist absolut richtig.

 

In musikalischer Hinsicht gibt es ja deutliche Unterschiede zwischen SABATON und ELUVEITIE. Was haltet ihr eigentlich von der Musik der jeweils anderen?

Joakim: Die Musik von ELUVEITIE ist überhaupt nicht das, was ich mir üblicherweise anhöre, aber trotzdem mag ich sie. Es ist eigentlich nicht mein Stil, aber ich mag die Folk-Elemente sehr.

Chrigel: Mir geht es da genauso. SABATONs Musik ist auch nicht gerade das, was ich mir normalerweise anhöre, aber sie ist ziemlich gut gemacht.

 

Welchen Song von SABATON könntest du dir vorstellen, mit ELUVEITIE zu covern?

Chrigel: Ehrlich gesagt stehe ich überhaupt nicht auf Cover-Versionen, aber wenn ich einen nehmen müsste, wäre es „Carolus Rex“, der gefällt mir wirklich gut.

 

Und wie sieht es bei dir aus, Joakim? Hast du einen ELUVEITIE-Song gefunden, der auch für SABATON gut funktionieren würde?

Joakim: Ja, ich liebe dieses… (beginnt die Melodie von „Inis Mona“ zu summen) Aber ich weiß gar nicht wie das Stück heißt.

Chrigel: Ja, das sagen irgendwie alle. Im Zweifelsfall ist es immer „Inis Mona“.

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Womit beide Bands in jüngster Zeit zu kämpfen hatten, waren Line-Up-Wechsel. Bei ELUVEITIE war der Ausstieg von Gitarrist Simeon „Sime“ Koch ja schon seit längerem absehbar, oder?

Chrigel: Sime hat uns nach acht Jahren in der Band verlassen. Er hatte sich darüber schon seit Anfang des Jahres Gedanken gemacht und das auch gesagt, so dass wir genügend Zeit hatten, einen neuen Gitarristen (Rafael Salzmann – Anm. d. Red.) zu finden.

 

Wie war das bei SABATON? Ihr habt ja immerhin recht plötzlich vier von sechs Bandmitgliedern verloren. Das muss doch eine ziemlich schwierige Situation für euch gewesen sein.

Joakim: Das war heftig, vor allem weil wir schon so lange zusammengespielt hatten. Glücklicherweise sind wir jetzt keine Todfeinde, die einander bis aufs Blut hassen. Wenn man achtzehn Jahre alt ist, will jeder dasselbe: Man möchte um jeden Preis ein Rockstar werden. Wenn man dann um die Dreißig ist, dann hat man möglicherweise eine Familie und Kinder, so dass sich die Prioritäten da schon deutlich geändert haben können.

Chrigel: Absolut richtig. Im Prinzip war das bei uns genau dasselbe.

 

Einen neuen Keyboarder habt ihr aber bis heute nicht.

Joakim: Nein, wir hatten einfach keine Zeit mehr, einen Ersatz zu finden. Daniel Mÿhr hat uns so spät mitgeteilt, dass er nicht mehr weitermachen und sich stattdessen einen regulären Job suchen wird, dass wir nicht mehr die Zeit gehabt hätten ein Visum für einen neuen Keyboarder zu bekommen, damit dieser mit uns in den Vereinigten Staaten auf Tour hätte gehen können. Daher hätte es keinen Sinn gemacht, zu diesem Zeitpunkt einen neuen Keyboarder in die Band zu holen. Daher haben ich und Daniel Mÿhr die Backtracks aufgenommen, die wir nun bei den Live-Shows benutzen. Und da wir seit April praktisch nonstop auf Tour sind, haben wir vor Oktober 2013 gar keine Möglichkeit, einen neuen Keyboarder zu suchen.

 

Es war vermutlich eine große Umstellung für euch, hier plötzlich mit Backtracks arbeiten zu müssen. Nimmt das den Shows nicht etwas von ihrer Dynamik?

Joakim: Am Anfang war es schon etwas merkwürdig, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Das hat aber sowohl Vor- als auch Nachteile. Wenn man einen Clicktrack programmiert, kann man das Tempo immernoch variieren, wenn man weiß, wie man es macht. Ich würde sagen, es macht etwas mehr Arbeit, aber es hat auch einen großen Vorteil, wenn man die Lichtanlage und die Pyros mit den Clicktracks verbindet und dadurch punktgenau aufeinander abstimmen kann. Man kann die Show dadurch also auch verbessern. Darüber hinaus haben wir vor allem auf „Carolus Rex“ auch eine Menge Orchester-Arrangements. Und selbst wenn wir einen Keyboarder hätten, müssten wir für diese ohnehin auf Backtracks zurückgreifen.

 

Bei ELUVEITIE gibt es sicherlich auch Elemente, die ihr nicht live auf der Bühne reproduzieren könnt und für die ihr auf Backtracks zurückgreifen müsst.

Chrigel: Ja, uns geht es da ähnlich. Heute wird die erste Show sein, die wir wieder im vollen Line-Up spielen können. Die ersten fünf Wochen der Tour konnte unser Dudelsack-Spieler nicht dabei sein. Wir müssten das also genauso machen, ich musste für alle seine Sackpfeifen- und Flöten-Parts Backtracks aufnehmen, das war im Grunde dieselbe Situation. Zwar ging es bei uns immer nur um einzelne Passagen, aber wie Joakim schon sagte, nervt das zwar in gewisser Weise, aber es hat auch viele Vorteile, besonders bei der Lichtshow kann man da ziemlich viel machen.

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Was eure beiden Bands verbindet, ist die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Themen. ELUVEITIE haben mit „Helvetios“ ein Konzeptalbum über die Gallischen Kriege gemacht, während SABATON schon immer über die verschiedensten Kriege gesungen haben. Wart ihr schon in der Schule früher absolute Geschichts-Nerds oder fandet ihr den Geschichtsunterricht eher langweilig?

Chrigel: So lange ich denken kann, bin ich ein Geschichts-Nerd gewesen. Das fing bereits als kleiner Junge an.

Joakim: Ich fand Geschichte schon in der Schule spannend, aber ich denke, das war nicht der Grund dafür, Lieder über Kriege zu schreiben. Ich hatte schon immer ein gesundes Interesse an der Geschichte, aber das wuchs mit SABATON immer weiter an. Ich bin heute also ein viel größerer Geschichts-Nerd als noch vor zehn Jahren. Und je mehr ich darüber lerne, desto größer wird auch mein Interesse.

 

Denkt ihr auch, dass sich eure Songs dafür eignen, den Geschichtsunterricht an Schulen spannender zu gestalten?

Chrigel: Absolut! Tatsächlich werde ich direkt nach dieser Tour (am 22. November – Anm. d. Red.) an der Universität Zürich eine Vorlesung halten. Einer der Professoren dort hat unseren Manager kontaktiert, weil sie dort eine Vorlesungsreihe über die Gallischen Kriege anbieten. Er hat angefragt, ob da eine Zusammenarbeit mit ELUVEITIE möglich wäre und mich eingeladen. Also denke ich schon, dass ELUVEITIE den Geschichtsunterricht an Universitäten bereichern könnten.

 

Bei SABATON gab es noch keine derartigen Anfragen?

Joakim: Nein, aber wir haben schon mehrmals von Geschichtslehrern und Professoren gehört, dass sie unsere Musik im Unterricht eingesetzt haben. Das funktioniert wohl besser für Kids in der Mittelstufe, denn wenn man an den Universitäten beispielsweise „Primo Victoria“ spielt, sollte eigentlich jeder bereits wissen, was der D-Day ist.

 

Lasst uns auch über eure jeweils aktuellen Alben sprechen, die mir beide sehr gut gefallen und die beide das Zeug zum Band-Klassiker haben. Beide Scheiben haben nun auch schon mehrere Monate auf dem Buckel, so dass ihr vielleicht schon eine gewisse Distanz dazu bekommen habt. Gibt es da Dinge, die ihr rückblickend hättet besser machen können?

Joakim: Das gibt es eigentlich immer. Ein Album ist ja niemals vollständig fertig, es wird nur irgendwann gewissermaßen „aufgegeben“, wenn man nicht mehr die Kraft hat, sich länger mit diesem Scheiß zu befassen. (lacht) Aber im Ernst, es gibt immer Sachen, die man rückblickend hätte besser machen können. Schon beim Mix fängt man an, Dinge zu verändern, weil sie einfach verändert werden müssen. Aber an einem bestimmten Punkt zieht jede Änderung eine Reihe von Dingen nach sich, die ebenfalls geändert werden müssen. Irgendwann muss man also einfach sagen: „Es reicht jetzt, so lassen wir es!“ Sonst endet man irgendwann wie fucking GUNS N‘ ROSES und verbringt mehrere Jahre im Studio. Das will ich überhaupt nicht, ein Album sollte in ein bis zwei Monaten fertiggestellt werden.

Chrigel: Das kann ich so unterschreiben.

 

Verglichen mit den SABATON-Kompositionen wirken die ELUVEITIE-Songs auf mich als Nicht-Musiker immer etwas komplizierter. Wie lange brauchst du, um da die Songs zu schreiben und zu arrangieren?

Chrigel: Nicht lange. Wir sind im Grunde das gesamte Jahr über auf Tour, sind dazwischen aber immer mal wieder einige Monate zuhause. Üblicherweise schreibe ich ein komplettes Album in zwei bis drei Monaten, dann können wir ein Studio buchen. Aber letzten Endes passiert dann doch vieles bei uns recht kurzfristig und wird bis zur letzten Minute hinausgezögert. Beim letzten Album („Helvetios“ – Anm. d. Red.) habe ich die letzten drei Stücke fertiggestellt, als unser Drummer bereits im Studio mit den Aufnahmen begonnen hatte.

Joakim: Das kommt mir irgendwie bekannt vor. (lacht)

Chrigel: Er hat die letzten drei Songs also an seinem letzten Aufnahmetag bekommen und hatte nur wenige Stunden, um sie zu lernen. Im Studio arbeiten wir ziemlich schnell, wir basteln nicht zu viel an den Stücken herum. Beispielsweise sprach ich gerade von unserem Drummer (Merlin Sutter – Anm. d. Red.) und bei ihm drückt man einfach den Aufnahmeknopf, er spielt den kompletten Song am Stück ein, macht davon drei Takes und das war’s dann. Und beim Gesang ist es dasselbe. Ich bereite mich da normalerweise nicht großartig darauf vor, das ist alles weitestgehend improvisiert. Ich geh einfach in die Aufnahmekabine, nehme drei Versionen auf und das war’s dann.

 

Arbeitet ihr schon an neuen Songs, wenn ihr auf Tour seid?

Joakim: Ich kann sie dort zumindest nicht fertigstellen. Wir haben ja viele Orchester- und Chor-Arrangements, wir machen vierstimmige Harmoniegesänge und solche Dinge. Aber ich sammle Ideen, manchmal hat man da plötzlich irgendetwas im Kopf, vielleicht fällt mir plötzlich ein cooles Riff ein, und ich nehme dann nur diese Ideen auf. Aber richtige Arrangements oder fertig ausgearbeitete Songs kann ich auf Tour nicht machen.

Chrigel: Ich glaube, es war in Paris, als ich morgens in irgendein Café gegangen bin, um dort einfach einen Kaffee zu trinken und ein Croissant zu essen. Dort ist mir dann plötzlich die Idee für ein neues Albumkonzept gekommen. Etwas derartiges kann passieren, aber ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich einen Song auf Tour komponieren könnte. Ich habe es mehrmals versucht, aber ich kann es einfach nicht.

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Reist ihr eigentlich zusammen in einem Bus oder jeder für sich.

Chrigel: Nein, schon getrennt.

Joakim: Es sind einfach zu viele Leute. Ich glaube es sind insgesamt 36 oder 38 Leute bei dieser Tour.

Chrigel: Wirklich? Wow.

 

Hattet ihr trotzdem bereits die Chance, miteinander Party zu machen? Oder seid ihr inzwischen zu alt, um nach einer Show ordentlich zu feiern?

(beide lachen)

Joakim: Ist man dafür jemals zu alt? Ich selbst halte mich zurück, wenn wir am nächsten Tag eine Show haben. Aber wenn wir mal zwei Tage frei haben dann trinke ich nach der Show natürlich auch. Und das mache ich lieber mit Leuten aus dem Tourtross als alleine irgendwo in einer Bar zu sitzen.

 

Wie gut habt ihr einander dann inzwischen schon kennengelernt? Könnt ihr uns eine schlechte Angewohnheit des jeweils anderen verraten?

Joakim: Ich denke, wir haben nicht sooo viel Zeit miteinander verbracht, so dass wir einander unsere dunklen Seiten noch nicht gezeigt haben.

Chrigel: Nein, wirklich nicht.

 

Also geht ihr einander noch nicht auf die Nerven und kommt bestens miteinander aus.

Chrigel: Das ist zumindest mein Eindruck.

Joakim: Wenn man jemandem auf die Nerven geht, dann ist das jemand aus dem eigenen Bus, mit dem die ganze Zeit über zusammen ist und sich auch den Umkleideraum teilt. Die anderen Jungs, sowohl ELUVEITIE als auch WISDOM, haben normalerweise eigene Umkleideräume und wir sind noch nicht so lange zusammen unterwegs, dass man von den anderen die Schnauze voll hätte. (lacht)

 

Aber sicherlich könnt ihr uns irgendeine Anekdote von der laufenden Tour erzählen?

Joakim: Ich erinnere mich daran, wie sich unser Drummer (Robban Bäck – Anm. d. Red.) den Finger eingequetscht hat. Das war in München, oder?

Chrigel: Ohja, das war in München.

Joakim: Oh fuck! Wir hatten gut gefeiert, es war gegen 7 Uhr morgens und ich war auf dem Weg ins Bett, weil ich tierisches Kopfweh hatte. Da hörte ich plötzlich einen Schrei, der klang, als würde jemand gerade ein Schwein abstechen. (imitiert einen Schmerzensschrei) Und ich dachte mir: „Was zur Hölle geht da gerade ab?“ Die anderen hatten wohl auf einer Leiter oder etwas derartigem gesessen und der Finger unseres Drummers ist da irgendwie hineingeraten. Das Gewicht von vier Personen hatte den Finger eingequetscht, er musste mit sechs oder sieben Stichen genäht werden und blutete wie verrückt. Und es war die linke Hand, mit der er üblicherweise die Snare-Drum spielt, was ihm höllische Schmerzen bereitete, so dass er sein komplettes Spiel auf die andere Hand umstellen musste. Hoffen wir, dass uns so etwas nicht noch einmal passiert.

01.11.2012

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