Sentenced
Interview mit Ville Laihiala zum "Funeral Album"

Interview

Für viele überraschend erklärten SENTENCED Anfang des Jahres, dass sie sich den goldenen Schuss setzen werden und mit dem passend betitelten „The Funeral Album“ ihren Abschied bekannt geben. 16 bewegte Jahre Bandgeschichte, in denen sich die finnischen Suizidrocker von der räudigen Death Metal Band zum düster-melodischen Act entwickelten und unvergessliche Songs wie „Bleed“, „The Suicider“, „New Age Messiah“ oder „Nepenthe“ schrieben, gehen nun zu Ende. Mit SENTENCED verlieren wir eine Band, die nicht nur aufgrund ihrer unverkennbaren Songs unvergesslich ist. Auch ihr ureigener Humor und das Augenzwinkern, mit dem die wiederkehrenden Themen Suizid, Tod und Einsamkeit vorgetragen wurden, muss als einzigartig gelten und ist selten heutzutage.

Bei Auftritten stets mit einer Flasche Vodka bewaffnet, waren Sänger Ville und SENTENCED auch live stets eine besondere Erscheinung. Dem Release des finalen Albums werden diesen Sommer einige Farewell Shows auf den großen Festivals des Kontinents folgen, auf denen man die letzte Chance haben wird, diese auf ihre Art wegweisenden Finnen noch einmal zu erleben, bevor der letzte Vorhang fällt und das Kapitel SENTENCED ein für alle mal beendet wird. Es gibt viel zu besprechen und noch mehr zu verarbeiten. Bei der Trauerarbeit unterstützt mich der charismatische Ville Laihiala. Digging the grave…

Sentenced

Hi Ville! Geht’s Dir gut? Wie lange seid Ihr denn jetzt schon in Dortmund?

Danke, mir geht’s gut, aber ich bin ziemlich müde. Wir sind heute morgen angekommen. Wir sind gerade durch ganz Europa auf Achse, um Promo zu machen, und waren gestern noch in Griechenland.

Ist es denn nicht komisch zu wissen, dass es die letzte Promotour zu Eurem letzten Album ist?

Irgendwie schon. Wie Du sagst, promoten wir nicht nur ein neues sondern auch unser letztes Album. Dadurch ist es schon ein wenig anders, aber wir müssen den Leuten eben eine Erklärung dafür liefern.

Gut, ich höre: warum löst Ihr Euch auf?

Es ist schwer, Dir da ein, zwei oder drei genaue Gründe zu nennen. Wir haben über das Ende von SENTENCED sicher schon zwei Jahre geredet. Es war sicher keine leichte Entscheidung, sondern hat uns einige Zeit gekostet, um uns dem Ganzen wirklich sicher zu sein. Jeder für sich. Um ein wenig auf die Gründe einzugehen: mit jedem Album wurde diese Band größer und größer und das bedeutete natürlich immer mehr Touren und auf eine Art mehr Opfer zu bringen. Daneben ist unser persönliches Leben gewachsen. Manche haben geheiratet und Kinder bekommen, und das allein ist schon ein großes Opfer, das uns abverlangt wurde.

Dazu kommen die Gründe, die sich um das Musikbusiness an sich drehen. Wie zum Beispiel das wochenlange Leben in den Tourbussen, während dem man sein Zuhause vermisst und an dem teilhaben muss, was manche Leute den Rock N Roll Lifestyle nennen mögen, mit dem wir aber nie wirklich gut zurecht kamen. Die Bereitschaft, diese Opfer zu bringen, ist etwas, das wir nicht mehr aufbringen können. Trotzdem muss ich betonen, dass diese Entscheidung nichts mit der Musik an sich zu tun hat. Es ist nicht so, dass wir musikalisch nichts mehr zu sagen hätten. Persönlich ist es einfach so, dass ich nicht mehr mit der Situation zwischen meinem Privatleben und dem Leben in der Band zurecht komme.

Der Entschluss, SENTENCED zu Grabe zu tragen, hat also zwei Jahre gedauert. Wie hat sich dieser Entscheidungsprozess denn bandintern dargestellt? Ihr kamt ja sicher nicht alle zum selben Zeitpunkt zur selben Folgerung.

Wir haben während dieser zwei Jahre immer wieder darüber gesprochen. Ich glaube, nach ungefähr der Hälfte des Entstehungsprozesses des neuen Albums haben wir alle dieselbe Entscheidung getroffen. Da beschlossen wir, dass es das letzte Album sein sollte. Es gab aber keine Situation, in der jemand gesagt hat ‚OK, das war’s für mich, ich bin raus!‘. Es war eher so, dass jeder geäußert hat, was er darüber denkt und fühlt.

Wäre es denn keine Option gewesen, einfach nicht mehr auf Tour zu gehen und SENTENCED als reine Studioband weiterzuführen?

Nein, nicht wirklich. Uns war stets bewusst, dass wir die Band entweder ganz oder gar nicht betreiben würden. Einfach nur Alben zu veröffentlichen wäre etwas, das nicht zu unserer Band passen würde. Wir werden das Touren auf jeden Fall vermissen, aber wie gesagt erfordert es einfach zu viele Opfer. Zumindest bleiben uns die Erinnerungen, haha!

Die Entscheidung, die Band aufzulösen fand also während des Songwritings für das neue Album statt. Hat sich dadurch Eure Herangehensweise verändert?

Ja, natürlich! Wir wussten, dass es das letzte Album sein würde, und so hat jeder, bewusst und unterbewusst, noch einmal alles, was in ihm war, in die Musik gelegt. Wir haben versucht, etwas zu kreieren, das zunächst einmal für uns selbst, aber natürlich auch für die Leute, die unsere Musik mögen, ein guter Abschluss ist. Das hat natürlich unser Handeln beeinflusst. Textlich drehen sich die Songs hauptsächlich um das Ende der Band. Natürlich immer noch im Kontext des SENTENCED typischen schwarzen Humors, aber auch Wut kommt zum Vorschein. Die Entscheidung hat uns wirklich stark beeinflusst.

Das Album enthält ja einige Zitate älterer SENTENCED Outputs. Habt Ihr beabsichtigt, dem Album einen retrospektiven Charakter zu verleihen?

Es mag einem so vorkommen, dass es Bezüge zur musikalischen Vergangenheit SENTNECEDs gibt. Wir haben jedoch nicht einfach die alten Sachen ausgegraben und sie auf dem neuen Album wiederverwertet. Wir haben immer versucht, etwas Neues zu kreieren. Auch wenn wir wussten, dass es unser letztes Album sein würde, haben wir trotzdem auch diesmal versucht, das zu erreichen. Wir wollten einfach sagen, was wir zu sagen haben. Uns selbst wurden diese Bezüge erst bewusst, als uns einige Leute darauf aufmerksam gemacht haben. Aber sie haben recht! Manche Gitarrenpassagen klingen für mich nach „Amok“, andere Stellen fühlen sich nach „Frozen“ an. Trotzdem ist alles frisch auf eine neue Art und Weise. Genau wie wir immer zumindest versucht haben, unsere Musik zu gestalten.

Dabei habt Ihr Euch ja einiges einfallen lassen. Es gibt ja einige stilfremde Elemente zu hören, wie zum Beispiel den Kinderchor. Wolltet Ihr damit dem letzten Album etwas Spezielles geben oder habt Ihr diese Dinge eher zufällig eingesetzt?

Die Idee mit dem Kinderchor kam uns bereits im Proberaum, als wir diese beiden Songs geprobt haben. Ich glaube nicht, dass es eine bewusste Entscheidung der Art ‚wir müssen das verwenden, um etwas Besonderes zu erschaffen‘ war. Es kam ganz natürlich, denn es erzeugt einen Kontrast in den Songs. Wir haben daneben auch einige andere komische Dinge verwendet und praktisch alles aufgenommen, was wir irgendwo in der Küche des Studios gefunden haben: Löffel, Scheren, Druckluft und so Zeug, um eben ein wenig auszubrechen und etwas anders zu machen. Das meiste von diesem Küchen-Equipment ist im Endeffekt dann auch auf dem Album gelandet, weil es abgedreht geklungen hat und den Songs einfach etwas Neues gibt.

Da Ihr Euch jetzt quasi am Ende Eurer Karriere befindet, möchte ich Dich bitten, mit uns einmal zurückzuschauen und zu jedem Eurer bisherigen Releases etwas zu sagen.

Shadows Of The Past (1991): Vier Jungs wollten den Death Metal spielen, den sie selbst hörten, und die Aggression und den Stil zu dieser Zeit genießen.

North From Here (1993): Mit diesem Album hat die Band begonnen, ihren eigenen Stil zu formen. Ich war damals noch nicht in der Band, aber ich erinnere mich, dass dieses Album ein großes Ding im finnischen Underground war. Zuvor hatte es noch nichts derartiges gegeben, und so kann man wohl schon sagen, dass es sich um einen Meilenstein handelt.

Amok (1995): Dieses Album hat die Türen nach Europa und zum Rest der Welt geöffnet, da es das erste für Century Media war, die es weltweit veröffentlicht haben. Musikalisch hat dieses Album den SENTENCED-Sound eingeläutet, mit dem die Band ihren Stil, diese melodischere, songorientiertere, rockigere Art, gefunden hat.

Love And Death EP (1995): Ziemlich schwer, darüber etwas zu sagen. Ich denke, dabei handelt es sich einfach um einen Lückenfüller. Da es kein vollwertiges Album ist, bedeutet mir diese EP nicht allzu viel. Musikalisch ging sie in eine ähnliche Richtung wie „Amok“ und bildete eine Brücke zum nächsten Album „Down“.

Down (1996): Das erste Album, auf dem ich zu hören bin. Dadurch hat das Album natürlich einen besonderen Platz in meinem Herzen. Auch wenn es sich musikalisch vielleicht nicht so sehr von „Amok“ unterscheidet, ist es trotzdem etwas melodischer. Natürlich sind die Vocals anders, denn wir versuchten, wirkliche Vocal Lines zu verwenden und keine Death Metal Growls mehr. Es ist wirklich schwierig, die eigene Musik zu analysieren, haha!

Frozen (1998): „Frozen“ war eine Verfeinerung von „Down“. Wir waren uns unserer Sache sehr sicher, und wussten, dass das Album gut war, da wir wirklich eine starke Einheit waren. Wir haben viel getourt nach diesem Album. Es war etwas Besonderes, wie eine Wiedergeburt. Obwohl es etwas ruhiger und atmosphärischer ist als die vorhergehenden Alben, ist es dennoch ein typisches SENTENCED Album und eines meiner Favoriten.

Crimson (2000): Musikalisch und textlich unser düsterstes Album. Dem Album fehlt ein bisschen diese Selbstironie. Sie hatte sich in Selbsthass verwandelt. Für mich persönlich fing die Tourerei und das ganze Drumherum an, zu viel zu werden. Die Erinnerungen, die ich an das Jahr 2000 habe, sind ziemlich düster. Ich denke, das kann man auf dem Album auch hören.

The Cold White Light (2002): Nach der Tour zu „Crimson“ haben wir uns eine ziemlich lange Auszeit gegönnt. Obwohl damals schon klar war, dass es der Anfang vom Ende war, kam das Album einer Wiedergeburt für die Band gleich. Der schwarze Humor war wieder da und wir hatten diese lebendigere, energievollere Art zu spielen. Wir nahmen uns selbst und diesen Selbsthass nicht mehr so ernst. Wir konnten wieder in den Spiegel sehen und über das lachen, was wir da sahen, haha!

The Funeral Album (2005): Es wäre leichter, über dieses letzte Album mit dem Abstand von ein paar Monaten zu sprechen. Wir sind einfach noch zu nahe dran und es ist noch zu frisch, um über den momentanen emotionalen Zustand zu sprechen. Mit etwas Abstand könnte ich aus einer anderen Perspektive sprechen.

Natürlich, das ist verständlich. Was war für Dich denn die eindrücklichste Begebenheit während Eurer Karriere? Gibt es da ein besonderes Ereignis?

Das ist eine schwere Frage, denn da gibt es viele Momente. Für mich, und auch für die anderen Jungs, sind es sicher die kleinen Momente, die besonders sind. Zum Beispiel, wenn Du ein Album abschließt und das endgültige Resultat hörst, bevor es irgendjemand anderes gehört hat, und Du genießt, was du vollbracht hast. So gesehen ist jedes Album ein Highlight. Auch einige wirklich gute Shows zählen zu diesen Momenten. Als wir zum Beispiel zum ersten Mal in Griechenland aufgetreten sind und das Publikum regelrecht ausgeflippt ist.

Gibt es denn auch Ereignisse, die Du im Nachhinein ändern würdest, wenn Du könntest?

Nein. Denn all die schlechten Dinge, die uns während all der Jahre widerfahren sind, können wir jetzt aus der Ferne betrachten und darüber lachen. In dem Moment, als sie geschehen sind, mögen sie die Hölle auf Erden gewesen sein, aber mit der Zeit werden sie immer lustiger. Ich würde nicht zurückkehren wollen, um diese Dinge zu ändern. Denn auch wenn es schlechte Erfahrungen waren, waren es trotzdem Erfahrungen. Man kann nicht immer nur Positives erleben.

Lass uns doch noch einen Blick in die Zukunft werfen. Was wird aus den einzelnen Bandmitgliedern werden?

Ich denke, dass sich alle eine lange Auszeit nehmen werden. Wir können uns die Musik nicht herausreißen. Ich denke, dass sich jeder von uns auch in Zukunft irgendwie musikalisch ausdrücken wird. Ich habe nebenbei noch meine andere Band POISONBLACK, mit der ich Ende des Jahres ein weiteres Album veröffentlichen werde. Es wurde bereits vor acht Monaten aufgenommen. Es erfordert noch ein wenig Arbeit. Ich will es neu abmischen und vielleicht noch drei oder vier Songs aufnehmen, weil momentan noch ein paar auf dem Album sind, die wirklich für den Arsch sind. Ende des Jahres wird es veröffentlicht, sodass die Tourerei für mich noch bis mindestens Ende 2006 nicht vorbei sein wird. Danach werde ich mir aber auch eine lange, lange, lange Pause gönnen.

Aber Du wirst weiterhin Musik machen?

Ja, aber wenn Du mich jetzt nach einem dritten POISONBLACK Album fragst, müsste ich Dich zum gegenwärtigen Zeitpunkt enttäuschen. Ich will Zeit mit meiner Familie verbringen und ein normales Leben genießen. Im Moment interessiere ich mich sehr für das Produzieren und die Studioarbeit. Ich habe beide POISONBLACK Alben produziert und lerne dieses Handwerk gerade. Das Gute daran ist: ich kann jeden Abend nach Hause gehen und in meinem eigenen Bett schlafen.

Eine SENTENCED Reunion wird es aber nicht geben, oder?

Nein. Wir hätten diesen Schritt nicht gewagt, wenn wir uns dessen nicht sicher wären. Wie ich sagte, hat diese Entscheidung zwei Jahre in Anspruch genommen. Es ist wie eine Beziehung, die am Ende angekommen ist. SENTENCED wird zu Grabe getragen und von dort kehrt niemand zurück. Zumindest habe ich noch nie von jemandem gehört, der lebend von den Toten zurückgekehrt ist. Wir haben einfach versucht, Charakter zu zeigen und unseren Prinzipien zu folgen, weil wir denken, dass so etwas dem heutigen Musikbusiness gänzlich fehlt. Trotzdem ist es im Endeffekt nur das Ende einer Band und nicht das Ende der Welt.

Das stimmt schon, auch wenn es momentan schon traurig ist. Habt Ihr für die letzten Shows etwas besonderes geplant?

Ja, wir werden versuchen, auf so vielen Festivals wie möglich zu spielen. Wir wollen keine vollwertige Tour machen, da wir ja kein neues Album promoten wollen. Wir spielen diese Farewell Shows, wobei ich nicht weiß, wie viele es sein werden, da das Booking bei vielen noch nicht abgeschlossen und das Album noch nicht draußen ist. Die allerletzte Show wird Ende September in unserer Heimatstadt Oulo, im Norden Finnlands, sein, und wir werden für mindestens zwei Stunden spielen. Aus dieser Show werden wir noch eine Live DVD machen, um sie für uns und für die Leute, die nicht dort sein können, festzuhalten. Natürlich wird die DVD auch all unsere Videos und einen Haufen Behind the Scenes Material beinhalten, das wir mit unseren eigenen Videokameras aufgenommen haben. Das wird sozusagen das finale Abschiedsgeschenk für uns und für die Fans.

Ein schwacher Trost. Aber wie Ville schon sagte, bleiben uns zumindest die Erinnerungen. Ruhe in Frieden.

28.04.2005

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