Slaughterday
Freigeschwommen von alten Klischees

Interview

H.P. Lovecraft wird immer wieder als Inspirationsquelle für eure Texte ausgerufen. Zyniker könnten hingegen behaupten, dass ihr einfach über menschenfressende Zombies singen könntet. Was mach die Faszination dieser nihilistischen Monsterwelten eines Lovecraft für euch aus?

Bernd: Ich muss sagen, dass Lovecrafts Geschichten uns eigentlich nur beim Schreiben auf den ersten beiden Alben inspiriert haben. Da sind ganz viele der Lyrics und auch Songtitel direkt an Kurzgeschichten von Lovecraft angelehnt, obwohl wir da ja schon vermieden haben, irgendwelche großen, Alten zu besingen. Ich fand eigentlich auch diese ganz klassischen Horrorgeschichten von Lovecraft immer ein bisschen geiler als diese großen alten Geschichten.

Was bis heute geblieben ist, sind die klassischen Lovecraft-Themen wie Wahnsinn und all die apokalyptischen Dinge. Oft ist es einfach nur ein Bild oder das Cover Artwork, das wir schon vorliegen haben oder ein Film. Da haben wir mittlerweile ganz viele verschiedene Inspirationsquellen.

Jens: Ich möchte Bernd an dieser Stelle auch noch mal ein riesiges Lob aussprechen, weil ich früher gesagt habe, dass es mir völlig egal ist, worüber gesungen wird. Hauptsache es klingt gut. Ich dachte immer, schreib doch einfach irgendwas über Zombies und das passt schon.

Bernds Herangehensweise und die Texte ergeben Sinn und sind viel subtiler als das. Und das finde ich im Zusammenspiel mit der Musik super. Bernd gibt mir auch die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, indem wir die Phrasierungen durchgehen und dann auch alles genauestens besprechen.“ Ist diese Zeile cooler oder soll ich das so und so singen?“ Dann sind das halt keine plakativen Zombie-Metzel-Geschichten, sondern durchaus Texte mit Sinn und Verstand.

Bernd: Wir verbringen wirklich extrem viel Zeit mit den Lyrics. Also die meisten denken ja, man schreibt über irgendwelche Brutalitäten und Leichen und dann passt das alles. Dabei hat das Schreiben von Lyrics ganz viele Dimensionen.

Da ist erstmal der Titel, der cool sein muss der ist praktisch das Etikett des Songs. Der Refrain muss stark sein, da bastelt man teilweise ewig dran rum und versucht die richtigen Worte zu finden.

Wir schreiben die Lyrics oft streng nach Phrasierung, so wie wir das haben wollen. Das ist eine unglaubliche Puzzlearbeit und manchmal sitzt man ewig dran und schafft an einem Tag nur zwei Zeilen, die dafür geil klingen und super passen. Das wissen die meisten gar nicht. Wenn man sich damit beschäftig, ist das schon eine Wissenschaft für sich.

Egal in welche Richtung man heutzutage auf dem Globus blickt: Überall treiben Autokraten ihr Unwesen. Da könnt ihr eigentlich nicht behaupten, dass ihr den Albumtitel „Dread Emperor“ zufällig gewählt habt, oder?

Bernd: „Dread Emperor“ hatten wir schon ganz früh als Albumtitel festgelegt. Und es fiel mir auch ziemlich leicht, die Lyrics zu schreiben. Egal ob man den Fernseher anschaltet oder sich mit Leuten unterhält – es geht ja immer um Dinge, die einem Angst machen.
Und die sind sehr vielschichtig. Jeder hat seine eigenen Dämonen,  also die Dinge, die einem persönlich aus dem Inneren heraus sehr viel Angst machen.. Aber von außen wird viel mit Angst als Kontroll- und Machtinstrument gearbeitet. Die Leute haben permanent Angst vor Pandemien, vor Krieg, vor Veränderung, vor Technologie. Und das prasselte irgendwie von allen Seiten auf mich ein und auf Jens sicherlich auch. Wir haben uns auch viel darüber unterhalten, sodass es dann irgendwie ganz klar war, dass es in dem Text darum geht.

Die Figur „Dread Emperor“ ist eigentlich eine Metapher dafür, sich von der Angst der Leute zu ernähren. Sie ist ein Symbol für Angst als Macht- oder Kontrollinstrument, um Leute zu lähmen oder einfach in den Wahnsinn zu treiben.

Letztlich das, was aktuell jeden Tag passiert?

Bernd: Ja, genau. Wir lassen es aber offen, weil ich finde, dass das ein zeitloses Thema ist und ich möchte nicht, dass es nur mit bestimmten Politikern, an die einige vielleicht gerade denken mögen, in Verbindung gebracht wird. Die Menschen haben immer vor irgendwas Angst gehabt und Angst war immer auch ein Weg, um Leute zu kontrollieren. Das ist ja auch nichts Neues.

Ihr wart von Beginn an bei FDA Records unter Vertrag. Jetzt seid ihr zu Testimonial Records gewechselt. Gab es einen expliziten Grund oder waren die Verträge schlicht und ergreifend ausgelaufen?

Bernd: Es ist genauso wie du gesagt hast: Die Verträge waren ausgelaufen und natürlich hätten wir bei Rico verlängern können. Wir haben das auch schon einmal gemacht. Nach den ersten beiden Alben haben wir noch mal verlängert und unseren Vertrag damit dann auch erfüllt. Wir wollten tatsächlich einfach mal neu anfangen und woanders einsteigen.

Testimony ist ein Spitzenlabel. Wir merken das an allen Ecken und Enden, weil dort einfach mehr Leute arbeiten und dadurch sind sie  breiter aufgestellt. Das muss man ganz einfach so sagen.

Jens: Ich kannte die Arbeit von Testimony über TEMPLE OF DREAD schon. Also insofern habe ich gedacht, das Label  macht das schon ganz gut. Dann habe ich Thomas angeschrieben und einfach gefragt, wie sieht es aussieht? Und der hat gleich „ja“ gesagt. „Klar, machen wir.“

Bernd: Die Zusammenarbeit ist wirklich super und Thomas macht da auch wirklich einen Bombenjob. Also das haben wir überhaupt noch nicht bereut, ganz im Gegenteil.

Jens: Wir sind aber auch nicht großartig auf die Suche nach zig anderen Labels gegangen.

Bernd: Es bleibt ja auch nicht viel übrig, wenn man ehrlich ist. Also was nützt uns das, wenn wir bei einem riesigen Label sind und als eine Band unter vielen laufen? Und bei Testimony bekommen wir natürlich auch die entsprechende Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass eine Band unserer Größenordnung eigentlich ganz gut passt. Ich glaube auch, dass Testimony noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen sind. Da geht bestimmt noch einiges.

Kürzlich bin ich neben dir, Bernd, gestanden, als du gefragt worden bist, welche Interviewfrage euch am meisten nervt. Du meintest, wenn ihr immer wieder gefragt werdet, wieso ihr nur zu zweit seid. Hättet ihr aber nicht vielleicht sogar mehr Möglichkeiten mit weiteren „Entscheidern“ in der Band? Oder kontrolliert ihr das Geschehen einfach lieber im kleinen Kreis?

Bernd: Wir sind eigentlich gar nicht so große Kontrollfreaks. Es gibt viele Gründe, warum wir jetzt nicht als Fünf-Mann-Band angetreten sind. Mit fünf Mann zu proben ist wirklich ein riesiger Krampf jedes Mal. Es ist unheimlich schwierig Entscheidungen zu treffen. Das kennt man aus anderen Bands auch, wenn alles ewig dauert. Oder diese ewigen Diskussionen über Bandfotos, wo dann fünf Leute diskutieren, wer, wo, wann?

Aber das sind natürlich alles Nebensächlichkeiten. Wir haben zu zweit angefangen und haben uns das eigentlich immer offen gehalten. Und es ist jetzt auch nicht so, dass uns die Leute zugeflogen wären. Wenn man sich mal die ganzen Line-Ups ansieht, die wir bisher hatten, dann sind das immer Leute gewesen die anderweitig aktiv waren. Außer Tobi, unser zweiter Gitarrist. Dem haben wir jetzt aber zum Beispiel auch angeboten, fest bei uns einzusteigen. Das heißt, dass wir jetzt also in Zukunft zu dritt sein werden. Wenn irgendjemand Input leisten will und das der Band gut tut, dann sind wir die Letzten, die sich dagegen wehren. Aber es ist einfach so, dass den Bandmitgliedern oder unseren Live-Mitgliedern die Zeit fehlte, sich mehr zu engagieren. Oder sie wollten das auch gar nicht, weil sie mit ihren eigenen Bands total eingebunden sind.

Jens: Ja und mittlerweile gibt es Bands wie BÖLZER, MANTAR oder RATS OF GOMORRAH. Die sind sogar nur zu zweit auf der Bühne. Das ist ähnlich so wie mit Phil Anselmo. Da haben auch alle gedacht, kann man in einer Metal-Band spielen und eine Glatze haben? Irgendwie hat er diesen Look dann salonfähig gemacht.

Ich habe die Frage nicht offiziell gestellt…

Bernd: (Lacht) Alles gut. Wir beantworten die Frage auch immer noch. Also es ist nicht so, dass wir stinksauer das Interview abbrechen würden. Nur was soll man dazu noch sagen? Vielleicht wissen nicht alle, dass – auch wenn da fünf Leute auf so einem Poster sind – nur ein oder zwei Leute die Fäden in der Hand haben und die Songs schreiben und die anderen teilweise nur Angestellte in dieser Band sind. Ich glaube, das hat sich noch nicht so rumgesprochen in der Metalszene.

Wenn man euch auf der Bühne sieht, dann strahlt ihr immer eine immense Spielfreude aus und es wirkt nicht so, als ob ihr einen Job erledigt. Das ist auch wieder a-typisch zu all den Grantlern im Death Metal. Wenn ihr euch entscheiden müsstet, entweder nie wieder ein Album aufzunehmen oder nie wieder auf der Bühne zu stehen, worauf würde eure Wahl fallen?

Bernd: Ich hoffe, dass die Entscheidung niemals kommt. Aber wenn ich mich zwischen Live Shows und nie wieder ein Album aufnehmen entscheiden müsste, dann würde ich sagen, auf jeden Fall keine Live Shows mehr.
Die wöchentlichen Treffen mit Jens – gerade auch in so beschissenen Zeiten, wie während der Pandemie – bedeuten mir dann doch so viel, dass ich dann lieber Platten aufnehme. Obwohl ich gerne live spiele. Die Spielfreude, die du angesprochen hast, die ist natürlich echt. Wir sind ja auch noch keine Band, die so viele Shows gespielt hat, dass man so abgebrüht ist, dass man mürrisch auf der Bühne steht und sich dann irgendwie zwingen muss, eine Show zu machen. Also das ist ja für uns auch jedes Mal Spaß, nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne nach der Show.

Jens: Erstmal finde ich das ein ganz tolles Kompliment, wenn du sagst, dass man uns die Spielfreude auf der Bühne ansieht. Das finde ich richtig toll, dass das so rüberkommt, weil wir das auch genauso empfinden. Wir haben schon ganz oft darüber gesprochen, wie Bands sich auf der Bühne präsentieren wollen. Und wir beide sind zumindest der Meinung, dass wir selber Spaß haben wollen, dafür machen wir das Ganze ja. Ich möchte mich nicht verstellen müssen auf der Bühne. Jede Band funktioniert halt anders.

Und ich gucke mir sicherlich auch mal die eine oder andere Black-Metal-Band gerne an, wo man aufgrund vom Corpse Paint kaum etwas von der Mimik erkennt. Aber ich persönlich habe immer viel mehr Spaß daran, Bands zu sehen, die zwar das, was sie machen ernst nehmen, die sich aber selbst nicht zu ernst nehmen und dann auch mal lachen und denen man die Spielfreude ansieht. Was die Attitüde angeht, würde ich mich am ehesten mit ASPHYX vergleichen wollen. Wovon ich gar nichts halte, sind diese Kapuzenbands, die wirklich nur auf einem Fleck stehen. Die haben vielleicht ganz atmosphärische Songs und ich höre mir das auf Platte auch gerne an, muss ich aber nicht live sehen. Insbesondere dann nicht, wenn ich schon ein paar Bier intus habe und ich einfach nur Spaß haben will.

Auf die Frage, was ich lieber machen würde, gehe ich mit Bernd mit. Sprich: Ich würde auch lieber Musik machen wollen als live zu spielen. Die Kreativität ist mir wichtiger. Wenn ich etwas geschaffen habe, was mir keiner nehmen kann und das für die Ewigkeit ist. Konzerte sind immer für den Moment, Platten sind für die Ewigkeit.

Außerdem sind wir ja nicht nur Bandmitglieder, wir sind auch Freunde. Dieses sich-zwei-Mal-treffen in der Woche und sich über den ganzen Quatsch, der in der Welt passiert, auszutauschen, ist enorm wichtig. Da kann es schonmal vorkommen, dass wir uns ganz viel für die Probe vornehmen und dann quatschen wir drei Stunden, weil wir uns erstmal auskotzen müssen. Das war insbesondere übrigens in der Corona-Zeit lebenswichtig für uns.

„Dread Emperor“ ist gerade erst veröffentlicht worden. Viele Musiker:innen sind nie 100 % zufrieden mit dem Ergebnis. Wie sieht das bei euch aus?

Bernd: Also ich weiß nicht, wie Jens das sieht, aber ich kann sagen, dass ich diesen Moment tatsächlich noch nie gehabt habe. Natürlich gibt es immer mal irgendwelche Sachen im Nachhinein. Aber es ist nicht so, dass mich etwas so ärgert, dass ich mir das Ergebnis nicht mehr anhören kann.

Ich mag jeden einzelnen Song so, wie er aufgenommen wurde. Das sind immer Momentaufnahmen, auch wenn soundmäßig mal etwas nicht so gut gelungen ist. Außerdem ist das ja auch immer Geschmackssache.

Jens: Also ich habe diesen Moment beim neuen Album auch noch nicht. Aber anders als Bernd kenne ich diese Momente. Bei der neuen Platte wüsste ich tatsächlich auch nicht, was ich im Nachhinein noch anders machen würde. Da bin ich schon wirklich sehr zufrieden. Was vielleicht auch dem Aufnahmeprozess geschuldet ist. Ich habe diesmal alle Gitarren und den Bass zu Hause eingespielt. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert, als wenn ich es bei Jörg machen würde. Gleichzeitig konnte ich die Parts wirklich so oft spielen, bis ich damit zufrieden war.

Bei den Vorgängerplatten ist das teilweise durchaus anders. Mit „Tyrants Of Doom“ bin ich eigentlich auch rundum zufrieden. Auf „Ancient Death Triumph“ gibt es schon die eine oder andere Passage, bei der ich hinterher gedacht habe, die hätten wir vielleicht noch ein bisschen anders aufbauen können. Das trifft insbesondere auf die  ersten beiden Alben zu. Gerade bei den Soli, denke ich manchmal: „Alter, was hast du denn da wieder improvisiert?“

Beschreibt „Dread Emperor“ doch mal mit drei Schlagworten…

Bernd: Oh man, das ist schwierig. Melodisch würde ich sagen, brutal und düster oder „Death Doom Decay“, das passt dann immer.

Bernd, Jens. Vielen Dank für diese tiefenentspannte und ehrliche Gespräch. Die famous last words gehören euch beiden.

Bernd: Auf jeden Fall bedanken wir uns für das coole Interview. Ansonsten hoffe ich, dass die Leute die Scheibe auschecken und für gut befinden.

Jens: Meine letzten Worte sind: Hört mehr US-Metal, macht keinen KI-Quatsch und macht keinen KI-Quatsch.

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16.02.2026

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