Turbonegro
"Hip-Hop hat sich den ganzen Spaß gekrallt."

Interview

Exakt 20 Jahre nachdem den Norwegern TURBONEGRO mit „Apocalypse Dudes“ ein ewiger europäischer Punk-Klassiker gelang, meldet sich die Band dieser Tage mit einem neuen Album zurück. Wir haben uns mit Gitarrist Knut Schreiner („Euroboy“) über „ROCKNROLL MACHINE“, neuartige Anforderungen an Rock-Missionare und die Schwierigkeit der treffsicheren Provokation in Zeiten verbaler Tabulosigkeit unterhalten.

Promofoto von TURBONEGRO (2018)

Rock-’n‘-Roll-Maschinen unter sich.

„ROCKNROLL MACHINE“ erscheint exakt 20 Jahre nach Veröffentlichung eures legendären Albums „Apocalypse Dudes„. Haben wir es hier mit dem offiziellen Nachfolger zu tun?

Haha, nein. 20 Jahre sind eine lange Zeit, und wir sind mittlerweile komplett andere Menschen – damals jung, heute erwachsen. Und Musik, Medien, Technologien und die Kultur als Ganzes haben sich auch verändert. Wenn man irgendwelche Nachfolger von „Apocalypse Dudes“ benennen sollte, dann wären das die beiden Alben, die wir danach veröffentlicht haben – „Scandinavian Leather“ und „Party Animals“. Wir nennen sie die „schwarze Trilogie“! Dieses Album, „ROCKNROLL MACHINE“ ist unsere Art, unser Jubiläum zu feiern, indem wir uns selbst mit den großen Freuden des Musizierens und Live-Spielens belohnen. Wir hoffen, dass es den Leuten gefällt.

Habt ihr dennoch Angst davor, dass die Leute die beiden Alben miteinander vergleichen und möglicherweise enttäuscht sein werden, zumal Nostalgie so ein starkes Gefühl ist?

Das ist okay. Wir schauen uns selbst auch eine Menge klassischer Rock-Acts live an, und natürlich geht es auch immer viel um die Songs, die vor zwanzig, dreißig, vierzig oder sogar fünfzig Jahren geschrieben wurden. Aber ich glaube, dass neues Material Bands, die an den Großtaten ihrer Vergangenheit gemessen werden, neue Vitalität verleiht. Außerdem macht uns das aktuelle Line-Up von TURBONEGRO einfach allen viel Freude. Tony, unser Sänger, verdiente es, auf einem weiteren TURBO-Album zu sein. Wir haben auch einen großartigen Keyboarder. Und mit Tommy, unserem Drummer ist die Chemie auf und abseits der Bühne perfekt.

Eure Mission war immer der Rock ’n‘ Roll. Inwieweit hat sich diese Mission in den letzten 20 Jahren verändert?

Wir sind Zeugen davon geworden, wie der Rock ’n‘ Roll sich von der populärsten Musik-Spielart zu einem Nischen-Genre entwickelt hat. Man kann schon sagen, dass der Rock in seiner alten Bedeutung mit dem Suizid von Kurt Cobain starb. Ab diesem Moment fing er an, sich selbst zu referenzieren, nach hinten zu schauen, Stile und Sounds zu wiederholen. In unserer Jugend haben die Kulturen von Rock und Punk unsere Identitäten stark beeinflusst – wir haben dafür gelebt und wären dafür gestorben! Aber an einem gewissen Punkt entwickelte die Welt sich weiter, und wir begannen, Rock und Punk nicht mehr als reinen Ausdruck der Rebellion, sondern eher als geschichtsträchtiges musikalisches Genre und als Tradition zu behandeln. Wir haben noch immer großen Respekt vor der Rockmusik als Handwerk und Kunstform – aber wir glauben nicht mehr daran, damit die Welt verändern zu können.

Promofoto von TURBONEGRO (2018)

TURBONEGRO. Letztes Album: „Sexual Harassment“.

Euer letztes Album trug den Titel „Sexual Harassment“ – ein Begriff der derzeit aus gutem Grund wieder omnipräsent in Medien und Gesellschaft ist. Würdest du sagen, es gibt, neben dem reinen Rock ’n‘ Roll auch eine Form der Moral in der Musik von TURBONEGRO?

Moral ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Ich würde sagen, dass TURBONEGRO schon immer in einer musikalischen Tradition standen, die bekannt ist für ihren Zynismus, ihren Nihilismus und schwarzen Humor – Untergrund-Musik und Alternative Rock. Es ist eine rhetorische Perspektive, innerhalb der du dich über Schubladen und Poser gleichermaßen lustig machst, das klügste und das dümmste Kind der Klasse gleichermaßen erreichst. Du agierst einfach außerhalb von allem, denkst für dich selbst und glaubst an nichts. Das gibt dir Freiheit in dem, was du sagen kannst.

Provokation und politische Unkorrektheit waren immer ein Teil von TURBONEGRO. Laufen Trump, Duterte und Co. nicht Gefahr, euch dieser Tage mit ihren verbalen Ausfällen ein bisschen die Show zu stehlen?

Gute Frage. Wir waren immer mehr links als rechts, obwohl wir als Teil der europäischen Punk-Szene der 80er und der 90er Jahre auch immer eine direkte und indirekte Stimme gegen die politische Korrektheit waren. Diese Dinge sind heutzutage komplizierter, weil die Debatten weniger nuanciert und dafür polarisierter sind. Ist das nicht eigentlich verrückt? Das ist es, was das Internet uns gegeben hat! Natürlich glauben wir, dass die #metoo-Kampagne eine positive Sache und ein Schritt nach vorne ist. Für uns war es immer ein Ausdruck der eigenen Freiheit, „zu sagen, was nicht erlaubt ist zu sagen“, der die Leute zum eigenständigen Denken angeregt hat. Es gibt in der Tat eine ganze Menge Rechte, die aktuell in den Kampf gegen die politische Korrektheit ziehen. Wir sind nicht ihre Band. Ich würde sagen, wir sind eher auf einer Linie mit einem intellektuellen Autoren wie Michel Houellebecq.

Wo liegen deiner Meinung nach die größten musikalischen Unterschiede zwischen „Apocalypse Dudes“ und „ROCKNROLL MACHINE“?

Das neue Album hat definitiv mehr Raum und Dynamik, mehr Melodien und mehr Keyboards. „Dudes“ ist schneller und lauter. Aber sie sind nicht komplett verschieden. Ich würde nicht sagen, dass „Dudes“ ein Punk-Album ist und „Machine“ ein Rock-Album. Ich glaube, es sind beides sehr extrovertierte Alben. Du hörst ihnen die Ambition an, das Maximum unserer Fähigkeiten aufzuzeigen, um ein großes Publikum zu erreichen. Aber natürlich wurden sie zu verschiedenen Zeitpunkten und unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen gemacht.

Promofoto von TURBONEGRO (2018)

Mehr live geht nicht.

Würdest du euch als Retro-Band beschreiben? In Skandinavien gibt es ja jede Menge gute davon. Und falls nicht, was hebt euch ab?

Ich würde sagen, Gitarren-Rock im Allgemeinen sollte heutzutage als traditionelle Kunstform und einfach als Genre verstanden werden, so wie Blues. Es ergibt keinen Sinn mehr, noch über modernen Rock und Retro-Rock zu diskutieren.

Viele Traditionalisten stehen Streaming und der Art und Weise, wie Leute heutzutage Musik konsumieren, sehr skeptisch gegenüber. Wie steht ihr dazu? Muss man diese Technologien als erfolgreiche „ROCKNROLL MACHINE“ des 21. Jahrhunderts annehmen?

Du musst akzeptieren, dass die Technologie Musik und Musikkultur verändert. Pop und Rock sind das Ergebnis von Technologien und Formaten, Industrien und Massenmedien, und nicht von großen Künstlern, Komponisten und Gitarristen. Die kommen später und nutzen die Werkzeuge und Möglichkeiten, die ihnen gegeben wurden. Als Musik-Konsumenten lieben wir Streaming für seine einfachen Möglichkeiten des Zugriffs und die ständige Verfügbarkeit. Aber wir glauben, dass es das Album als Fokuspunkt in der Musikwelt getötet hat. In der heutigen Pop- und Hip-Hop-Musik scheinen Singles wichtiger zu sein als Alben. Aber für den Rock wird das Album immer das ultimative Format bleiben. Du wirst in Zukunft keine Alben wie PINK FLOYDs „The Wall“ mehr hören, aber Rock-Bands werden weiter Platten rausbringen – denn keine Platte, kein Rock.

„ROCKNROLL MACHINE“ scheint an vielen Stellen seinen Vorbildern sowohl zu huldigen als sich auch über sie lustig zu machen. Ist es wichtig, als Rock-’n‘-Roll-Band Humor und Selbstironie zu beherrschen?

Das ist wahr! Das ist das Paradox bei TURBONEGRO: Wir parodieren Rock und Metal, aber gleichzeitig lieben wir die Musik auch. In den 60er und 80er Jahren gab es im Rock aber noch viel mehr Humor. Schau dir mal Bands wie THE WHO und ALICE COOPER an, oder CHUCK BERRYs „duckwalk“! Nicht ganz so sicher bin ich mir beim Humor von Bands wie den STONES, den STOOGES und BOWIE – aber es gab sicherlich dieses gewisse Quäntchen Humor und Selbstironie bei so ziemlich jedem großen Rock-Star in der Vergangenheit. Vieles davon verschwand dann in den 90ern; Rock und Metal wurden introvertierter, extremer, düsterer und ernster. Hip-Hop hat sich den ganzen Spaß gekrallt.

Wie schaut’s aus? Kommt die Apokalypse dann jetzt 2018 endlich?

Haha, also wenn man führenden Intellektuellen glauben mag, wird die Welt stetig besser und friedlicher – obwohl es gerade zugegebenermaßen etwas besorgniserregend aussieht!

30.01.2018

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1 Kommentar zu Turbonegro - "Hip-Hop hat sich den ganzen Spaß gekrallt."

  1. Winterpercht sagt:

    „aber wir glauben nicht mehr daran, damit die Welt verändern zu können.“

    Und genau deshalb hat die Band mittlerweile alle Relevanz verloren…schade.