Vehemence
Vehemence

Interview

Newcomer gibt es wie Sand am Meer. Meistens ist es auch ganz ordentlich, was man da so um die Ohren geblasen bekommt, aber es ist selten, dass eine Band direkt auf ihrem ersten, einer breiteren Masse zugänglicheren Album, dermaßen professionell zu überzeugen weiß, wie es die Amerikaner von Vehemence auf ihrem Majordebüt "God Was Created" geschafft haben. Klar, dass ich es mir nicht nehmen ließ, bei Gitarrist John Chavez per Mail einmal den Stand der Dinge zu erfragen. Herausgekommen sind interessante, ausführliche und teilweise auch kontroverse Antworten. Aber lest selbst…

VehemenceErzähl doch erstmal ein bißchen über die Anfänge von Vehemence. Wie kamt ihr als Band zusammen? Wie kam die Verbindung zu Brian Slagel und Metal Blade Records zustande?

Vehemence wurden im Jahre 1995 gegründet. Den Namen, der soviel wie die Anwendung wütender Gewalt gegen jemanden bedeutet, gab uns Sänger Nathan Gearhart. Wir stammen aus Phoenix, Arizona. Anfangs bestand die Band aus Nathan und den beiden Gitarristen Scott Wiegand und Bjorn Dannov. Die anfängliche musikalische Ausrichtung ging in die Richtung von Cathedral, frühen Pyogenesis, Suffocation, Gorefest und Carcass. Irgendwann wurden dann von einer Punkband namens Mistaken Identity Bassist Mark Kozuback und Drummer Andy Schroeder abgeworben. Somit war das Line Up für die Aufnahmen zu „The Thoughts From Which I Hide“, das im August 2000 erschienen ist, komplett. Voher im Jahre 1998 hatten wir schon ein auf 100 Stück begrenztes Demotape veröffentlicht. Kurz nach den Aufnahmen zu „The Thoughts…“ verließ Scott Wiegand die Band und ich stieß hinzu. Das sechste Bandmitglied war in dieser Zeit Jason Keesecker, der auch schon auf dem letzten Song von „Thoughts…“ mitgewirkt hatte. Dieses Album hielten wir als Band übrigens „nur“ für ein gut produziertes Demo. Die Presse aber machte daraus unser Debütalbum. An Metal Blade kamen wir nur über Mundpropaganda. Das war etwa im Juni 2001. Wir bekamen sofort eine 15 Gigs umfassende Tour durch den Westen der USA, die sehr gut lief, obwohl wir der einzige Headliner waren. Nach diversen Gesprächen unterbreitete uns Brian Slagel dann ein Angebot, dass wir im Januar 2002 annahmen. Vorher im Oktober 2001 hatten wir schon ein 3-Track-Demo mit dem Namen „God Was Created“ aufgenommen. Der Song „Fantasy From Pain“ schaffte es auf die weltweit vertriebene „Uncorrupted Steel Compilation“ aus dem Hause Metal Blade. Dann folgte auch schon die Veröffentlichung unseres Albums „God Was Created“. Die Resonanzen bisher sind wirklich überwältigend. Bei der Promotion arbeiten wir mit dem Label Hand in Hand und sind sehr glücklich über diese Zusammenarbeit.

Warum glaubt ihr, dass Gott erschaffen worden ist? Wollt ihr mit dieser antichristlichen, antireligiösen Einstellung nur provozieren oder seid ihr tief im Innern so?

Wir glauben, dass jeder sein Leben selbst bestimmen kann. Regeln, die du aus einem Buch herausliest, um dein Leben zu leben, braucht niemand. Wenn du schlagfertig und gebildet bist, kannst du die Hoffnung in dir selbst finden. Gott wurde vom Menschen erschaffen. Er ist ein Geist, der nur dazu da ist, dich zu ängstigen. Es ist lächerlich, wenn man sich Kriege anschauen muss, die für eine menschengemachte Kreatur geführt werden. Für Gott zu töten und dann dafür in den Himmel zu kommen, macht einfach keinen Sinn. Wir glauben weder an den Himmel, noch an die Hölle. Somit gehen wir als Atheisten durch. Wir leben Tag für Tag mit dem, was wir gelernt haben. Religion wird unser Leben nie bestimmen.

Was hat es mit euren Texten auf sich? Sie sind auf der einen Seite sehr brutal, rauh und pornographisch. Auf der anderen Seite schimmert aber auch immer wieder eine sehr intelligente, emotionale Seite durch. Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Unsere Texte schreibt alle Nathan Gearhart. Wir haben uns entschieden ein Konzeptalbum zu machen, weil man da der Kreativität freieren Lauf lassen kann. Hierbei unterscheiden sich die Texte aber von denen auf dem „Thoughts…“-Album. Nathan liest noch dazu viele Horrorbücher. Trotzdem versuchen wir immer, gehaltvolle Lyrics zu verwenden, damit es interessanter für andere ist, uns anzuchecken.

Jetzt muss ich aber doch noch mal nachhaken. Glaubst du nicht, dass derart brutale Lyrics wie eure gerade in Zeiten wie jetzt, wo die Gewalt an allen Ecken und Enden lauert, immer gefährlicher werden? Man braucht sich nur die letzten Schulmassaker in Deutschland oder Amerika oder die ständig wachsende Zahl von Vergewaltigungsopfern anzuschauen, wovon ja auch in euren Texten die Rede ist.

Texte können jeden beeinflussen, der eine Fehlfunktion im Gehirn hat. Bist du aber eine gebildete, mit beiden Füßen im Leben stehende Person, dürften solche Lyrics keine Probleme machen. Leute, die durchdrehen, haben immer Probleme mit sich selbst. Aber im Prinzip kann jeder einmal durchknallen, wofür manchmal nur ein ganz kleiner Anlass notwendig ist. Die von dir genannten Schulmassaker passierten aus verschiedenen Gründen, wobei ich mir wünschen würde, dass sie alles auf den Death Metal schieben würden. Das würde nämlich im Endeffekt nur mehr Publicity für die Band bedeuten und ihr noch mehr Hass von Seiten der religiösen Menschen entgegen bringen. Vergewaltigungsopfer sind ein anderer Fall. Hier muss ich zugeben, dass manche unserer Lyrics echt derb sind. Aber es ist nun mal im richtigen Leben passiert. Deswegen heißen wir Vergewaltigungen aber nicht gut. Wir erzählen in diesem Fall nur eine Horrorstory.

Hmm…harter Tobak, den man nicht unbedingt unterschreiben muss. Hierzu passt auch die Tatsache ganz gut, dass man eure CD in Deutschland nicht in normalen CD-Läden, sondern nur über Mailorder beziehen kann, weil das Artwork zu heftig ausgefallen ist. Glaubt ihr, dass dies auch ein besserer Weg der Promotion ist? Wollt ihr in die Fußstapfen von Cannibal Corpse treten?

Das ist richtig. In Deutschland ist unser Album von SPV aus den Läden genommen worden. Große Ketten konnten sich nicht mit unserem sicken Innenartwork anfreunden, obwohl schon ein „Parental Advisory“-Sticker vorne drauf ist. Ich hoffe jedoch, dass normale Metalshops unser Album führen. Wenn es welche gibt, dann sagt uns bitte Bescheid, damit wir ihnen Flyer zukommen lassen können. Mailorders sind auch eine gute Sache, weil sie meist sehr erschwinglich sind. Am liebsten ist es uns aber, wenn die Leute das Album direkt bei uns kaufen, denn davon profitieren wir am meisten. Für mehr Infos schickt einfach eine Mail an vehemence@brutaldeath.net. Es gibt auch noch viele Raritäten. Unser Hauptziel ist es aber, dass wir überhaupt gehört werden und dass unser Artworkdesigner Evil Dave für sein Schaffen anerkannt wird. Was Cannibal Corpse angeht, hast du recht. Sie haben ganz unten angefangen und sind bis an die Spitze vorgedrungen. Das wollen wir genauso schaffen.

Hat sich euer Leben in irgendeiner Weise verändert, jetzt wo ihr bei einem in Metalkreisen derart renommierten Label unter Vetrag seid?

Ja, ich glaube schon. Es fängt ja schon in dem Punkt an, dass mit der Unterschrift bei Metal Blade zu unseren regulären Arbeiten noch ein Job hinzugekommen ist. Die Leute beginnen jetzt, unsere Musik zu erkennen und sie dementsprechend zu würdigen, obwohl wir dasselbe schon Jahre vor dem Deal gemacht haben. Jetzt ist es wichtig mit der Platenfirma zusammen zu arbeiten. Es gibt viele Eintagsfliegenbands, die einen Vertrag an Land ziehen, aber sofort wieder gedroppt werden, weil sie erwarten, dass das Label alles für sie macht. In Phoenix gibt es nur drei Bands, die gesignt sind. Das sind Flotsam And Jetsam, Sacred Reich und wir. Desweiteren sind natürlich auch unsere Familien von der neuen Situation betroffen, weil wir unsere familiären Pflichten, unsere Kinder und unsere Freundinnen manchmal etwas vernachlässigen müssen.

Wann werden wir Vehemence auf europäischen Bühnen sehen?

Wir hoffen, dass das nächstes Jahr der Fall sein wird. Wir mögen sehr viele europäische Bands. Da unser Album derart gute Kritiken einfährt, planen wir, es durch exzessives Touring zu promoten. Natürlich wollen wir auch auf Festivals wie Wacken, Fuck The Commerce, Tuska, Dynamo oder dem Summer Breeze spielen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und dann werden wir unsere Musik live und verdammt laut zu euch bringen.

Du sprachst gerade favorisierte Bands an. Wo liegen denn die Einflüsse von Vehemence? Gehen sie auch über die Musik hinaus?

Nathan hört gerne Bands wie Jethro Tull, Iron Maiden, Twisted Sister, King Diamond, alte Arch Enemy, Hypocrisy, alles Bands mit innovativen Sängern. Björn hört mit Trail of Dead oder Sunny Day Real-Estate auch Sachen, die mit Metal nicht viel am Hut haben. Dazu kommen aber natürlich noch Einflüsse von Gorefest und Carcass. Andy und Mark kommen aus der Punkszene und hören demnach Zeug wie Agnostic Front, Dead Kennedy’s oder DRI, aber auch Macabre, Darkane und Malevolent Creation. Jason und ich hören dasselbe: Embraced, Soilwork, A Canorous Quintet, Mutant, Theory In Practice Resurrection, Ill Disposed, Immortal und so weiter. Desweiteren fließen aber auch immer aktuelle Ereignisse in die Musik mit ein. „Nameless Faces, Scattered Remnants“ von „The Thoughts From Which I Hide“ beschäftigt sich z.B. mit dem Oklahoma-Bombing. „Kill For God“ ist ein Song über den Nahen und Mittleren Osten. Ein Konzeptalbum werden wir aber wohl nicht mehr auf die Beine stellen, weil alle unsere Alben untereinander verschieden sein sollen.

Wo siehst du euch in zehn Jahren?

Wir werden wahrscheinlich erfahrener sein, als wir es jetzt schon sind. Vielleicht haben wir neue Jobs, neue Autos und viele neue materielle Dinge. Wir werden viel über andere Länder, die wir besucht haben, wissen. Ich persönlich würde gerne eine Gitarrenschule besuchen, um meine musikalischen Fähigkeiten zu verbessern und sie somit Vehemence zugute kommen lassen zu können. Die Gitarrenarbeit eines Yngwie Malmsteens finde ich z.B. großartig.

Gibt es noch etwas, was du unbedingt loswerden willst und keinem vorenthalten werden darf?

Na klar! Leute, kauft unser Album da, wo ihr es finden könnt, da es ja in euerm Land aus den Läden verbannt worden ist. Jeder, der sich für uns interessiert, soll sich nicht scheuen, eine Mail an vehemence@brutaldeath.net mit vollem Namen und voller Adresse zu schreiben. Wir verschicken dann zusammen mit einem kleinen Briefchen kostenlos 3-Track-Promo-Demo-CDs zu unserer neuen Scheibe „God Was Created“. Schaut auch nochmal auf folgenden Seiten vorbei: http://vehemence.brutaldeath.net (unsere Homepage), http://www.metalblade.de (Labelpage) und http://evildave.brutaldeath.net (Seite unseres Artists Evil Dave). Danke für diese Interviewmöglichkeit.

31.08.2002

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