Aephanemer - Prokopton

Review

Immer wieder erstaunlich, welche Auswüchse aus einem YouTube-Kanal entstehen können. Das gilt auch für AEPHANEMER, deren Bandkopf Martin Hamiche zunächst unter dem Namen „Nif Riffs“ eine gewisse Bekanntheit auf dem Videoportal erreichen konnte, wo er immer wieder anspruchsvolle, schnelle Riffs präsentierte. Im Jahr 2014 mündete das in der EP „Know Thyself“, die bereits unter dem Namen AEPHANEMER veröffentlicht wurde, allerdings noch komplett instrumental daher kam. Nachdem dann ein komplettes Band-Line-up gefunden war, entstand 2016 das Longplay-Debut und nun mit „Prokopton“ bereits das zweite Album. Es wird also höchste Zeit, sich den Franzosen und -innen auch einmal bei metal.de zu widmen.

AEPHANEMER – Melodic Death mit Dragonforce-Attitüde

Den Sound der Band aus Toulouse zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Melodic Death bietet sicherlich das Fundament. Das infernalische Gebrüll (ja, das ist etwas Positives) von Marion Bascoul liegt dabei irgendwo zwischen Angela Gossow und Johan Hegg. Die Songs werden allerdings in erster Linie von Hamiches Flitzefinger-Riffs dominiert. Das Ergebnis könnte man als Bastard aus AMON AMARTH, ENSIFERUM und DRAGONFORCE bezeichnen.

Der unfassbare Drive der Songs erschlägt beim ersten Hördurchgang fast ein wenig, die Bremse betätigen AEPHANEMER offenbar äußerst ungern. Irgendwie geht aber eine Faszination von den acht Songs aus, die einen kaum still sitzen lässt. Folkige Melodien wechseln sich mit pfeilschnellen Twin-Leads ab, die Double Bass hämmert meist unerbittlich. Manchmal sogar ein wenig zu unerbittlich. Ohne Drummer Mickaël Bonnevialle zu nahe treten zu wollen – ab und zu wirkt das Nähmaschinen-Getacker doch so, als ob er stellenweise Unterstützung von einem gewissen Angelo Sasso hatte.

A propos Synthetik – da wären ja noch die Keyboards. Klar, Keyboards im Metal sind immer wieder Grund zur Diskussion. Wenn sie passend in Szene gesetzt sind, ist aber nichts verkehrt daran. Weniger schlau ist es allerdings, zu versuchen orchestrale Epik zu erzeugen, wenn die flirrenden Synths über weite Strecken eher nach Bontempi-Orgel klingen und unglücklicherweise im Mix auch noch viel zu weit vorne stehen. Warum Dan Swanö, der für das Mixing verantwortlich zeichnet, hier nicht regulierend eingegriffen hat, erschließt sich nicht wirklich.

AEPHANEMER wollen aber nichts dem Zufall überlassen. Neben dem gerade erwähnten Dan Swanö, konnte Mika Jussila aus den Finnvox Studios für das Mastering gewonnen werden. Das äußerst gelungene Cover Artwork kommt, wie schon bei den vorigen Releases, von DARK TRANQUILLITY-Gitarrist Niklas Sundin. Auch die Musikvideos und die Präsentation der Band im Netz wirken äußerst professionell, obwohl nach wie vor auf dem bandeigenen Label Primeval Records veröffentlicht und auch die Promotion in Eigenregie übernommen wird. Respekt!

Viel Potential trotz Keyboard-Kitsch – „Prokopton“

Musikalisch gelingt den Südfranzosen mit ihrem Zweitling ein durchaus eigenständiges Werk, das Elemente aus Melodic Death und Folk Metal originell mit technischem Power Metal a la DRAGONFORCE verbindet. Damit wird man wohl kaum den Underground erobern, aber Fans von Bands wie AMON AMARTH oder auch ARCH ENEMY dürften in Verzückung geraten.

Luft nach oben bleibt aber natürlich dennoch reichlich. Viele Songs sind zu technisch gedacht und fokussieren sich zu stark auf die Gitarren-Performance. Eine gewisse Tendenz, einfach nur tolle Riffs aneinanderzureihen ohne, dass daraus zwingend ein spannender Song entsteht, ist immer wieder hörbar. Durch die enorme Vielzahl melodischer Leads wirken einige Songs überladen, vielleicht hätte das ein oder andere simple Groove-Riff das Material ein wenig entschlacken können. Ebenfalls überlegen sollte sich die Band, ob es unbedingt nötig ist, alles in eher billig klingendem Keyboard-Kitsch zu ertränken, was bei der Qualität der Gitarrenarbeit einfach unverständlich ist.

Bekommt man diese Kritikpunkte allerdings in den Griff, könnte es für AEPHANEMER in den nächsten Jahren recht weit nach vorne gehen. Das Potential ist mit Sicherheit vorhanden.

13.03.2019

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