Deadlock - Hybris

Review

Galerie mit 13 Bildern: Deadlock auf dem Summer Breeze Open Air 2016

DEADLOCK spalten seit Jahren die Massen: Die Einen hören musikalisches Genie in der Verschmelzung von Melodic Death-Elementen mit poppigem Frauengesang unter Beimischung von Akzenten wie Saxophonsoli und Elektroeinspielungen. Die Anderen scheinen in der aktuell sechsköpfigen Kombo aus Deutschland ein Vertonungskommando für Belanglosigkeit zu sehen, das – um einen Begriff aus den Kommentarzeilen unter dem hier erschienen Review zu „Bizzaro World“ zu zitieren – „Mainstreamplastik von Karstadt“ liefert.

Tiefe Gräben voraus

Das eben erschienene siebte Studioalbum „Hybris“ wird die Wogen in der DEADLOCK-Debatte sicher nicht glätten. Zu all dem Disput um die Band an sich, haben DEADLOCK in den letzten Jahren derart viele Wechsel und Umbrüche erfahren, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten (weshalb unten auch nur eine gekürzte Zusammenfassung geliefert wird). Die resultierenden Veränderungen am Sound der Band werden nun sicher auch die Fans spalten, aber Todesfälle und Sänger(innen)wechsel können und sollen an einer Gruppe von Musikern nicht spurlos vorbei ziehen:

Nach dem Ausstieg von Gründungsmitglied Johannes Prem, wechselte im November 2011 Basser John Gahlert ans Mikro und war in dieser Funktion erstmals auf dem Vorgängeralbum „The Arsonist“ (2013) zu hören. Anschließend präsentierte man im Jahr 2014 noch „The Re-Arrival„, auf dem Neuaufnahmen alten Materials, Demos und ein paar neue Tracks zu hören waren. Bereits wenige Wochen später musste die Band die traurige Nachricht vom Tod des Ex-Drummers und Gründungsmitgliedes Tobias Graf verkünden, der DEADLOCK Anfang des Jahres verlassen hatte. Für ihn schlägt nun Werner Riedl auf die Felle. Ein Jahr später kündigte Sängerin Sabine Scherer nach der Geburt ihres zweiten Kindes zunächst eine Auszeit an, die sie im Jahr 2016 in einen permanenten Ausstieg umwandelte, was „Elternzeitvertretung“ Margie Gerlitz zur neuen Frau am Mikro werden ließ. Mit ihr stieß auch Chirstian Simmerl (Ex-AKREA) am Bass neu dazu. DEADLOCK wagen nach all der Umwälzung nun, wieder erstarkt auf sechs Musiker, mit nur noch einem Gründungsmitglied (Sebastian Reichl, Gitarre) und – nach dem Tod eines wesentlichen musikalischen Schaffers und engen Freundes – mit gebrochenen Flügeln, auf „Hybris“ den Neuanfang.

Viel Wumms, wenig Aha

Dem Verstorbenen ist auch gleich der erste Song auf „Hybris“ gewidmet: „Epitaph“ (grob übersetzt: Grabinschrift) prügelt sofort mit beachtlichem Riffing los und die Growls von John Gahlert wirken modulierter, als auf dem Vorgängeralbum. Sängerin Margie Gerlitz mischt sich zunächst nur mit ein paar dazwischengezwitscherten Worten ein, bevor der Titel DEADLOCKesque in den vom Frauengesang getragenen Refrain übergeht und sich inhaltlich mit der unausweichlichen Realität des Todes befasst – nicht besonders poetisch, aber doch sehr persönlich.

Der nächste Titel „Carbonman“ startet mit einem großartigen Zusammenspiel aus Schlagzeug und Gitarre und der weibliche Gesang wühlt sich ungewohnt fließend zwischen die Growls, läuft zu einem kraftvollen Gemisch mit ihnen parallel und verschmilzt mit der Härte des Riffings. Dieser gelungene Balanceakt macht „Carbonman“ für mich zu einem der beiden Höhepunkte der Platte – insbesondere auch, weil DEADLOCK in meinen Ohren ansonsten regelmäßig an einer passgenauen Vermischung der einzelnen Stilelemente krachend scheitern. Abstriche gibt es allerdings für den weiblichen Gesang, der in den Höhen stellenweise arg schwächelt und nicht an die Kraft von Sabine Scherer heranreichen kann. Lobend zu erwähnen ist hingegen, dass das neue Team aus drei Saitenbedienern der Soundfülle und musikalischen Tiefe gut tut.

Die erste Single „Berserk“ startet mit elektronisch verzerrtem Sprechgesang: Ein zarter Anklang an die Experimentierfreude, mit der DEADLOCK in der Vergangenheit die Fans auf ihre Seite gezogen haben und die auch Kritiker nie völlig leugnen konnten. Danach geht es weiter mit der gewohnten Kost aus Growls, kurzen Breaks in Frauenstimme, einem eingängigen, aber nur mäßig interessanten Refrain, mehr Growls und einem technisch einwandfreien Gitarrensolo. Dabei wirkt die Stimme von Margie Gerlitz deutlich poppiger, als die ihrer Vorgängerin, was leider zu Lasten des Ausdrucks geht.

„Blood Ghost“ legt mit einem ruhigen Gitarrenintro vor und knüpft mit hartem Riffing an. Im Wechsel aus Keifen und tiefen Growls schwächelt John Gahlert und der Stimme von Gerlitz hat das Songwriting nicht mehr zu bieten, als Platz für ein paar lang gezogene Vokale. Der Titelsong „Hybris“ bleibt diesem Schema treu, mit einem Hauch mehr Härte und einem etwas gefälligeren Refrain.

„Wrath / Salvation“ indes kann in Sachen Songwriting dann doch ein bisschen mehr Substanz vorweisen: Den Start übernehmen Elektroelemente und kraftvoller Background-Gesang. Erfrischenderweise werden die Rollen getauscht und die Frauenstimme darf die Strophen füllen. Dabei wird allzu deutlich, dass Englisch nicht die Muttersprache der Band ist – diesbezüglich durften DEADLOCK-Hörer jedoch noch nie zimperlich sein…

„Backstory Wound“ erinnert zunächst schwer an alte IN FLAMES und bietet mehr von demselben: Krachende Riffs, komplexe Gitarren und einen poppig vorgetragenen Refrain, von dem die einen sagen werden, dass es ein Ohrwurm sei, während andere langweiliges Gedudel hören, das sich nicht wirklich in den Rest des Titels einfügt.

Eine echte Überraschung und Höhepunkt des Albums liefern DEADLOCK dann mit ihrer Version von Brahms‘ „Ein Deutsches Requiem“. Der klassische Gesang von Margie Gerlitz wirkt zwar etwas steif und Vibrato-arm aber der Stilmix aus Death- und Blackelementen mit dem melancholischen Totengesang, gegen den Gahlert das dem Originaltext entnommene „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ brüllt, packt einen bei der Seele. Das Ganze endet in einem Finale, vor dem der Hut zu ziehen ist: Einer Schweigeminute für Tobias Graf. „Vergebung“ im Anschluss ist ein gefälliges Instrumentalstück, das diesen Moment der Stille angemessen einrahmt.

Zum Finale mit „Welcome Deathrow“ packen DEADLOCK dann noch einmal die Knüppel und das Schema F aus: Harte Riffs, brachiales Schlagzeug, alles technisch einwandfrei und einen Refrain, den man bis zur nächsten Acht wieder vergessen hat.

DEADLOCK schaffen den Neuanfang

Wer schon immer fand, dass DEADLOCK belangloses Geplätscher liefern, der muss sich auch „Hybris“ nicht anhören. Fans werden indes die Vorzüge und Nachteile des neuen Gesangsteams heftig diskutieren und uneins darüber sein, ob ohne Graf qualitativ an die Kompositionen der vergangenen Tage angeknüpft werden konnte. Fürs Erste sei festgehalten, dass DEADLOCK mit einem inhaltlich sehr persönlichen und authentischen Album ihren Stil aus einer Serie von Tiefschlägen, welche die meisten Bands (und die Menschen dahinter) zerschlagen hätten, in eine neue Ära retten konnten. „Hybris“ schwächelt in meinen Ohren da, wo auch alle anderen DEADLOCK-Alben schwächeln: In der Kombination aus beachtlicher Gitarren- und Schlagzeugarbeit mit maximal durchschnittlichem Songwriting, das unverschmolzen überwiegend gelungene Riffs neben häufig verzichtbares, emotionsarmes Gedudel stellt. Dass genau dies viele Hörer ganz anders wahrnehmen, ist hinlänglich bekannt. Ob man den Stil nun grundsätzlich mag oder nicht: Sowohl in puncto Gesang, als auch bei der Experimentierfreude ist im Vergleich zu den Vorgängern noch Luft nach oben. Fans müssen der Kombo nach „Hybris“ sicher nicht abschwören – die beste Platte der Band ist das siebte Studioalbum jedoch sicherlich nicht.

Kurz erwähnt:

Ein Schmankerl, das DEADLOCK für ihre Fans bereit gestellt haben, bleibt an dieser Stelle unbesprochen, soll jedoch erwähnt werden: Das Album wird mit einer 90-minütigen Banddoku zur Entstehung von „Hybris“ geliefert, die dem Silberling als DVD beiliegt.

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12.07.2016

"forty-two"

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1 Kommentar zu Deadlock - Hybris

  1. Micha sagt:

    Mich hat Hybris total überzeugt. Logisch, man könnte jetzt mir vorwerfen, weil es die Lieblingsband ist, sei ich da voreingenommen. Nö, vielmehr das Gegenteil.

    The Arsonist fand ich Durchschnitt. Midtempo-Stampfen und kaum Verspieltheit. Das hat Hybris total anders gemacht. Epitaph ist ein geiler Opener und Margie zeigt hier schon, dass auch sie eine gute Sängerin ist. Anders, aber immer noch gut.

    Berserk hat in Sachen Brutalität für mich sogar Martyrs of Science geschlagen. Und das ist bis dato das geilste Lied von DL! In Backstory Wound kommt das Tierrechtsthema zum Tragen, was ich sehr begrüße – Manifesto lässt grüßen. Mein Highlight ist Ein Deutsches Requiem. Da musste ich tatsächlich etwas mit den Tränen kämpfen. Frauengesang in Sopran: der absolute Wahnsinn! Und jetzt sage ich es mal allen Nörglern: das hätte bei aller Liebe und Verehrung Sabine nicht hingekriegt! Und diese liebevolle Geste, einem verstorbenen Freund ein Lied zu widmen und dann noch eine Schweigeminute. Wundervoll! Welcome Deathrow haut noch mal alles raus. Der Refrain ist ein heftiger Ohrwurm.

    Endlich gibt es wieder schnelles Drumming, was ich bei The Arsonist sehr vermisst habe. Zudem wieder liebgewonnene Genreaufbohrungen wie etwa der Sopran Gesang. Nicht die stärkste Platte, dass wird für mich wohl Manifesto auf ewig bleiben, aber ein sehr deutlicher Schritt in Richtung Old New School a la DL.