Deadlock
Interview mit John Gahlert (Bass) zu "Bizarro World"

Interview

Jedes der vier bisher veröffentlichten Alben kann eine kontinuierliche Steigerung an technischer und musikalischer Finesse vorweisen. Jedes dieser Alben hatte viele Hoch-, und bisher auch einige Tiefpunkte, doch mit „Bizarro World“ hat die Band ihren vorläufigen Olymp erreicht. DEADLOCK haben es geschafft. Von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt das neue Album, „Bizarro World“ rührt zu Tränen, animiert dazu aufzuspringen oder einfach nur mitzusingen. Ein musikalischer Leckerbissen im noch jungen Jahr. Da versteht es sich natürlich von selbst, dass die Telefonleitungen glühen mussten: Mit John Gahlert (Bass) sprach ich bereits wenige Tage vor Weihnachten über „Bizarro World“, selbsternannte Szene-Sheriffs und den bevorstehenden Weltuntergang…

Deadlock

„Bizarro World“ ist ein ziemlich fettes Ding! Wie fühlt es sich an, ein Teil der Band zu sein und jetzt darauf zu warten, bis das Album tatsächlich in den Läden steht?

Für mich ist das jetzt natürlich etwas ganz besonderes. Als ich zu DEADLOCK gestoßen bin, war „Manifesto“ ja schon fast fertig aufgenommen und ich war noch nicht wirklich in das Album involviert. Mit „Bizarro World“ aber hat sich das geändert. Es ist das erste Album für mich als vollwertiger Teil der Band. Ich war von Anfang an mit dabei, und es war natürlich sehr spannend mitzuerleben, wie die Arbeit an diesem Album Stück für Stück voran ging. Vom Bauchgefühl her bin ich spitzenmäßig eingestellt, was sowohl Fans als auch die Presse angeht, weil von uns allen ganz viel Herzblut in das Album geflossen ist, vor allem von Sebastian. Das muss ich wirklich mal sagen. Sebastian hat wirklich unheimlich viel Zeit und Energie in dieses Album investiert, mit einer unglaublichen Hingabe, und das teilweise auch parallel zu unseren ganzen Shows, die wir in den letzten Wochen gefahren sind. Wahnsinn. Wir harren jetzt aber einfach mal der Dinge, die da kommen, und ich hoffe natürlich, dass das Album überall so gut ankommt wie bei euch.

Das hoffe ich doch. Ich würde es euch auf jeden Fall wünschen! Was mir natürlich als erstes aufgefallen ist, ist das neue Logo… Warum habt ihr euch dazu entschlossen das Logo zu ändern?

Warum ändert eine Band ihr Logo? Hm… Also… Der ursprüngliche Schriftzug der Band existiert seit der „Earth.Revolt“ vor mehr als fünf Jahren und wurde seitdem auf allen Flyern und Shirts und jedem Merchandise-Artikel verwendet, der für DEADLOCK angefertigt wurde. Wir haben uns nicht daran satt gesehen, und wir finden das alte Logo nach wie vor gut, aber wir haben uns gedacht, warum – jetzt im übertragenen Sinn – sich nicht einmal die Haare neu schneiden lassen? (Gelächter) Für das neue Album wollten wir einfach ein schlichtes Logo haben, das eine futuristische Attitüde mit sich bringt und weniger dieses Gothic-Metal-Feeling des alten Logos transportiert. Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht geplant zu 100 Prozent an diesem Logo festzuhalten. Das ist jetzt auch eine Sache, die erstmal wachsen und gedeihen muss. Wenn jetzt irgendjemand mit einem abgefahrenen Shirt-Design ankommt, zu dem sich das alte Logo einfach anbietet, dann verwenden wir dafür natürlich wieder den ursprünglichen Schriftzug. Das neue Logo jedenfalls repräsentiert DEADLOCK im Jahr 2011.

Musikalisch ist das neue Album als Einheit extrem kompakt und eigentlich überraschend straight ausgefallen. Wirklich aufdringliche Techno-Beats gibt es jedenfalls nicht mehr zu hören. Habt ihr diesmal bewusst an diesem Aspekt gearbeitet, um den ewigen Nörglern Wind aus den Segeln zu nehmen?

(lacht) Ja… Naja… Auf der Limited Edition wird es zwei Bonus-Songs geben, die auf jeden Fall wieder Öl ins Feuer gießen. Zum einen gibt es eine Goa-Trance-Version und zum anderen einen extrem fetten Hardcore-Techno-Remix. Aber ich glaube das ist einfach eine Sache gewesen, die intuitiv gelaufen ist. Sebastian, unser Main-Songwriter, hat ganz einfach von vornherein gesagt, vom Bauchgefühl her, dass die neuen Songs erdiger werden, viel direkter, und in Anführungsstrichen auch rockiger. Es hat sich dann auch an vielen Stellen die Sequencer- oder die Sub-Bass-Geschichte erübrigt. Das hat jetzt aber auch nichts damit zu tun, dass in letzter Zeit ziemlich viele Bands auf den Trichter gekommen sind, mal den Techno-Beat auszupacken, sondern das hat sich für die neuen Songs einfach nicht wirklich angeboten. Aber für die Leute, die unsere Experimente – sage ich jetzt einfach mal so – wertschätzen, für die gibt es dann mit den beiden Bonus-Songs noch einmal etwas richtig Spezielles.

DEADLOCK ruft mittlerweile ja immer wieder selbsternannte Szene-Sheriffs auf den Plan. Wie gehst du persönlich eigentlich mit Kritiken oder Leuten um, die euch die Pest für Techno-Beats und Hip-Hop-Einlagen an den Hals wünschen?

Das ist immer schwierig… Ich komme ja ursprünglich auch aus dem Death-Metal-Lager, aber ich habe mich persönlich weiterentwickelt und meinen Horizont erweitert. Man muss einfach leben und leben lassen. Wenn es Puristen gibt, die zum Beispiel Frauengesang total schwul finden oder mit überspitzten Lyrics nicht klar kommen oder sich nicht damit identifizieren können, dann muss man einfach damit leben. Das müssen wir so akzeptieren. Und das sollten diese Leute genauso sehen. Wir hatten bisher auch noch nicht das Problem, dass uns irgendjemand persönlich zu nah gekommen ist. Andere Bands haben da schon ganz andere Erfahrungen gemacht…

Ja. Davon könnte ich jetzt auch ein paar Anekdoten erzählen…

Es hat aber auch seine Vorteile wenn man polarisiert… Jedenfalls… Ich kann nicht sagen, dass uns Kritiken völlig egal sind, das sind sie eben nicht, aber wir fahren unsere Schiene und sind damit zufrieden. Wenn jemand nicht mit dieser Art von Musik umgehen kann, finden sich ganz schnell hunderttausend Gründe, was einem nicht gefällt. Das Ziel für uns ist es herauszufinden, warum einem das nicht gefällt. Letztendlich aber gibt es auch genügend andere Bands da draußen. Niemand wird gezwungen alles und jeden abzufeiern.

Heute, genau in zwei Jahren am 21.12.2012, soll angeblich die Welt untergehen. Jedenfalls endet an diesem Datum der Maya-Kalender und während einige Leute wirklich vom Weltuntergang überzeugt sind, reden andere von einem Sinneswandel der Menschheit. Ist das etwas, mit dem ihr euch als Band auch schon einmal beschäftigt habt? Was denkst du zu diesem Thema?

Das geht jetzt natürlich ganz, ganz tief in die Materie, Jens… Also… Ich kann natürlich nur für mich persönlich sprechen, und ich weiß auch, dass jeder eine andere Meinung zu diesem Thema hat… Ich glaube nicht, dass dieser D-Day, dieser „Jüngste Tag“, genau in zwei Jahren stattfinden wird. Das kann schon morgen sein, oder aber auch über das von dir genannte Datum hinausgehen. Ich denke wir können auch nicht mit Gewissheit sagen ob und was geschehen wird. Einen plötzlichen Sinneswandel der Menschheit kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen… Letztendlich kann man jeden Tag unheimlich viele Gründe finden sein Leben zu verbessern oder seine Lebensumstände ganz allgemein zu verbessern oder sein Leben überhaupt erstmal selbst in die Hand zu nehmen. Genauso existieren jeden Tag Tücken, Fallen und Versuchungen, die individuell das Leben verschlechtern können. Ich denke unabhängig vom Alter und Bildungsstand kann und soll jeder sein Leben für sich selbst gestalten. Ich gehöre nicht zu dieser Generation von Weltverbesserern, aber ich habe natürlich meine eigene Meinung, die ich auch vertrete, und ich sage immer „leben und leben lassen“…

Was auch immer 2012 geschehen wird – und worauf ich eigentlich auch hinaus will ist -, dass es Tatsache ist, dass die magnetischen Pole der Erde langsam aber sicher eine Umkehr vollziehen und niemand mit Gewissheit vorhersagen kann, welche Auswirkungen das auf die Lebewesen und die Technik auf diesem Planeten haben wird. Vielleicht entsteht so tatsächlich ein verzerrtes Spiegelbild der Welt – „Bizarro World“. Was hat euch zu diesem Album inspiriert? Was bewegt euch?

Der Titel des Albums an sich ist ja ein geflügeltes Wort seit Anfang der 60er oder 70er durch die Nutzung dieses Ausdrucks in den DC Comics. Es geht dort immer um ein Zerrbild der Welt oder der modernen Welt, das wir letztendlich schwerpunktmäßig verarbeitet haben. Es geht also um eine „bizarre, umgekehrte Wahrnehmung und Darstellung der Realität“, um mediale Verblendung und um Lügen, die wissentlich verbreitet werden. Das ist im Wesentlichen der Inhalt unseres Albums. Im Endeffekt je nach Fallthema arbeitet alles in diesem Spiegelbild. „Falling Skywards“ zum Beispiel handelt vom Turmbau zu Babel und spielt mit der Aussage „Hochmut kommt vor dem Fall“. „Virus Jones“ ist ein Song über das allgemeine Bild der Medizin, der Schulmedizin im Vergleich mit alternativen Möglichkeiten, Krankheiten zu heilen.

Ich habe in meinem Review geschrieben – du hast es ja gelesen -, dass das Album so eine Art modernen Noir-Stil atmet. Beim Hören des Albums entstehen eine Menge Bilder in meinem Kopf, die sich im Verlauf der Songs zu einem dunkel gefärbten Film entwickeln… Habe nur ich diesen Eindruck, oder habt ihr soetwas auch schon von anderen Leuten gehört?

Ja. Wir haben die Songs natürlich, bevor sie der Presse zur Verfügung gestellt wurden, ein paar Freunden und Bekannten der Band vorgespielt und auch das Artwork und das Konzept wirken lassen und jeden einzelnen mal nach seiner Meinung gefragt. Selbstverständlich ist jede Meinung individuell gefärbt, aber im Wesentlichen kommt das, was du angesprochen hast, überall mit durch. Insofern hast du das Thema hervorragend erkannt!

OK! (lacht) Welcher der neuen Songs ist denn deiner Meinung nach inhaltlich am wichtigsten und warum?

Von der musikalischen Qualität, mit Ausnahme der beiden Tracks, die quasi als Überleitung dienen, fällt es mir persönlich sehr schwer einen Favoriten auszumachen. Momentan machen wir ein Brainstorming und planen, welche Songs wir live umsetzen möchten. Aber sechs Personen haben natürlich auch sechs ganz unterschiedliche Meinungen, und auch deshalb sehe ich die musikalische Qualität der Songs ziemlich gleichberechtigt. Allerdings haben wir zu „Virus Jones“ alle einen besonderen Bezug, und deshalb haben wir zu diesem Track am vergangenen Wochenende auch ein Video gedreht. Ich persönlich fahre aber auch total auf „Brutal Romance“ ab, weil mich da der Refrain unwahrscheinlich kickt. Dieses Zusammenspiel aus Sabines einzigartigem Gesang, der fast schon massenkompatiblen Melodie und den völlig überspitzten, plakativen Lyrics ist einfach großartig. Eine schöne Frauenstimme, die einen fast schon martialischen Text singt, das hat einfach was!

Du hast es bereits erwähnt, die Limited Edition wird gleich zwei Remixe enthalten. Kannst du mir schon jetzt verraten, um welche Songs es sich handelt?

Ja. Das kann ich machen: „Virus Jones“ hat einen Hardcore-Techno-Anstrich verpasst bekommen, und „State Of Decay“ wurde von einer Band aus Hamburg, die sich sonst eigentlich in Goa-Trance-Gefilden bewegt, verwertet. Diese Versionen klingen völlig abgefahren. Die Kollegen von SUN PROJECT haben den Remix von „State Of Decay“ erstellt, und die Leute, die sich „Virus Jones“ angenommen haben, nennen sich TRICKPOP. Die haben nur die einzelnen Spuren bekommen und nicht den Original-Song, weil wir einfach mal schauen wollten, was die Jungs aus diesem Song machen können. Und so kamen zwei Sachen zustande, die letztendlich so klingen, als wären die Tracks von einer ganz anderen Band.

Das klingt spannend! Aber kommen wir jetzt noch zu einer ganz anderen Sache. Du hast ja vorhin schon die nächsten Live-Shows angesprochen. Jetzt lebt aber ein Teil von euch in Berlin, ein anderer Teil in Jena und in Regensburg auch. Wie oft schafft ihr es aufgrund dieser Entfernungen gemeinsam zu proben?

Gemeinsame Proben – das ist ein gutes Thema… (lacht) In der Regel proben wir immer direkt vor den Live-Shows. Wir treffen uns in der Nähe von Regensburg in unserem Headquarter, und fahren dann nach den Proben auch schon los. Jetzt ist es natürlich so, es gibt neue Songs, und die muss jeder erstmal selbst zum Beispiel vor dem Spiegel allein üben, und irgendwann treffen wir uns natürlich und proben dann auch mal gemeinsam. Das ist nicht immer einfach, aber anders funktioniert diese Situation bei uns nicht. Vor den Shows haben wir aber immer genügend Zeit gemeinsam zu proben, doch das setzt natürlich auch immer voraus, dass jeder seine Hausaufgaben gemacht hat.

Jetzt im Februar spielt ihr ein paar Album-Release-Shows, die wir ja auch präsentieren. Sind bereits weitere Dates als Support oder sogar als Headliner im Gespräch?

Ja. Wir haben natürlich zahlreiche Ideen und auch schon einige Angebote, zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dir allerdings nur soviel sagen, dass der Sommer lustig wird. Wir werden einiges an Festivals spielen, sowohl im In- als auch im Ausland, und vor den Festival-Gigs im April/Mai wollen wir entweder noch einmal ein paar Support-Shows spielen, oder vielleicht sogar eine kleine Headliner-Tour fahren. Wir würden auch gern wieder nach Japan. Oder noch einmal nach Russland. In den USA oder in Neuseeland würden wir auch gern mal spielen. Wir müssen jetzt einfach erstmal abwarten, was sich noch anbietet und was für uns tatsächlich auch möglich ist.

Gut… Bevor wir zum Ende des Interviews kommen noch einmal ein ganz anderes Thema: Was denkst du über diese ganze Julian-Assange-bzw. WikiLeaks-Geschichte? Ist das wichtig? Oder interessiert dich das alles überhaupt nicht?

Ich bin erst vergangene Woche in eine Drei-Stunden-Diskussion zu diesem Thema hineingeraten…

(lacht)

Ich weiss nicht… Diese ganze Sache ist sicherlich nur die Spitze des Eisberges… Die Frage ist aber auch, sind das tatsächlich alles Informationen, die die Leute wirklich interessieren, oder sind das alles nur Sachen, die den Leuten sozusagen als Blitzableiter dienen? Brauchen die Leute etwas, um ihren tristen Alltag zu vergessen? Oder brauchen die Leute wieder etwas um sich aufregen zu können? WikiLeaks ist natürlich auch ein schönes Beispiel für mediale Hetzkampagnen… Ich weiss nicht so genau ob ich es gut oder schlecht finden soll was dort veröffentlicht wird. Einiges davon könnte auch darauf abzielen, von anderen Dingen bewusst abzulenken… Die Menschen werden – wie man die Sache auch dreht – medial manipuliert und kontrolliert…

Ein interessantes Schlusswort! John, vielen Dank für das Interview! Möchtest du noch etwas ergänzen oder unseren Lesern mitteilen?

Die berühmten letzten Worte also? (lacht) Ich sage Danke an diejenigen, die Metal unterstützen und die Szene hochleben lassen. Danke an diejenigen, die auch zu kleineren Shows gehen und den Underground unterstützen und nicht nur die großen Touren mitnehmen. Und: Kauft unser Album!

Galerie mit 13 Bildern: Deadlock auf dem Summer Breeze Open Air 2016
09.02.2011

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