Deadlock
Interview mit Gitarrist Sebastian Reichl zu "Earth.Revolt"

Interview

Deadlock sind mal wieder ein Beispiel, daß man nie auf Vorurteile hören sollte. Ich wette, daß mindestens 80% von Euch diese Band aufgrund ihres Aussehens und ihrer Plattenfirma sofort in die Metalcore-Ecke packen würden. Achtung: FEHLER! Viel mehr spielen die fünf Jungs nämlich einen Mix aus bombastischem Black Metal, schwedischem Melo-Death und ein paar weniger Riffs, die auch auf einer Core-Platte ihren Platz gefunden hätten. Also liebe Verächter jeglichen Hard- und Metalcores, laßt Euch hier nicht täuschen, denn das Deadlock-Zweitwerk „Earth.Revolt“ ist eine schwarzwurzeldurchzogene, stilistisch aber jederzeit offene Perle der aktuellen Metal-Welt geworden. Gitarrist Sebastian Reichl stand Rede und Antwort.

Deadlock

Servus! Wie geht es Euch kurz vor VÖ des neuen Albums „Earth.Revolt“, das übrigens sehr geil geworden ist, womit ich einen Glückwunsch ausspreche? Schon nervös?

Servus! Danke für die netten Worte über unsere neue Platte. Uns geht es sehr gut und wir sind extrem zufrieden mit den Entwicklungen, die gerade stattfinden. Wir sind natürlich sehr gespannt darauf, wie die neue CD bei den Hörern ankommt und wie viele Leute wir mehr für unser Projekt DL gewinnen können. Nervös sind wir aber nicht, es wird sich zeigen was kommt.

Räumen wir doch gleich mal mit einem Vorurteil auf! Warum eilt Euch immer der Ruf voraus, eine Metalcore-Band zu sein, obwohl sich in Eurem Sound kaum Einflüsse dieser Stilrichtung finden?

Das liegt wahrscheinlich in erster Linie daran, daß unsere Roots dem Hardcore bzw. Metalcore entspringen. Wir sind eine Vegan Straight Edge-Band und diese Einstellung findet sich vor allem in jenem Musikbereich. Dort sind wir mit diesem Lifestyle in Berührung gekommen. Rein musikalisch sehen wir uns aber als Metal-Band und haben mit dem Begriff Metalcore nicht allzu viel am Hut. Dabei ist es uns jedoch immer wichtig, Kategorisierungen und Vergleiche zu meiden. Es geht uns primär einfach um die Musik.

Liegt es vielleicht auch daran, daß Euer Label Lifeforce fast ausschließlich Metalcore und Hardcore veröffentlicht, ihr auf einem reinen Metalcore-Festival wie dem Pressure spielt, ihr alle kurze Haare habt und noch dazu Vegan Straight Edger seid?

Jetzt, wo Du es sagst… Ich hatte z.B. noch gar nicht realisiert, daß das Pressure als reines Metalcore-Festival tituliert wird. Lifeforce würde ich jetzt nicht als Metalcore-Label sehen. Es kommen eine Menge neuer LF-Releases, durch die sich das Label seine Position in der Metalszene festigen und ausbauen wird.

Als Metalcore-oder Deathcore-affin kann man Euch aber trotzdem beschreiben, oder? Siehe zum Beispiel die Split mit Six Reasons To Kill, die Ihr vor zwei Jahren aufgenommen habt.

Es war immer schwer für uns, unsere Musik selbst zu beschreiben und zu bewerten, aber ich denke die Songs auf der Split sind doch eher im Bereich melodischer Metal als im Hardcore, Metalcore oder Deathcore zu sehen. Wie bereits erwähnt, legen wir keinen Wert auf eine Plakette oder ein bestimmtes Schubladenfach. Deadlock darf auch gerne für sich alleine stehen, hehe.

Vielleicht müssen wir ja eine komplett neue Schublade öffnen. Habt Ihr vor, einen neuen Stil namens „Blackcore“ zu kreieren? Ein paar Riffs der neuen Platte hätten schon auf ein coriges Album gepaßt, oder?

Wir hatten keinerlei Intention, einen neuen Stil zu kreieren. Klar sind wir sehr erfreut, wenn Leute sagen daß wir mit unserer Musik frischen Wind in die Szene bringen. Aber diesen gleich durch eine Flagge mit neuem Namen zu versehen, ist nicht unsere Aufgabe. Wichtig ist uns Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Die Grenzen zwischen Metal und Hardcore verschmelzen seit einigen Jahren und wenn man so will, könnten ein paar Riffs tatsächlich auf ein coriges Album passen.

Fühlt Ihr Euch auf Lifeforce trotz Eures „stiltechnischen Außenseiterdaseins“ trotzdem wohl?

Die Zusammenarbeit mit Lifeforce ist außerordentlich gut und wir fühlen uns sehr wohl. Das Team ist für uns der perfekte Partner in Sachen Professionalität und Support. Wir können uns im Moment keine bessere Basis für unsere Musik und unsere Message vorstellen.

Was habt Ihr für Erwartungen an die neue Platte?

Wir hoffen auf eine breite Zufriedenheit der Hörer. Das ist uns das Wichtigste! Wir wünschen uns natürlich, daß das Album ein Erfolg wird und auch für entsprechenden Gesprächsstoff sorgen wird.

Sein Titel „Earth.Revolt“ kann ganz leicht auf die momentane Situation der Natur bezogen werden, die verstärkt Kapriolen schlägt und uns Menschen in unsere Schranken weist. Ist dies wirklich die Intention des Titels oder steckt etwas anderes dahinter?

Da liegst Du sehr richtig. Der Titel bezieht klar Stellung zum Konzept des Albums, indem er die Hauptaussage wiedergibt: Es ist der Aufschrei und der Gegenangriff der Erde gegen jene, die sie ausbeuten und zerstören.

Eure Texte befassen sich mit einer Vielzahl von Themen, angefangen beim Praß auf die Gesellschaft bis hin zu sehr persönlich-emotionalen Geschichten. Wie kommt das?

Joe, unser Sänger, schreibt praktisch alle Lyrics unserer Songs. Ich kann hierzu nur sagen, daß sich in seinen Texten das widerspiegelt, was ihn als Mensch emotional berührt und was ihm als denkendem Wesen am Handeln der Menschheit mißfällt.

Für was steht der unter einer Großstadt begraben liegende Kopf auf dem Cover? Was hat er vor?

Peter Hofmann von Glashaus Design übernahm die komplette gestalterische Konzeption zu „Earth.Revolt“. Zu unseren Vorgaben (Lyrics, persönliche Vorlieben usw.) sammelte und verwirklichte er seine Ideen zu einem erfolgreichen Design zusammen, das vollständig mit den Songs und dem Konzept des Albums konform geht. Wenn man so will steht der Kopf für die Menschheit, die von ihren eigenen Maschinen und der Industrie erdrückt und irgendwann unter ihr begraben liegen wird. Viel vor hat der Kopf also nicht mehr, hehe.

Kommen wir zur Musik: Zu sagen, welche Bands Euch beeinflußt haben könnten, fällt mir extrem schwer. Eines ist mir aber sofort aufgefallen: „10.000 Generations In Blood“ könnte auch aus der Feder von Dimmu Borgir stammen. Steht Ihr auf deren dramaturgisch perfekt inszenierten, kraftvollen Bombast?

Dramaturgisch perfekt inszenierter, kraftvoller Bombast ist etwas, was ich persönlich sehr gerne mag und der Vergleich mit Dimmu Borgir ehrt uns natürlich. Aber als direkten Einfluß sehe ich sie nicht, da wir beim Songwriting in dieser Hinsicht generell versuchen, keine Referenzen zu berücksichtigen.

Hinzu kommen noch Elemente aus dem Death Metal und vereinzelte Gothic-Momente. Wie wichtig ist Euch Eigenständigkeit?

Eigenständigkeit ist uns, wie schon gesagt, enorm wichtig. Es gibt so einen riesengroßen Pool an Kopien von Kopien von Bands, die Trends/Hypes oder sonstigen angesagten Styles nachgehen und sich dahingehend orientieren. Deswegen ist es fast unumgänglich, in der heutigen Musikszene neue Wege zu beschreiten, um nicht in der Masse unterzugehen.

Ein weiterer ins Auge bzw. Ohr stechender Punkt sind die weiblichen Vocals, die sich wie ein heller Kontrapunkt durch einige Songs ziehen. Was wollt Ihr durch sie ausdrücken bzw. welche Möglichkeiten geben sie Euch, die Ihr allein mit dem Brutalo-Gesang nicht hättet?

Sabines Gesang steht im Konzept des Albums auf der Seite des Guten und des Hoffnungsvollen. In der Tat haben wir ihr Talent als Kontrapunkt in unserer Musik genutzt, um dem Hörer Unterhaltung auf eine sehr harmonische Art zu bieten. Außerdem gibt sie den Songs eine besondere Note, die vielen Menschen zugänglich sein soll.

Ein Song wie „Harmonic“ wäre ohne die weiblichen, engelsgleichen und trotzdem kraftvollen Vocals keinesfalls möglich gewesen. Ein wenig erinnert er mich an Soulfly’s „Tree Of Pain“. Könnte das ein kleiner Einfluß gewesen sein?

Ehrlich gesagt ist mir Soulfly wenig bekannt und unserer Sängerin ebenfalls. Aber du hast Recht, ohne Sabine wäre so ein Outro nicht umsetzbar gewesen. Hail Sabine!!!

Beschreibe Eure neue Platte bitte mal mit drei Worten und begründet die Auswahl.

Symphonisch – ausgewählte und durcharrangierte Bombast-Parts
Brutal – kraftvolle Trash-Beats und derbe Mid-Tempo Passagen
Melodisch – mehrstimmige Gitarren-Leads und Soli gepaart mit engelsgleichem Frauengesang

Und jetzt das gleiche noch mal mit der kompletten Band bitte!

Freundlich – sympathische, aufgeschlossene Menschen, die hinter den Instrumenten wirken
Kompetent – meiner Meinung nach verfügen wir über ein gewisses, musikalisches Talent und haben den nötigen Aktionismus, dieses entsprechend einzusetzen.
Realistisch – immer den nötigen und wichtigen Sinn für Realität

Inwieweit war es ein Vorteil, daß einige von Euch bei der Bandgründung 1997 gerade mal 16 Jahre alt waren?

Wenn ich einen Vorteil daraus ziehen kann, ist es eindeutig die langfristige, gemeinsame Entwicklung der Band und ihren Gründungsmitgliedern. Ohne diesen Kern würde die ganze Sache so nicht mehr funktionieren. Wir wuchsen sozusagen zusammen auf und erlebten viele Höhen und Tiefen…

Wart Ihr damals auch schon Straight Edge?

Tobi, unser Drummer, war damals schon straight. Joe und ich haben uns in den ersten Jahren entschlossen, diesen Lebensweg zu gehen. Als Tom und Gert später zu uns stießen, verfolgten sie bereits ebenfalls diesen Lifestyle.

Wie seid Ihr mit dieser Lebensweise in Berührung gekommen bzw. was war der Auslöser, auf tierische Produkte, Alkohol, Zigaretten und generell Drogen verzichten zu wollen?

Da muß ich ganz klar auf die Anfänge der Hardcore-Szene hinweisen. Dort sind wir damals als Kids mit diesen Dingen in Berührung gekommen. Auslöser waren einfach vernünftige, logische Gedankengänge, die wir damals verstanden haben zu begreifen. Tiere sind leidensfähige Wesen und Mitgeschöpfe unserer Erde. Also höre ich auf, sie zu töten, zu essen und zu quälen. Drogen sind ungesund und bewußtseinsverändernd. Also höre ich auf, sie zu konsumieren.

Wie konsequent lebt ihr die Vegan Straight Edge-Sache? Ich habe nämlich auch schon Bands gesehen, die selbiges auf der Bühne gepredigt haben, dann aber backstage mit Bier und Kippe rumsaßen.

Wir sind eine 100 % konsequente Vegan Straight Edge-Band und leben es mehr, als zu predigen. Bands, die oben genanntes tun, sind für mich nur peinlich und nicht ernst zu nehmen.

Was steht dieses Jahr noch an im Hause Deadlock? Was sind die nächsten Ziele, die Ihr Euch gesetzt habt?

Es sind einige Sommerfestivals geplant, wie zum Beispiel das Pressure Fest und das Hell’s Pleasure Festival. Zudem planen wir für Anfang August eine zweiwöchige Europa Tour mit der englischen Band Dignity Dies First. Somit werden wir über den Sommer hinweg beschäftigt sein. Längerfristig wollen wir uns einen Namen in der Metal-Szene machen, erfolgreich weiter neue Songs schreiben und Ideen für weitere Alben umsetzten.

Abschließende Frage: Was bedeutet Dir der Metal?

Für mich bedeutet Metal eine Möglichkeit, meinen Gefühlen in extremer Art Ausdruck zu verleihen. Metal steckt voller Kraft und Energie und kann zugleich auch symphonisch und melodisch sein. Für mich ist er die einzige Musikrichtung, die mein praktisches und theoretisches Songwriting unterstützt. Die Metal-Szene an sich stellte sich mir immer als sehr liberal und freundlich dar und ist meiner Meinung nach eine sehr große Community, die wenig Vorurteile kennt und offen ist.

Galerie mit 13 Bildern: Deadlock auf dem Summer Breeze Open Air 2016
13.06.2005

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