Extol - Of Light And Shade

Review

Kunst hat immer etwas Zerstörerisches. Genauso wie die Schöpfung.
– Peter Espevoll

Die Auseinandersetzung mit Religionen ist seit jeher ein Kernthema der Metal-Lyrik. Unzählige Bands verschiedenster Genres äußerten in der Vergangenheit in Texten und Interviews moderate bis heftigste Kritik an religiösen Weltanschauungen, wobei traurigerweise einige hassgesteuerte Hohlköpfe die Grenzen zwischen künstlerischer und persönlicher Freiheit immer mal wieder überschritten. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Musiker, die sich offen zu ihrem Glauben bekennen – nicht nur im Bereich des modernen Metals, in dem es noch am ehesten salonfähig ist, Christ zu sein (THE DEVIL WEARS PRADA, AUGUST BURNS RED, BLINDSIDE), sondern auch in den extremeren Subgenres. Dabei scheint sich der eine oder andere allerdings nicht so recht festlegen zu wollen: Tom Araya (SLAYER) beispielsweise ist offiziell katholisch, brüllt aber bekannterweise seit Jahren Textzeilen wie „God hates us all“ von der Bühne. Dave Mustaine wiederum ließ jüngst verlauten, er glaube zwar an Gott, aber nicht an eine Religion. Nun ja.

Eine Band, bei der in Glaubensfragen seit jeher keine Zweifel bestehen, sind die norwegischen EXTOL. Nachdem es einige Jahre äußerst still um die Truppe aus Oslo geworden war, meldete sie sich im Jahr 2013 mit dem selbstbetitelten fünften Studioalbum eindrucksvoll zurück. Anschließend spielten die Norweger nach siebenjähriger Live-Abstinenz sogar wieder einige Shows. Jetzt legt das Trio mit „Of Light And Shade“ seine erste DVD vor, welche die wechselhafte Vergangenheit der Band im Laufe einer knapp 70-minütigen Dokumentation Revue passieren lässt.

Licht und Schatten – der Titel des Releases könnte dabei nicht treffender gewählt sein. So berichten aktive und ehemalige Bandmitglieder in vielen Einzelinterviews nicht nur von den üblichen Problemen des Banddaseins – beispielsweise einer desaströsen US-Tour, bei der so ziemlich alles schieflief, was schieflaufen kann. Sondern auch von Morddrohungen aus der Black-Metal-Szene oder von Konzertbesuchern, welche die Band während ihrer Shows beschimpften und bespuckten. Nicht zuletzt reflektiert Sänger Peter Espevoll vor der Kamera auf sehr offene Weise seine persönlichen und gesundheitlichen Probleme, die dafür sorgten, dass EXTOL seinerzeit eine solch lange Pause einlegen mussten.

„God bless death metal!“

Natürlich ist der Glaube aber das dominierende Thema der Dokumentation. Aufnahmen vom gemeinsamen Gebet vor der Show sind diesbezüglich sicher weniger überraschend. Wohl aber die Tatsache, wie kritisch die Bandmitglieder sich im Laufe des Films zur Kirche äußern. Kein Wunder – vielen Christen waren der sperrige Death Metal und die Erscheinung der Musiker in den Anfangstagen ein großer Dorn im Auge. Eine Tatsache, an der sich im Laufe der Jahre nicht viel geändert hat. Unter anderem berichtet der ehemalige Gitarrist Christer Espevoll, wie Gemeindemitglieder damals seiner Freundin verboten, mit ihm zusammen zu sein. Drummer David Husvik, der auch schildert, wie einige Gemeinden Gebetsstunden abhielten, um EXTOL-Konzerte zu verhindern, meint dazu: „Anderen die Freiheit verweigern, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ist ein Verstoß. Es ist falsch. Das ist Machtmissbrauch.“ Und auch die Einspieler zu Beginn der Dokumentation, in denen US-amerikanische Priester gegen die „Rockmusik als Teufelswerk“ wettern, sind eine deutliche Kritik an der vielerorts noch herrschenden, geistlichen Engstirnigkeit.

Im weiteren Verlauf kommen natürlich auch die für eine solche Veröffentlichung obligatorischen Musikerkollegen und zahlreiche weitere Wegbegleiter zu Wort, unter anderem Matt Greiner (AUGUST BURNS RED), Leif Jensen (DEW-SCENTED und Century Media), Tue Madsen, Jens Bogren, Jayson Sherlock (MORTIFICATION, HORDE) und Bruce Fitzhugh (LIVING SACRIFICE). Aber auch Vertreter der Kirche werden zum Spannungsfeld zwischen Religion und Metal befragt – und liefern teils verblüffende Statements. So meint der norwegische Priester und Autor Eyvind Skeie beispielsweise zur Ächtung des Metals in den Gotteshäusern: „Die Kirche hat hier oft große Fehler begangen, indem sie ihre besten Leute abgelehnt hat.

Nicht nur aufgrund solcher Aussagen ist „Of Light And Shade“ am Ende eine spannende Doku, welche zudem überraschend intime Einblicke in das Innenleben EXTOLs gewährt. Einzig eine einminütige Sequenz, in der sich die Band mit Pressezitaten und einer Animation rasend steigender Likezahlen selbst beweihräuchert, sorgt für leichtes Stirnrunzeln.

Was letztlich wirklich etwas zu kurz kommt, ist die Musik: Lediglich einige wenige Konzertausschnitte sind zu sehen, der Großteil des Films zeigt Menschen, die in Stühlen sitzen und – zugegeben sehr interessante – Dinge erzählen. Allerdings wird es auch eine Doppel-DVD geben, auf der zusätzliche Szenen und Live-Material enthalten sind (Exemplar lag für die Rezension allerdings nicht vor). Fazit: „Of Light And Shade“ ist aber auch in dieser Form ein absoluter Pflichtkauf für jeden Fan der Truppe. Gegnern der Band könnte der Film hingegen die Augen öffnen, denn er zeigt: Hinter allem Gerede verbirgt sich letztlich eine Band wie jede andere. Amen.

02.06.2015

"Am Ende isses immer Arbeit."

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