Fields Of The Nephilim - Dawnrazor

Review

Galerie mit 36 Bildern: Fields Of The Nephilim - Wave Gotik Treffen 2015

Blast From The Past

Besser spät als nie – der Tellerrandblick auf eine der einflussreichsten Bands des Gothic Rock. Die Rede ist natürlich von FIELDS OF THE NEPHILIM, deren Frühwerk auf metal.de bislang sträflich vernachlässigt worden ist und deren Debütalbum „Dawnrazor“ nur ein Grund für den fast schon entrückten Status der Band ist. Erstaunlich genug, denn zunächst sah es nicht danach aus, als ob sich die Band einmal für höhere Weihen empfehlen könnte. Das Quintett um den charismatischen Sänger und Frontmann Carl McCoy gründete sich 1984 im britischen Stevenage, Hertfordshire und orientierte sich auf der Suche nach einer eigenen Ausdrucksform zunächst an vorhandenen Vorbildern.

FIELDS OF THE NEPHILIM kehrten im Frühjahr 1987 im Italo-Western-Style zurück

Das erste Line-Up umfasste den Saxofonisten Gary Wisker, der auf der ersten veröffentlichten EP „Burning The Fields“ (1985) zu hören ist, aber schon bald durch den Rhythmusgitarristen Peter Yates ersetzt wurde. Es folgte eine weitere EP („Returning To Gehenna“, 1986) sowie die Single „Power“, und damit einhergehend schraubte die Band an ihrem optischen Stil: Mit der Single „Preacher Man“ und dem Album „Dawnrazor“ kehrten FIELDS OF THE NEPHILIM im Frühjahr 1987 im Italo-Western-Style zurück, und nur wenige vermochten die recht deutlichen Parallelen zu den unlängst erfolgreichen SISTERS OF MERCY nicht zu sehen. Der Dirty-Cowboy-Look mit den langen mehlbepuderten Ledermänteln, den Hüten und der Schweißerbrille von McCoy war für den damaligen Geschmack so neu nun auch nicht.

Gute 30 Jahre und Dutzende Nachahmer später darf das Urteil ein wenig milder ausfallen. Und „Dawnrazor“ ging dann doch einen etwas anderen Weg als beispielsweise „First And Last And Always“. Sicherlich gab es bei der gezupften Gitarrenarbeit von Paul Wright Parallelen zum Spiel von Wayne Hussey, aber der FIELDS-Gitarrist webte seine Patterns halt noch ein wenig dichter. Zudem verwendeten Carl McCoy & Co. keinen Drumcomputer, sondern hatten mit Nod Wright einen gleichsam agilen wie präzisen Drummer in ihren Reihen. Komplettiert wurde die Musikerriege von Tony Pettitt, dessen Bassläufe auch heute noch Trademark-Qualitäten haben, und eben Peter Yates, der als zweiter Gitarrist für die verzerrten Powerchords und teilweise für die einfacheren Leads zuständig war.

Zwischen Gemeinsamkeiten und Trademark-Qualitäten

Beim Intro „The Harmonica Man“ (im Original von Ennio Morricone) knüpfen FIELDS OF THE NEPHILIM an ihr Dusty-Cowboy-Image an, um im Verlauf ihrer 35-minütigen Reise (das ursprüngliche Vinyl-Album hatte nur acht Songs, die auf CD um fünf Tracks erweitert wurden) sich thematisch breiter aufzustellen: Da haben psychedelische und mythische Elemente ebenso ihren Platz wie nukleare Endzeitszenarien im treibenden Opener „Slow Kill“. Schaurig schön ist hier in Carl McCoys Stimme die Verbindung zwischen tiefer Tonlage und diesem jammernden Vibrato. Eine Sache, mit der der Sänger immer wieder experimentierte.

Und auch musikalisch haben sich FIELDS OF THE NEPHILIM recht breit aufgestellt. Neben den riffgetriebenen, mit Strophe, Bridge und Refrain nachvollziehbar aufgebauten Gothic-Rock-Stücken gibt es auf „Dawnrazor“ auch breiter angelegte Songs – das längliche „Vet For The Insane“ beispielsweise, das sich mit seinen Gitarrenpatterns fies ins Unterbewusstsein einschmeichelt, oder der dramatisch-dräuende Titeltrack. Das abschließende „The Sequel“ besitzt wiederum einen tollen Refrain, setzt aber etwas unvermittelt ein – als ‚Sequel‘ eben.

Ebenfalls nicht schlecht ist „Dust“, das zwischen dünnem Gummibandbassriff und einem anschwellenden, euphorischen Hauptthema wechselt und für die Cowboyseite des Albums steht. Bleibt noch das eingängige, wenn auch etwas eindimensionale „Volcane (Mr. Jealousy Has Returned)“ sowie „Reanimator“, bei dem man immer das Gefühl hatte, dass der Refrain etwas hinter den Möglichkeiten blieb.

Erweiterte Tracklist der CD-Version von „Dawnrazor“

Die Tracklist von „Dawnrazor“ wurde in der CD-Version um die fünf Songs der „Power“- und „Preacher Man“-Singles erweitert – eine Sache, die man durchaus unterschiedlich bewerten kann. Einerseits war gerade das unwiderstehlich treibende „Preacher Man“ damals der größte Hit der Band, und „Laura II“, „Power“ (mit seinem genialen Gitarrenthema), „Secrets“ und „The Tower“ (bei dem sogar das Saxofon noch zu hören ist) sind starke Songs. Ein Gewinn für das Album also. Andererseits ist „Dawnrazor“ in seiner ursprünglichen Inkarnation ein in sich geschlossenes Album, die unterschiedlichen Produktionen fügen sich nicht völlig harmonisch zusammen, und auch die Band selbst hatte zwischen den Aufnahmen hörbar einen weiteren Entwicklungsschub genommen.

Aber das ist Kritteln auf hohem Niveau. Wer wollte, konnte seinen Player entsprechend programmieren, und Enthusiasten wird das eh nicht davon abgehalten haben, sich das Album und die Singles zuzulegen – vor allem, da bereits wenige Monate später der neue, aufregende Track „Blue Water“ auf den Markt kam. Das Nachfolgealbum „The Nephilim“ ließ zudem keine anderthalb Jahre auf sich warten und setzte auf das vorherige nochmals einen drauf – aber das ist eine andere Geschichte und wird in diesem Rahmen sicherlich noch einmal separat besprochen.

01.05.2019

- Dreaming in Red -

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5 Kommentare zu Fields Of The Nephilim - Dawnrazor

  1. der holgi sagt:

    Grossartige Band, grossartiges Album, 10/10 Punkten.
    Das Nachfolgealbum sollte dann zum Zenit der Band werden, danach wurden sie psychedelisch (Elysium), und in der Folge leider nur noch uninteressant….

    Der Spilt dann, und die daraus entstehenden Bands mit/ohne McCoy, zementierte meine Nostalgie und was Nephilim damals waren, für mich, haben sie nie wieder erreichen können.

    Meines Wissens nach sind sie in Originalbesetzung (?) im Moment unterwegs, ich fürchte mich fast davor, mich näher damit zu befassen.

    10/10
    1. Headcleaner sagt:

      Neben der „Burning The Fields“ immer noch meine Lieblingsscheibe der Band. Live waren sie übrigens die letzten Jahre immer grandios, im Gegensatz z.B. zu den grottenschlechten Sisters Of Mercy.

      10/10
  2. nili68 sagt:

    Das geniale Gitarrenthema hören aber auch nur Musiker heraus, oder? Naja, ich hab die sogar mal auf gut Glück gekauft, als ich den Begriff „Gothic“ nur als Wort kannte und hörte, das soll düster, melancholisch und so sein. Die Ernüchterung, ob dieses ausdruckslosen Post Punk-Geschraddels für Drogenabhängige folgte natürlich auf dem Fuße. Weitere Beschäftigung mit der Szene (Bauhaus, Christian Death usw.) brachte auch keine Besserung. Dann eher das, was man heute so im Mainstream unter Gothic versteht, wenn’s mal sein muss, was vermutlich (zum Glück) kein echter ist. Kann ja seinen Reiz haben, aber nicht meine Baustelle. Darum auch keine Note.

  3. Nether sagt:

    Großer Album- Einstand einer der für mich besten Gothic Rock Bands aller Zeiten. Zu einer Zeit, als Gothic Rock noch nicht zu Gotenkitsch für kleine traurige Mädels in schwarzen Brautkleidern verkommen war, waren „Dawnrazor“, „The Nephilim“ und „Elizium“ unantastbar. Leider konnte McCoy nach der Werkschau („Earth Inferno“) seine eigene Messlatte nicht mehr halten, aber sie sind, im Gegensatz zu den barmherzigen Schwestern, auch heute noch live eine absolute Macht mit einer fanatischen Fanbase. Wer es mal einrichten kann, sollte sich eines ihrer Konzerte in London geben, aber sagt nachher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt! 🙂
    „The Nephilim“ und „Elizium“ sind für mich nach wie vor das Maß aller Dinge bei den Fields. Daher „nur“ …

    9/10
  4. rajko b sagt:

    Die beiden Nachfolger-Alben waren die Sternstunden des Gothrock für mich persönlich. Gerade die Pink Floyd Komponente auf der „Elysium“-das psychedelische Moment ist bis heute unerreicht. Und zum Glück konnten die Fields auch zuletzt live mit kleinen Abstrichen noch diesem Moment auf die Bühne bringen.

    8/10