King Gizzard & The Lizard Wizard - Infest The Rats' Nest

Review

Manche Bands haben ja bekanntlich Hummeln im Hintern, aber bei KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD kreucht und fleucht scheinbar so ziemlich alles in der Poperze herum, was die australische Fauna so zu bieten hat. Seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Willoughby’s Beach“ sprudeln sowohl Ideen als auch Alben nur so heraus aus der in Melbourne beheimateten Rock-Formation, wobei es die Band bislang auf 14 Alben gebracht hat. In acht Jahren. Davon wurden allein fünf Stück 2017 veröffentlicht. Dass da natürlich ein bisschen Ausschussware dabei ist, erklärt sich allein aus der Quantität des Materials heraus. Aber mindestens genau so oft landen die Australier auch einen Volltreffer.

Wenn Experimentatoren zur groben Keule greifen

Zu solchen der Marke „Nonagon Infinity“ oder „Flying Microtonal Banana“ dürfen wir heuer nun auch Album Nr. 15 zählen, das auf den Titel „Infest The Rats‘ Nest“ hört. Die Australier sind stilistisch zwar irgendwie immer im Rock verwurzelt gewesen mit Hang zu einigen experimentellen Kniffen – „Nonagon Infinity“ etwa ist als ein sich wiederholendes Non-Stop-Album angelegt – aber „Rock“ ist ja ein dehnbarer Begriff. Mit „Infest The Rats‘ Nest“ stößt heavy groovender Rotz-Rock nun auf Old-School Thrash Metal und bringt jede Menge Fuzz-Riffs, Stoner-Anleihen und eine ordentliche Portion Vintage-Flair mit. Klingt wahnsinnig, aber dank einer unglaublich stilsicheren Umsetzung und dem richtigen Gespür für Härte und Rhythmik gelingt den Australiern dieser bizarre Drahtseilakt.

Wer jetzt aber mit „METALLICA auf Drogen“ rechnet, liegt falsch. Man bekommt eher den Eindruck, dass sich KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD ihre rohe Rock-Ästhetik zu Nutze machen, um sich weiter zurück auf die Urpsrünge des Thrash zu berufen, da ein „Venusian 2“ eine ziemlich einschlägige MOTÖRHEAD-Färbung aufweist. Die Jacky-Cola-Fahne von Lemmy weht auf „Infest The Rats‘ Nest“ ohnehin an einigen Stellen durch das Songwriting hindurch, bei „Venusian 2“ dringt diese aber dank der aggressiven, aber gleichzeitig irgendwie auch arschcoolen und lässigen Grooves besonders prägnant in die Nase ein. Der unglaublich fuzzige Bass und Stu Mackenzies raue Stimme runden das Vergnügen ab.

Mit lässigen Rock-Grooves fangen KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD den klassischen Thrash ein

Etwas gröber und weniger melodisch gibt sich das Gehacke im Opener „Planet B“, das dennoch zu gegebenen Zeiten den Boogie in sich trägt, um die Groove-Komponente nicht aus den Augen zu verlieren. Aggressive Riffs mit Fuzz machen sich dennoch flächig im Song breit und schuften, was das Zeug hält, um den Song trotz allem auf Zack zu halten. „Organ Farmer“ schraubt die Aggression noch ein Stück weiter nach oben mit erhöhtem Tempo, das für die gewichtige Bridge effektiv ausgebremst wird. Das Rausschmeißer-Duo „Self-Immolate“ und „Hell“ thrasht sich auch richtig heftig durchs Geäst. Ersteres wartet dazu mit herrlich käsigen Space-Rock-Elementen auf, denen das aggressive Stakkato-Riffing jedoch eine angenehme Dringlichkeit verleiht, während „Hell“ einfach nur seinem Namen Ehre macht.

Zwischen den flotten Tracks winden sich noch ein paar Mid- und Downtempostücke nach bester Art des (Stoner-)Hauses hindurch und schmiegen sich dank des generell auf Grooves angelegten Songwritings wunderbar geschmeidig in die Trackliste ein. „Mars For The Rich“ ist ein aggressiv galoppierender Rocker mit ordentlich Fleisch auf den Rippen und einer saftigen Bierkasten-Hook. „Superbug“ geht richtig tief in die Stoner-Tranigkeit hinein, watet fast ein bisschen durch die Sümpfe Lousianas als der wohl behäbigste Song des Albums – und wieder hinterlässt die Hook eine Bierfahne mit herrlich ranzigem Odeur. Etwas mehr Pepp und Kante hat „Perihelion“ mit der wohl melodischsten und hymnischsten Hook der Platte.

Und „Infest The Rat’s Nest“ hat sogar noch mehr zu bieten

Das Ganze wird von einem dystopischen Konzept zusammengehalten, in dem es um das Sterben unseres Planeten geht. Die Space-Thematik in den Songs, speziell der ersten beiden Tracks, lässt Erinnerungen an frühe VOIVOD wach werden, während sich KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD trotz der Schwere der Thematik aber auch ein paar eher ulkige Kniffe nicht haben nehmen lassen. Einerseits darf man sich natürlich über den Anachronismus von aggressiven Thrash-Metal-Songs mit der Produktion einer 60er-Rock-Platte beeumeln. Weniger subtil dagegen: „Perihelion“ eröffnet seinen ersten Vers mit gefühlt allem, was sich auf „Space“ reimt.

Inwiefern KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD den Ansatz des Psych-Fuzz-Thrash weiter verfolgen werden, steht in den Sternen. Immerhin hat die Band ihre stilistische Ausrichtung um den Rock herum schon öfter gewechselt als manch anderer seine Unterhose. Dass die Band jedoch mit derartiger Überzeugung an den Thrash herangeht, zeigt, dass das hier mehr als nur eine müde Referenz in der Diskografie einer stilistisch umtriebigen Band ist, die einfach nicht still auf ihren vier Buchstaben namens R-O-C-K sitzen bleiben möchte.

KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD haben für jeden was dabei

Und es sei ihr verdammt noch mal gegönnt, denn „Infest The Rats‘ Nest“ hat eigentlich alles: Tiefgang für denjenigen, der ihn sucht; Spaß für denjenigen, der ihn sucht; abwechslungsreiche Heavy- und Thrash-Riffs für denjenigen, der sie sucht; Grooves en masse für denjenigen, der sie sucht. Verpackt wird das Gebotene mit ein paar schweinisch gute Songs, die das Genre zwar nicht umkrempeln, die aber mit viel Herzblut ins Szene gesetzt werden, sodass die Frage nach der Innovation am Ende gar nicht mal so sehr auf der Zunge brennt. Mehr so die Frage, warum bei all den Thrash-Bands vorher keine auf diese Idee gekommen ist…

17.09.2019

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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