Melkor - Ferne

Review

Und wahrlich meine Schäfchen, ich sage Euch: die Wege der Black-Metal-Szene sind unergründlich. Entsinnet Euch, der Herr sandte eine große Plage, und alsdann kam eine schreckliche Endstille über das Land derer, die da Deutsche genannt waren, und verdüsterte ihre Gemüter. Es zog aber in diesen Tagen herauf aus dem Lande der Rheinland-Pfälzer ein Mann, der da Patrick Baumann genannt ward. Und siehe, er führte allerlei Gerätschaft bei sich, das machte Geräusche, und er hatte sein Handwerk auf das Vortrefflichste gelernt. Und mit ihm ging ein Mann, der da ward Matthias Rodig genannt, und er ward ein altgedienter Kämpfer für die Sache des Herrn im Lande der Pfälzer. Und es schickte der Mann, der da Patrick Baumann genannt ward, seinen Boten, dessen Name ward MELKOR, in den Palast des Pharaos.

Und es sprach der Pharao, der da Alboin genannt ward jetzt und immerdar: „Verdammte Scheiße, was ist denn DAS für ein geiles Album?“.

MELKOR, Soloprojekt eines der letzten NOCTE OBDUCTA-Gitarristen, Patrick Baumann, verstärkt von ex-NOCTE-Drummer Matthias Rodig, sind bisher die deutsche Black-Metal-Überraschung 2009. Für mich ist „Ferne“ in etwa das, was IMPERIUM DEKADENZ‘ Album „Dämmerung der Szenarien“ 2007 für mich war. Ein wirklich überraschend tolles Album, das alles mitbringt, was Black Metal für mich ausmacht. „Ferne“ ist emotional, mitreißend, sehr melodisch, vielschichtig, und seine Inspiration speist sich aus geschmackvollen Quellen: das eröffnende „Winter“ ist unverkennbar SUMMONING-beeinflusst. Viele der besten Riffs des Albums sind unverkennbar stilistisch nicht auf MELKORs Mist gewachsen, sondern eher auf dem von BORKNAGAR, EMPEROR oder OBTAINED ENSLAVEMENT. Patrick Baumann hat jedoch die wirklich besten Elemente aus all diesen melodischen Black-Metal-Bands herausgearbeitet und mit recht eigenen Ideen verbunden. Herausgekommen sind dabei ein paar der besten melodischen Black-Metal-Songs, die Deutschland in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Neben „Winter“ sind das vor allem das rasende „Gebet“, das disziplinierte, sehr rhythmische Titelstück oder das extrem an die zweite und dritte BORKNAGAR angelehnte „Lichtung“.

Im zweiten Teil des Albums, abgeteilt durch das EMPYRIUM-artige Zwischenspiel „Keine Karte kennt den Weg“, sind die Höhepunkte zwar rarer gesät, aber doch zu finden. „Narben“ ist vergleichsweise epischer als bisherige Songs, eher getragen von Leadgitarren und verhaltenen Drumpatterns. Mit „Grabmal“ gehen MELKOR dann noch einmal in die vollen, zurück in die Zeiten von „In the Nightside Eclipse“. Hier zeigt sich dann auch erstmals, dass Patrick Baumann in seiner NOCTE-OBDUCTA-Zeit vielleicht einiges zum Arrangement von Songs gelernt hat – so sehr unterscheidet sich „Ferne“ nämlich nicht von NOCTEs mittlerer Schaffensphase um „Galgendämmerung“. Das wird gerade beim Outro des Albums deutlich. Ein kleiner Unterschied ist, dass manche MELKOR-Stücke mitunter durch ihre eigenwillig harmonische Leadgitarre etwas sperriger wirken.

MELKOR ist mit diesem Album etwas gelungen, das in der deutschen Black-Metal-Szene mehr als ungewöhnlich ist: ein melodisches Album finster und bedrohlich, treibend und abwechslungsreich zu produzieren, das trotz des fast permanenten Keyboardeinsatzes nicht kitschig wirkt. Es kombiniert die Gebundenheit an die Atmosphäre des Mittneunziger-Black-Metals aus Skandinavien mit dem festen Willen, Anspruch und eigenen Ausdruck zu verkörpern. Instrumental ist das Album auf der Höhe, das Arrangment gekonnt und authentisch, die Ideen fast durchgehend hochklassig. Dazu wirkt die Produktion durchdacht, drückend und ausgeglichen. Das Album sieht sogar hübsch aus.
Einzige größere Kritikpunkte sind der oft etwas stiefmütterlich ausgearbeitete Gesang, die mitunter vielleicht etwas zu offensichtliche Inspiration von anderen Bands, und die Tatsache, dass „Ferne“ meiner Ansicht nach einfach mit 63 Minuten etwas zu lang(atmig) ausgefallen ist. Das Unglaublichste aber ist, dass dieses Album nicht auf einem Label erscheint.

Und es sprach der Pharao: „Himmelherrgottdonnerwetter! Ich will, dass diese Band einen guten Deal bekommt! Dieses ärmliche Land braucht mehr solcher Platten!“.

14.04.2009

Der metal.de Serviervorschlag

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