Motörhead - Orgasmatron
Review
Am vergangenen Samstag erhielt die metallische Musikwelt die Nachricht, dass der ehemalige MOTÖRHEAD-Gitarrist Phil Campbell im Alter von 64 Jahren verstorben ist. Wir wollen an die Anfänge des musikalischen Schaffens von Campbell erinnern. Mit kaum 20 Jahren steigt der junge Gitarrist 1983 bei dem etablierten Trio MOTÖRHEAD ein und sollte die Geschichte der Band bis zu ihrem Ende 2015 entscheidend mitprägen. Campbell ersetzt Brian Robertson, der auf „Another Perfect Day“ zu hören ist. Es dauert aber insgesamt drei Jahre, bis die erste Studioplatte mit Phil Campbell in den Plattenläden steht. Im August 1986 veröffentlichen Motörhead „Orgasmatron“ als Quartett.
„Orgasmatron“ veröffentlichen MOTÖRHEAD als Quartett
1986 heuert Bandchef Lemmy neben Campbell Michael „Würzel“ Burton als zweiten Gitarristen an, der wie Campbell bis zu seinem Einstieg bei MOTÖRHEAD ein unbeschriebenes Blatt ist. An den Fellen sitzt der ehemalige SAXON-Drummer Pete Gill, der nur eine Studioplatte mit MOTÖRHEAD aufnimmt und sich anschließend aus dem Bandleben zurückzieht. Im Vergleich zum Vorgänger „Another Perfect Day“ präsentiert Lemmy eine runderneuerte Mannschaft.
Es gibt noch ein weiteres Problem für MOTÖRHEAD in den 80er Jahren. „Another Perfect Day“ und die Kompilation „No Remorse“ erscheinen bei Bronze Records, mit denen sich die Band bis Ende 1985 streitet. Nach der Einigung mit Bronze Records gründet Bandmanager Douglas Smith mit MOTÖRHEAD das eigene Label GWR Records. MOTÖRHEAD haben in den vergangenen drei Jahren genügend neues Material kreiert und nehmen „Orgasmatron“ innerhalb von elf Tagen in London komplett auf.
Der eigentliche Albumtitel war „Ridin‘ With The Driver“, worauf sich das Albumcover mit dem fahrenden Zug bezieht. Laut Lemmy wusste er nicht, dass „Orgasmatron“ ein Begriff für einen Apparat aus dem Woody-Allen-Film „Der Schläfer“ war. Der Auftakt ist eine Nummer, die nicht nur einmal auf der Setlist von MOTÖRHEAD steht. „Deaf Forever“ ist vielleicht nicht der große Klassiker, liefert aber genau die Trademarks, die Lemmy und Co. seit Jahren auf ihre Platten packen, garniert mit dem ein oder anderen Soundeffekt.
Thematisiert „Built For Speed“ die Drogensucht?
Wem der Einstieg zu viel Experimentierfreude bietet, wird mit „Nothing Up My Sleeve“ oder „Ain’t My Crime“ abgeholt. Tempo und gradlinigen Saitenarbeit bilden Brücken zum aufkommenden Speed Metal. Trotzdem gibt es die bekannte Attitüde und Lemmy sorgt für das klare Erkennungsmerkmal. Ob als Trio oder Quartett: MOTÖRHEAD haben ihre Erfolgsformel und zeigen sich resistent gegenüber neuen Strömungen. Die Stücke kommen zum Punkt und nur der Opener „Deaf Forever“ hat auf der ersten Seite eine Laufzeit von mehr als vier Minuten. „Mean Machine“ setzt in weniger als drei Minuten den Schlusspunkt unter die A-Seite.
Der Einstieg in die B-Seite ist rückblickend eher nachdenklich bis erschreckend. „Built For Speed“ gilt als Anspielung auf Lemmys bevorzugte Droge und stampft im Hard-Rock-Style durch die Botanik. Rein von der Melodieführung ist das Stück nah an den Klassikern und dürfte vor allem die 70er-Jahre-Fans erfreuen. Das bereits angesprochene „Ridin‘ With The Driver“ fliegt wie ein Hochgeschwindigkeitszug durch die Ohren, gefolgt von „Doctor Rock“ der wie „Built For Speed“ eher in den rockigen Gefilden beheimatet ist.
Der Abschluss mit mehr als fünf Minuten Laufzeit ist der Titeltrack „Orgasmatron“. Ähnlich wie beim Einstieg „Deaf Forever“ experimentieren MOTÖRHEAD mit elektronischen Gimmicks. Sonst gibt es einen gradlinigen Stampfer, der weniger spektakulär rüberkommt als andere Tracks auf der Platte.
MOTÖRHEAD und Studioalbum Nummer sieben in der Retrospektive
Das Echo zu Studioalbum Nummer sieben von MOTÖRHEAD ist überwiegend positiv. Es gibt Bewunderung für die Integrität, Brutalität und Besessenheit von MOTÖRHEAD. Besonders der Auftakt „Deaf Forever“ wird als Schlachtfeldhymne einsortiert. Der Mix von Laswell bereichert den Sound mit klanglichen Details, was besonders gut beim Titelsong funktioniert. Dafür geht die Energie und der rohe Biss früherer Werke etwas verloren. Das Rock Hard Magazin packt 2005 „Orgasmatron“ auf Platz 313 im Buch der 500 größten Rock- und Metal-Alben aller Zeiten. Weitere Erörterungen sprechen von der kommerziellsten und riskantesten Musik, die MOTÖRHEAD je aufgenommen haben.
Viel ist diesen Aussagen nicht hinzuzufügen. „Orgasmatron“ gehört nicht zu den Klassiker-Scheiben von MOTÖRHEAD. Lemmy hat eine neue Mannschaft um sich geschart und der Sound kommt im Vergleich zu den 70er-Jahre-Veröffentlichungen weniger ungeschliffen und roh rüber. Mit „Deaf Forever“, „Doctor Rock“ oder „Built For Speed“ gibt es einige Tracks mit gehörigem Hitpotential. Ein Top-Seller wird die Platte nicht, ganz im Gegenteil. Die Chartplatzierungen sind eher enttäuschend mit Nummer 21 in UK und 47 in Deutschland. Trotzdem ist „Orgasmatron“ ein gutklassiges Album, dass den Auftakt von MOTÖRHEAD als Quartett fixiert. Dieser Ansatz streckt sich bis 1991 und dem Klassiker „1916“. Traurigkeit am Rande: die komplette Bandbesetzung vom 1991er Werk ist leider nicht mehr unter uns.
Phil Campbell bleibt bis zum Tod von Lemmy 2015 an seiner Seite. Anschließend ist er noch zehn Jahre mit seinen drei Söhnen als PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS unterwegs, um das Erbe von MOTÖRHEAD zu erinnern. Rest in Peace Phil „Wizzö“ Campbell.
Motörhead - Orgasmatron
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Hard Rock, Heavy Metal, Rock'n'Roll |
| Anzahl Songs | 9 |
| Spieldauer | 35:33 |
| Release | 09.08.1986 |
| Label | GWR Records |
| Trackliste | 1. Deaf Forever 2. Nothing Up My Sleeve 3. Ain't My Crime 4. Claw 5. Mean Machine 6. Built for Speed 7. Ridin' with the Driver 8. Doctor Rock 9. Orgasmatron |
