
„Vestiges Of Tortured Souls“ nennen ROTTEN TOMB aus Chile ihr drittes Album: Überreste gequälter Seelen. Und die Chance ist da, dass sie jenen nicht nur bei der Zielgruppe standesgemäße Schmerzen bereiten. Denn die Herren Deathbringer, C., A. sowie Utukku sind offenkundig vom Fach. Setzt man ihre Platte im passenden Setting ein, das heißt vor dem offenen Fenster zur Flaniermeile, im Zentrum der Grillwiesen-Hölle oder ganz klassisch in der überfüllten U-Bahn, dann wird sie funktionieren. Es dürfte deutlich weniger effiziente Mittel im Namen der Misanthropie geben.
„Vestiges Of Tortured Souls“ ist glaubhaft böse
ROTTEN TOMBs auf Gitarrenwand und Atmosphäre setzender Death Metal wirkt nämlich nicht wie Mummenschanz, die Band ergeht sich nicht in Unterwelts-Aktionismus. „Vestiges Of Tortured Souls“ leistet vielmehr glaubhaft bösen akustischen Dienst im Sinne von IMMOLATION, INCANTATION oder DEAD CONGREGATION – betrieben wird also gewissermaßen Ationismus. (Und dass ein „K“ weniger der Gamechanger sein kann, wissen nicht nur K. K. Downing oder die Popmusik als solche.)
Prägnantes Stilmittel ist so einerseits die Oldschool-Gitarrenwand, verfugt durch verhallte Growls und oftmals rasend schnell zusammengesetzt. Niemand mit dem „Herzen“ bei der menschenverachtenden Untergrundmusik der alten Schule sollte Probleme haben, diese Mauer als angemessenen Sichtschutz vor den Freuden (zum Beispiel des Frühlings) wertzuschätzen.
ROTTEN TOMB kombinieren Death mit Doom
Dazu kommt andererseits, dass ROTTEN TOMB ihre soweit souverän aufgebaute, aber auch altbekannte Klang-Architektur durch doomige Elemente schmücken. In fast jedem Song drosseln die Chilenen das Tempo und fügen den massiven Riffs eine bittersüße Melodie bei. Grundsätzlich erinnert „Vestiges Of Tortured Souls“ in diesen Passagen selten an frühe AMORPHIS und oft an PARADISE LOST auf Peaceville. Die klagenden Soli haben dabei nicht ganz die von englischer Regentristesse und prinzipiellem Weltschmerz genährte und daher herzzerreißende Qualität wie diejenigen Greg Macintoshs. Aber welche Tonfolge hat die schon? Und wirkungsvoll ist das melodiöse Element jedenfalls.
ROTTEN TOMB mögen insgesamt nicht des Sensenmannes nächste Sensation sein. Aber überdurchschnittlich ist ihre Musik ohne Frage. Wer heimlich noch Seelenreste toleriert hat, möge sie dieser Band überantworten. Sie kümmert sich drum.

Marek Protzak


















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