Silent Skies - Nectar

Review

Ein Pop- bzw. Singer/Songwriter-Projekt von EVERGREY-Sänger (und -Gitarrist) Tom Englund. Dünnes Eis, könnte man meinen, so bewegt er sich doch gerade in den balladesken Songs seiner Hauptband dank dramatischer Intonation manchmal bereits nah an der Grenze zur Schwülstigkeit – vielleicht sogar ab und zu jenseits derselben. Dennoch scheint die Kooperation von Englund und dem US-amerikanischen Klavier-Virtuosen Vikram Shankar unter dem Namen SILENT SKIES einigen zu gefallen: Kam das Debüt-Album „Satellites“ vor zwei Jahren noch über das kleine Label Sweet Lemon heraus, hat sich mit Napalm Records nun ein großes Label die Rechte am Nachfolger „Nectar“ gesichert. Höchste Zeit also, dass auch metal.de sich in genrefremde Gefilde wagt. Mehr zum Album und zur Entstehung des ungewöhnlichen Projekts findet Ihr übrigens im Interview mit Vikram.

SILENT SKIES – Zu viel des Guten?

Skeptiker, die tatsächlich genau die eingangs erwähnte Befürchtung hatten, dass dieses Projekt in Sachen Dramatik – vielleicht auch Theatralik – endgültig zu viel des Guten ist, könnten bereits beim Hören von „Satellites“ ins Grübeln gekommen sein. Gerade in Kombination mit den ausschweifenden Klavierläufen von Vikram Shankar konnten SILENT SKIES nämlich bereits auf ihrem Erstling eine ganz besondere Atmosphäre entfalten.

Dennoch hat sich das Duo nicht auf dem Achtungserfolg seines Debüts ausgeruht und seinen Sound, obwohl die Grundzutaten gleich bleiben, auf „Nectar“ ordentlich umgekrempelt. Besonders Shankar musste ordentlich Federn lassen, verzichtete dieses Mal weitgehend auf ausladende Klavier-Parts, zugunsten von kompakteren und zum Teil auch eingängigeren Songs. Wer hier schon wieder „Sellout“ brüllt, dem sei gesagt: Gemach, gemach! Das bedeutet nämlich keinesfalls, dass die 10 Kompositionen auf „Nectar“ immer einfach zugänglich sind. Viele Songs brauchen mehrere Durchläufe um vollends zu zünden und ihre Magie entfalten zu können.

Mit Magie ist hier in erster Linie Emotionalität gemeint. Dabei sprechen nicht nur Trauer und Melancholie aus der Musik, immer wieder sind auch kleine Funken Hofffnung eingestreut, sei es in Form von aufbauenden Lyrics (z.B. „Neverending“, „Better Days“) oder auch nicht ganz so verzweifelt klingender Zwischentöne. Das wirklich Besondere ist aber, dass einem der gleiche Song, den man am Tag vorher einfach nur schön fand, am nächsten Tag heulen lässt, wie ein Schlosshund, gleichermaßen tiefste Tiefen wie höchste Höhen durchlebt werden können. Was Musik braucht, um solch intensive Emotionen beim Hörer auszulösen? Das ist wohl eines der großen musikalischen Mysterien, das SILENT SKIES zumindest auf „Nectar“ mehrfach knacken können.

Dabei fällt es wirklich schwer, einzelne Kompositionen herauszuheben. Nicht nur die hervorragend ausgewählten Singles „Taper“ und „Leaving“, sondern auch das trotz des schwermütigen Namens etwas leichtere „Let It Hurt“, oder die Silberstreifen am düsteren skandinavischen Horizont, in Form von „The One“ oder dem bereits angesprochenen „Neverending“, können sowohl für sich überzeugen, als auch an der richtigen Stelle der Tracklist die richtigen Akzente setzen. Selbst das abschließende Instrumental ist keinesfalls Füllwerk, sondern sogar noch einmal ein Highlight zum Schluss. Oder kurz: Diese Platte muss einfach am Stück gehört werden, was trotz der ruhigen Grundstimmung und ähnlichen Instrumentierung des Materials nie langweilig wird.

Emotional packender, düsterer Pop – „Nectar“

Was genau machen SILENT SKIES nun eigentlich? Das Label gibt Vergleiche der Neoklassik, wie LUDOVICO EINAUDI, ÓLAFUR ARNALDS oder NILS FRAHM an. Mag das für das eher soundtrackartige „Satellites“ noch hin hauen, ist „Nectar“ eine ganz andere Baustelle. Irgendwo im Bereich Singer/Songwriter angesiedelt, trifft es möglicherweise Dark Pop ganz gut. Warum scheinen SILENT SKIES dann besonders in der Metal-Community besonders gut anzukommen? Natürlich, Tom Englund ist Fronter einer seit vielen Jahren bekannten Band. Dennoch ist es wohl die melancholisch-düstere Grundstimmung, die viele Metalheads grundsätzlich erst einmal anspricht. Hier merkt man einfach, dass auch Vikram Shankar, trotz klassischer musikalischer Herkunft, schon immer eine Leidenschaft für harte Gitarrenmusik in sich trug.

„Nectar“ wird sicher nicht jedermanns Sache sein. Zu weinerlich, zu theatralisch, zu kitschig werden einige ätzen. Hier hilft nur eines: Scheuklappen über Bord werfen, vielleicht auch ruhig einmal den Namen EVERGREY ausblenden und sich ein paar Durchläufe dieser großartigen Scheibe gönnen. Denn, hier haben zwei tolle Musiker es geschafft, ein einfach rundes, emotional packendes Album abzuliefern, dessen Songs man anmerkt, dass beide Beteiligten ihr Ego auch mal zurück schrauben können, um am Ende bessere Musik abzuliefern. „Nectar“ ist, wenn auch außerhalb des Metal, eines der ersten Highlights des Jahres 2022.

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30.01.2022

"Time doesn't heal - it only makes you forget." (Ghost Brigade)

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1 Kommentar zu Silent Skies - Nectar

  1. Watutinki sagt:

    Schlecht finde ich das nicht, bin für solche „Akustik“ Sache durchaus offen, aber das ist mir insgesamt etwas zu flächig geraten, zu seicht, auch was die Vocals betrifft und damit auch irgendwie langweilig. Hier und da horcht man in der Tat auf, aber insgesamt beweget sich das alles fast durchgehend auf dem gleichen, mir zu seichtem Level. Da kann ich mit besagtem ÓLAFUR ARNALDS doch deutlich mehr anfangen. Beim Arnalds hört man teilweise die Stecknadel fallen, so minimalistisch und intensiv kommt das daher. Der Abschluss Song Nectar deutet hier an, was möglich wäre. Silent Skies wabert dagegen eher so easy-listening mäßig vor sich hin. Dennoch schönes Teil, dass sicher einigen als Einstieg gefallen dürfte.

    6/10