Touché Amoré - Stage Four

Review

TOUCHÉ AMORÉ melden sich mit „Stage Four“ zurück. Die Zahl im Titel weist zum einen auf die Tatsache des vierten Albums hin, deutet aber auch auf Stufe Vier als letzte Stufe einer Krebserkrankung hin. Die Mutter von Sänger Jeremy Bolm starb 2014 an Krebs, während er auf der Bühne ein Konzert spielte. Da ist er schon der erste Stich im Herz, die erste Schelle. Dicht gefolgt, und gepaart mit der stark emotionalen Musik, weicht das bedrückende Gefühl aber einer tiefen Dankbarkeit für die Offenheit und den zwangsläufig resultierenden Tiefgang. TOUCHÉ AMORÉ erreichen mit ihrer Selbsttherapie ihre Fans, sind dadurch Trost für viele von ihnen. Schon fast grotesk, dass die mit „Is Survived By“ zaghaft angeschlagenen hoffnungsvollen Tendenzen so erbarmungslos zunichte gemacht wurden.

TOUCHÉ AMORÉ schienen sich etwas beruhigt zu haben

TOUCHÉ AMORÉ überraschen auf „Stage Four“ in erster Linie damit, dass Jeremy Bolm sich gesanglich noch weiter zurücknimmt, als schon auf dem Vorgänger „Is Survived By“. In „Benediction“, „Skyscraper“ und im „Water Damage“ singt er über lange Strecken warm und melodisch. Eine Abkehr vom Screamo im Sinne von PIANOS BECOME THE TEETH scheint zwar nicht ins Sicht zu sein, trotzdem ist es interessant zu hören, dass er sich auch mal beruhigen kann. Die musikalische Fraktion ist wendig wie eh und je, unvorhersehbar und stetig entladend. An dieser Stelle sei auch mal Schlagezeuger Elliot Babin lobend erwähnt. Er jagt den Takt durch vertrackte Labyrinthe, missbraucht die Stöcke für wilde Tricks und stattet jeden Song mit einer zwingenden Dynamik aus, wie kaum ein anderer im Genre (oder auch gerne Mathcore-Bereich). Einfach mal auf diesen Fakt bezogen „Water Damage“ anskippen. Das vorab veröffentlichte Lied „Palm Dreams“ zählt zu den zahmen und gleichzeitig eindeutigsten Lieder von TOUCHÉ AMORÉ . Trotz melancholischem Anstrich klingt der Refrain fast gut aufgelegt, wenn der Inhalt nur nicht so tragisch wäre. Immer wieder grätscht der Rhythmus in die Harmonien und liefert dadurch den typischen dissonanten Ton. Jeremy Bolm bewegt eine Frage, die er seiner Mutter zu Lebzeiten nicht mehr stellen kann. Es mag banal klingen, dass er sie schlicht niemals gefragt hat, warum sie damals nach Kalifornien zog. Doch selbst solche Fragen werden, wenn man sie an niemanden mehr richten kann, zu quälenden Fragen.

Gemeinsam einsam

Wenn auch selten, so das kommt es doch vor, dass man seine metal.de-Kollegen auch öffentlich (und nicht wie sonst unter Ausschluss der Öffentlichkeit) dissen möchte. Wenn beispielsweise ein Ex-Kollege TOUCHÉ AMORÉs Meilenstein „Parting The Sea Between Brightness And Me“ zum Mittelmaß degradiert. Wenn er die Musik als top und den Sänger als Flop bezeichnet, setzt bei mir auch heute noch unweigerlich Schnappatmung ein. Dabei ist Jeremy Bolm nicht nur ein amtliches Aushängeschild der (kleinen) Szene, sondern auch der essentielle Kern von TOUCHÉ AMORÉ. Live liegen ihm die Fans zu Füßen, heulen und schreien sich den Schmerz aus dem Leib, weil niemand so aufrichtig und packend schreit wie er. Gerade im Hardcore, ganz gleich welcher Bindestrich vorgestellt ist, gibt es erschreckend viele Plastikbands, die dem Hörer immer die gleichen Plattitüden an die Backe leiern. TOUCHÉ AMORÉ gehören ganz sicher nicht dazu, textlich und musikalisch. So wiegt uns der letzte Song „Skyscraper“, mit seiner packenden anschwellenden Instrumentierung und zusätzlichem weichem Gesang von JULIEN BAKER, hierzulande leider noch viel zu unbekannte Singer/Songwriterin aus Amerika, sanft in den Schlaf. In  einen erschöpfenden Schlaf, in den man fällt, wenn man lange geheult und irgendwann keine Tränen mehr übrig hat. Bolm widmet seiner Mutter gleich ganz New York, eine Stadt die sie stets faszinierte und die er mit ihr gemeinsam besuchte und jetzt am liebsten meidet. Zum Ausdruck bringt er dies durch ohrenbetäubende Schreie, die er der sanften Stimme von Julien entgegensetzt.

TOUCHÉ AMORÉ knüpfen trotzdem mit „Stage Four“ da an, wo „Is Survived By“ endete. Also musikalisch weniger hastig als in den Anfangstagen, jedoch nicht weniger eindringlich. Ihre stärksten Waffen bleiben weiterhin die schonungslosen Texte, Textzeilen die man sich allesamt mit einem stumpfen Küchenmesser mühsam in den Arm ritzen und nie wieder vergessen will. Texte wie „New Halloween“, die einen verzweifeln und gleichzeitig hoffen lassen oder das ganz offensichtliche Zweifeln an Gott in „Displacement“ („You did at 69, with a body full of cancer,  I asked your god: How could you?, But I never heard an answer“). Je nachdem, von welcher Warte aus man „Stage Four“ hört, kann soviel Offenheit und Intimität auch äußerst belastend sein, ein Platz in meiner persönlichen Bestenliste hat sich die Band damit gesichert. Es mag nicht mehr viel übrig sein, von der ehemaligen „The Wave“-Bewegung. Was noch atmet, schlägt aber richtig zu. Wer es gern weniger persönlich, dafür aber politisch hat, dem sei „Awake For Everything“ von HESITATION WOUNDS an’s Herz gelegt.

07.09.2016

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