Eskimo Callboy
Pure Party-Power ist nicht mehr genug!

Special

ESKIMO CALLBOY nennen ihr neues, mittlerweile fünftes Album „Rehab“, und die vorab veröffentlichten Songs klingen düsterer als zuvor. Ist damit die wilde Party vorbei? Wird die Band jetzt von einem teuflischen Kater geplagt? Sind ESKIMO CALLBOY jetzt nachdenklich geworden? Wir hatten die Gelegenheit, vorab das Album in ganzer Länge zu hören und die Band zu einem Interview zu verhaften. Und können zumindest ein bisschen Entwarnung geben.

ESKIMO CALLBOY sind Ruhrgebiet, keine Frage. Allerdings verkörpern die sechs Jungs aus Castrop-Rauxel im Nordosten dieser ehemals hochindustriellen Region keine Bergbau-Tristesse, sondern postindustrielle Party-Power. Wild gemischt, bunt durcheinander gewürfelt, direkt in die Fresse und ins Tanzbein und mit jeder Menge Spaß inne Backen.

Klar, dass ihre Plattenfirma Century Media Records dann auch ins Ruhrgebiet einladen, um den Medienvertretern das neue ESKIMO CALLBOY-Album „Rehab“ schmackhaft zu machen. Genauer gesagt auf den Rhein-Herne-Kanal. So versammeln sich also Anfang Oktober Journalisten, Medienvertreter und Band im tiefsten Ruhrpott, um in Gelsenkirchen (Schalke! Tom Angelripper! SODOM!) die MS Pirat zu entern und damit ein paar Stunden auf dem Kanal zu schippern. Zwischen Schrotthalden und unter Eisenbahnbrücken hindurch geht es also zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, aber davon bekommt auf dem Schiff nur der etwas mit, der bei Feinniesel seine Zigarettenpause an Deck abhält.

Eskimo Callboy - Rehab - Listening Session

Dreht euch mal um: Der Mann mit dem Bier ist da …

Unter Tage … vielmehr im Innenraum der MS Pirat geht es ungleich bunter zu: Da ist beispielsweise passend zum „Supernova“-Video eine ‚Rage‘-Spielekonsole aufgebaut, eine Fotobox, und natürlich eine mächtige Anlage, aus der „Rehab“ in Gänze läuft. Zwischendurch beantwortet die Band die Fragen der EMP-Rockinvasion-Kollegen Jan C. Müller und Marcus Schleutermann.

Beispielsweise zum Song „Nice Boi“ (ja, mit ‚i‘), der nicht nur im Video das Thema Mobbing thematisiert. Kevin Ratajczak, einer der beiden ESKIMO CALLBOY-Sänger, erläutert, wie ihn die Dreharbeiten gefordert haben. „Das war schon eine unangenehme Rolle“, gibt er zu Protokoll. Schließlich spielt er im Video einen derjenigen, der den Protagonisten bedrängt und mobbt.

Was hat es aber mit dem Albumtitel „Rehab“ auf sich? Sushi, der andere Sänger der CALLBOYS, und Kevin führen aus: „Das Album hat uns einiges an Umdenken und vor allem harter Arbeit abverlangt. Jeder einzelne Musiker sollte deutlich mehr von seinen individuellen Fähigkeiten einbringen können. Der gesamte Prozess war geradezu therapeutisch für uns – quasi eine Rehabilitation.“

Das klingt schon ziemlich reflektiert und ernst, und genauso geben sich Sushi und Kevin auch beim anschließenden Interview … nicht. Das geht dann schon mal so:

Kevin (der gerade versucht, auf eine Frage zu antworten): Sushi! (der gerade ein Wodkamischgetränk aus dem einen Glas (seins) in ein anderes Glas (meins) umfüllt) Ich versuche hier etwas Vernünftiges zu erzählen!

Sushi: Ja, erzähl doch! Sei doch nicht so ernst!

Kevin: Das ist eine ernste Frage, also versuche ich, die ernst zu beantworten.

Sushi: Ja, und ich mache einen ernsten Drink. Also.

Man muss die beiden einfach gern haben. Aber es geht auch wirklich ernst. Beispielsweise bei der Frage, warum das neue Album so klingt, wie es klingt. Da ist es schon gut, dass im Hintergrund gerade der Tanzhit „Africa“ von TOTO aus den Achtzigern läuft. Ganz entspannt.

metal.de: Mir gefällt das neue Album sehr gut, weil es nicht so fröhlich wie manche der alten Sachen ist.

Sushi: Joaaa. Nee, es ist wirklich nicht so fröhlich.

Kevin: Ich kann dir sagen, dass wir diesmal überdurchschnittlich viele Themen aufgegriffen haben, die nicht in dieses Partyimage reinpassen. Das liegt aber auch ein wenig daran … wenn man jahrelang dieses Thema, wofür wir bekannt sind, behandelt hat, und das erwartet man von uns, dann guckst du mal links und rechts und überlegst dir, was du noch machen kannst. Was gibt es eigentlich, was man ernsthaft behandeln kann. Das haben wir auf den letzten Alben schon ein bisschen probiert. Zum Beispiel „Kill Your Idols“, war die auf „Crystals“, ja? (wendet sich an Sushi): war die auf „Crystals“?

Sushi: Kevin, eigentlich muss man dazu sagen, dass wir bislang auf jeder Platte immer ernste Thematik gehabt.

Kevin: Genau!

Sushi: Eigentlich seit der „Bury Me In Vegas“, und auch schon auf der „Eskimo Callboy“-EP.

Kevin: Aber das hing da nicht so raus. Der Eindruck, den du als Hörer jetzt hast, das ist so ein overall Eindruck, den man dann von einem Album hat, und da gebe ich dir recht, dass die anderen Alben mehr in dieses Partyimage passten. Dieses Mal haben wir beispielsweise auf „Prism“, „Disbeliever“ oder „Nice Boi“ ernsthafte Themen verarbeitet. Und dementsprechend bekommt man als Hörer solch einen Eindruck. Für uns ist das etwas schwierig, solch eine Distanz zu den eigenen Sachen bekommen. Ich gebe dir recht, und das ist ja auch gut: Wir haben diese typischen Songs drauf und auch darauf geachtet, weil es uns ausmacht und wir weiterhin darauf Bock haben. Aber uns war das auch nicht mehr genug.

(Die Musik wechselt zum entspannten „Piña Colada Song“)

Das Büffet ist geräumt, das Bier ausgetrunken: Jetzt wird gelauscht.

Ihr habt gesagt, dass ihr euch nicht so einig wart, in welche Richtung das Album gehen sollte. Inwiefern war das so, und wie konntet ihr euch trotzdem einigen?

Sushi: Jeder von uns hört mittlerweile relativ unterschiedliche Musik. Das alles unter einen Hut zu kriegen, ist natürlich schwierig. Wir sind sechs Musiker, und vier oder fünf maßgeblich am Songwriting beteiligt. Da ist es schwierig, einen gemeinsamen Konsens zu finden. Es war wirklich nicht so easy. Wir haben gemerkt, dass wir all das ausgeschöpft haben, was wir immer machen wollten, was die Härte angeht, was den Metalbereich angeht und so weiter … und auf einmal denkst du dir: was ist eigentlich die Essenz von der Band, die wir kreiert haben? Und wie bekommst du das, was du hast, auf ein neues Level? Und damit ging es los. Und dann gingen die Meinungen auseinander. Denn du musst dich an anderen Bands orientieren, die nur dasselbe Genre bedienen. Das war eine große Hürde. Auf der neuen Platte haben wir ja kaum typische Moshparts, Metalcoreriffing …

Kevin: Das haben wir aber auch vermieden. Denn die Entscheidung, wie eine Platte oder einzelne Songs klingen, hängt immer von zwei unterschiedlichen Faktoren für uns ab: Auf der einen Seite fragen wir uns, wohin die Band steuern soll. Da spielen die Erwartungen von außen mit rein. Davon versuchen wir uns zu lösen, aber trotzdem müssen wir eine Richtung vorgeben. Auf der anderen Seite, was wir selber geil finden. Und das müssen wir miteinander vereinen. Und da gibt es unglaublich viel Konfliktpotential. Der eine sagt, wir werden jetzt älter und müssen jetzt seriöser werden, weil wir dieses Rumgehampel auch nicht mehr bringen können. Und diese Moshparts haben wir alle schon mal gehört, und jede Band hat jeden Moshpart schon mal gemacht hat, das ist langweilig. Wenn du bei einem Song einen Moshpart einbaust und du denkst, den habe ich schon tausendmal gehört bei irgendeiner Band XY – das willst du ja nicht.

Sushi: Wichtig ist ja auch, dass dich deine eigene Musik berührt. Weil du bist ja derjenige, der das verkaufen muss.

Was berührt euch denn?

Sushi: Ich finde, es ist egal, was du machst. Im Endeffekt kann eine Ballade genauso krass berühren wie ein heftiger Breakdown. Es muss nur einen gewissen Anspruch haben und im Zuhörer etwas auslösen. Und das ist für mich das Wichtigste, dass du als Künstler genau diesen Anspruch hast, dass dir das sagt, das macht jetzt gerade so viel mit mir. Dann bist du eigentlich auf dem richtigen Weg, dann wird es authentisch und dann wird es genau das Level, das du eigentlich bedienen möchtest.

Okay.

Sushi: Jeder absolut brutale Death-Metal-Typ da draußen hört sich im stillen Kämmerchen einen Song an, der viel, viel ruhiger ist, und da gibt es so viele geile Sachen.

(Mittlerweile läuft im Hintergrund QUEEN mit „We Are The Champions“)

Gib mal ein Beispiel.

Sushi: Ehrlich gesagt und ganz unkonventionell: „Silent Hill“. Die ganzen Sachen, die Akira Yamaoka komponiert hat, sind durchweg alle ruhig. Ein paar Tracks sind nur instrumental und total ruhig, aber haben eine unfassbare Wirkung. Genau darauf kommt es an, dass du so etwas erreichst, und dann ist es auch völlig egal, ob du harte Musik machst, Elektro, Hip Hop oder was auch immer.

Kevin: Und das ist ja auch, um hier mal eine Brücke zu schlagen, das, was ESKIMO CALLBOY immer ausgezeichnet hat. Wir haben uns um Genregrenzen nie geschert, sondern immer das gemacht, was uns gerade Bock macht. Diese Maxime dahinter, dass du das machst, was in deinen Ohren gut klingt, die war uns immer am wichtigsten. Wenn ich daran denke, wie wir damals Songs ausgeschlossen haben, nur weil wir dachten, die kommen nicht an oder die können wir uns nicht leisten – obwohl wir die Songs eigentlich geil fanden. Das haben wir bei den letzten Alben immer weniger beachtet. Bei „Rehab“ kamen wir an einen Punkt, wo wir uns so viel gestritten haben und gesagt haben, das geht gar nicht mehr, was wir hier machen … wir haben gesagt, wir löschen jetzt einfach mal alle Erwartungen und tun so, als wenn wir mit dem ersten Album rauskommen würden.

Bei welchen Songs habt ihr denn am meisten diskutiert?

Kevin: Es gibt zwei Songs auf dem Album, die für mich einhergehen und die mittlerweile meine Lieblingssongs sind: „Disbeliever“ und „Prism“.

Sushi: Das sind deine Lieblingssongs?

Kevin: Nein, das sind nicht generell meine Lieblingssongs, aber in der Art und Weise, wie sie gemacht sind, sind die einfach gut. Sie sind aber komplett nicht das, was wir sonst so gemacht haben, sie sind etwas ganz anderes. Aber ich finde sie klasse … ansprechender, auch technisch.

Letzte Frage: Euer Drummer David Friedrich war jetzt in mehreren RTL-Shows im Fernsehen. Wie hat sein Medienerfolg Auswirkungen auf …

Kevin: [unterbricht lachend] Weniger, als man denkt. Es kommen sicherlich Leute deswegen auf die Shows, aber das sind dann vielleicht fünfzehn, zwanzig, dreißig … ja, die kaufen sich die Karte …

Sushi: Komm, wir standen schon öfter mal da draußen, und dann laufen dir Leute entgegen, und du denkst: Komm, denen geben wir jetzt ein Autogramm, und dann laufen die an dir vorbei! [nach einer Pause] Das war auch angenehm eigentlich …

Kevin: Da haben wir uns dran gewöhnt, und das ist auch in Ordnung für uns, aber es ist nicht so enorm, wie man sich das vorstellt. David macht sein eigenes Ding, und so lange er den Job bei uns gut macht, ist alles in Ordnung. Und das macht er.

Eskimo Callboy - Band 2019

ESKIMO CALLBOY: Nette Jungs von nebenan.

Leider sind die Interviewzeiten so eng getaktet, dass an dieser Stelle bereits Schluss ist. ABER: Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Gelsenkirchen nicht auch Kneipen und Bars gibt, in denen man auch noch nach 3 Uhr nachts noch Party machen kann. UND: Da Drummer David Friedrich ebenfalls auf dem Boot zugegen ist, haben wir ihn ebenfalls verhaftet und ihm ein paar Fragen zu seinem Fernsehabenteuer bei „Die Bachelorette“ (RTL) und „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ (RTL) gestellt. Das lest ihr schon bald auf metal.de.

Und bis dahin gibt es genügend Gründe, einmal in „Rehab“ von ESKIMO CALLBOY reinzuhören.

Galerie mit 31 Bildern: Eskimo Callboy – The Scene Tour 2018
31.10.2019

- Dreaming in Red -

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