Gravenhorsts Graveyard
Das Phantom, das vom Himmel fiel

Special

Für Künstler ist es immer reizvoll, sich außerhalb des gewohnten Feldes auszutoben. Neben den kreativen Möglichkeiten kommt da die Reputation hinzu. Diese kann sich positiv oder negativ verändern. Und es zeigt vor allem, dass Konzepte nicht leicht zu spiegeln sind. Betrachten wir das mal anhand eines Filmvergleichs.

In den 1970er-Jahren gehörten DAVID BOWIE und KISS zu den größten Acts der Zeit. Beide pflegten ein androgynes Erscheinungsbild, mit denen sie Generationen von Musikern und anderen Personen beeinflussten. In dieser Zeit haben beide auch Filme gedreht. Da wäre einerseits „Der Mann, der vom Himmel fiel“ mit DAVID BOWIE. Der 2016 verstorbene Musiker spielt darin einen Außerirdischen, der auf die Erde kommt, um Wasser für seinen Heimatplaneten zu besorgen. Schließlich geht er am menschlichen Lebensstil zugrunde. Die Regie führte Nicolas Roeg, auf dessen Wikipedia-Seite als typisches Charakteristikum seiner Filme genannt wird, dass sie erst zum Ende verständlich werden. Bowie war fortan auch als Schauspieler bekannt und wirkte auch danach noch in großen Produktionen mit.

Zwei Jahre später wurde auf NBC „Kiss in Attack Of the Phantoms“ ausgestrahlt. Die Shock-Rocker spielten darin sich selbst mit Superkräften, die eine entführte Person aus den Fängen eines verrückten Wissenschaftlers befreien wollen. Produziert wurde der Film von Hanna-Barbera-Productions, die überwiegend für Cartoons wie Tom und Jerry“ bekannt sind. Der Film gilt als Trash-Klassiker, deren Verfügbarkeit stark eingeschränkt wurde. Die einzige autorisierte DVD-Veröffentlichung war auf „Kissology Vol. 2“. Der Legende nach, soll der Film so schlecht sein, dass die Band ihren Mitarbeitern in den Jahren danach verboten haben soll, den Film in irgendeiner Weise zu erwähnen.

Das Verhältnis der beiden Filme zueinander ist ambivalent. Einerseits haben sie unuübersehbare Gemeinsamkeiten, andererseits stellen sie die jeweilige Antithese da. Jeweils „nicht-menschliche“ Musiker spielen mit in einem anspruchsvolle Kunstfilm und einem unfreiwillig komischen Science-Fiction-Film. Es lohnt sich, das genauer zu ergründen.

Almost Human

Beide hatten zum damaligen Zeitpunkt ein ähnliches Image. Bowie hat sich mit Ziggy Stardust ein außerirdisches Alter Ego geschaffen, mit dem er weltberühmt wurde. Diese Filmrolle war die konsequente Fortführung seiner Bühnenpersönlichkeit. Sogar den Niedergang der damaligen Figur könnte man mit seiner damaligen Kokain-Abhängigkeit vergleichen. Die Superhelden-Rolle war 1978 für KISS auch nicht neu. Schon zwei Jahre zuvor erschienen Comics mit den Alter Egos der Band, die von niemand geringeren als Marvel verlegt wurden. Aber als KISS 1973 ihre Charaktere entwarfen, war der Weg des exzessiven Merchandising und der Superhelden-Stilisierung keinesfalls vorgezeichnet, so dass die Alter Egos mehr persönlichen Vorlieben folgten (Simmons orientierte sich an japanischen Horror-Filmen) als einem übergeordneten Konzept. Daher macht sich der Film auch keine Mühe um diese vier Charaktere eine Klammer zu schlagen.

Von Filmkritikern ist man oft Oberflächlichkeit gewohnt. Wenn große Studios einen Film produzieren, wird eher daran rumgemäkelt als bei Independent-Filmen, da geht es auch bei Musikkritikern oft nicht anders. Aber diese Unterschiedlichkeit ist wohl auch in der Intention zu suchen. „Der Mann, der vom Himmel fiel“ wäre auch ohne Bowie gedreht worden. Dann wäre er heute nur noch ein vergessenes Juwel. „Kiss in Attack Of The Phantoms“ wurde nicht nur für die Band geschrieben, NBC wollte auf der Erfolgswelle der Schock-Rocker mitsurfen. Als der Film 1977 geplant wurde, waren KISS der größte Act in den USA. All ihre Alben haben mindestens Gold-Status erlangt, sie haben ausverkaufte Shows im Budokan und Madison Square Garden gespielt und sind binnen kürzester Zeit ein markanter Bestandteil der US-amerikanischen Pop-Kultur geworden. Da wollte NBC profitieren und hat auf die Schnelle einen Fernsehfilm mit ihnen auf die Beine gestellt, der am 28. Oktober 1978 ausgestrahlt wurde. Künstlerischer Anspruch stand an zweiter Stelle.

Breaking Glass

Zudem lief die Produktion verschieden ab. Da wären einmal die schauspielerischen Fähigkeiten: Bowie hat schon lange vor dem Film Interesse für’s Schauspiel gezeigt. KISS haben kurze Crash-Kurse bekommen. Es war auch eine Zeit, in der die Risse in der Band offener zutage traten: Criss weigerte sich, an der Post-Produktion teilzunehmen, weswegen sein Text von Michael Bell eingesprochen wurde. Frehley sollte ursprünglich stumm sein, bekam nach Protest dann aber doch einige Zeilen. Außerdem hat er am Set auch durch Abwesenheit geglänzt, weswegen er in einigen Szenen gut erkennbar durch sein afroamerikanisches Stunt-Double ersetzt wurde. Einer der besten Momente des Films ist übrigens die Kampfszene von KISS gegen ihre gleichaussehenden Roboter. Man sieht nur die Stuntmänner, die auf der Bühne miteinander kämpfen. Es ist nicht erkennbar, wer real und wer ein Roboter ist. Sicher ist nur, dass in den meisten Einstellungen keine KISS-Mitglieder auf der Bühne waren.

Nur so gut, wie die Menschen drumherum

Dass diese beiden Filme so unterschiedlich wurden, war wohl vorherbestimmt. Viel lag an den äußeren Bedingungen, den unterschiedlichen Motiven und Fähigkeiten. Es zeigt, vor allem auch, dass Kunst stets Teamwork ist. Gerade für Filme gilt das, wo sich selten wenige Hauptverantwortliche herauskristallisieren, die es als ihr eigenes Werk beanspruchen dürfen. Ähnliches gilt natürlich auch für die Musikindustrie. Ein Album ist weit mehr, als die Musik, die darauf enthalten ist. Es gehört eine vernünftige Produktion, Verpackung, Vermarktung etc. dazu. Mal wieder eine klitzekleine Erinnerung daran, dass der Künstler auch nur ein Teil der Lieferantenkette ist.

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17.07.2020

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