Hesperia - Picenum (True Marchigian Black Metal Renaissance)

Review

Von HESPERIA gibt es grade mal anderthalb Jahre nach dem letzten Album „Fra Li Monti Sibillini (Black Medieval Winter Over The Sibylline Mounts)” schon den nächsten schwarzmetallischen Konzeptbrocken. Mit „Picenum (True Marchigian Black Metal Renaissance)“ widmet sich Einzelkämpfer Hesperus erneut einer Mischung aus Legenden und historischen Begebenheiten aus seiner italienischen Heimatregion. Dabei weitet er das Feld von den Sibillinischen Bergen auf die gesamte in Mittelitalien gelegene Marche-Region aus. Doch gelingt es HESPERIA so kurz nach dem letzten Opus erneut, über 70 Minuten Spielzeit sinnstiftend zu füllen?

Eine schwarzmetallische Reise durch die Mythen und Legenden der italienischen Marche-Region

Inhaltlich ist das Album dreigeteilt, wobei der erste Abschnitt aus drei Songs besteht und sich mit der Geschichte und den düsteren Legenden der Marche-Region beschäftigt. Da geht es um eine Rebellion gegen die Kirche, alte Festungen und mutmaßliche Teufelsanbeter. In zwei weiteren Stücken werden Folklore und Mythen der Gegend aufgegriffen, speziell geht es da um einen Werwolf („Lu Lupu Manna“) und eine Hexe („La Sdrega“), bevor Hesperus im dritten Abschnitt in die Sibillinischen Berge zurückkehrt. So schlägt Hesperus neben dem Cover-Foto, welches problemlos aus den Sessions zum letzten Album stammen könnte, auch thematisch die Brücke zum Vorgänger.

Musikalisch gibt es bei HESPERIA jedoch ein paar empfindliche Veränderungen. Denn wo „Fra Li Monti…“ vor allem im atmosphärischen, mit reichlich Keyboards gespickten 90s Black Metal verwurzelt war, offenbart „Picenum“ eine ungleich ruppigere Herangehensweise, die sich auf die primitiven Ursprünge des Genres beruft und bis in die erste Welle zurückreicht. Dabei sind stimmungsvolle Keyboards, mittelalterlich folkige Zwischenspiele und ausgedehnte Spoken-Word-Passagen immer noch ein großes Thema für Hesperus, der sein Projekt teilweise wie ein schwarzmetallisches Hörspiel zwischen Geschichte und Mythologie angeht.

Die rohe Gewalt, mit der Stücke wie „1375 La Lega Maledetta“ oder „Lu Lupu Manna“ erstmal über einen hereinbrechen, erinnert dann doch eher an frühe BATHORY und HELLHAMMER, als an DIMMU BORGIR, GEHENNA oder SATYRICON. Nummern wie das schwerfällige „Castrum Pitini“ und Teile anderer Stücke wiederum zitieren die bösartige, schleppende Urgewalt von CELTIC FROST. Nicht immer funktioniert das so richtig gut im Tandem mit den atmosphärisch angelegten Parts und grade der Mittelteil des Albums wirkt musikalisch bisweilen ein wenig chaotisch zusammengewürfelt. Sehr cool wiederum ist, dass hier Hesperus verstorbene Großmutter zu hören ist und aus der Folklore ihrer Heimat erzählt, was dem Album nochmal eine besonders persönliche Note verleiht.

HESPERIA kehren in die Sibillinischen Berge zurück

Anschließend widmen sich HESPERIA dann allerdings auch musikalisch wieder deutlicher dem symphonisch angehauchten 90er Black Metal, wie man ihn schon vom letzten Album kennt, wobei besonders das an EMPEROR erinnernde „Il Sentiero Delle Fato Atto I“ und der in der zweiten Hälfte erhabene, nahezu sakrale Stimmung verbreitende Zwölf-Minuten-Song „Il Paradiso Della Regina Sibilla Atto II“ hervorstechen.

In jedem Fall muss man HESPERIA für dieses Mammutprojekt Respekt zollen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um einen Solo-Künstler handelt. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Hesperus sich diesmal vielleicht etwas zu viel vorgenommen hat und teilweise an den eigenen Ambitionen scheitert.

Hesperus hat sich etwas zu viel vorgenommen

Wo „Fra Li Monti Sibillini“ trotz seiner monumentalen Spielzeit ein sowohl musikalisch als auch inhaltlich in sich schlüssiges Erlebnis war, wirkt „Picenum“ bisweilen etwas zerfahren. Zwar gibt es einige Highlights und grade die Folk- und Spoken-Word-Parts sorgen für jede Menge Charakter. Aber es gibt eben auch so manchen Moment, der nicht so wirklich mitreißen will, was wiederum für Längen sorgt und den Fluss des Albums empfindlich stört. Ein wenig mehr Reifezeit und etwas mehr Fokus täte dem nächsten Opus von HESPERIA also wahrscheinlich ganz gut. Und was soll das eigentlich mit der Veröffentlichung von Winteralben im Sommer?

24.08.2026

"Musik hat heute keinen Tiefgang mehr." - H.P. Baxxter

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