Illt - "Humanity"

Review

ILLT wählen für ihr zweites Album „Humanity“ den klassischen zweisäuligen Einstieg der Champions. Zu ansatzlos feuernder Maschinengewehr-Doublebass brüllt sich ein ungehaltener Psychopath die Schlagader zur Explosion („Yaaaaarrgh!“/neun Sekunden/ später wiederholt). Die Gitarre ergänzt eine Black-Metal-Fläche und im Weiteren tiefergelegte Death-Metal-Riffs zu wiederum Black-Metal-Melodien im Hintergrund. Das Tempo bleibt hoch und das Schlagzeug auf Krawall gebürstet.
Der scheue Blick in die Lyrics bestätigt die Annahme, dass durch das klangliche Arrangement tendenziell einer gewissen Unzufriedenheit Ausdruck verschafft wird: Die Ansage trägt den Titel „Line Up The Scum“, eine zentrale Zeile lautet „The last pacifist reaches for his gun! In a bitter call to arms!“ Und das Beste: Wer hier den Anselmo in wütend am Mikro gibt, das ist tatsächlich Björn „Speed“ Strid von SOILWORK, der letztens noch verführerisch zum AOR-Rendezvous mit dem NIGHT FLIGHT ORCHESTRA lud.

ILLT geben sich ungehalten und abwechslungsreich

Das Level an Härte und musikalischer Aggression halten ILLT im Verlauf von „Humanity“ nicht. Die Kompositionen des für seine Filmmusik preisgekrönten norwegischen Bandchefs Roy Westad alias Illt sind im Folgenden abwechslungsreicher gestaltet. Strid singt mitunter, Dirk Verbeuren (MEGADETH) nimmt das Tempo an den Drums oftmals raus und die unterschiedlichen Leadgitarristen changieren zwischen verschiedenen Spielarten der harten bis extremen Musik. Es sind wechselnd auch immerhin Per und Brynjar von SPIDERGAWD, Per Wiberg von den SPIRITUAL BEGGARS resp. ehemals OPETH und „Damage“ von DIMMU BORGIR.

ILLT präsentieren so, wie schon auf dem Debüt „Urhat“, insgesamt einen durchaus heterogenen Stilmix. Exemplarisch hierfür steht der abschließende Titelsong: Über eine gute Viertelstunde wechselt sauber produzierter, schneller Black Metal weit jenseits der zweiten Welle mit melodischen, recht süßlichen, bisweilen latent kitschigen Post-Rock-Passagen inklusive klassischer Gniedelsoli und Midtempo-Riffs zwischen Death Metal und Thrash. Dass das Projekt damit progressive Großtaten von OPETH oder VENENUM auf Augenhöhe anfunkelt, sei vorsichtig infrage gestellt. Die einzelnen Passagen sind dafür weder an sich außergewöhnlich genug noch in notwendiger Weise atemberaubend verbunden. Dass hier Profis am Werk sind, ist natürlich trotzdem stets erkennbar.

„Humanity“ fehlt die musikalische Fokussierung

Lyrisch bleiben ILLT geradliniger. Zwar wechselt der Fokus zwischen Individuum und Gesellschaft – das Steuer in den Abgrund haben Hass und Verzweiflung jedoch fest im Griff. Das skizzierte „Humanity“ startet beispielsweise mit dem Zweizeiler „We are the legions, we are the damned. We pledge allegiance to a rotting land!“ Diese Feststellung unterstreicht daraufhin eine Frau mittels wahnsinnig-verzweifelten Geschreis – und die weiteren Zeilen werden nicht positiver.

Die Musik bremst einen und eine dazu jedoch immer wieder in dem rechtschaffenen Drang aus, alles um sich herum anzuschreien, anzuzünden und zu Klump zu kloppen. Das ist bedauerlich. Der künstlerische Anspruch, vielleicht die bisherige Karriere des Chefs, stehen einer geradlinigeren und damit im Sinne der Message packenderen Ausrichtung entgegen. Vielleicht ist es aber auch das schlichte Gemüt des Rezensenten. Vielleicht treffen ILLT 2026 einen Nerv und versorgen das Zielpublikum tatsächlich mit einer Tiefe, nach der die prä-dystopisch verängstigte Seele dürstet. Als zeitgemäß inszenierter, wendungsreicher Neun-Punkte-Soundtrack zum Untergang.

08.11.2026

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